(Predigttext: Offb. 21, 1-7)


1 Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr.

2 Und ich sah die Heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.

3 Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein;

4 und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.

5 Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! 6 Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.

7 Wer überwindet, der wird dies ererben, und ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein.



Liebe Gemeinde!


Träumen, so sagt man, legen die Sehnsüchte der Seele offen. Ich meine nicht unbedingt die wirren Träume, die einen nachts nicht schlafen lassen. Sondern ich meine die Träume und die Bilder, die einen nicht loslassen. Die Träume und Bilder, die die Hoffnung offenhalten, dass diese Welt einmal verändert wird, dass nicht immer nur der Stärkere Recht behält, dass nicht immer die rohe Gewalt sich durchsetzt, dass nicht der Tod immer das letzte Wort hart.


Von solchen Träumen lebt diese Welt. Vielleicht am Bekanntesten ist da die berühmte Rede von Martin Luther King von 1963 „I have a dream“. Und er träumte darin nicht für sich, wohl aber für seine Kinder, von einem Amerika, in dem die Volksgruppen und Rassen friedlich neben- und miteinander leben, in der nicht Kriterien von Hautfarbe, von Herkunft, von finanziellen Möglichkeiten das Leben der Menschen bestimmen. Manches hat er mit diesem Traum in Bewegung gesetzt, viele der gesetzlichen Diskriminierungen fielen, aber nicht alles hat sich realisieren lassen – und könnte aus unserem Land auch manches Beunruhigendes dazu berichten.


Aber dennoch, solche Träume könnten uns selbst und damit die Welt verändern, oft erst unscheinbar. Aber sind sie erst einmal geträumt und ausgesprochen, können sie nicht mehr weggesperrt oder totgeschwiegen werden. Und so brauchen wir Menschen Träume. Träume gegen den Tod, die Zerrissenheit, auch das Zerbrechen manch unserer Lebensplanungen und Lebenswünsche.


So träumt auch der Seher Johannes von einem neuen Himmel und einer neuen Erde. Er träumt davon, dass das Zerbrochene und Verletzte ganz und heil wird. Er träumt auf einer Insel im Exil gegen die harten Realitäten seiner Welt, gegen Macht, gegen Gewalt und Tod. In manchem war sein Traum erfolgreich. Seine Religion, das Christentum konnte die Welt in den folgenden 250 Jahren friedlich erobern, ganz ohne Gewalt, nur die Macht der Liebe und des Wortes, des Traums, dass vor Gott alle und jeder zählt. Ebenso wissen wir aber, wie auch dieser Traum sich manchmal in einen Alptraum verwandeln konnte, wie auch im Namen des Glaubens Menschen getötet, gefoltert, für wertlos erachtete wurden.


Und doch leben wir von diesen Träumen. Gerade an einem Tag des Gedenkens an unsere Verstorbenen. Wir legen unsere Trauer, unseren Schmerz bei Gott ab. Und hoffen, dass unsere Verstorbenen bei Gott aufgehoben, bewahrt und erinnert sind. Wir bitten darum, dass auch wir trotz des Verlustes weiterleben können, nicht uns in unserer Trauer verkriechen, sondern diese Erde und dieses Leben weiter als gut – so wie wir es in den Schöpfungsberichten – erleben und annehmen können.


Aber wir wissen sehr genau: jeder Abschied, nicht nur der des Todes, sondern ebenso vielleicht auch von Plänen und Vorstellungen für unser eigenes Leben, stellt uns – wenn wir ehrlich zu uns sind – in Frage, zeigt uns manchmal erschreckend, auf welch dünnem Eis wir uns oft bewegen. Wenn wir nicht zynisch, nicht nur abgebrüht werden wollen, brauchen wir die Träume von Gottes Ewigkeit, in der wir aufgehoben und geborgen sind, gerade wenn unsere eigenen Träume zerplatzen. Wir sehen uns nach Gewissheit, fragen, ob es denn auch wahr ist, was wir an Trost und Verheißung hören.


Woher kommt dann diese Gewissheit, dass wirklich alles verwandelt wird, das die Welt neu werden wird, auch für mich?


Für mich verbindet sich diese Frage mit einer Geschichte und einem Bild. Radikal wie kein anderer hat Hiob diese Fragen nach den Ursachen des Leids und dem Wunsch nach Gewissheit durchlebt und durchlitten. Der Maler March Chagall hat dazu ein wunderbares Bild gemalt, das ihr in den Händen haltet. Es heißt „Der betende Hiob“. Es zeugt für mich beides: die harte Realität, mit der Hiob ringt: der Verlust seiner Familie, seines Besitzes, seiner Gesundheit. Sein Ringen mit Gott nach dem großen Warum? Beindruckend ist sein Ringen, sein Streit mit Gott. Ebenso beeindruckend, wie das Hiobbuch all unsere geläufigen Fragen nach dem Grund des Leides wegwischt. Nein, das Leid ist keine Strafe für eine Untat oder eine Sünde des Menschen – wie manche Fanatiker in den USA ja noch heute meinen, die Anschläge des 11.9. seien eine Strafe für die vermeintliche Gottlosigkeit der amerikanischen Gesellschaft gewesen. Und nein, das Leiden soll den Menschen auch nicht prüfen und erziehen – so können wir uns das vielleicht zu Recht legen, aber durch das Leid hindurch trägt es uns nicht. Hiob muss vielmehr zu der Erkenntnis gelangen, dass er den Sinn des Leidens auch in Gott nicht zu ergründen mag, dass es ein tiefes Geheimnis bleibt. Er kann sich nur darin fügen, Gott nicht nur dem Guten und Schönen des Lebens erkennen, sondern ihn ebenso im Schmerz, im Leid, in der tiefsten innere Zerrissenheit erleiden.


Aber das kann er nicht aus sich selbst heraus. Zunächst sind da sein Leid und sein Schmerz. Da ist die harte Realität dieses Lebens. Man erkennt sie schon an seinen Gesichtszügen. Das große Gesicht eines älteren Mannes, von Falten zerfurcht. Ein langer Bart, der Mund ist geöffnet. Atmet er, seufzt er, ruft er etwas hinaus. Wenn ja, dann tut er es zunächst in Dunkle und Düstere hinein. Man sieht zwar diesen weißen Engel. Aber von Hiob ist er wie durch ein schwarzes Loch getrennt, ein finsterer Graben, den man nur schwer, vielleicht gar nicht, überwinden kann. Das grelle Grün, mit dem Hiobs Gesicht dargestellt ist, ist wohl nicht einfach das übliche Grün der Hoffnung. Hier steigert es in seinem Kontrast das Dunkle noch. Es ist nicht das wohltuende Grün der Natur. Es wirkt eher unruhig, dynamisch wie dramatisch, den Fragen und der Verzweiflung des Hiob angemessen.


Hiob scheint zu beten, jedenfalls deutet seine Haltung darauf hin. Hände und Arme sind nach oben hin geöffnet, so wie es der jüdischen Gebetshaltung entspricht. Möglich, dass der Mund gerade Worte formuliert. Vielleicht eine Bitte, ein Klage oder auch einfach nur ein: Warum?


Allerdings scheint der Blick Hiobs ins Leere zu laufen, als ob ihm das Gegenüber, der Adressat seines Gebetes abhandengekommen ist. Man sieht den weißen Engel, der sich auf Hiob zubewegt. Aber sie scheinen sich nicht zu treffen. Hiob aber redet weiter, als wollte er nicht von Gott lassen, auch wenn er jetzt gerade nicht zu ihm finden kann…


Ich finde dieses Bild eben deshalb so treffend. Es verbindet das Diesseits mit seinen Anfechtungen mit dem Traum, der Hoffnung, dass Gott auch im Leid und der Anfechtung auf uns zukommt, auch dann, wenn unsere Blicke sich nicht zu treffen scheinen. Hiob öffnet dennoch seinen Mund. Und genau das bedeutet für mich der Glaube. Er heiligt nicht einfach das Diesseits mit seinen Gesetzen und Realitäten, aber ebenso wenig blendet er sie aus oder vertröstet auf das, was da kommt. Denn das wäre ein billiger, ein zu einfacher Trost, das wäre dann vielleicht wirklich nur das Spiegelbild meiner eigenen Wünsche, nicht mehr als mein Ich in Gott hinein projiziert, wie es die Religionskritik des 19. Jahrhunderts nicht immer zu Unrecht dem Glauben vorgehalten hat. Nein, hier wird Diesseits mit jenem Traum von einer neuen, einer anderen Welt verbunden, die ins Gestalt Engels auch auf diesem Bild schon gegenwärtig ist. Das Gegenüber, der weiß Engel Gottes ist da, auch wenn er den Blicken entzogen zu sein scheint.


Für Hiob ist das kein einfacher Weg. Er muss erkennen, dass er das Leid nicht verstehen, sondern nur bestehen kann. Sein Verstehen führt ihn an eine Grenze, die er nur staunend und ehrfürchtig nicht überschreiten kann. Gott ist ihm ebenso gnädiges Gegenüber wie verborgenes Geheimnis. Diese Spannung kann er nicht restlos verstehen oder erklären. Er kann in ihr nur bestehen, indem er seine Klagen, seine Hoffnung Gott entgegenbetet. Ein trotziges, mal verzweifeltes, mal hoffnungsvolles „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“ kommt ihm dabei auch über die Lippen. Er hofft und träumt gegen den Tod. Und eben deshalb ist sein Tiefpunkt nicht sein Ende. Hiob ist nicht nur die vom Schicksal geschlagene Person, sondern auch der, der schließlich ins Leben zurückkehrt – obwohl das nicht zu träumen gewagt hätte.


Nicht die Antworten auf das Warum, sondern sein auch in der Klage offen bleiben für Gottes Wort, sein Träumen über seine Leid hinaus, lassen ihn schließlich mitten im Dunkel jenen Engel sehen. Nicht, dass alles auf einmal hell wird. Auch der Hiob, der ins Leben zurückkehrt, bleibt ein gezeichneter Mensch. Aber neben dem Dunkel kann er jenen Engel sehen: hell und klar und mit ausgebreiteten Armen.


Hiob sagt: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“ Und hält so an seinem Leben und seinem Traum von Gottes neuer Welt fest, auch wenn der Engel immer wieder aus dem Blick gerät. Auch das ist ein Gegen das Leid An-träumen und Glauben. Ich mag meinen Weg jetzt nicht vor mir sehen und ich verstehe Gott nicht, aber ich möchte glauben, dass es wieder einen Weg und einen Gott für mich gibt. Ich weiß, dass auch meine Zeit endlich ist, dass mein Leben vergeht. Aber auch wenn meine Zeit endlich ist, es wird eine neue Zeit geboren und die mündet ein in Gottes Ewigkeit. Denn: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“ Als Christen glauben und hoffen und träumen wir, dass es in Jesus schon auf dieser Welt ist, dass wir ewiges Leben auch mitten im Leben erfahren können, ein Vorgeschmack auf Gottes Ewigkeit, zu der wir gehören. Dann, wenn dieser Traum Wirklichkeit wird. So wie Johannes es in seinem Traum beschrieb:


„Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; 4 und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“



Amen.