(Predigttext Lk 1, 26-33)


26 Und im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth,

27 zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hieß Maria.

28 Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir!

29 Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das?

30 Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria! Du hast Gnade bei Gott gefunden.

31 Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben.

32 Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben,

33 und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben


Liebe Gemeinde!


Heute, am 4. Advent, also wieder Maria. Dabei hat man als Protestant ja so seine liebe Not mit Maria oder genauer mit der Marienverehrung. Martin Luther, der Reformator unserer Kirche, hat denn auch die Marienverehrung scharf kritisiert. Der Glaube sollte sich ganz auf Jesus Christus, den Menschen Gottes, und allein auf ihn richten. Deshalb ist Maria in den evangelischen Kirchen weithin verschwunden – sieht man einmal von zahlreichen, oft aber eben noch aus der katholischen Zeit stammenden Kunstwerken in unseren evangelischen Kirchen ab.


Dennoch spielt Maria auch für uns Evangelische eine wichtige Rolle. Deshalb ist ihr berühmter Lobgesang etwa das Evangelium und zugleich der Predigttext für diesen 4. Advent. Und zu Weihnachten steht sie als Mutter des Kindes natürlich schon irgendwie im Mittelpunkt. Denn zur Menschwerdung Gottes gehören eben auch die Mühen der Geburt in einer ziemlich ärmlichen, ziemlich düsteren Situation – so ganz ohne Kerzenschimmer und Lametta. Dieses Kind und seine Eltern befinden sich in einer äußert – gelinde gesagt – prekären Situation. Eine Geburt unterwegs, in ärmlichsten Verhältnissen, bald dann auch wieder verfolgt und auf der Flucht. Das kann einem schon das Fürchten lernen.


Prekär freilich sind auch die Verhältnisse schon längst vor der Geburt. Denn dieses Kind wird – so deuten des jedenfalls die Evangelien – nicht nur irgendwie besonders, sondern ganz und gar einzigartig sein. Es ist Gottes Kind, Gottes Sohn. Die biblische Tradition und mehr noch die kirchliche hat deshalb von Jungfrauengeburt gesprochen – und auch unser Glaubensbekenntnis drückt das noch aus: geboren von der Jungfrau Maria. Wie immer es sich damit verhalten mag, das war für Maria klar, dass dieses Kind von Gott kommt.
Das drückt sich auch in ihrem berühmten Lobgesang aus, den wir als Evangelium gehört haben. „Meine Seele erhebt den Herrn und mein Geist freut sich Gottes meines Heilands. Denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder.“ - Mit diesem Loblied antwortet Maria auf die Botschaft des Engels Gabriel, sie werde ein ganz besonders Kind bekommen – manche von uns kennen und lieben diese Antwort auch und gerade in der vertonten Fassung von Johann Sebastian Bach.
Aber nicht sofort bricht das Lob Gottes in ihrem Herzen durch. Maria braucht Zeit das Gehörte zu verarbeiten und für sich anzunehmen. Sie braucht die Begegnung mit Elisabeth, das Gespräch mit einer Vertrauten, um zu verstehen, welche Verheißung der Engel Gabriel ihr gebracht hat. Gottes Heil will in einem Menschen zur Welt kommen. Und er hat sie, das junge, unbedeutende Mädchen auch Nazareth ausgewählt, um dieses Heil zur Welt zu bringen. Gott wird Mensch, uns Menschen zu Gute. Wer soll das fassen können?


Die Begegnung mit jenem Engel Gabriel war denn auch höchst bemerkenswert. Auf dem Bild, das ihr mit dem Abkündigungszettel erhalten hat. Ist diese Begegnung in einer kunstgeschichtlich ziemlich einmaligen Perspektive dargestellt. Das Bild heißt „Madonna der Verkündigung“ und stammt aus dem Jahr 1475. Gemalt wurde es von Antonello das Messina. Es ist deshalb ungewöhnlich, weil es die übliche Art der Darstellung durchbricht. Ja, man könnte es schlicht für das Porträt einer jungen, etwas nachdenklich-überraschten Frau halten, wüsste man nicht durch den Titel, das zu dem Geschehen noch ein anderer, nämlich der Engel gehört. Der Engel bleibt hier unsichtbar, ohne das der Künstler damit auf ihn verzichtet. Es ist zunächst die vorsichtig abwehrende Geste der rechten Hand Marias, die verrät: hier ist noch jemand im Raum. Und dann ist da dieser Blick. Sie schaut auf von dem Buch, in dem sie noch eben gelesen hat. Am Betrachter vorbei schaut sie auf etwas bzw. jemanden anderes. In vielen anderen Darstellungen dieser Begegnung wird ein wehender Wind gezeigt, der auf die himmlischen Mächte verweisen sollen. Hier ist es lediglich eine Buchseite in der rechten unteren Ecke, die sich wie von selbst umzublättern scheint. Man denkt unwillkürlich an das leise Säuseln, die Stille, in der Gott nur in einem Säuseln dem müden Elia begegnet. Und auch hier ist die Begegnung eher unspektakulär – und doch wird, die Seite des Buches soll wohl das andeuten – ein neues Kapitel aufgeschlagen, nicht nur im Leben der Maria, sondern für alle Menschen, denen diese Engelsbotschaft gelten soll: Fürchte dich nicht.


Als Betrachter stehen wir gleichsam dazwischen: Maria vor uns, den Engel im Rücken. Und zugleich sind wir mittendrin, gerade weil alles Spektakuläre fehlt. Es ist ein Bild von intimer Nähe. Kunstgeschichtlich ist diese Art der Darstellung am Ende des 15. Jahrhunderts neu. Niemand hatte diese Szene zuvor so dargestellt. Als Betrachter werden wir Zeugen der Verkündigung des Engels und stehen mitten im Geschehen. Wir sind Zeugen von Marias Überraschung, hören die Verheißung des Engels und dann auch jenes Lied, das Maria gleich singen wird.


Maria – auch das soll hier dargestellt werden – sieht plötzlich die Welt mit anderen Augen. Der Himmel ist ihr auf einmal viel näher als die Erde. Fragen tauchen da in ihr auf: Warum eigentlich soll man dieser Welt mehr trauen, als der Welt, die mir in diesem zunächst unscheinbaren, aber doch so gegenwärtigen Engel aufleuchtet? Warum soll ich eigentlich denken, die Mächtigen haben das Heft in der Hand und nichts ändert sich? Setzen sich wirklich nur Härte und Macht und eiserner Willen durch? Warum eigentlich nicht darauf vertrauen, dass Barmherzigkeit die Welt verändert? Und genau das wird sie gleich in Worte fassen und ihr Lied für uns singen: „Meine Seele erhebt den Herrn und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes...“


Der Blick der Maria ist liebevoll, wach, und doch ganz versonnen. Maria schaut nach Innen. Sie ist ganz in das Hören vertieft. Sie lauscht der Botschaft des Engels. Sie lauscht der Stimme Gottes und öffnet ihre Seele für die Stimme des Himmels.


Vielleicht sieht Maria innere Bilder. Ihre Augen scheinen ganz im Betrachten dieser Bilder versunken zu sein. Vielleicht ahnt sie bereits, welche glücklichen aber auch schmerzlichen Erfahrungen sie mit diesem Kind machen wird. Vielleicht denkt sie bereits an all die Schwierigkeiten, die diese Schwangerschaft ihr einbringen wird. Und doch singt sie ihr Lied von der Güte und Barmherzigkeit Gottes.


Der Blick der Maria - er erinnert mich aber auch noch an eine andere Situation aus ihrem Leben. Ich denke an die Begegnung mit den Hirten in der Heiligen Nacht. An die Hirten, die das Kind finden und das Wort ausbreiten, das der Engel auf dem Hirtenfeld zu ihnen über dieses Kind gesagt hat. Da heißt es in der Weihnachtsgeschichte: „Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen“.


Maria beherrscht die Kunst, die Worte Gottes auch aus den menschlichen Worten herauszuhören. Sie hört nicht nur aus den Worten des Engels die Stimme Gottes heraus, sondern auch aus den Worten der Hirten, der Menschen, die ihr begegnen. Sie ist offen für die himmlische Welt, die auch durch ganz irdische Erfahrungen und Begegnungen in unser Leben treten möchte. Sie bewegt die Worte in ihrem Herzen. Sie spürt den Gefühlen nach, die diese Worte in ihr auslösen.


Das werden immer wieder heilsame, aber auch schmerzliche Gefühle gewesen sein. Beides gehört im Leben mit Gott zusammen. Beides hat sie erlebt, auf dem Weg, den sie Jesus als Mutter begleiten durfte: daas Heilsame und auch das Schmerzliche. Nicht nur, dass sie ihren Sohn loslassen, seine eigenen Wegen gehen lassen musste – was Eltern bekanntlich allgemein nicht immer einfach fällt. Und dennoch ist sie ihrem Sohn nahe geblieben, hat ihn bis an Kreuz begleitet.


Wenn man freilich genau hört auf die weihnachtliche Botschaft, die schon die Verkündigung des Gabriel enthält, dann wird vielleicht erklärbar, warum Maria – die Mutter – all das ausgehalten und ertragen hat, was auch an schwerem mit ihrem Kind geschehen sollte. Es sind die drei Worte des Engels: Fürchte dich nicht! Hab keine Angst. Gott ist bei dir. Es sind jene Worte, die dann auch die Engel den Hirten auf dem Felde sagen, Denn auch ihre erste Reaktion ist: Angst, Furcht, Zittern. Und in diese Gefühle hinein, sagt der Engel zu ihnen: Fürchtet euch nicht. Egal, was die Leute von euch halten – und die Hirten rangierten damals ganz unten – ihr sollt die ersten Zeugen der Geburt sein. Und später, da ist Jesus, der diese Worte immer wieder Menschen zuspricht: Fürchte euch nicht, siehe ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. So sagt es der Auferstandene seinen Jüngern.


Als Mutter des Herrn hat sie in der Urgemeinde eine wichtige Rolle eingenommen. Nach ihrer Begegnung mit dem Auferstandenen hat sie den Glauben der Jünger und Apostel in Jerusalem gestärkt. Sie war eine wichtige Seelsorgerin für die Christen und Christinnen der ersten Stunde. Und so kann sie für alle Christen, auch für uns Evangelische, bis heute zu einem Vorbild des Glaubens, des Vertrauens und des Hörens auf Gottes leise Stimme werden.


Auch Luther hat das bei aller berechtigten Kritik am Marienkult so gesehen: „Diese Jungfrau hat einen Glauben, desgleichen in der ganzen Heiligen Schrift nicht ist.“ Denn Maria glaubt dem Engel aufs Worte, ohne alle Beweise: „Was tut sie aber? Sie glaubt, tut die Augen zu, ob wohl all die Vernunft und die Kreaturen dagegen sind; das Herz hängt allein am Wort.“ Maria wird für Luther zum Vorbild. So wie sie das Kind und seine Botschaft sich anverwandelt hat, so sollen auch wir es tun. Es geht nicht dann bei Weihnachten nicht darum, ob die Geschichte sich so oder anders ereignet hat, es geht auch nicht um Beispiele guten Verhaltens, guter Praxis, sondern darum, sich, so drückt Luther es aus, diese Geburt selbst zu eigen zu machen, so dass wir gleichsam selbst in Marien Schoß sitzen.


Nicht ferne Zeiten, sondern wir, unsere Welt, unser Leben, meine Welt, mein Leben sind hier gemeint. Von diesem Kind geht in Freude und Leid ein Schein, ein Licht aus, das unser Leben in ein neues, ein nicht vergängliches Licht stellt. Und wer das an Weihnachten begreift, ein Stück Ewigkeit hier und heute darin erkennt, der kann dann auch – nicht nur zur Weihnachtszeit – in den Lobgesang der Maria mit einstimmen, aber auch unsere Adventslieder miteinstimmen.


Amen.