(Predigttext: Jeremia 23, 5-8)


5 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, DASS ICH DEM DAVID EINEN GERECHTEN Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird.

6 Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: »Der HERR ist unsere Gerechtigkeit«.

7 Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der HERR, dass man nicht mehr sagen wird: »So wahr der HERR lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!«,

8 sondern: »So wahr der HERR lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel heraufgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.« Und sie sollen in ihrem Lande wohnen.



Liebe Gemeinde,


wieder ist es Advent geworden. Mitten in die Betriebsamkeit zum Jahresende können wir hier die erste Kerze am Adventskranz entzünden. Das soll uns helfen, uns in allen Herausforderungen auf den zu konzentrieren, der im Advent zu uns kommt. Auch die frohen, hoffnungsvollen Lieder können wir wieder mit voller Stimme und fröhlichem Herzen singen: Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit. Manche Sorge des Alltags kann für einen Moment jedenfalls bei Seite treten. Gewiss, nur für einen Moment, aber die bohrenden Fragen, die uns auf die eine oder andere Weise beschäftigen, die erscheinen dann vielleicht in einem anderen Licht. Fragen wie diese: Wie soll es weitergehen? Da sieht man vielleicht Probleme in der Familie, Sprachlosigkeit zwischen den Generationen oder handfeste Meinungsverschiedenheiten, für die einfach keine Lösung in Sicht ist. Oder man denkt an den Arbeitsplatz, fragt sich, wie lange die wirtschaftliche Erholung wohl andauern wird und wie sicher der eigene Job wirklich ist. Man merkt, wie die Anforderungen von Jahr zu Jahr steigen und wie er immer mehr das Gefühl hat, getrieben, gehetzt zu sein, unter Dauerdruck zu stehen. Welche Perspektiven bietet das Leben in so einer Situation – beruflich und privat? Wo zeigen sich Wege, die neues Leben erhoffen lassen? Advent wischt das nicht beiseite, sondern lässt eine neue Perspektive, eine neue Blickrichtung aufscheinen.


Das gilt auch mit Blick auf unseren Predigttext aus dem Buch Jeremia. Mit unseren landläufigen Vorstellungen von der Adventszeit mit besinnlichen Lieder, wohlriechenden Lebkuchen, kinderfroher Weihnachtsbäckerei hat er freilich kaum etwas zu tun. Eigentlich ist dieser Text eher ein Störenfried solch adventlicher Behaglichkeit. Denn er führt in ein weithin zerstörtes Land, er offenbart enttäuschte Hoffnungen und Visionen, er zeigt Menschen, die eigentlich am Ende sind. Ihr Land ist zerstört, viele sind weggeführt und ihr Gott, der Gott Israels, hat sich im Kampf der Weltanschauungen, im Zusammenprall der Kulturen ideell wie militärisch als der schwächere erwiesen. Es sind die Götter Babylons, Baal und Marduk und wie sie alle heißen, die den Sieg davongetragen haben. Jedenfalls haben ihre Armeen die Israeliten besiegt, Jerusalem zerstört, die Führungsschicht deportiert.


Wie soll es weitergehen? Das war eine bohrende Frage jenseits aller Wohlstandssorgen, sie hatte wahrhaft existentiellen Gehalt. Und in diese Hoffnungslosigkeit hört der Prophet Jeremia oder einer seiner Schüler jene Worte des Gottes Israels, die uns heute als Predigttext begleiten.


Wir befinden uns mit diesen Worten in den 580-er Jahren vor Christus. Die Elite des israelitischen Volkes ist in die Verbannung nach Babylon abgeführt worden. Der im Land zurückgebliebene Teil der Bevölkerung hat zwar einen König namens Zedekia (zu Deutsch: Gott ist gerecht), aber der ist schwach und eine Marionette der mächtigen Babylonier. Das Volk kann seine Angelegenheiten nicht selbst bestimmen, alle wichtigen Entscheidungen werden in Babylon getroffen. Ein Ende dieses Zustandes ist nicht abzusehen.


Da verkündet nun Jeremia, dass Gott aus der alten Königsfamilie Davids einen neuen, wirklichen Herrscher erstehen lassen wird, einen König, der nicht nur „gerecht“ heißt, sondern wirklich gerecht ist. Sogar die schon lange bestehende Trennung des Landes in ein Nordreich und ein Südreich wird aufgehoben werden.

 

Soll man dem das glauben? Diesem Jeremia, der zuvor ebenfalls im Namen Gottes so viel Unheil verheißenhatte, wenn man sich nicht dem babylonischen Herrscher Nebukadnezar unterwerfen würde? Gut, er hatteRecht behalten. Aber woher sollte denn nun die politische und religiöse Erneuerung kommen?
Zu seiner Zeit hat Jeremia wohl wenig Glauben gefunden. Die Herrschaft der Babylonier wurde zwar nach  wenigen Jahrzehnten durch die Perser abgelöst, die Verbannten konnten zurückkehren und der Tempel in Jerusalem konnte wiederaufgebaut werden. Aber eine politische Unabhängigkeit hat das Volk bis zur Gründung des modernen säkularen Staates Israel nicht erlebt, und einen religiösen Neuanfang hat es auch nur begrenzt gegeben. So blieb nur übrig, die von Jeremia geweckte Hoffnung auf das Ende der Geschichte zu verschieben, auf das Kommen eines Messias, eines Erlösers am Ende der Zeit.


Die Lage war also verzweifelt. Aber der Glaube des Jeremia bindet sich gerade nicht an die Verzweiflung, sondern setzt auf die Hoffnung, die er in den Bildern dieses neuen Königs ausdrückt. Diese Bilder und Hoffnungen haben die Zeiten überdauert, sind lebendig geblieben, anders als die Taten und Werke eine Nebukadnezar oder eines Zedekia. Jeremia bleibt nicht in der Hoffnungslosigkeit hängen, sondern er richtet sich vielmehr aus auf ein Gutes, das außen vorhanden ist, jenseits der eigenen Reichweite und des eigenen Könnens.


Was diese – im Vergleich zu den weihnachtlichen Prophezeiungen vom Friedenfürsten – eher blassen, eher wagen und vorsichtigen Hoffnungsworte offensichtlich so glaubhaft gemacht hat, dass sie aufgeschrieben, bewahrt und überliefert wurden, war wohl dies. Es ging ihnen nicht um einen bloßen Sprung aus der Realität in eine nur gedachte Traum- und Gegenwelt. Diese Worte der Hoffnung wollten nicht Ängste bändigen und Schmerz nicht spürbar machen. Sie wollten nicht einfach auf die Erfüllung eigener Wünsche und Vorstellungen warten. Sie wollten vielmehr helfen, die Unsicherheit, das Nichtwissen, das Verschlossensein der Zukunft zu ertragen und auszuhalten. Sie wollen den Glauben und das Vertrauen wecken, dass es jenseits aller destruktiven Kräfte, jenseits aller Angst, jenseits all dessen, was ich nicht zusammenbringen kann, einen guten, einen liebenden, einen barmherzigen Gott gibt, der immer neu auf mich zukommt und auf mich zugeht. Kein starker, kein kämpfender, kein allmächtiger, sondern ein schwacher, ein mitleidender, ein
barmherziger Gott. Einer der Mensch werden wird, schwach, verletzlich, den Gewalten ausgeliefert wie das Kind in der Krippe und der Mann am Kreuz – und gerade darin den Mächten dieser Welt überlegen.


Diesen Erlöser hat man sich auch als einen König vorgestellt, der den alten Glanz des Davidreiches in neuer Form wieder herbeiführen würde. Auf den warten die gläubigen Juden bis heute. Dann hätte also die Weissagung des Jeremia nichts mit unserer Adventsfeier zu tun? – Doch! Der rote Faden seiner Worte besteht darin, dass Gott sein Volk nicht im Stich lässt, wie trübe seine Stimmung auch sein mag, damals vor 2600 Jahren oder heute.


Gewiss, es hat sich sehr viel verändert seit der Zeit des Jeremia. Jesus ist zwar der Gerechte, aber ein königlicher Herrscher war er nicht und wollte er nicht sein. Er war im Gegenteil einer, der um unserer Erlösung willen die Hinrichtung durch die römische Besatzungsmacht auf sich nahm – ein wenig
vergleichbar mit Jeremia, der wegen seiner unpopulären Predigt wohl ebenfalls einen gewaltsamen Tod erlitten hat.


Jesu Ankunft in dieser Welt durch seine Geburt hängt ganz eng zusammen mit seiner Ankunft in Jerusalem am Ende seines Lebens, wo das Kreuz auf ihn wartete. Daran hat uns vorhin das Evangelium dieses Adventssonntags erinnert.


Trotzdem können wir eines von Jeremia lernen: dass dies alles nicht bloß Vergangenheit ist, sondern uns heute angeht. In seiner Weissagung heißt es: „Es wird die Zeit kommen, da man in Israel nicht mehr sagen wird: »So wahr der Herr lebt, der die Kinder Israels aus Ägypten geführt hat«, sondern: »So wahr der Herr lebt, der die Kinder Israels aus Babylon heimgeführt hat«. Ein bisschen überspitzt! Denn natürlich bleibt die Herausführung aus Ägypten ein entscheidender Punkt für jeden Juden. Aber dass der Herr lebt und weiter die Welt regiert, darauf kommt es an.


Christlich ist das wiederum ein wenig anders, aber mit ähnlicher Grundtendenz. Ägypten und Babylon betreffen uns nicht mehr. Dafür gilt: »So wahr der Herr lebt«, hat er Christus in die Welt gesandt. Das ist für uns das zentrale Ereignis der Vergangenheit. Dazu gehört aber nun untrennbar auch, dass er nicht in der Vergangenheit, sondern ebenso der Gegenwart zu uns kommt. So besingen wir es mit unseren Liedern im Advent: „Komm o mein Heiland Jesu Christ, mein Herzenstür dir offen ist.“ Advent – bekanntlich ja eine Buß- und Vorbereitungszeiten des Kirchenjahres – bewegt sich in dieser Spannung zwischen Warten und Kommen. Es ist die Spannung unseres Lebens, die sich darin wiederspiegelt.

 

Zu den Texten, die mir im Advent gerade in diesem Wiederspiel besonders wichtig sind, gehört ein Brief, den Dietrich Bonhoeffer aus dem Gefängnis im November 1943 an seine Verlobte Maria von Wedemeyer geschrieben hat. Darin schreibt er: „Wenn Du den Brief kriegst“, so schreibt er seiner Verlobten Maria von Wedemeyer, „ist wohl schon der Advent da, eine Zeit, die ich besonders liebe.“ Dann fügt er hinzu: „Weißt Du, so eine Gefängniszelle, in der man wacht, hofft, (…) und in der man ganz darauf angewiesen ist, dass die Tür der Befreiung von außen aufgetan wird, ist gar kein schlechtes Bild für den Advent.“ 

 

Dieser Brief zeigt einen hoffenden, zweifelnden und immer wieder vertrauenden Bonhoeffer, der um Halt und Fassung ringt, für sich und andere. Er tröstet und sucht Trost, Ernstes steht neben scheinbar belanglos Alltäglichem. So versucht er wenige Zeilen später die Gutsbesitzertochter Maria davon zu überzeugen, dass er wohl niemals, wie von ihr erhofft, ein guter Jäger in den Wäldern ihrer ostbrandenburgischen Heimat werden wird: „Ich glaube also, eure Rehböcke werden auch künftig von mir nichts zu befürchten haben“ Ob im Gefängnis oder in Freiheit, kaum eine Zeit kennt dieses merkwürdige Nebeneinander von Alltäglichkeit und tiefer Nachdenklichkeit besser als die Adventszeit. Advent ist Vorbereitungszeit, nicht nur für das große Fest. Wir brauchen dazu übrigens nicht notwendig kalte Temperaturen, heißen Glühwein und duftendes Tannengrün. Wer wie wir Advent und Weihnachten im südafrikanischen Sommer feiert, merkt schnell, dass es daran nicht hängt. Fast denke ich, wir können so ein wenig unabgelenkter Advent und
Weihnachten begehen, ohne damit es etwas gegen Glühwein und Lebkuchen und Schneegestöber sagen zu wollen.


Die Tür der Befreiung wird von außen aufgetan – auch unter anderen Umständen als denen Bonhoeffers ist das kein schlechtes Bild für den Advent. Wir sind befreit zu der Bestimmung, die Gott unserem Leben schenkt, befreit, um wirklich als Gottes Kinder zu leben, befreit, nicht nur zu uns selbst, sondern ebenso zu den Menschen um uns herum. Ohne Angst haben zu müssen, dass Sehnsucht, Schmerz und Verletzlichkeit ausgenutzt werden.
So kommt Gott zu uns, still, unscheinbar, verletzlich. Um bei uns zu wohnen, bei uns zu bleiben und uns zu tragen, gerade da, wo wir selbst empfindsam, sehnsüchtig und verletzlich sind. Es fällt oft schwer, dies zuzulassen und uns einzugestehen. Wir leben alles in allem nicht schlecht in unserem Land, wir kommen über die Runden, kümmern uns um möglichst gute Schulen für unsere Kinder, leisten uns eine möglichst gute Krankenversicherung und versuchen, unsere Häuer so gut wie möglich zu schützen. Wo der südafrikanische Staat versagt, sichern wir uns ab so gut es eben geht. An Armut und Not um uns herum, an die Gewalt und Kriminalität haben wir uns irgendwie gewohnt, versuchen irgendwie damit zu leben. Bis es uns dann plötzlich uns selbst oder Menschen, die wir kennen, ganz nahekommt. Mal sind wir hoffnungsfroh mit Blick auf die Zukunft, mal sehen wir keine Perspektive mehr.


Gott kommt zu uns. Genau in diese Zerrissenheit, in diese Widersprüche, in das Schwanken zwischen Resignation und Hoffnung, mitten hinein in Schmerz wie in Sehnsucht. Vielleicht ist es genau das, was Bonhoeffer im Advent 1943 seiner Maria schreibt: „Ich glaube, wir gehen einem besonders schönen Weihnachten entgegen. Gerade weil sich alles äußere Sorgen diesmal von selbst verbietet, wird es sich herausstellen, ob wir am Wesentlichen allein genug haben. Ich habe früher furchtbar gern Geschenke gemacht und besorgt; aber wo wir nun nichts mehr zu schenken haben, strahlt das Geschenk, das Gott uns in der Geburt Christi gemacht hat, umso heller; (…) je dürftiger unsere Beherbergung ist, desto besser verstehen wir, dass unser Herz Christi Herberge auf Erden sein soll.“



Amen.