(Predigttext:  2. Mose 34, 6-10)

 

Liebe Gemeinde,


eigentlich ist es eine Binsenweisheit. Unser Leben vollzieht sich in einer Vielzahl von Beziehungen. Diese Beziehungen prägen mich, sie prägen andere. Manche Beziehungen begleiten mich ein Leben lang, andere sind nur kurz und flüchtig. Ich bewege mich auf verschiedenen Ebenen, in der Familie, im Freundeskreis, im Beruf, als Konsument, Staatsbürger oder einfach nur Steuerzahler. Und natürlich auch in der Gemeinde.


Die beiden kurzen Szenen haben etwas gezeigt von dieser Dynamik: Eltern und Kinder – das begleitet uns ein Leben lang, auch wenn wir schon lange erwachsen sind. Und wir müssen – dass zeigt die zweite Szene – zugleich darauf achten, dass unsere Beziehung nicht durch Schwierigkeiten und Unachtsamkeit in der Kommunikation, der Art des Umgangs miteinander erschwert oder gar unmöglich gemacht werden. Manches gesprochene und mehr noch geschriebene Wort lässt sich nicht ohne weiteres rückgängig machen.


Prägungen, Erfahrungen, gute und schlechte, versöhnenden und schuldhafte, sie prägen uns. Wir sind als Personen eben nicht Einzelgänger, sondern, ob wir wollen oder nicht, immer auch und v.a. durch andere geprägt.


In eine solche dramatische Beziehungsgeschichte führt uns der Predigttext. Er zeigt die ganze Schwierigkeit der Gottesbeziehung des Volkes Israel. Ganze Auszugsgeschichte ist ein Auf und Ab der Gefühle. Enthusiasmus beim Auszug, Angst am Schilfmeer, überschwängliche Freude nach dem Ende der Verfolger, dann Murren und Verzweiflung in der Wüste, high on emotion am Berg, als Gott sich zeigt und einen Bund mit dem Volk schließt. Aber ebenso auch Betrug und Verrat: der Tanz um das Goldene Kalb, nicht wirklich lebendig, aber irgendwie greifbarer als dieser doch unsichtbare Gott, mit dem Mose immer spricht. Und dann Gottes Zorn, strafend, fast vernichtend. Gott gewährt immerhin eine neure Chance. Mose darf noch einmal auf den Berg, er bekommt noch einmal die Gebote, das Volk eine neue Chance, auch wenn es seine Unschuld vor Gott längst verloren hat. Gott merkt und auch das Volk merkt: sie brauchen einander, das Volk kann nicht leben ohne ihn, aber irgendwie manchmal auch nicht richtig mit ihm.


Wenn Beziehungen verfahren sind, so wie auch diese, voll von Verletzungen, dann hilft manchmal ein offenes, ein klärendes Gespräch, ganz ohne Maske, ohne Verstellung, ohne Taktik und Politik.
Genau solch ein Gespräch führen Mose und Gott hier. Gott stellt sich vor, in all seiner Herrlichkeit, aber vielleicht auch den schwierigen Seiten. Ein liebender, gnädiger, vergebender Gott: „barmherzig und gnädig und geduldig, von großer Gnade und Treue“. Aber auch strafend, eifernd, zornig. Ich habe da auch meine Fragen an einen zornigen, strafenden Gott. Nicht alles was geschieht, mag ich mir als bewusste Strafe Gottes vorstellen, zu sehr widerspräche das dem liebenden Gott. Aber ich weiß, es gibt nicht nur den liebenden Gott, den wir uns manchmal zu sehr nach unserem Bilde zurecht bilden. Es gibt dieses andere, für uns dunkele Seite Gottes, verborgen, die wir nicht verstehen. Und vielleicht kann uns nur Christus der Schlüssel sein, um mit diesem Widerspruch leben zu können.
Aber, der Gott, der sich hier offenbart, ist eines ganz gewiss: ehrlich, offen. Er nennt alle seine Seiten, auch die, die für Israel schwer, kantig, manchmal kaum zu ertragen sind.


Es ist diese Offenheit, die Mose –stellvertretend für sein Volk – einen ganz wichtigen Schritt ermöglicht: er kann ganz offen sein. In der Stille vor Gott angekommen, legt er sein Masken ab: die Bilder, der sich von sich und seinem Volk macht, die aber immer nur die halbe Wahrheit sind, die Hochglanzbroschüre seines Selbstbildes also, die oft von anderem ablenken soll. Nein. Jetzt kann er ganz offen sein, für sich und das Volk: Ja Gott, es ist ein halsstarriges Volk. Und deshalb brauchen wir dich. Deshalb bleibe in unserer Mitte, begleite uns, ja, lass uns dein Volk sein.
Gott zeigt sich, ganz klar, und deshalb kann sich das Volk jetzt zeigen, in seiner ganzen Widersprüchlichkeit.


Es ist diese Wechselbeziehung aus Gottes Offenheit und der von Mose formulierten schonungslosen Selbsterkenntnis die Gott einen neuen Bund mit dem Volk schließen lässt. Ich will dein Gott und du sollst mein Volk sein. Wunderbar wird sein, was ich an dir tun werde.

 

Nicht leicht wird diese Offenheit für Mose und das Volk gewesen sein. Und vielleicht doch befreiend. Einmal die Masken ablegen zu können; einmal sich nicht rechtfertigen zu müssen; einmal auch zu den eigenen Verletzungen stehen können, ohne dass sie gegen ein in Stellung gebracht werden. Wir sind wahrlich keine unbeschriebenen Blätter. Wir sind Ruinen unserer Vergangenheit mit vielfältigen Verletzungen. Aber sind zugleich angelegt auf die Zukunft Gottes. Wir sind Menschen, die Gott sei Dank noch vorne leben müssen, aber eben nur nach hinten verstehen können.


Als Getaufte leben wir wie Israel immer schon ein Leben danach: Nach dem Sündenfall, nach der Sintflut, nach dem Tanz um das Goldene Kalb, nach der Sünde, der Enttäuschung und manchmal auch dem Abfall, aber immer begleitet von Gott, der nicht von uns lassen kann und will.

 

Amen.