(Predigttext: Joh 3, 16)


„Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben."


Liebe Gemeinde,

es ist finster, stockfinster an diesem Abend. Ja, dunkle Nacht ist es, als Gott auf die Welt kommt. So müssen wir es uns jedenfalls vorstellen nach dem Bericht, den Lukas uns überliefert. Jesus wird geboren, ganz unspektakulär, sowie jeden Tag Tausende von Kinder geboren werden. Allerdings, Jesus ist ein Flüchtlingskind, nicht aus Aleppo oder Harare, sondern zunächst unter widrigen Umständen unterwegs im eigenen Land. Und dann bald wirklich verfolgt und mit seinen Eltern auf der Flucht nach Ägypten.


Insofern ist die Weihnachtsgeschichte zunächst keine erfreuliche, keine heimelige Geschichte. Sie führt vielmehr erst einmal in das Elend, das Menschen einander bereiten und das die Welt zu allen Zeiten kennzeichnet. Für die Geburt eines Kindes, dazu wünscht man sich bessere, glücklichere Umstände als damals im Stall zu Bethlehem, in dem es am Wichtigsten mangelt. Eigentlich erst einmal also viel Dunkel in dieser Geschichte, von Licht ist wenig zu spüren.


Umso erstaunlicher ist, was mit diesem Kind, das da in ärmlichen Verhältnissen geboren wird, dann verbunden wird, in den bekannten Weihnachtsgeschichten, aber auch in den anderen biblischen Texten. Der Evangelist Johannes, der keine Geburts- und Weihnachtsgeschichten erzählt, hat das auf einen prägnanten Satz gebracht: „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.“ Und denn dann später so gedeutet: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Gott wird Mensch, mitten ins das Elend der Welt und ihre Vergänglichkeit hinein. Denn das macht unsere Welt auch aus: die Gewalt, die Verletzungen, die Wunden und Narben, die wir uns und andere uns zufügen. Nimmt man Weihnachten ernst, dann bedeutet das auch, dass Gott – wenn er wirklich als Fleisch, also als Mensch, unter uns wohnt – auch unser Leid und unseren Schmerz mit uns teilt. Genau dahin kommt Gott, mit seinem Licht, seinem Heil und seinem Versprechen, das kein Leben vor ihm verloren oder wertlos ist, weil Gott jedem Leben ewigen Wert zuspricht. Darin liegt dann in der Tat ein Licht, das auch im Dunkeln scheint – gerade im Dunkel dieser Nacht.


Und dann – auf einmal – wird es hell. Nicht im Stall mit der Krippe, sondern bei den Hirten in der Umgebung: „Euch ist heute der Heiland geboren“, wird ihnen gesagt. Und auf einmal ist Nacht taghell, die Engel singen ihre Lieder und für die Hirten, die eben noch in der Nacht vor sich hindösten, ist alles anders. Sie machen sich auf zum Stall, folgen dem Licht. Denn mit dem, was da geschehen ist – so sagen es ihnen die Engel und so deutet es später auch Johannes – ist Licht in die Welt gekommen.


Die Hirten kommen schließlich zum Stall. Man kann sie sehen, auf dem Bild, das ihr mit dem Abkündigungszettel erhalten habt. Der niederländische Maler Gerrit van Honthorst hat es 1622 gemalt unter dem Titel „Die Anbetung der Hirten“. (Link zum Bild)


Eben noch bei den Hürden und den Schafen, sind sie auf einmal in einer ganz anderen Welt. Konzentriert und andächtig wirken sie. Alle konzentrieren sich auf das Kind. Maria und Josef sind rechts zu sehen. Dem Kind schauen sie direkt in die Augen, ganz versunken in das elterliche Glück, das ihr Kind nun da ist. Jeder, der das eigene Kind das allererste Mal im Arm gehalten und im Bettchen gesehen hat, wird diesen Augenblick nachempfinden können.


Auf der anderen Seite sind drei Hirten. Begeistert sind sie und andächtig zugleich. Der nimmt vor Ehrfurcht den Hut ab, der andere kniet und scheint vor der Krippe zu beten. Der dritte schließlich zeigt mit dem Finger auf dieses Gotteskind, als könnte er es nicht glauben und müsste immer wieder darauf verweisen. Sogar der Ochse, dem man ja die Krippe und das unter dem Kind liegende Heu genommen hat, stört sich nicht mehr daran. Auch er schaut aufs Licht.


Das Licht ist nun die eigentliche Mitte des Bildes. So hell ist gemalt, das es fast auch unsere Kirche mit erleuchtet. Und es spiegelt sich wieder auf den Gesichtern der Anwesenden, ja macht auch ihre Gesichter bis in die kleinsten Züge hell. Sogar der Ochse bekommt etwas davon ab. Und auch wir – als Betrachter des Bildes – werden durch die Perspektive miteinbezogen. Wir sind mittendabei, stehen auch an dieser Krippe, nein, wir knien wohl eher, wie einer der Hirten und überlegen noch, ob wir den Hut abnehmen, die Hände falten oder uns vor Erstaunen noch einmal die Augen reiben müssen. Dabei spüren wir vielleicht schon, wie das Licht auch auf uns fällt, uns erhellt und wohl auch ein klein wenig wärmt. Eigentlich, so geht es mir jedenfalls mit diesem Bild, möchte ich mich diesem Licht jetzt hingeben, mich darauf einlassen, einfach staunen, wundern, wohl auch beten. Ich will alles hinter mir lassen, das Dunkel, das im Hintergrund ja bleibt, die Sorgen, die Pläne, die Vorhaben, an die ich sonst immer denke.


Ein Lieddichter aus derselben Zeit, in der dies Bild entstanden ist, hat das so versucht zu dichten – nachher werden wir es auch singen:


1) Dies ist die Nacht, da mir erschienen
des großen Gottes Freundlichkeit;
das Kind, dem alle Engel dienen,
bringt Licht in meine Dunkelheit,
und dieses Welt- und Himmelslicht
weicht hunderttausend Sonnen nicht.


2) Laß dich erleuchten, meine Seele,
versäume nicht den Gnadenschein;
der Glanz in dieser kleinen Höhle
streckt sich in alle Welt hinein;
er treibet weg der Höllen Macht,
der Sünden und des Kreuzes Nacht.

 

Lass dich erleuchten, meine Seele! Gewissermaßen ist diese Zeile aus dem Lied eine Einladung, sich auf das Licht und den Glanz dieses Kindes einzulassen. Nicht zu versäumen, was der eigentliche Sinn, der eigentliche Gehalt von Weihnachten ist. Weihnachten soll kein Trostpflaster sein für unsere Seele. Aber es soll uns zeigen, dass wir mehr sind, als wir selbst oder die Welt aus uns macht. Dass wir nicht auf unsere Stärken und unsere Schwächen festgelegt sind. Dass wir in einem anderen Licht stehen, von einem anderen Licht leben, das nicht aus uns selbst kommt. Dieses Licht führt viele zusammen. Die Hirten mit ihren uns unbekannten, aber sicher nicht einfachen Biographien. Josef, den stolzen Vater, der noch vor einigen Wochen seine Maria verlassen wollte. Und Maria mit ihrem überschwänglichen Glücksgefühl aber auch der Sorgen darum, wie es denn nun weitergehen soll. Ja, sogar Ochse ist dabei und wir von Josef sogar sanft gestreichelt. Sie alle kommen zum Licht. Und sie kommen mit Staunen, mit Bewunderung, mit Liebe. Die Welt draußen bleibt dunkel und bedrohlich und sie werden wieder hinausmüssen, aber dies Licht verändert dennoch alles. In unserem Lied heißt es:


3) In diesem Lichte kannst du sehen
das Licht der klaren Seligkeit;
wenn Sonne, Mond und Stern vergehen,
vielleicht noch in gar kurzer Zeit,
wird dieses Licht mit seinem Schein
dein Himmel und dein Alles sein.

Das Licht der klaren Seligkeit – Gerrit von Honthorst versucht es zu malen und so zu übersetzen, was Weihnachten heißt: Dass von der Krippe ein Glanz ausgeht, von dem alles erstrahlt und jeder Mensch im Schein dieses Glanzes leuchten kann, seinen Wert und seine Bestimmung erhält. Alles in diesem Bild ist vom Licht beschienen und keiner nimmt dem anderen das Licht. So stehen sie, so stehen wir an dieser Krippe. Wir nähern uns dem Licht und die Schatten fallen hinter uns. Das Licht wird alle begleiten, auch als es dann in die Welt hinausgeht, ins Dunkel. Ja, das Leid, sogar das Kreuz, bleiben dem Licht nicht erspart.


Wenn ich etwas mitnehme von dieser Krippe, von diesem Weihnachten, dann vielleicht dies:
Die Wärme, die mein Herz anrührt uns so viele Verhärtungen löst.
Die Strahlen, die mich hell erscheinen lassen und alle Lasten wirklich in den Schatten stellen.


Vielleicht auch der Glanz, ja, der Glanz ganz gewiss. Denn er macht mein Gesicht hell und freundlich und warm. Er zeigt, wie ich in Gottes Augen eigentlich bin. Denn aus seinem Licht lebe ich.


Und natürlich, das Licht, das möchte ich mitnehmen. Denn es macht nicht nur mich hell. Sondern es zeigt mir auch, wer da gerade neben mir seht und singt und betet. Ich bin ja nicht allein hier, sondern feiere mit anderen Menschen und feiere mit diesem Kind, in dem Gottes Liebe und Gottes Licht mir begegnet. Gottes Weihnachtssonne, die mich ihrer Gunst bestrahlt. Alle Jahre wieder und nicht nur zur Weihnachtszeit. Gar nicht dunkel ist jetzt in dieser Nacht, sondern strahlend hell und war. Denn das Licht ist in die Welt gekommen.
Darum lasst uns beten:


5) Drum, Jesu, schöne Weihnachtssonne,
bestrahle mich mit deiner Gunst;
dein Licht sei meine Weihnachtswonne
und lehre mich die Weihnachtskunst,
wie ich im Lichte wandeln soll
und sei des Weihnachtsglanzes voll.


Amen.