(Predigttext: Phil 2,12-13)

Liebe Gemeinde,


Reformationsfest, Reformationsgedenken – unter uns gesagt könnte dem vielleicht auch etwas Bemühtes, etwas irgendwie Peinliches anhaften. Reformationsfest – da könnte man an kulturpessimistisches Klagen über Halloween ebenso erinnert werden wie an angestrengte Exzertien der Selbstrechtfertigung. Und gerade Predigten am Reformationstag drohen schnell zur historischen Belehrung zu werden, die erklären und erklären und erklären, warum es eigentlich immer noch reformatorischen Kirchen gibt und weiter geben wird. Nicht gerade der Stoff, aus dem frohe Feste gemacht sind.

 

Noch unangenehmer wird es, wenn man sich manches aus der Geschichte dieses Gedenktages in Erinnerung ruft. Spätestens im 19. Jahrhundert begann man, Reformationsfeiern im großen Stil zu organisieren und als multimediale Events zu inszenieren. Mit öffentlichen Reden, Theateraufführungen, Umzügen in historischen Kostümen, dem Pflanzen von Lutherbäumen und der Einweihung von Luhterdenkmälern. Und kirchliche Erbauungsdichter wie Karl Gerok lieferten die passenden Verse dazu:


„Martin Luther, Mann aus Erz, Feuergeist und Felsenherz!

Horch, das Festgeläute ruft, /Steig empor aus deiner Gruft!

Als an Thor dein Hammer schlug, / zu zermalmen Priestertrug,

Sprang der Riegel stracks entzwei/ Und die Geister wurden frei.

Deutsches Volk, in stolzem Ton / Nenn ihn deinen besten Sohn,

Einen deutscher’n sahst du nicht, / Seit man Thuiskons Sprache spricht.

Deutsch sein Namen, deutsch sein Blut,

Deutsch sein Trotz und Mannesmut,

Deutsch sein frommes Kinderherz, / Froh in Gott im Ernst und Scherz.“

 

Wie das so ist, wenn man auf dem Dachboden in alten Kisten mit Familienerbstücken wühlt: man findet nicht nur Dinge, die einen unmittelbar mit Stolz und Rührung erfüllen. Manche möchte man lieber gleich entsorgen. Aber wenn man etwa weitergräbt, findet man doch etwas, das noch glänz und beglückt. So ist es auch mit Familienfesten. Sie bringen ein nicht nur mit sympathischen Verwandten zusammen. Dennoch haben sie ihren Sinn. Denn sie halten einem einen Spiegel vor und zeigen, woher man kommt, was einen prägt und welches Erbe man in sich trägt.


Eine Hilfe dazu ist unser Predigttext aus Phil 2,12-13:


12 Also, meine Lieben, – wie ihr allezeit gehorsam gewesen seid, nicht allein in meiner Gegenwart, sondern jetzt noch viel mehr in meiner Abwesenheit – schaffet, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern.
13 Denn Gott ist's, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen.

 

Ich beginne hinten, mit Furcht und Zittern und mit der Angst in der Welt!


Paulus schreibt diese Zeilen an seine Lieblingsgemeinde in Philippi aus dem Gefängnis. Der römische Staat klagt ihn an. Weil er Erfolg hat mit seiner Predigt. Er spricht viele Menschen an. Sie kommen, sie hören zu, sie versammeln sich, sie beten und singen, sie feiern Abendmahl. Sie sorgen füreinander. Sie kümmern sich um Witwen und Waisen. Sie weigern sich, im Militär zu dienen. Sie beten nicht mehr den Kaiser an. Sie beten zu Jesus: zu einem von Rom gekreuzigten Aufrührer. Paulus droht ein Prozess, möglicherweise die Todesstrafe wegen Hochverrats und Staatsfeindlichkeit, wegen des Widerstands gegen die herrschende Ordnung. Die Philipper haben Angst - um Paulus, aber wahrscheinlich auch um sich selbst: droht uns auch Verfolgung? Die Philipper haben Angst - ob sie das tröstet, dieses: Schaffet, dass ihr selig werdet mit Furcht und Zittern?
Zunächst einmal ist es realistisch! Denn unser Leben ist weiterhin bedroht, solange wir noch nicht in Gottes Reich sind. Es ist realistisch, weil es in vielen Situationen harte Arbeit ist, nicht in der Angst zu versinken. Sich nicht von der Angst gefangen nehmen zu lassen! Und nicht hilflos und wie gebannt auf das Unheil zu starren. Es ist eine harte Arbeit, den Mut zu behalten und die Hoffnung.


Doch das Wort des Paulus stärkt Menschen auch! Denn es sagt Ihnen: Im Glauben tauscht ihr die Angst ein gegen Furcht und Zittern. Was unterscheidet Angst von Furcht und Zittern?


Angst ist diffus. Sie kennt kein Gegenüber; das Bedrohliche ist überall. Sie hat nichts, dem sie sich zuwendet, um sich zu beklagen oder zu wehren. Angst lähmt und macht starr. Sie lässt die Orientierung verlieren. Wie in einer Zelle ohne Fenster, ohne oben und unten, ohne links und rechts.


Furcht und Zittern wissen auch um das Unheil. Aber sie haben ein Gegenüber. Größer und mächtiger als Menschen und nicht harmlos, aber doch ein Gegenüber, das sich zeigt. Ein Gegenüber, dem ich mich zuwenden kann, gegen das ich mich wehren, vor dem ich klagen, aber das ich auch ehren kann. Während die Angst den Menschen wie eine Taucherglocke von allem abschirmt, schärft die Furcht die Sinne: Umrisse werden erkennbar, Geräusche unterscheidbar, Gerüche prägen sich ein. Der Körper zittert vor Anspannung und Konzentration. Ich bin wach, ich glaube - mit Furcht und Zittern.


Martin Luthers Zeit war eine Zeit der großen Angst: vor Seuchen und Krieg, vor Armut und Obdachlosigkeit! Die Kirche spielte mit der Angst der Menschen: Tut fromme Werke! Spendet, gebt Geld in den Ablasstopf! Dann könnt ihr sicher sein, dass ihr nach den Leiden dieser Welt in den Himmel kommt. Wenn ihr genügend für Gott - und das heißt für die Kirche tut, wenn ihr damit Gott gnädig stimmt, dann kann euch alles egal sein, was hier passiert, dann habt ihren einen Platz im Himmel.


Luther ist an diesen Drohungen und diesem Anspruch fast zerbrochen. So sehr er sich auch anstrengte, so ernst er seine Gelübde nahm, immer entdeckte er, wo er noch nicht richtig handelte. Wo er noch hätte helfen können. Dass er noch mehr hätte beten können. Dass seine Gedanken ihn wieder in alle möglichen Begehrlichkeiten geführt hatten, obwohl es doch heißt: du sollst nicht begehren....


Alle guten Werke machen nicht selig! Das hat Luther erlebt. Weil sie an der falschen Seite ansetzen: Sie wollen Sicherheit und Ehre vor Gott schaffen, statt Gott die Ehre zu geben und Gottes Barmherzigkeit zu loben. Sie lassen die Welt links liegen, statt Verantwortung für sie zu übernehmen! Sie suchen im Himmel mehr zu erreichen, als Menschen vor Gott erreichen können - und müssen. Sie lassen die Erde im Stich! Sie haben Angst vor Gott und in der Welt, statt Ehrfurcht vor Gott und Mut zum Leben! Nein, dieses Schaffen macht nicht selig!


Was ist dann gemeint mit diesem: „Schaffet"? „Schaffet, damit ihr selig werdet - mit Furcht und Zittern." Es geht um ein Schaffen gegen die Angst, die uns gefangen nehmen will. Ein Schaffen, das weiß: Gott ist barmherzig, ich kann mich auf Gottes Segen verlassen. Deshalb kann ich etwas tun und bin den Gefahren und der Not nicht hilflos ausgeliefert.
Es ist ein starkes Vertrauen, aus dem wir leben. Aber es bleibt auch gefährdet, gebrochen. Wir leben noch nicht im Reich Gottes, wir haben durch unseren Glauben keine Garantie für Genesung, für gute Arbeit. Furcht und Zittern bleiben und die Sorgen: wird der Glaube tragen? Werde ich die Versuchung bestehen? Werde ich herausfinden aus der Angst - ins Freie, wo sich Gottes Barmherzigkeit zeigt?


Wie geht das, dieses Schaffen, das herausführt aus der Angst? Dieses Schaffen, das daran festhält, dass Christus mich selig macht - mit Furcht und Zittern?

  1. Es unterscheidet sich vom Weiterwursteln. Denn es schaut auf Jesus und seinen Weg. (vgl. EG 341)
  2. Bei diesem Schaffen geht es nicht darum, dass ich gut dastehe. Nicht vor Gott und nicht vor den anderen. Es geschieht um Gottes und der Nächsten willen. Denn es ist Gott, der das Wollen wirkt und auch das Vollbringen. Es geht um unser Heil, nicht nur um meines. Der ganzen Gemeinde, dem Leib Christi gilt unser Schaffen. Wir glauben, lieben und schaffen füreinander und miteinander.
  3. Dieses Schaffen ist Arbeit, harte Arbeit; vielleicht hat der Protestantismus deshalb bei manchen zu Recht den Ruf anstrengend zu sein. Gott will, dass wir mit Jesus aufbrechen in Gottes neue Welt, in der Menschen friedlich, gerecht und frei mit sich, mit anderen, mit der Schöpfung leben. Dazu braucht es Mut, dazu braucht es Hoffnung und Kraft. Das geht nicht von selbst!
  4. Dieses Schaffen ist Arbeit, aber heute oft vor allem ein Lassen. Ein: Gott zu Wort kommen lassen. Ein: Jesus den Weg vorgeben lassen. Ein: sich vom Winde des Geistes treiben lassen. Schaffen als Lassen! So wie im Gebet. Das Gebet erhält die Welt - und gibt doch gleichzeitig alles aus der eigenen in Gottes Hand.


So wie im Singen: Paulus hat der Gemeinde in Philippi mit diesem Brief ein Lied geschickt, das Grundlied des Glaubens. Es erzählt von Jesus, der gehorsam war, so wie es die Philipper auch sind - und doch noch viel mehr. Es erzählt, wie Jesus den Weg des Lebens gegangen ist, hinab zu uns, unterwegs mit den Armen und Schwachen, wie er ermordet wurde von denen, die er gestört hat - und wie Gott ihn auferweckt und zum Herrscher unserer Welt gemacht hat. Die Gemeinde damals hat dieses Lied gesungen. Wie später die Gemeinden der Reformation, die singend durch die Straßen zogen. Sie sangen gegen die Angst, gegen die Unfreiheit, gegen die Ungerechtigkeit. So lange, bis sie gehört wurden. Nicht mehr Macht als eine Nachtigall hatten sie mit ihrem Gesang und haben doch die Welt verändert und ihr eine neue Hoffnung gegeben. Beten, Singen, auf das biblische Wort hören, darüber reden, so dass alle es verstehen, auf Deutsch - all das steckt im Schaffet!


Mit diesem Blick kehre ich zurück zum Reformationsfest. Was bleibt davon im Lichte dieses Textes, nach diesen Tiefenbohrungen:
Adolf von Harnack hat das sehr schön formuliert: „Freunde und Gegner haben Luther zum Nationalhelden, zum Politiker, zum Theologen, zum Stifter einer neuen Kirche machen wollen. Er ist das alles nicht gewesen. Die Frage nach dem Zweck und Ziel des menschlichen Lebens, nach dem Frieden und der Seligkeit des Gewissen in Gott – sie war das einzig Treibende in seinem Leben.“

 

Reformationsfest heißt deshalb nicht falscher Konfessionalismus, sondern sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Das Reformationsfest mag all das würdigen, was Luther geleistet hat: Das ist historisch gut und interessant. Aber es muss v.a. doch an die religiöse Einsicht, Lebenswahrheit erinnern, die uns unbedingt angeht, dass ich mich auch in meiner Angst, in meiner Not in Gottes Hand getragen wissen kann. Dass da einer ist, der unsere Furcht und unser Zittern annimmt, uns hindurch trägt und uns das eine sagt was nottut:

 

Er sprach zu mir: »Halt dich an mich,
es soll dir jetzt gelingen;
ich geb mich selber ganz für dich,
da will ich für dich ringen;
denn ich bin dein und du bist mein,
und wo ich bleib, da sollst du sein,
uns soll der Feind nicht scheiden.
(Martin Luther, EG 341,7)


Amen.