(Predigttext: Mt 11, 2-6)

 

Liebe Gemeinde,

 

Wir Menschen sind Erwartende. Wenn wir nichts mehr erwarten, dann steht es nicht gut um uns. Es gibt nur einen Typus von Situationen, bei dem es nicht schlimm ist, sondern ganz und gar wundervoll, wenn wir nichts mehr erwarten: Das sind Situationen der Erfüllung. Momente ganzen, ungeteilten Daseins. In diesen Momenten steht die Zeit gewissermaßen still. In diesen Momenten wird für uns die Ewigkeit vorweggenommen: So wird es einst sein: die reine Erfüllung, ohne jeden Mangel. Aber in unserem jetzigen, zeitlichen Leben, da sind solche Ewigkeitsmomente selten und flüchtig. Außerhalb dieser wenigen Ewigkeitsmomente erwarten wir immer irgendetwas: Entweder wir freuen uns darauf oder wir fürchten uns davor. Wenn wir nichts mehr erwarten, dann steht es nicht gut um uns.

 

 

Wir sind Erwartende. Hoffentlich sind wir das.

Die Adventszeit ist im Kirchenjahr die große Erwartungszeit.

Wir warten auf die Ankunft Gottes in der Welt.

Wir warten auf die Ankunft jenes einen Menschen, der mehr ist als nur ein Mensch.

Wir warten auf die Ankunft Jesu.

Was wird sein, wenn er ankommt?

Was haben wir zu erwarten von seiner Ankunft?

Welche Erwartungen richten wir auf Jesus?

 

 

„Als aber Johannes im Gefängnis von den Werken Christi hörte, sandte er seine Jünger und ließ ihn fragen: Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten? Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt; und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.“

Matthäus 11, 2-6

Bist Du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten?

 

Wie wunderbar ist es, wenn wir im Leben den Menschen treffen, bei dem wir merken: Der ist es, die ist es. Mit ihm, mit ihr möchte ich mein ganzes Leben verbringen. Wie schön ist es, wenn sich diese Gewissheit einstellt. Aber wie gewagt ist es, diese Gewissheit dann auch wirklich zur Basis für eine Lebensentscheidung zu machen. Haben wir Beweise dafür, dass dieser Mensch nun wirklich derjenige ist, mit dem wir unser ganzes weiteres Leben verbringen sollten, bis der Tod uns scheidet? Glaubende sind wie Liebende: Sie sind Romantiker. Und sie müssen es sein. Denn der Glaube lebt wie die Liebe nicht von Beweisen. Er lebt von Gewissheiten, die sich einstellen, ohne dass man die Gründe dafür ganz genau benennen könnte. Insofern ist der Glaube, ganz wie die Liebe, immer auch wehrlos. Freilich, es mag Indizien geben, Hinweise, dass dieser Mensch nun wirklich der Mensch ist, der für mich das Warten beendet.

 

Bist Du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten? So fragt Johannes der Täufer, und er stellt damit eine Frage, die auch wir uns vielleicht schon gestellt haben: Ist Jesus der, auf den wir warten? Ist Jesus der, der unsere Erwartungen erfüllt? Johannes stellt die Frage an Jesus selbst. Freilich: Er sitzt im Gefängnis und muss seine Jünger die Frage überbringen lassen. Bist Du es? Johannes kennt Jesus. Laut der Überlieferung ist er verwandt mit ihm. Vettern, Cousins. Und die beiden sind sich sehr ähnlich. Johannes war ein großer Prediger. Ein Bußprediger. Ein Prediger der Ernsthaftigkeit. „Kehrt um, Leute, ändert Euer Leben.“ Johannes hat die Leute getauft. Als einen Reinigungsakt hat er diese Taufe verstanden: Einmal ganz untertauchen im Jordanfluss, die Sünden der Vergangenheit gewissermaßen abwaschen und ein neues Leben beginnen, ein Leben mit Gott und nach Gottes willen. „Kehrt um, Leute, ändert Euer Leben. So kann es nicht weitergehen.“

 

Die Predigt des Johannes hat etwas Faszinierendes: „So kann es nicht weitergehen.“ Dieser Eindruck drängt sich immer wieder auf, auch heute. Jesus war fasziniert von der Bußpredigt des Johannes. Er hat sich durch ihn taufen lassen. Da war er schon ein erwachsener Mann und hatte sich schon umgeschaut in der Welt. Und Jesus hat dann auch angefangen, zu predigen. Ganz ähnlich, aber doch mit einem ganz anderen Akzent. Auch Jesus hat zur Umkehr aufgerufen. Aber nicht zur Umkehr der Angst, sondern zur Umkehr der Freude. Johannes war ein Prediger des Gerichts. Jesus wurde zum Prediger der Freude. Auch Jesus war ein ernsthafter Prediger. Seine Ernsthaftigkeit war freilich die Ernsthaftigkeit der Freude. Durch Angst macht man die Menschen nicht besser. Durch Angst lähmt man die Leute. Durch Angst macht man Leute blind für die Möglichkeiten der Veränderung. Hoffnung, Freude und Zuversicht: Die verändern die Menschen. Du willst es ermöglichen, dass sich jemand verändert? Nimm ihm zuerst seine Angst.

 

„Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten?“ So fragt Johannes. Und Jesus antwortet: „Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt; und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.“ Die Menschen damals haben gewartet. Sie haben gewartet auf einen Messias, auf einen Erlöser; auf einen Menschen, der von Gott kommt und alles verändert, alles zum Guten wendet. Seit Jahrhunderten hatten sie gewartet. Sie hatten die alten Prophezeiungen des Propheten Jesaja im Ohr, wie wir sie zu Weihnachten in den Gottesdiensten hören. Für die Menschen, denen Jesus begegnet und für Jesus selbst, das sagt seine Antwort, scheint in den Wundern, die Jesus tut, genau das auf: Jene wunderbare Welt, in der alles schon so ist, wie es sein soll. Freilich: Es sind nur Einzelne, es sind nur wenige, die geheilt oder die dem Tode wieder entrissen werden. Vielleicht ist es nur Selbtüberschätzung. So in einem Gedicht von Robert Gernhardt, der es mit kaum überbietbarer Ironie ausdrückt:

 

 

„Ich sprach nachts: Es werde Licht. Aber heller wurd es nicht.

Ich sprach: Wasser werde Wein! Doch das Wasser ließ das sein.

Ich sprach: Lahmer, du kannst gehen. Doch er blieb auf Krücken stehen.

Da ward auch dem Dümmsten klar, dass ich nicht der Erlöser war.“

 

Das was andere erfahren, das sind nicht ausreichende Beweise dafür, dass Jesus der ist, auf den alle gewartet haben. Es sind Indizien, es sind Hinweise. Es gibt keinen Gottesbeweis und es gibt keinen Beweis, dass Jesus Gottes Sohn ist. Nur Hinweise, nur Indizien. Hinweise, die an uns selbst wahr werden müssen, damit wir an Jesus Glauben. Jesus rechnet selbst damit, dass diese Hinweise keineswegs alle überzeugen werden: „Selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.“ Seligkeit ist ein Zustand gesteigerten Glücks, den man nicht selber herzustellen vermag. Aber dieses Glück kann sich einstellen. Bist Du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten? Selig ist, wer von Jesus solch einen Eindruck gewinnt, dass er sagen kann: Ich muss auf keinen anderen Erlöser mehr warten. Selig ist, wer merkt: In Jesus begegnet mir eine Gottesfülle, die für mein ganzes Leben genügt und ausreicht. Selig ist, wer merkt: Wenn ich Jesus habe, dann muss ich auf keinen andern mehr warten.

 

Bist Du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten? Hören wir auf, Erwartende zu sein, wenn wir Jesus gefunden haben, wenn Jesus uns gefunden hat? Keineswegs. Aber unsere Erwartungen verändern sich. Wir erwarten allerlei Veränderungen, die von Jesus, die von Christus ausgehen. Veränderungen in uns selbst, aber durchaus auch Veränderungen in der Welt, die uns umgibt. Auch wenn man dazu neigt, die Dinge ganz nüchtern zu betrachten, dann wird man das nicht gering schätzen, was sich verändert hat, seit Christus in die Welt gekommen ist. Die Welt ist nicht einfach gleich geblieben. Es hat sich etwas in dieser Welt verbreitet, was man in pathetischeren Zeiten den Geist des Christentums oder den Geist der Liebe genannt hat. Es hat sich eine Haltung verbreitet, welche die Kranken und die Leidenden nicht mehr verachtet, sondern sich ihnen zuwendet. Das, was wir heute Inklusion nennen, ist ein ur-christliches Anliegen: Niemanden ausgrenzen. Niemanden. Nach Möglichkeit noch nicht einmal den, der sich selber ausgrenzt.

 

Dieser Geist des Christentums, dieser Geist der Liebe hat es gewiss nicht immer leicht, sich durchzusetzen in unserer Welt. Manches Mal und immer wieder hat er es sogar schwer, sich in der Kirche durchzusetzen. Wie viel Lieblosigkeit steckt oft in kirchlichen Institutionen oder kirchlichen Bestimmungen und Vorschriften! Und dennoch ist durch Jesus eine Bewegung in die Welt gekommen, die bleibt. Bist Du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten? Ich will auf keinen andern warten. Und was ist mit euch?

 

Amen.