(Predigttext:  Hebr 10, 35-36.39)

 

Im Gefängnis schreibt Dietrich Bonhoeffer vor ziemlich genau 70 Jahren das Gedicht „Wer bin ich?" In seinem Nachdenken begegnet er uns nicht nur glaubensstark, sondern gerade auch erschöpft und wie ausgebrannt. Unter anderem schreibt er: „…bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß? Unruhig, sehnsüchtig, krank… dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,… müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen…" Er leidet an der zermürbenden Situation im Gefängnis.


Dabei muss man nicht im Gefängnis sein, um Ähnliches empfinden zu können. Müde und leer zum Beten und zum Glauben, so fühlen sich manche, die einmal stark waren. Sie waren in der Gemeinde und in der Kirche engagiert. Früher waren sie begeistert dabei und manche haben sie auch begeistern können für den Glauben. Früher haben sie Jugendgottesdienste vorbereitet und gefeiert. Früher haben sie sich eingesetzt für Gottes Reich, ein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit und der Bewahrung der Schöpfung. Früher haben sie Beten und Handeln, Aktion und Kontemplation zusammengehalten. Jetzt aber sind sie müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen.


Auch bei den Christen in jener frühen, judenchristlichen Gemeinde, an die der Hebräerbrief gerichtet ist, sind viele müde geworden. Am Anfang war die Begeisterung, die Leidenschaft für Jesus Christus ganz groß. Da haben sie durchgehalten, tapfer und geduldig. Der Autor des Hebräerbriefs erinnert sie daran mit den Worten: „Viele Leiden ertrugt ihr geduldig, ob ihr nun selbst geschmäht und bedrängt und zum Gespött vorgeführt wurdet oder ob eure Freunde und Bekannten solches durchstehen mussten. Wenn ihr in Fesseln lagt oder man euch eure ganze Habe wegnahm, habt ihr das mit Freuden ertragen, weil ihr sicher wart, dass ihr einen besseren und bleibenden Besitz im Himmel habt." (Hebräer 10,33+34 nach Klaus Berger). Aber jetzt - vielleicht 30 Jahre danach? Was ist vom Feuer des Glaubens geblieben? Was ist noch übrig von der Leidenschaft des Betens und Vertrauens? Was ist noch wie am Anfang von der Hoffnung auf Gottes Wirken? Manche haben die Gemeinde verlassen. Viele kommen nicht mehr zum Gottesdienst. Sie sind „müde und leer zum Beten" geworden. Vielleicht schlafen sie zur Gottesdienstzeit aus. So jedenfalls begegnet uns das heute: Viele werden mit den Jahren des Glaubens müde. Die Freude aus der Anfangszeit ist nicht mehr zu spüren.

 

Was macht Menschen müde im Glauben? Weshalb werden sie „müde und leer zum Beten und Denken und Schaffen"? Gewiss gibt es Ausnahmesituationen, die einen zermürben können, wie Dietrich Bonhoeffer sie durchgemacht hat. Aber ein anderer wichtiger Grund ist die enttäuschte Erwartung. Was haben die Glaubenden nicht alles erwartet und erhofft. Die zentrale Erwartung zu jener Zeit war diese: Jesus Christus kommt wieder. Ganz bald wird das Reich Gottes vollendet. Dann bricht eine neue Weltzeit an. Friede wird sein und Gerechtigkeit. Siegreich wird dann Jesus Christus alles beherrschen. Aber manche Hoffnungen haben sich nicht erfüllt. Und die Wiederkunft Jesu - von den jung bekehrten Christen jener Zeit in allernächster Zukunft erwartet - ließ auf sich warten. Gottes Herrschaft, die allem Bösen ein Ende setzt, kam auch nicht so, wie sie es erwartet hatten. Das hat viele müde werden lassen. Und nicht wenige haben den Glauben enttäuscht verloren und weggeworfen.


Der Glaube der Kirche und der Glaube eines jeden gläubigen Menschen kennen solche Krisen. Da fragst du: „Was ist mit Gottes Verheißungen? Warum erhört er meine Gebete nicht? Warum bewegt sich nichts? Warum verändert sich nichts?" Der tiefempfundene Glaube hört auf, das Leben zu durchdringen. Der gelebte Glaube wird immer weniger. Das Bedürfnis, Gottesdienst miteinander zu feiern und mit anderen Christen zusammenzukommen, lässt nach. Schließlich wird es nur noch zu einer Pflichtübung, die anstrengend und ungeliebt ist. Und am Ende wird diese Pflichtübung eingestellt. Du kennst dies vielleicht vom täglichen Bibellesen, andere von ihrer Gesprächsgruppe, die in die Jahre gekommen ist, wieder andere empfinden dies beim Gottesdienstbesuch so. Warum sollte man noch dran bleiben? Weshalb macht es noch Sinn weiterzumachen? Es verändert sich doch nichts, weder bei dir, noch in dieser Welt.

 

Wer „müde und leer zum Beten und zum Schaffen" ist, braucht keine „Kopf-hoch"-Parolen. Du willst ernst genommen werden mit deinen Zweifeln und deiner Zukunftslosigkeit. Du willst hören und verstehen, weshalb der Glaube doch lohnt. Und so kommt der Hebräerbrief mit den Enttäuschten und Erschöpften ins Gespräch. Er ruft ihnen zu: „Werft euer Vertrauen nicht fort! Werft die Freude am Glauben nicht fort! Denn es wartet doch reicher Lohn auf euch!"


Welcher Lohn soll das sein? Im Hebräerbrief wird dies so beschrieben: Ein unvergängliches und unerschütterliches Reich werdet ihr in Empfang nehmen. Auf eurer Wanderung durch schwere Zeiten mit schwierigen Wegstrecken seid ihr unterwegs zu dem Ziel der zukünftigen Stadt. Gott hat sie gebaut; und diese Stadt hat einen festen Grund. Der verlässliche Grund ist Jesus Christus. Diese himmlische Stadt ist durch nichts mehr gefährdet. Alle, die dort wohnen, sind sicher und geborgen. So seid ihr als das wandernde Gottesvolk unterwegs zu dem himmlischen Vaterland. Euer Ziel ist es, die himmlische Heimat zu erreichen. Aus den scheinbaren Sicherheiten dieser Welt seid ihr aufgebrochen. Bei dem ewigen, beständigen Gott werdet ihr nach Hause kommen. Das ist euer Lohn: Ihr werdet bei Gott zu Hause sein, da wo sein Wille schon ganz geschieht. Es ist euer Lohn, in der himmlischen Heimat euren Wohnplatz zu haben.


Es lohnt sich, dranzubleiben und festzuhalten an der Hoffnung. Aber es stimmt auch: Verheißungen des Glaubens stehen noch aus; sie sind noch nicht erfüllt. Das Böse hat noch Macht, furchtbare Macht sogar in dieser Welt. Und vieles können wir nicht verstehen, was an Schmerzlichem geschieht. Selbst wenn wir es erklären könnten, lässt es uns in seiner Sinnlosigkeit doch nicht zur Ruhe kommen. Aber das Vertrauen auf Gott deswegen wegwerfen? Dann würden wir uns elbst verlieren! Und wir würden den verlieren, der uns in all dem Schweren und Bitteren und Unverstehbaren hält. Davon können wir ja auch erzählen. Wir würden den verlieren, der zu uns hält und da durchträgt. Darum haltet fest an der Hoffnung. Haltet fest am Glauben, haltet fest an Jesus Christus, so ruft der Hebräerbrief. Gebt nicht auf, auch wenn die Wanderung des Glaubens länger dauert, als ihr es euch wünscht. Gebt nicht auf, auch wenn ihr das Ziel noch nicht vor euch habt.

 

Wenn wir nur auf uns und unsere Welt starren, dann könnten wir müde werden - auch im Glauben. Wenn wir nur in den Spiegel schauten und Meinungsumfragen studierten, dann würden wir verzagt und mutlos. Wenn wir im Heute hängen bleiben, dann werden wir unseren Glauben irgendwann wie einen alten Schirm hängen lassen. Wenn wir nicht mehr ersehnen, was wir beten „Dein Reich komme", dann richten wir uns noch in dieser Welt ein. Und wo die Sehnsucht verloren geht, da wird es auch keine Erfüllung mehr geben.


Damit dies nicht geschieht, feiern wir Gottesdienst. Damit dies nicht um sich greift, die Müdigkeit und Mutlosigkeit, darum kommen wir immer wieder als Gläubige zusammen. Wir stärken einander, indem wir zusammenkommen und miteinander Gott loben oder ihm auch klagen. Wir ermutigen einander, wenn wir von unserer Sehnsucht und unserem Schmerz reden, von der Sehnsucht nach Gottes Reich und seinem guten Willen, der sich durchsetzt. Wir brauchen Pausen auf dem Weg, wo wir uns stärken und die Wegzehrung miteinander teilen und spüren: Wir seid nicht allein! Viele sind mit uns auf dem Weg; und die große Wolke der Zeugen umgibt uns; und unser Herr führt uns. Damit wir nicht den Glauben wegwerfen und verlieren, brauchen wir einander. Wir teilen miteinander Hoffnung und Sehnsucht, unser Warten und Suchen nach dem Reich Gottes. So könnt wir einander das Ziel zeigen und beschreiben. So könnt wir vom Ziel her leben.


Der Hebräerbrief erinnert uns daran: „Glauben besteht darin, dass ein Stück des Erhofften als geheime Kraft schon wirklich ist." (Hebräer 11,1a nach Klaus Berger). Ein Stück des Erhofften ist als geheime Kraft schon in uns wirklich und wirksam. Das heißt doch: Was Gott vollenden wird in deinem Leben, das hat er schon begonnen - auch wenn es noch nicht fertig ist. Was Jesus mit dir angefangen hat, das entwickelt sich und wächst, auch wenn es noch nicht vollendet sichtbar ist. Was Gott vollenden wird in dieser Welt, das hat er auch schon begonnen, und er wird es zum Ziel bringen. Ja, festhalten lohnt sich. Wer dies erkannt hat, der hat auch das andere entdeckt. Ich kann festhalten an der Hoffnung, weil ich festgehalten werde. So wie es in einem neuen geistlichen Lied heißt:
"Jeden Weg, den wir zieh'n, den zieht er mit. Jeden Schritt, den wir geh'n, den geht er mit. Ja, er hilft uns und er gibt die Kraft, dass selbst der Schwächste seinen Weg auch schafft."


Deshalb, bei aller Müdgikeit vielleicht doch auch dies: Nun aufwärts froh den Blick gewandt.

 

Amen.