(Predigttext: 2 Petr 3,3-13)

 

Liebe Gemeinde!


Ein Text über das Ende der Welt, den Weltenbrand, die kosmische Katastrophe an einem Tag, an dem es doch um die eigenen Toten, vielleicht auch das eigenen Leben und seine Endlichkeit geht.


Das verwirrt. Denn wir erinnern uns doch heute ehr der Toten aus unsrem Umfeld, wollen individuell trauern und erinnern, nicht gleich wieder an das Leid der ganzen Welt erinnert werden.


Aber auch das ist richtig, so fern mir die Bildsprache des 2. Petrusbriefes auch vorkommt mit den Bildern von Tot und Vernichtung, wie sie eigentlich nicht für das Christentum, sondern die Weltuntergangsphantasien anderer Religionen in der Zeit unseres Briefes typisch waren: mein Schicksal, das auch der Menschen, um die wir trauern, ist nicht nur ein Einzelschicksal, sondern es zeigt immer auch etwas von Zustand unserer Welt, von ihrer Beschaffenheit. Sie ist eben immer auch mit dem Tod verwickelt, der ja irgendwie zum Leben gehört, aber eben auch eine unentrinnbare und manchmal auch trostlose Wirklichkeit ist. Unsere Zeit ist begrenzt, und wir können nur hoffen, dass es wahr ist für uns, was wir in der Bachkantate hören. Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit, unsere dagegen vergänglich, und es gehört zur Lebensweisheit, sich darauf einzustellen.


Und dennoch, bei allem Vorbereiten und Bedenken, die wir vielleicht aufs Sterben verwenden, wirklich vorbereitet können wir nicht sein. Viele haben das von uns erfahren, auch im zurückliegenden Kirchenjahr. Wir fragen uns:
Wie kann man weiterleben, wenn alles ganz anders gekommen ist? Wie kann man zurechtkommen, wenn das, was so viel Halt gegeben hat, auf einmal weggebrochen ist?


Es ist schlimm, wenn etwas ganz anders kommt, als man es sich ausgedacht hat. Gerade in solchen Augenblicken erfährt man ganz bitter, wie kostbar doch das Leben ist und wie einzigartig die Wünsche und Träume sind. Von einer Sekunde auf die andere kann alles anders sein. Dann ist es, wie wenn man sich im freien Fall befindet. Kein Boden unter den Füßen hält mehr. Das Leben läuft an einem vorbei.



Nun muss man wirklich ohne diesen einen Menschen, den man so lieb hatte und den man so brauchte, weiterleben Bei anderen ist die große Hoffnung auf den gewünschten Arbeitsplatz zerplatzt, der tiefe Wunsch nach der einen großen Liebe zerbrochen, die Freundschaft durch die Freundin aufgekündigt worden. Die unwiderrufliche Diagnose einer Krankheit hat alles verändert.



Wer möchte da nicht fragen: Wann wird es wieder anders? So wie früher. Als man noch unbekümmert aufstehen und den Tag einfach anlachen konnte.
Wann werden all die quälenden Gedanken wieder verschwinden? Die schlimmen Bilder mit dem Rettungswagen und dem Notarzt? Die Bilder, als die Türen endgültig zugeknallt worden sind. Die Bilder, als die Krankenschwester gekommen ist und die Nachricht überbracht hat.


Gerade heute, am Ewigkeitssonntag, suchen wir nach Worten und Zeichen, die uns gewiss machen: Es wird auch wieder anders werden. Es gibt eine Zukunft. Es gibt ein Leben nach dem Tod, nicht nur später, sondern irgendwie auch jetzt. Aber zugleich der Zweifel: wird es wirklich so kommen? Kommt Christus wirklich zu mir, nicht nur irgendwann, sondern auch jetzt, wo ich ihn im Schmerz so brauche, so ersehne. Diese Hoffnung will der 2. Petrusbrief am Leben erhalten, stärken, gegen die eigenen zweifelnden Gedanken, aber auch gegen die Spötter, die recht behalten wollen damit, dass eben doch irgendwann alles aus ist. Schluss, Dunkel, einfach nichts. Oder, wie ich es, trostlos, auf einem Grabstein in Berlin lesen musste, auf dem ich oft mit dem Leichenzug vorbeikam: Wer früher stirbt, ist länger tot.

 

Im 2. Petrusbrief, im 3. Kapitel, heißt es im 13. Vers: „Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt."


Ein wenig nüchtern klingen diese Worte. An anderen Stellen der Bibel werden dieser neue Himmel und diese neue Erde mit großartigen Bildern beschrieben. Im Buch der Offenbarung ist die davon Rede, dass alles Dunkle und Rätselhafte in hellem Licht aufgelöst sein wird. Die Menschen werden nicht mehr klagen müssen, kein Leid wird sie mehr treffen. Der Tod wird nicht mehr sein, weil Gott selbst bei ihnen wohnen wird (Offenbarung 21).


Der Briefschreiber des 2. Petrusbriefes dagegen betont das Warten. Wir müssen auf einen neuen Himmel und auf eine neue Erde warten.
Wir müssen noch warten, dass die schweren Gedanken verschwinden, dass die große Last auf unseren Schultern kleiner wird, dass die große Leere abnimmt, und dass sich neue Gedanken wieder entfalten können. Wir müssen auch noch warten, bis wir bei dem Gedanken an das, was wir verloren haben, nicht gleich wieder in Traurigkeit versinken.


Wir haben noch keinen neuen Himmel und noch keine neue Erde. Wir leben in unseren alten Verhältnissen, zu denen das Abschiednehmen dazugehört. Wir müssen bitter feststellen, dass nichts für die Ewigkeit ist. Und die kurzen Momente, in denen wir glücklich und unbeschwert leben dürfen, sind viel zu kurz.
Gerade heute wird es uns unabwendbar vor Augen geführt. Gerade heute geht unser Blick zurück und schaut auf alles, was bei uns abgestorben ist. Diese Sicht ist vielen von uns näher als der Blick auf das Leben, auf alle Zukunft, die noch vor uns liegt.


Wie schön wäre es, wenn wir all das, was uns zu schaffen macht, einfach abschütteln könnten wie den Staub von unserer Kleidung? Wie schön wäre es, wenn wir einfach sagen könnten: Schluss mit den trüben Gedanken! Vorbei mit der Zeit, die ich mir nicht ausgesucht habe. Ich bin darüber hinweg. Ich kann neu durchstarten. Alles ist wieder gut. Aller Nebel ist verflogen. Ich habe wieder freie Sicht.

 

Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde." Für mich klingen diese Worte richtig trotzig.


Ich lese aus diesem Vers auch heraus: Ich will aber nicht, dass alles beim Alten bleibt. Ich will mich nicht damit abfinden, dass ich nur noch zurückblicke, weil ich etwas verloren habe, was ganz stark zu mir gehört hat.


Ich will mich nicht damit abfinden, nur noch zu trauern und zu weinen. Das kann noch nicht alles gewesen sein.


Ich möchte wieder gerne leben, gerne ich selbst sein. Ich möchte morgens unbeschwert aufstehen. Ich möchte das Leben feiern. Ich will sehen, wie alle Farben wieder zurückkommen. Ich will es auch wieder spüren und schmecken, wie schön es ist, im siebten Himmel zu sein.


Und ich möchte wieder dahin kommen, dass der Himmel für mich offen ist, dass ich Gott fest an meiner Seite weiß, dass ich seine Kräfte in mir spüre.


Der 2. Petrusbrief versichert uns: Alles Warten auf einen neuen Himmel und auf eine neue Erde ist viel mehr als ein widerspenstiges Hoffen und Harren. Es gibt einen Bürgen, dass wir weiterleben können. Es gibt einen Garant für die Zeitenwende. Es ist Jesus, der Christus (2. Petrus 1,16-18).


Wie sehr hat Jesus sich auf andere Menschen eingelassen, sich mit ihnen an einen Tisch gesetzt, ihnen zugehört in allen Phasen ihres Lebens. Ob Mann, Kind oder Frau - er hat die Menschen mit den Augen Gottes angeschaut. Und sie haben gespürt: Er versteht mich. Er ist mir ganz nahe. In seiner Nähe ist es, als ob sich der Himmel für mich öffnet und ich die Erde mit neuen Augen sehen kann.


Bis heute blitzt etwas von diesem offenen Himmel und dieser neuen Erde auf. Bis heute keimt etwas von der Energie auf, die von Jesus ausgeht. Dort, wo Menschen Kraft erhalten, eine schwere Zeit zu bestehen. Dort, wo sie Mut bekommen, neue Wege zu gehen. Dort, wo man nach einem Gottesdienst gestärkt in die neue Woche hineingeht. Und auch dort, wo jemand zuhört und wo man dem Gespräch Klarheit über eine Vorgehensweise bekommt.


Der neue Himmel und die neue Erde sind Gottes Ziel. Und schon jetzt soll für uns gelten: Du darfst einen neuen Himmel und einen neuen Himmel erleben. Nicht nur dann einmal, auch schon jetzt.


Überall da, wo etwas zu einem Ende gekommen ist, da soll neues Leben sein: Wo ein schwerer Abschied war, wo jemand hilflos an einem offenen Grab gestanden ist, da soll es wieder Zukunft geben. In einer alle Kräfte aufreibenden Beziehung darf es ein gütliches Ende geben. Wo alle Lebensfreude abgestorben ist, da sollen wieder leise Töne hörbar werden. Wo jemand unter einer belastenden Situation leidet, da soll er Entlastung erfahren.


Individuelles und das Schicksal der Welt gehören zusammen, eben weil Gott keinen Namen vergisst, kein Leben ohne Wert ist, kein Leid vergessen.


Ja, wir warten, wir ersehen ein neue, andere Welt, nicht nur irgendwann, sondern eben auch jetzt, stückweise, bruchstückhaft, mitten in unserer Zeit. Manchmal zweifeln wir daran, können es nicht aushalten, möchten zerspringen. Und dann doch auch die Momente, in denen wir unerwartet Gottes Nähen spüren, ahnen, was das heißen könnten, ein neuer Himmel, eine neue Erde, und wenn auch nur für einen Augenblick. Geborgen in Gottes Hand, aus der wir nicht fallen, getrost in Herz und Sinn. Gott kommt uns entgegen, tröstend, fragend, mitleiden. Und wenn er so mit uns mitgeht, uns begleitet, spüren wir fast schon etwas von seinem Advent, seiner Ankunft in unserem Leben. Er wird uns zum „Wunderrat, Gott-Held. Ewig-Vater, Friedefürst.

 

Amen.