(Predigttext: Mt 21,1-9)

 

Liebe Gemeinde,

 

„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit; es kommt der Herr der Herrlichkeit, ein König aller Königreich ..." Ja, da fährt sie ein, die Präsidentenkolonne: vorneweg einige Motorräder zum Absichern der Seitenstraßen, immerhin ist man in Soweto, dann Mannschaftswagen der Polizei und dahinter einige Wagen der Security-Leute, gefolgt von der Limousine des Präsidenten. Genauer gesagt sind es mehrere ähnliche, damit mögliche Angreifer nicht wissen, in welcher er wirklich sitzt. Die Halle, in der der Kongress der Jugendorganisation der regierenden Partei stattfindet, ist hermetisch abgeschirmt. Der Präsident eilt herein, beginnt seine Rede. Plötzlich weicht er vom Redemanuskript ab. Frei, das tut er selten. Man sieht die bangen Gesichter beim Generalsekretär der Partei und seinen Mitarbeitern. Für einen Moment spricht der Präsident von der Krise, in der sich die Partei befindet. Man weiß nicht: ist es ein Zeichen der Einsicht, oder doch nur die Arroganz der Macht. Man würde gerne mehr hören. Dann unterbrechen ihn seine Berater. Dem Präsidenten wird ein Zettel gereicht. Er berät sich mit seinem Generalsekretär, geht zurück zum Pult. Dann beginnt er sein vorbereitetes Manuskript abzulesen. Wer die Partei angreife, schade dem ganzen Land. Kritik wird weggebissen, allenfalls arrogant gelacht. Die Skandale: nur eine Sache für smart white people. So oder so ähnlich kennen wir es aus den Nachrichten. - Sieht so Macht aus? Ängstlich abgesichert zelebriert sie sich selbst in der schwer gepanzerten Limousine mit eingebauter Vorfahrt? Fragen werden weggedrückt. Den eigentlichen Fragen ausgewichen. Aber man glänzt sich in der Sonne von Macht und Wohlstand, die diese mit sich bringt. Sieht so wirkliche Macht aus?

 

„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit; es kommt der Herr der Herrlichkeit, ein König aller Königreich ..."

„Er ist gerecht, ein Helfer wert; Sanftmütigkeit ist sein Gefährt, sein Königskron ist Heiligkeit, sein Zepter ist Barmherzigkeit ..."

 

Und nun ein anderer Bericht vom Einzug eines Mächtigen, nicht in Soweto, sondern in Jerusalem, nicht 2014, sondern vor etwa 1981 Jahren:

Matthäus 21,1-9:

Jesu Einzug in Jerusalem 1 Als sie nun in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage an den Ölberg, sandte Jesus zwei Jünger voraus 2 und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt, und gleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir! 3 Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: Der Herr bedarf ihrer. Sogleich wird er sie euch überlassen. 4 Das geschah aber, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht (Sacharja 9,9): 5 »Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers.« 6 Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, 7 und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf und er setzte sich darauf. 8 Aber eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg.

 

Passt das zusammen, was wir gesungen und was wir als Predigttext gehört haben, „Macht hoch die Tür" und Jesu Einzug nach Jerusalem? Sanftmütigkeit als Gefährt, gekrönt mit Heiligkeit und Barmherzigkeit als Zepter? Der geduldige Esel statt des stolzen Rosses, das können wir gut als sanftmütig durchgehen lassen. Gekrönt mit Heiligkeit, da müsste man schon beide Augen zudrücken bei einem, der seine Jünger zu einer Art Diebstahl anstiftet. Barmherzigkeit als Zepter - das passt nun wirklich nicht bei einem, der - wie es Matthäus im Anschluss berichtet - als Nächstes die Tische der Wechsler beim Tempel mit Getöse umstürzt. Vor meinen Augen erscheint ein ganz anderes Bild. Da stiftet einer zum Diebstahl an: „Die erste angebundene Eselin, die ihr findet, bringt her. Und wenn ihr schon mal dabei seid, bringt ihr Junges gleich auch noch mit." Jeder ahnt, dass das Ärger gibt. Im Zweifelsfall sollen sie den Diebstahl einfach damit begründen, dass der Chef die Eselin braucht. Stellen Sie sich vor, mit so einer Begründung nimmt Ihnen jemand ihren alten Polo oder den neuen Land Rover ab. Aber Jesus ist felsenfest davon überzeugt, dass dieser Überraschungscoup klappt: „Sogleich wird er sie euch überlassen. Schließlich hat schon irgendein alttestamentlicher Prophet etwas von einem Einzug nach Jerusalem auf einem Esel gesagt." Schon sein Name Sacharja sagt den Wenigsten von uns etwas. Vielleicht wussten damals mehr Menschen etwas mit Sacharja anzufangen, aber genügt das als Begründung dafür, einen Esel mitgehen zu lassen? Das Ganze scheint ziemlich konstruiert, an den Haaren herbeigezogen. Aber Frechheit siegt, Jesus bekommt seinen Esel und reitet nach Jerusalem ein.

 

Ein komisches Bild: Kein roter Teppich, sondern spontan auf den Weg gelegte Kleidung, ein bunter Flickenteppich - nicht schön, aber selten. Statt kleiner Fähnchen reißen die Leute die Äste von den Bäumen am Straßenrand. Allerdings: so bejubeln ließen sich auch Präsidenten gern, auch wenn sie dafür den jubelnden Anhang manchmal eben selber vorher herbeischaffen lassen müssen. Aber hier ist es dann wieder ganz anders. Als ob Jesus den Triumphzug eines richtigen Königs abkupfern wollte und zugleich umdrehen – fast wie eine Karikatur kommt mir das vor. Die Geschichte gerät zur Farce. Nicht menschliche Macht, sondern ein ganz anderes Konzept von Macht, Vollmacht vielleicht, wird inszeniert, das menschliche Vorstellungen ganz entgegen sieht. Nicht einmal einen eigenen Dienstwagen hat er und muss ihn durch einen geklauten Esel ersetzen. Erstaunlich, dass das Volk mitmacht. Sie jubeln wie bei jedem normalen Triumphzug - aber nun doch nicht wie es sich gehört, artig Fähnchen schwenkend, sondern ganz aus dem Häuschen ziehen sie ihre Kleider aus um sie auf den Weg zu legen.

 

Die ganze Szene hat etwas Surreales. Die Welt steht Kopf: Der Herrscher auf dem Esel, der Heilige als Dieb, der Sanftmütige mit einer frechen Ausrede, eine jahrhundertealte Prophetenweissagung geht als Begründung durch - und das Volk jubelt diesem Narren zu wie schon lange keinem mehr. Die Welt steht Kopf und Jesus scheint der oberste aller Narren zu sein.

 

Ich muss gestehen: So macht mir die Geschichte richtig Spaß. Sie verliert alles Brave und wird schön frech. Viele stellen sich Jesus milde und huldvoll vor, irgendwie nett, als ob er über alles und jedes begütigend streicheln möchte und sagen: Ist schon gut. Ein harmloser Jesus, dessen Anhänger eben auch harmlos und nett sind und meistens ziemlich langweilig. „O wohl dem Land, o wohl der Stadt, so diesen König bei sich hat. Wohl allen Herzen insgemein, da dieser König ziehet ein." Das klingt nach solch wohliger Wärme und beruhigender Besinnlichkeit bei Keks und Kerzenschein. Solche adventliche Behaglichkeit lässt es vielleicht lauwarm um das Herz werden, aber sie wirbelt nichts auf. Aber genau das tut der Narr, der da einzieht. Wie werden die Menschen am Straßenrand Jesu Einzug erlebt haben: Ich denke, sie fanden das spannend, gerade weil es spielerisch und leicht war. Da hat einer Witz, spielt mit den Spielregeln dieser Welt, nimmt sie auf die Schippe. So wie es heute Performance-Künstler tun, die irritieren, weil sie die Dinge auf den Kopf stellen. Sie irritieren und provozieren und zeigen: Es könnte alles auch ganz anders sein.

 

So wie Pippi Langstrumpf: „Zwei mal drei macht vier, widde widde witt und drei macht neune, ich mach' mir die Welt, widde widde wie sie mir gefällt." Was ist nicht alles möglich: Man kann Kunststücke auf dem Pferd machen, die jeden Sicherheitsbeauftragten schwitzen lassen, weil so etwas einfach nicht vorgesehen ist. Warum nicht zwei verschiedene Strümpfe anziehen oder alleine ohne Eltern leben - auch wenn alle Pädagogen dieser Welt sagen: Das geht nicht. Und dann freut sie sich an den erschrockenen Gesichtern der Erwachsenen, die nicht wahrhaben wollen, dass das eben doch geht. Eine Akrobatin nicht nur auf dem Pferderücken, die munter auch auf den Regeln der Welt tanzt. Diese Frechheit stellt die Welt auf den Kopf. Dieser Jesus auf dem Esel wirkt komisch auf mich - ob er dabei einen Schuss Selbstironie gehabt hat? Wie der Hauptmann von Köpenick, der uns ja auch so sympathisch ist, weil er die Welt entlarvt. Spielen Sie das einmal in Gedanken durch: Jesu Einzug in Jerusalem als Köpenickiade, die die Machtverhältnisse auf den Kopf stellt. Vielleicht ist das mehr als nur verfremdend und belustigend. Seine Gegner haben das jedenfalls rasch erkannt und gegen gesteuert – bis zum bitteren Ende.

 

Mitten in diesem etwas komisch-merkwürdigen Einzug kommt damit etwas sehr Ernsthaftes zum Tragen. Wenn er zur Begründung des Eseldiebstahls sagt: „Sagt der Tochter Zion: Siehe dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel", dann zitiert er den Propheten Sacharja und damit ein ganzes Programm. Sacharja sieht mit diesem eselreitenden Messias das verheißene Friedensreich anbrechen. Alle Waffen werden beseitigt, alle Gefangenen kommen frei, alles Unrecht hört auf - überall und für immer. Schön wär's, aber das hält nun wirklich kein normaler Mensch für realistisch. „Wer's glaubt wird selig" wird so etwas abschätzig kommentiert. Zu recht. Ich kenne keine vernünftigen Gründe, die dafür sprechen, dass dieses universale Friedensreich demnächst ausbricht. Gut, wir sind erst in der Adventszeit und der große Höhepunkt Weihnachten kommt noch. Aber ich gehe mit Ihnen jede Wette ein, dass selbst an Weihnachten Sacharjas Prophezeiung nicht eintreffen wird. Und von ein bisschen Frieden, ein wenig Licht und zumindest etwas Wärme ist nicht die Rede, sondern vom Frieden pur ohne Wenn und Aber.

 

„Vergessen wir's also!", das wäre ehrlich und konsequent. Vergessen wir's, diesen Narren mit seinem Traum einer anderen Welt. Das ist chancenlos. Nein, sagen wir das nicht mit Ausrufungszeichen, sondern mit Fragezeichen: „Sollen wir dieses unglaubliche Friedensreich wirklich vergessen?" Sollen wir diese Hoffnung wirklich aufgeben? Unsere Welt wäre arm und trostlos. Wenn wir Advent feiern, dann halte wir an dieser Hoffnung fest, auf eine andere Welt, ein erfüllteres Leben. Das mag Utopie sein, vielleicht sogar ein heiliges Spiel. So wie jetzt im Gottesdienst, der wie eine Utopie ist: nicht von dieser Welt. Von dem verrückten Messias lasst uns singen, hören, um ihn beten, dass er die Welt zurecht rückt. Was wir hier zur Sprache bringen bleibt schwebend und ambivalent, unglaubwürdig und doch verführerisch. Jesus lässt nicht von seiner Utopie und stellt die Dinge auf den Kopf. Vielleicht wird der Jerusalemer Esel zum trojanischen Pferd? Es sprengt unsere Mauern und öffnet für Gottes Welt.

 

Und schauen wir auf diesen einziehenden König, der eine ganz andere Macht präsentiert als römische Statthalter, südafrikanische Präsidenten oder sonstige Machthaber und Potentaten. Sie stellt er in Frage. Er hat vielleicht keine Macht, aber dafür Vollmacht. Seine Worte erreichen die Menschen, machen sie heil an Geist und Seele. Und er meint er ernst, weil er ganz von sich absieht. Er kommt, zu uns, Advent eben: Ankunft. Das ist der Anspruch.

 

Überlegen wir gut, ob wir wirklich wollen, dass er unser Leben und unsere Welt auf den Kopf stellt. Und dann singen wir ihn herbei mit Liedern, Lieder, die etwas von seiner alle Menschliche übersteigenden Gegenmacht zeigen, die eigentliche Vollmacht ist. Und in uns die Sehnsucht weckt nach einer besseren Welt, einem sinnvolleren Leben, nicht auf menschlicher Macht, sondern aus Gottes Vollmacht:

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, eu'r Herz zum Tempel zubereit'. Die Zweiglein der Gottseligkeit steckt auf mit Andacht, Lust und Freud; so kommt der König auch zu euch."

 

Amen