(Predigttext: Jes 30, 8-11. 15-17)


8 So geh nun hin und schreib es vor ihnen nieder auf eine Tafel und zeichne es in ein Buch, dass es bleibe als Zeuge für immer und ewig.

9 Denn sie sind ein ungehorsames Volk und verlogene Kinder, die nicht hören wollen die Weisung des HERRN,

10 sondern sagen zu den Sehern: »Ihr sollt nicht sehen!«, und zu den Schauern: »Was wahr ist, sollt ihr uns nicht schauen! Redet zu uns, was angenehm ist; schaut, was täuscht!

11 Weicht ab vom Wege, geht aus der rechten Bahn! Lasst uns doch in Ruhe mit dem Heiligen Israels!«

15 Denn so spricht Gott der HERR, der Heilige Israels: Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen; durch Stillesein und Vertrauen würdet ihr stark sein. Aber ihr habt nicht gewollt

16 und spracht: »Nein, sondern auf Rossen wollen wir dahinfliegen«, – darum werdet ihr dahinfliehen, »und auf Rennern wollen wir reiten«, – darum werden euch eure Verfolger überrennen.

17 Denn tausend werden fliehen vor eines Einzigen Drohen, ihr alle vor dem Drohen von fünfen, bis ihr übrig bleibt wie ein Mast oben auf einem Berge und wie ein Banner auf einem Hügel.


Liebe Gemeinde,


nun liegt das Weihnachtsfest auch wieder hinter uns. In der Zeit zwischen den Jahren haben wir in den letzten Tagen gelebt, den Tagen als, die noch ganz von der weihnachtlichen Freude geprägt sind, die aber auch schon vorausweisen auf das Kommen eines neuen Jahres. Eine Zeit, in der die Uhren anders gehen. Zwischen den Jahren befinden wir – das Alte ist abgeschlossen, aber noch nicht vergangen, das Neue schon in Sicht, aber noch nicht angebrochen.


Die Zeit zwischen den Jahren beginnt mit dem Heiligen Abend, jener Zeit, in der nicht nur wir Einzelne, sondern die Welt um uns herum zur Ruhe, ihren absoluten Ruhepunkt erreicht. Es ist wirklich eine Festzeit, mit der wir auch unserem Alltag heraustreten und uns mit der Geburt Jesu die göttliche Heilszusage für unser Leben vergegenwärtigen. Nicht, dass damit alles schon hell und heil in unserem Leben wäre. Aber Weihnachten ist doch auch ein Vorgeschmack auf unser künftiges Leben aus und in Gott.


Unter dieser Zusage stehen wir in besonderer Weise auch in den folgenden Tagen. Auch hier scheint der Alltag weithin außer Kraft gesetzt. Viele von uns haben in dieser Zeit frei. Behörden sind nur eingeschränkt erreichbar, die Stadt ist ruhiger und leerer in diesen Tagen. Häufig wird Besuch empfangen und man selbst besucht nach Freunde und Verwandte. Zugleich nehmen wir den Abschluss eines Jahres in den Blick, beginnen Zurückzuschauen, Bilanz zu ziehen. Wieder ist ein Jahr vergangen, und wo ist nur die Zeit geblieben? Was hat das Jahr gebracht, was waren Höhe- und auch Tiefpunkte? Und was wird das neue Jahr bringen? 2017? Welche Aufgaben und Anforderungen wird es für uns bringen?


Noch können wir uns diese Fragen aus der weihnachtliche Ruhe herausstellen. Doch in wenigen Stunden beginnt das neue Jahr. Den Zeitpunkt seines Neuansatzes wollen wir exakt erleben. Wir zählen die Sekunden, stoßen an, manche begrüßen das neue Jahr mit dem Krach der Silvesterböller. Mit dem Krachen in der Silvesternacht beginnt dann die Uhr neu zu ticken, die mit dem Heiligabend zumindest nicht mehr deutlich zu hören war. Weihnachten verblasst, die merkwürdig zeitlose Zeit zwischen den Jahren endet, der Alltag mit all seinen Vorteilen, aber auch seiner Routine, hat uns bald wieder fest im Griff. Auch die weihnachtliche Freude mag dann wieder schnell verfliegen, wenn die Uhren wieder ticken. Wenn wir wieder große Pläne schmieden, Projekte beginnen und dann mit großem Eifer ans Werk gehen. Das ist alles gut und richtig, aber es braucht doch solcher Ruhe- und Kraftpunkte im Jahr, zu denen besonders Weihnachten gehört. Wohl deshalb ist Weihnachten auch das weithin beliebteste Fest in Deutschland. Es gehört zu den Hochzeiten und Höhepunkten fast aller Menschen, wohl noch vor dem eigenen Geburtstag und der Urlaubszeit.


Diese Zeit zwischen den Jahren, noch weihnachtlich geprägt, sie endet mit Silvester, mit dem Blick zurück und dem Blick voraus? Was wird das neue Jahr bringen? Wie wird es für uns unter dem Segen Gottes stehen? Woher bekommen wir unsere Kraft für das, was kommen wird?


Der Predigttext für diesen Tag versucht darauf eine Antwort zu geben. Es ist das Wort des Propheten Jesaja an sein von den Feinden bedrängtes Volk im 7. Jahrhundert vor Christus in eine Situation hinein, in der die Dinge sich zu entscheiden scheinen, in tiefste Not und Bedrängnis. Jerusalem ist von den Assyrern belagert und es gibt keinen Ausweg. Es sind Kriegsbilder, die uns da begegnen, vielleicht gar nicht so weit weg von denen, die wir in den letzten Monaten aus Aleppo sehen, nur eben schon 2700 Jahre alt. Israel ist eingeklemmt zwischen den Mächten dieser Zeit. Im Süden sind die Ägypter. Schon viele Jahrhunderte Großmacht am Mittelmeer. Und von Nordosten kommen die Assyrer immer weiter voran. Sie dehnen ihr Reich aus über den Norden und Süden Israels, überziehen das ganze Land mit Krieg. Das von Gott erwählte Volk Israel ist zum Spielball der großen Mächte geworden. Und woher kommt Hilfe? Von den Ägyptern vielleicht? Davor warnt Jesaja. Auf Pferden wollt ihr dahinfliegen, aber ihr werdet nicht fliegen, sondern fliehen. Schnell wollt ihr reiten, aber eure Verfolger werden schneller sein. Am Ende wird die Niederlage stehen. Eine leere Fahnenstange auf einem kahlen Hügel.


Solche Situationen – in Juda vor 2700 Jahren, in Aleppo – hinterlassen eine große Nachdenklichkeit. Was soll, was kann man da tun? Wegschauen, wie es in Syrien eigentlich seit Jahren getan worden ist? Rote Linien ziehen, aber dann, wenn sie überschritten werden, nichts tun und so die eigene Glaubwürdigkeit verspielen? Oder entschlossen eingreifen, wissend, dass man dann sogar einen großen Krieg riskieren kann?


Natürlich ist das nur ein Beispiel für ausweglose, verfahrenen, eigentlich nicht mehr auflösbare Situationen, wo man nicht mehr zwischen richtig und falsch, gut und böse wählen kann, sondern nur zwischen schlecht und ein bisschen weniger schlecht. Situationen, die es in der großen Politik ebenso wie in den großen Fragen und Entscheidungen unseres Lebens gibt.


Man sollte Jesaja freilich nicht missverstehen. Er redet nicht einem bloßen Stillhalten, Wegschauen und Wegducken das Wort. Er möchte vielmehr die Kraftquellen freilegen, aus denen wir Entscheidungen treffen und unsere Freiheit gebrauchen können.


Eigentlich kommen wir doch gerade von Weihnachten her. Von den Engeln, die im Himmel vom Frieden auf Erden singen. Wir sind mitten zwischen den Jahren. Eine stille, ruhige Zeit, langsamer als sonst und weniger voll. Aber Jesaja holt uns schroff zurück in die Welt, die immer noch so ist, wie sie schon vor 2700 Jahren war. Seine Worte sind scharf und rufen zur Umkehr. Ihr setzt auf das falsche Pferd, brüllt er. Ihr werdet übermütig und rennt ins Verderben. Ihr überschätzt euch maßlos selbst! Dabei seid ihr feige und schwach, wenn es drauf ankommt. Tausend von euch werden fliehen, wenn sie einen einzigen Feind sehen; und wenn fünf euch bedrohen, werdet ihr alle davonlaufen. Jesaja aber macht nüchtern und ernst am letzten Tag des Jahres. Er nimmt uns zurück ins Scheitern der Menschheit. Er zeigt uns unser Versagen dabei, in Frieden beieinander zu wohnen. Jesaja ruft zur Umkehr, zur Veränderung, gerade heute, am Übergang vom alten zum neuen Jahr.


„Wenn ihr umkehret und stille bliebet, so würde Euch geholfen“: durch Stillesein und hoffen würdet ihr stark sein, so ruft es Jesaja seinem Volk zu, das es nicht hören will, das sich geschäftigem Treiben hingibt und noch angesichts der drohenden Niederlage vom großen Sieg über den Feind zu faseln meint und ganz auf die eigene Kraft vertraut. Und wir denken uns vielleicht jenes andere Wort aus dem Jesajabuch hinzu: die auf den Herrn trauen, kriegen neue Kraft.


Umkehr, Sinneswandel, Besinnung auf die Quellen, die nicht aus mehr selbst, sondern aus Gott kommen, dazu ruft Jesaja auf. Damit wird keine Handlungsanweisung für einzelne Konflikte gegeben. Jesaja geht es offensichtlich um eine langfristige Veränderung, um eine immer neue Beschäftigung mit den Fragen nach dem, was richtig und gut ist, was Maxime meines Handelns und Grundlage meiner Hoffnung sein soll. Es meint Ehrlichkeit mit sich selbst und mit anderen. In Sprache der Alten nannte man das Buße. Martin Luther, dessen Reformation wir gerade gedenken, hat darin bekanntlich nicht einen einmaligen Akt, sondern eine Lebenshaltung gesehen. „Unser Herr und Meister Jesus Christus wollte mit seinem Wort „Tut Buße“, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sei.“ So lautet die erste und vielleicht wichtigste der berühmten 95 Thesen. Und er meint damit gerade nicht äußere Handlungen, sondern zuallererst das sich Offenhalten für Gottes Wort, für innere Einkehr, Besinnung auf die Kraftquelle des Gottvertrauens, die sich dann auch in meinem äußeren Tun erkennen lässt. So empfangen wir ein neues Herz und einen neuen Geist, wie es in der Jahreslosung für 2017 heißt (Ez 36,26), eben weil wir in diesen Momenten der echten Besinnung erfahren könne, dass Gott uns liebt und tröstet, einen seine Mutter tröstet – so die Jahreslosung von 2016 (Jes 66, 13).


Es ist nicht so, dass damit alle Wunden und Widersprüche zugeheilt sind. Aber doch gilt, in der Stille, in der Besinnung, das beginnt ein neues Leben, da, wo wir auf Gottes Spuren in uns achten, da kriegen wir neue Kraft, auch für das neue Jahr. Da, wo wir die weihnachtliche Verheißung: Gott mit uns und Friede auf Erden, in unseren Herzen zu bewahren vermögen. Darin empfangen wir dann Gottes Segen.


Das ist der göttliche Segen, der auch in den weihnachtlichen Verheißungen zum Ausdruck kommt und den wir in jedem Gottesdienst erbitten. Im Segen drückt sich das aus, dass unser Leben unter der Verheißung der Güte Gottes steht, dass nicht wir es machen, sondern dass wir auf die Geborgenheit in Gott hoffen können und daraus neue Kraft bekommen. Solchen Segen wünschen wir uns nicht nur im Gottesdienst, sondern sprechen ihn uns auch sonst immer wieder zu. Alles Gute! Guten Rutsch! Viel Glück! Das wünschen wir uns und erkennen daran eben auch, dass nicht alles gut in unserer Welt ist. Und wer so wünscht, der verweist damit auch auf eine Lebensmacht, die wir nicht in der Hand haben und die einzig und allein alles gut machen können. Um diesen göttlichen Segen möchte ich bitten, für alle, die jetzt Leid und Trauer tragen, für die, deren Leben ausgelöscht wurde, aber auch für uns und unser Leben in dem neuen Jahr, das bald beginnt. Im Vertrauen und Hoffen auf Gottes Güte und Menschenfreundlichkeit, gerade auch da, wo ich die Wege, die das Leben uns führt, nicht verstehen mag. Gerade da wird es wahr, was Paulus in der Epistel für diesen Altjahresabend schreibt: „Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur mich scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“


Amen.