(Predigttext: 1 Thess 5, 1-11)

 

Liebe Gemeinde,


wann kommt der Tag des Herrn, wann werde ich Gott endlich richtig spüren, nicht nur so zwischen durch, mit dem Auf und Ab von Gewissheit und Zweifel? Wann werden die Anfechtungen aufhören? Wann wird die Welt endlich heil, so wie Gott sie gewollt hat, ein Welt ohne Korruption und Gewalt, eine Welt, in der sich Gerechtigkeit und Frieden küssen?


Das sind drängende Fragen, große Fragen. Wir können sie nicht richtig beantworten. Es sind Fragen wie Wunden, die zwar nicht immer schmerzen, aber nie richtig verheilen. Gewiss, man kann sich betäuben, kann versuchen, den Schmerz abzustellen, sie zu verdrängen. Man kann tun, als ob es diese Fragen nicht gäbe, aber wird man ihnen auf Dauer entkommen?

 

Paulus behandelt diese Fragen unter dem Thema der Wiederkunft Christi. So haben die ersten Christen das erwartet, dass Jesus bald wieder kommen würde und sie zu sich holen und die Welt schön, heil und ganz machen würde. Aber wie sich darauf verbereiten? Was können wir dafür tun?
Paulus gebraucht dafür ein Bild, das mach befremdet. Der Herr kommt wie ein Dieb in der Nacht, keiner rechnet im Schlaf damit, und dann ist er plötzlich da. Man wiegt sich in Sicherheit, tut alles, damit einem nichts passiert, und dann steht der Dieb plötzlich doch neben dem Bett.
Wir hier in Südafrika kennen solche Geschichten zu genüge. Wir haben es selbst erfahren, was das bedeuten kann. Wir kennen andere, denen das passiert ist. Wir lesen es in der Zeitung und wollen es nicht mehr hören. Aber es ist da, wir können es nicht wegdrücken.


Vor einigen Woche erschien im „Rapport" ein eindrücklicher Artikel von Anna Strydom, eine Anwältin in Pretoria. Fünf bewaffnete Räuber haben sie und ihren Mann in ihrem Haus überfallen, bedroht, misshandelt. Anschaulich beschreibt sie, dass ihr größter Verlust nicht die geraubten Gegenstände waren. Nein, die Erfahrung sei für sie wie „die monster, wat jou siel steel." Der Überfall beraubte sie nicht nur ihres Eigentums, sondern auch einer positiven Lebenseinstellung. Erst mühsam hat sie wieder gelernt, sich sicher zu fühlen. Nur langsam konnte sie in dem Gedanken Trost finden, dass es vielen anderen ja noch schlechter ginge als ihr. Nur langsam konnte sie sich an dem Gedanken erwärmen, dass man die Kampf gegen die Kriminalität nur dann nicht verliert, wenn man ein positives Verhältnis zu diesem wunderbaren Land Südafrika behält. Und dann nennt sie: „ons unieke Euro-Afrikaner-status, die vreugdes van bosveldvure, die lekkerte van bloubreek-branders op spoorlose strande, Suid-Afrika se onverbeterlike weersomstandighede, die interessantheid en energie van 'n land met diverse kulture wat kreatiwiteit stimuleer." Ja, schließlich kann sie sogar aus ihren Umgang mit diesem Erlebnis so etwas die Dankbarkeit empfinden, weil ihr dieses Erlebnis den Wert des Lebens und auch des Lebens in diesem Land noch einmal deutlich gemacht habe. Es sozusagen ein innerer Widerstand gegen das Böse, das ihr wiederfahren ist. Ein Sieg, der darin liegt, dass sie sich nicht das für sie Wertvollste, nämlich ihre positive Lebenseinstellung zu diesem Land und allen ihren Menschen nehmen lassen will. Sie will damit unser Land mit all seinen Wiedersprüchen wahrnehmen, hell und dunkel, Licht und Finsternis. Wach und nüchtern kommt mir das vor, so wie Paulus das von den Thessalonichern in schwieriger Zeit – vermutlich auch von Verfolgungen – fordert. Einen wachen, nüchternen Blick auf dieses Land und ihr Leben, so kommt mir dieser Text von Anna Strydom vor. Und sie will, das das Dunkle nicht überhand gewinnt, will Kind des Lichts bleiben. Und sie will sich nicht von der Angst, von dem Monster, dass die Seele frisst, auffressen lasse. Meint das nicht aus Paulus, wenn er davon spricht: „Denn Gott hat uns nicht bestimmt zum Zorn, sondern dazu, das Heil zu erlangen durch unsern Herrn Jesus Christus." Angst, Zorn, Ressentiments, auch sie können uns auffressen, aber als Christen sind wie doch zu anderem bestimmt als in Angst, Zorn und Vorurteilen zu leben.


Vielleicht lege ich damit auch zuviel Paulus in diesen Zeitungstext, ich weiß es nicht genau, bin mir unsicher. Ist das nicht zuviel gesagt: Ein dankbares Kriminalitätsopfer? Ich bewundere diese Haltung, weiß aber offen gesagt nicht, ob ich im konkreten Fall die Kraft hätte, so zu denken und zu fühlen.


Mit diesem Bild vom dankbaren Einbruchsopfer, vom Tag des Herrn, der wie ein Dieb kommt, will Paulus eins aber auf jeden Fall: Provozieren. Und diese Provokation soll gewiss nichgt Gewalt verherrlichen, Leid verharmlosen.


Lothar Zenetti spricht in einem Text von einem heilsamen Einbruch. Es ist ein kleines Gedicht:


Drei Räuber
kreuzigt man heute
auf Golgatha:
Der Linke nahm mir mein Geld,
der Rechte nahm mir mein Gut,
der in der Mitte nahm mir meine Schuld.
Auf Golgatha
kreuzigt man heute
drei Räuber.

 

Dieses Gedicht markiert einen qualitativen Unterschied und macht das besonders des Bildes von der Wiederkunft Christi als ein Dieb in der Nacht deutlich. Von so einem Dieb kann man sich dann nur wünschen beraubt zu werden. Ihm geht es nicht im materielle Werte oder gar die Auslöschung des Lebens. Ihm geht es um wahres Leben, um Versöhung, Frieden, Seligkeit. Er nimmt die Angst, die Schuld. Er macht uns frei von den großen und kleinen Rechtfertigungen, mit denen wir so gerne hantieren und die oft nur unsere Brüche und Unsicherheiten kaschieren sollen. Er nimmt meine Schuld, meine Angst, meine Verzweiflung auf sich. So bekomme ich Kraft zum Leben, kann als Kind des Lichts leben, nüchtern und wach mit allen Sinnen, „angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil." Glaube also, Hoffnung, Liebe, diese drei – und sie ist bekanntlich die größte unter ihnen.

 

Genau darum geht es Paulus. Uns die Angst zu nehmen. Aber ohne die falschen Betäubungen. Er will nicht, dass wir wegsehen. Er will nicht, dass wir uns berauschen, um alles um herum zu vergessen. Er will nicht, dass wir so leben, als ginge uns alles um uns herum nichts an.


Paulus wählt gleichsam die Schocktherapie. Ja, es gibt kein wirkliche Sicherheit in dieser Welt. Ja, unsere Leben ist vergänglich, immer wieder auch vom Tod bedroht. Aber davon sollen wir uns unsere Seele nicht stehlen, nicht verdrehen, nicht verdunkeln lassen.Wenn wir heute am 9.November Gottesdienst feiern, 25 Jahre nach dem Mauerfall, dann denken wir auch daran, dass des damals Menschen gab, die „wach und nüchtern" waren. Die gewaltfrei auf die Straße gegangen sind, die der Gewalt getrotzt haben. Und dann tat sich plötzlich ein Fenster, eine Möglichkeit auf, mit der niemand gerechnet hatte. Die Mauer des Eisernen Vorhangs fiel zusammen, die Menschen lagen sich in den Armen. Die Folgen blieben nicht auf Deutschland und Europa begrenzt, sondern waren vermutlich ein entscheidender Anstoß auch für die Veränderungen in Südafrika.


Wach und nüchtern sollen wir also sein. Uns nicht von Verzweiflung, Zorn und Ressentiments überwältigen lassen. Dann hat das Monster, das uns die Seele stehlt gewonnen, vielleicht sogar ohne dass wir es merken. Sondern wir sollen uns offen halten dafür, dass Christus uns begegnet. Nicht nur als siegreiche Triumphator, sondern ebenso in unserem Leid und im Leid der Anderen.


Wie können wir also durchhalten? Auch das gibt es kein einfache Antwort. Im Vertrauen darauf, dass Christus uns trägt, ja. Aber dieses Vertrauen ist ein Sprung, ein Wagnis, keine Garantie auf sofortige Gewissheit oder Ende unseres Weltschmerzes. Aber wir können Christus vertrauen. Weil er alle Höhen und Tiefen des Menschsein durchlebt und erlitten hat, ohne Schaden an seiner Seele zu nehmen. Weil wir in ihm nicht nur auf diese Welt, sondern ebenso in Gottes Ewigkeit gehören. Und das kann uns Kraft geben unseren Alltag zu leben, mit all den Herausforderungen, die das Christsein heute in unserem Land uns stellt. Wach, nüchtern, realistisch, aber auch dankbar dafür, dass wir nicht aus uns selbst, sondern aus Christus leben. Und dann vielleicht sogar manchmal mit einem fröhlichen Lied auf den Lippen, „der Botschaft hingegeben, wie schön es ist zu leben und Gottes Kind zu sein." (EG 641,5)

 

Amen.