(Predigttext: Mt 16, 13-17)


13 Da kam Jesus in die Gegend von Cäsarea Philippi und fragte seine Jünger und sprach: Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei?

14 Sie sprachen: Einige sagen, du seist Johannes der Täufer, andere, du seist Elia, wieder andere, du seist Jeremia oder einer der Propheten.

15 Er fragte sie: Wer sagt denn ihr, daß ich sei?

16 Da antwortete Simon Petrus und sprach: Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!

17 Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Selig bist du, Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel.



Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Eltern, lieben Gemeinde!


Heute habt ihr es geschafft. Ein erstes Ziel jedenfalls habt ihr erreicht. Denn heute, in der Konfirmation bestätigt ihr euren Glauben. Das soll euch niemand ausreden: heute trefft ihr eine eigenverantwortete und wohl überlegte Entscheidung. Denn mit der Konfirmation sagt ihr ja zu Jesus Christus. Was euch dazu bewegt, das habt ihr in der letzten Woche in euren beeindruckenden Vorstellungen schon jeder für sich erklärt. Jeder und jede von euch tut das auf seine Weise, eben weil ihr verschiedene Menschen seid. Dem trägt auch der christliche Glaube Rechnung. Es gibt sehr verschiedene Weisen ihn zu leben. Insofern fangt ihr heute mit dem Glauben erst richtig an. Denn ihr müsst und wollt erproben, welcher Weg für euch richtig ist. Das gehört zu eurer Freiheit, die einer der Grundlagen auch des christlichen Glaubens ist.


Eins freilich ist bei aller Verschiedenheit des christlichen Glaubens allen Richtungen und Stilen gemeinsam. Das ist die Orientierung auf Jesus selbst. Aber wer ist Jesus eigentlich – darüber gibt es mit guten Gründen verschiedene Vorstellungen. Da ist Jesus Christus, unser Herr und Heiland, unser Retter und Erlöser, gestorben für unsere Sünden, auferstanden von den Toten. Jesus – das ist ein ganz besonderer Mensch gewesen, ein Freund der Armen und Bedrängten, der sich ihnen ganz zugewandt hat. Jesus – ein Revolutionär im Namen wirklicher Gerechtigkeit sogar, werden einige andere von Ihnen vielleicht sagen. Jesus – ein Freund des Friedens, der gegen Gewalt aufgetreten ist, Fragen danach, wer Jesus ist, finden auch heute noch großen Anklang. Regelmäßig werden sie zu großen Festtagen, v. a. zu Weihnachten, mit Titelgeschichten großer Magazine gestellt und ganz unterschiedlich beantwortet. Zahlreiche Filme versuchen, Jesus in unterschiedlicher Weise darzustellen. Ein Beispiel nur ist ein Unterhaltungsroman mit dem schönen Namen „Das Jesus-Video“. Die Handlung ist ziemlich klar: Ein Archäologiestudent findet bei einer Ausgrabung Hinweise auf einen Zeitreisenden, der Videoaufnahmen von Jesus gemacht haben soll. Das weckt natürlich unterschiedlichste Begehrlichkeiten auf der Suche nach dem Video. Wieviel Geld ließe sich damit verdienen? Und vor allem: wie war er, dieser Jesus? Tatsächlich findet sich das Video, das aber nur einer kleinen Gruppe bekannt gemacht wird. Es bildet sich eine Art Jesusvideogemeinde, deren Hauptzweck darin besteht, gemeinsam das Video zu betrachten. Das zeigt nun Jesus beim Abschiedsmahl mit seinen Jüngern vor seiner Gefangennahme. Gefragt nach dem, was an diesem Video so besonders ist, antwortet der Held des Romans: „Ich sehe darin, was sein kann. Ich sehe einen Mann, der ganz da ist, der mit jeder Faser seines Seins an diesem Ort, in diesem Augenblick existiert, der den Becher des Lebens bis zur Neige leert. Wenn ich ihn sehe, ermutigt mich das, an meinem eigenen Becher nicht nur zu nippen.“ Man kann das auch so formulieren: Jesus verleiht dem Leben neuen Wert, besondere Tiefe, Intensität. Er macht das Leben zu wirklich bewusstem Leben.

 

Dieser Roman gibt damit doch eines richtig wieder von dem, was auch die biblischen Texte über Jesus aufscheinen lassen: Dieser Jesus ist ein besonderer Mensch, vielleicht sogar mehr als das. Oder mit einer Formulierung des Romanhelden über das Video: „Was immer darin zu sehen ist, es verändert einen Menschen für immer.“


„Er verändert einen Menschen für immer“ – das hätten auch Jesu Jünger über ihren Weg und ihre Geschichte mit Jesus sagen können. Er hatte sie von Anfang an fasziniert. Er hatte sie gerufen. Und sie waren wohl ohne weiteres gefolgt. Wirklich mit eigenen Augen sehen und wissen können, was da mit Jesus und durch Jesus an anderen Menschen geschieht. Einer, der viel von all dem erlebt hatte, war Petrus. Er hat alles mitgesehen und gehört: Jesu Worte, ihre Wirkung auf sich selbst, aber auch auf andere. Wie er Menschen in einer schwierigen Zeit neuen Mut gab. Wie Jesus trotz allen Leides, das es gab, von Gott als dem Vater sprechen konnte, dessen Herrschaft nun bald anbreche. Auch, wie es zum Konflikt gekommen war mit den religiösen Autoritäten. Und dann wird im Matthäusevangelium das Geschehen berichtet, von dem wir schon in der Evangeliumslesung gehört haben:


„Da kam Jesus in die Gegend von Cäsarea Philippi und fragte seine Jünger und sprach: Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei?
Sie sprachen: Einige sagen, du seist Johannes der Täufer, andere, du seist Elia, wieder andere, du seist Jeremia oder einer der Propheten.“
Die Jünger geben also das wieder, was sie von anderen gehört haben. Allen Antworten ist gemeinsam: dieser Jesus ist etwas Besonderes. Er gehört in die Reihe derer, die in besonderer Beziehung zu Gott stehen und die öfters in der Geschichte Israels aufgetreten sind. Die Zeiten sind hart, von der Gegenwart ist nichts zu erhoffen – aber in diesem Jesus, da ist einer der alten Gottesmänner wieder aufgetreten. Mit einem eigenen Urteil halten die Jünger sich zurück, bleiben im Ungefähren.


Vielleicht hakt Jesus auch deshalb nach:


„Wer sagt denn ihr, daß ich sei?


Da antwortete Simon Petrus und sprach: Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!“


Das, was Petrus hier sagt, ist ein sehr persönliches Bekenntnis, gar nicht viel anders, als die Texte, mit denen ihr euch letzte Woche vorgestellt habt. Petrus sagt nicht, was man meinen könnte oder was andere sagen. Er spricht von der Bedeutung, die Jesus für ihn hat. Er hatte auf dem Weg mit Jesus Vertrauen zu ihm gefasst. Seine Seele, das, was ihn innerlich bewegte und ausmachte, diese Seele war stark und freudig geworden – durch Ihn und nur durch Ihn. Und er hatte immer wieder gesehen, wie das auch an anderen Seelen und Herzen geschehen war. Als da diese Frage von Jesus gestellt wurde, da brach es aus ihm heraus: Du bist nicht Elia oder einer der anderen Gottesmänner, auch nicht Johannes, du bist der Christus, der Retter und Erlöser. Darin, wie Jesus mit Gott als seinem Vater redet, wie er sich jeder Seele annimmt, frei von allen Zwängen, darin erkennt Petrus: Du bist für mein Leben die Offenbarung Gottes. In dir nimmt sich Gott meiner ganz an. So wie ich bin: vor aller Leistung, allem Tun und allem, was die Leute über mich sagen mögen. In gewisser Weise war es die Konfirmation des Petrus.


Und so folgt dem Bekenntnis zugleich eine Verheißung, eine Segenszusage:


„Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Selig bist du, Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel.“
Jesus preist Petrus als selig. Er bestätigt noch einmal das, was Petrus soeben ausgesprochen hat. Er nennt ihn beim Namen: Simon, Jonas Sohn. Ich kenne dich so, wie du angelegt bist, wie du sein sollst, und ebenso schätze und liebe ich dich. Darin wird Petrus denn auch zum Fels, wie es im Text weiter heißt, darin, dass ihm aufgegangen ist, was Wort und Geschichte Jesu ihm im Leben an Leben gegeben haben und noch geben werden. Und Jesus sagt ihm zugleich: das, was du erkannt hast, ist kein Menschenwerk, es ist ein Geschenk meines Vaters im Himmel.


Aber: Ist es mit Petrus nicht auch anders weitergegangen? Hat er nicht Jesus verleugnet, als es wirklich auf etwas ankam? Gewiss, auch für Petrus ging das Leben nicht ohne Brüche und Krisen weiter. So wie das auch für euch sein wird nach eurem Bekenntnis und eurer Einsegnung heute. Die schlimmste war sicher jener Moment, in dem der Hahn dreimal krähte. Dennoch galt für Petrus: „Was er gesehen hatte, das veränderte sein Leben für immer.“ Jene Seligpreisung, mit der Jesus auf sein Zeugnis geantwortet hat, auch sie ist geblieben.


Aber weiter: das ist das Erleben des Petrus, vor mehr als 2000 Jahren, was geht es uns an? Und wir haben kein Video, dass uns etwas von Jesus zeigen kann. Petrus mag er das bedeutet haben, aber uns? Es ist doch bloß Vergangenheit. Doch das mag für Dinge gelten, für Menschen gilt es nicht. Geist, Seele und Herz – sie haben an Raum und Zeit keine Grenzen. Leben entzündet sich an anderem Leben, auch an vermeintlich vergangenem, das plötzlich gegenwärtig wird. Und so hat denn Jesu Wort und Geschichte immer wieder auf Menschen gewirkt, die ihn nie mit Augen gesehen haben: zuerst zu Pfingsten, dann immer wieder in der Geschichte bis heute an diesem Tag eurer Konfirmation. An Jesus hat sich immer wieder Leben entzündet, Leben in dem Vertrauen darauf, dass ich vor Gott ganz angenommen bin. Und das an Jesus, weil ich an ihm genau das sehen kann: wie jemand ganz aus und in Gott lebt, über alles Scheitern und den Tod hinaus. Wir sprechen dieses Vertrauen aus, wenn wir Gott unseren Vater nennen. Dieser Gott ist für uns überall da, wo wir von Jesus hören, in seinem Wort, seiner Geschichte und seiner Gegenwart durch alle Zeiten hindurch. Er ist da, er tröstet und stärkt uns und fragt uns zugleich immer neu: „Wer denkst Du, dass ich bin?“



Amen.