(Predigttext: Micha 5, 1-4a)


1 Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Tausenden in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist.

2 Indes lässt er sie plagen bis auf die Zeit, dass die, welche gebären soll, geboren hat. Da wird dann der Rest seiner Brüder wiederkommen zu den Israeliten.

3 Er aber wird auftreten und sie weiden in der Kraft des HERRN und in der Hoheit des Namens des HERRN, seines Gottes. Und sie werden sicher wohnen; denn er wird zur selben Zeit herrlich werden bis an die Enden der Erde.

4 Und er wird der Friede sein.


Liebe Festgemeinde am Weihnachtstag!


Er wird der Friede sein – so heißt es in der Prophezeiung des Propheten Micha. Und die frohe Weihnachtsbotschaft, die an die Engel ergeht, nimmt genau das auf „Friede auf Erden!“ Jeden Sonntag – nicht nur heute – singen wir das im Gottesdienst: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!


„Wenn Weihnachten ein Fest des ewigen Friedens sein soll“ – so lese ich in einem alten Andachtsbuch – „dann sieht es schlimm um das diesmalige Fest aus. In Südafrika wird weiter geschossen, die Sitten des Krieges werden immer barbarischer, gefangene Frauen und Kinder sterben in den Konzentrationslagern, ein mächtiges christliches Kulturvolk vergisst im Kriegseifer die Pflichten, die auch dem Feind gegenüber üblich sind. (...) Und überall in der Welt sind verborgene oder offene Kriegsgefahren und wir sind selber mitten in diesem Streiten selber drin. (...) Um unser Land legen sich Festungen und um unsere Küsten übt man mit Torpedos. Wer also Weihnachten nur Feiern kann als Fest des endlichen, völligen paradiesischen Friedens, der hat es selten trauriger gefeiert als jetzt. Wer glaubt jetzt daran, dass wir einer Friedensepoche der ganzen Menschheit entgegengehen? Wer sieht sie kommen?“


Der Text ist 1901 erschienen. Der Verfasser war damals kein unbekannter. Er stammt von Friedrich Naumann, einem sozial engagierten Pfarrer, der schließlich als Politiker zu der Gründergestalten des modernen Linksliberalismus in Deutschland wurde – die FDP benennt bis heute ihre Parteistiftung nach ihm.


Natürlich – auch heute – 115 Jahre später sieht die Welt nicht besser aus. In Südafrika wird zum Glück nicht mehr ganz so viel geschossen, wie während des Burenkrieges. Aber Probleme, Sorgen, Gefahren, die gibt es weiter zu Hauf. Manche von euch haben sie am eigenen Leib erfahren. Die Weltlage selber scheint eher trüb, Bilder von Krieg und Gewalt erreichen uns nicht nur aus Syrien, sondern vielen anderen Ländern dieser Welt. Viele von treiben sicher gerade die Bilder von dem fürchterlichen Terroranschlage auf den Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche um.


Friede auf Erden? Natürlich, wenn man Weihnachten nur dann feiern könnte, wenn das Wirklichkeit ist, dann müssten wir es wohl sein lassen. Allerdings dürfte es dann spätestens seit dem Untergang des Römischen Reiches kaum Weihnachtstage geben, an dem das wahr geworden wäre, im wörtlichen, ganz realen Sinn: Friede auf Erden?


Aber dennoch feiern wir Weihnachten, singen wir die Lieder, hören die alten Texte, wärmen uns an diesen Worten. Letztlich tun wir es nicht anders als der Prophet Micha oder die Hirten auf dem Feld oder dann die Weisen aus dem Morgenland, die durch den Propheten Micha auf die Idee kamen, den neugeboren König in Bethlehem zu suchen. Natürlich war die Welt damals nicht friedlicher, gewaltloser als heute. Was Weihnachten geschah, passierte abseits der großen Politik, ganz unbemerkt und hat doch die Welt verändert. Micha, der Prophet, lebte in hoffnungslosen, trotzlosen Zeiten. Seine Heimat war fast verwüstet, von den Großmächten platt gemacht. Es gab nichts mehr zu Hoffen. Aber genau das tut Micha, er hofft, er träumt von einem Friedensfürsten. Er träumt und hofft und glaubt gegen die Realitäten dieser Welt an. Er hat die Erfüllung seines Traums nicht erlebt. Aber trotzdem ist er nicht gescheitert, war nicht einfach ein religiös überspannter Spinner, der mit der Wirklichkeit nicht zu Recht kam. Sein Traum lebte weiter. In der Weihnachtsgeschichte kommt er wieder vor. Auch sie ist eigentlich hoch abseitig, unwahrscheinlich. Das Licht der Welt, der Friedefürst in einer ärmlichen Krippe in einem judäischen Provinzkaff irgendwo am Ende der Welt. Von da soll der Friede kommen? Die Hirten, die das erzählten, mussten wohl doch einen zu viel über den Durst getrunken haben. Aber sie ließen sich nicht beirren. So wenig wie die Weisen, die ihre Reise nicht abbrachen, sondern zur Krippe kam, obwohl es dort alles andere als königlich zuging. Sie wusste, wie die Welt war, sie wussten auch, dass der römische Friede, die Pax Romana, von der man damals sprach, natürlich alles andere als nur friedlich war, auch wenn der Kaiser Augustus, der ja in der Weihnachtsgeschichte genannt wird, sich selbst als Friedensfürst feiern ließ. Und doch, dieses „Friede auf Erden“, es ist ein Sehnsuchtsbild, das wohl den Erfolg, die Faszination von Weihnachten ausmacht, weit über die christlichen Gemeinden hinaus.


Aber diese Sehnsucht wird doch zu Weihnachten und auch beim Propheten Micha gleichsam geerdet, verankert. Sie verpufft nicht, sondern sie bleibt da, so unerlöst, zerrissen uns die unsere Leben und unsere Welt oft erscheint. Dieser Friede ist kein politisches Programm, weder lässt sich mit ihm militärisches Eingreifen in kaum lösbar Konflikte noch ein radikaler Pazifismus begründen, der – bei allen hehren Worte und Idealen – auf teilnahmslos gegenüber dem Leid anderer ist – beides kann man in der Diskussion über Syrien erleben. Der Prophet Micha zeigt dieses Zerrissenheit dabei selbst. Man findet bei ihm die großen Worte von den Schwertern, die zu Pflugscharen werden ebenso wie Vernichtungsphantasien gegenüber den Assyrern und Babyloniern.


Aber im Wissen darum, dass wir diese Spannung zwischen der weihnachtlichen Botschaft und der Zerrissenheit, dem Bluten unserer Welt nicht auflösen können, lässt sich gleichwohl diese Weissagung des Micha als Roadmap lesen – als Roadmap auch dazu, wo Frieden zu finden ist, in uns, um uns und in dieser Welt. Und wie dieser Friede wachsen, gedeihen, sich ausbreiten kann.


Drei Hinweise enthält Michas Sehnsuchtstext. Der erste Hinweis lautet: Sucht beim Kleinen und Unscheinbaren! Das Entscheidende und Wichtige findet sich oft beim Unauffälligen. In den Vordergrund drängen sich die Auffälligen und die, die auffallen wollen, die Snobs und die Diven, die nur auf ihr schrilles Aussehen achten, aber auch die Querulanten. Im sichtbaren Vordergrund befinden sich die Marktschreier mit dem lauten, aufdringlichen Organ, die, die gut brüllen und schreien können. Aber wer sich stets am Lauten, Schrillen, Ungewöhnlichen orientiert, kann leicht den entscheidenden Hinweis übersehen. Also, achtet, auf das, was man nicht gleich sieht, was es nicht immer auf die erste Seite der Zeitung bringt oder was nicht gleich Hunderttausende like auf Facebook bekommt
Hinweis Nummer zwei fußt darauf: Sucht nicht in den großen Städten, da, wo alle sein wollen. Darauf kommt es hier nicht an. Nicht New York, sondern Prenzlau in der Uckermark, nicht Johannesburg oder Kapstadt, sondern Brandfort oder Kokstad, nicht Jerusalem im Königspalast, sondern Bethlehem mit der Krippe. Aber natürlich hat dieser Hinweis auf Bethlehem einen Hintergrund.


Und damit sind wir beim dritten Hinweis: Sucht in der Familie des Königs David. Dazu muss man wissen: Bethlehem erlangte größere Bekanntheit, als der Prophet Samuel im Auftrag Gottes die Stadt besuchte. Samuel sollte einen König für das von politischen und militärischen Krisen geschüttelte Israel finden. Besonders genau sah er sich die vielen Söhne des Hirten Isai an. Besonders der älteste Sohn Eliab gefiel ihm. Aber da griff Gott ein und sagte zu dem Propheten: „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, der HERR aber sieht das Herz an.“ (1 Sam 16,7) Isai war mit mehreren Söhnen gesegnet, die sich gerade in Bethlehem aufhielten. Aber sie kamen offensichtlich alle nicht in Frage. Der jüngste Sohn, David, hütete draußen auf den Weiden die Schafe und Ziegen. Samuel bestand darauf, dass er geholt würde. Und dann ging plötzlich alles sehr schnell. Samuel sah den jungen David, und er war sofort überzeugt: „Und [David] war bräunlich, mit schönen Augen und von guter Gestalt. Und der Herr sprach: Auf, salbe ihn, denn der ist’s.“ (1 Sam 16,12) Und Samuel nahm das heilige Öl zur Hand, um die Salbung zum König vorzunehmen. Die Evangelisten griffen Jahrhunderte später diese Hinweise des Propheten Micha auf: Der Heiland ist in der kleinsten Stadt Israels und in der Familie Davids zu finden. Das Kind liegt in der Krippe, und um sie herum kommen alle Vorhersagen zusammen: Bethlehem, der Stamm Davids, das Baby, in Windeln gewickelt.


Micha sagt es so: er ist es, der kleinstmöglichste Mensch, ein Baby, nicht in einem Palast, sondern hier in einer Krippe, nicht in der Stadt der Mächtigen, sondern im kleinen, unbedeutenden Bethlehem.
In gewisser Weise läuft die Landkarte des Micha auf folgenden Reisetipp hinaus: Wer beim Christkind ankommen will, der kommt über die Zwischenstationen des Unscheinbaren, der provinziellen Kleinstadt, der Heiligen Familie und des David-Stammbaums unweigerlich in Bethlehem in der Krippe an. Wie aber geht es von dort zurück? Jede Reise endet mit der Rückkehr in die eigene Wohnung. Die Begegnung mit dem Fremden, Ungewöhnlichen endet mit der Rückkehr ins Vertraute, Gewohnte und Sicherheit Stiftende. Aber jede Reise verändert einen Menschen, und umso mehr gilt das für den Gang zur Krippe, auch wenn das nur eine ausgedachte Reise unter Anleitung des Propheten Micha war. Der Blick auf das Kind in der Krippe ist gleichzeitig der Blick auf Gott. Und wenn dem so ist, dann verändert dieser Blick einen Menschen, jeden Menschen im Herzen. Mancher Glaubensreisende bemerkt diese Veränderung mit erheblicher zeitlicher Verzögerung. Aber die Veränderung ist geschehen. Es ist die Gewissheit, dass Gott diese Welt und auf dieser Welt keinen einzigen Menschen allein lässt, sondern mit ihm geht und ihn in Gnade und Barmherzigkeit begleitet. Damit ist der Friede noch nicht da, aber er ist auf dem Weg zu uns. Er ist ins uns, bereit, um sich auszubreiten, auch in die Wunde dieser Welt, auch in die Narben unseres Landes. Denn Friede und Versöhnung, sie gehören zusammen.


Mir ist das auch mit Blick auf unsere Situation in unserem Land wichtig. Ja, da ist die Gewalt, da ist weiter auf allen Seiten ein zum Teil tief verwurzelter Rassismus, da sind die Morde und die plaasanvalle, da ist die Korruption, die Selbstsucht der Regierenden. Wir lesen davon jeden Tag in den Zeitungen. Wir können es nicht wegdrücken. Aber, ohne naiv zu erscheinen zu wollen, da ist auch anderes*. Da ist in den Wahlen dieses Jahr vielleicht das erste Mal nicht nur entlang von Bevölkerungsgruppen und Rassengrenzen gewählt worden, da gibt es Menschen aller Gruppen, die gemeinsam gegen Korruption und Machtmissbrauch aufstehen. Und da sind dieses anderen Geschichte, die oft nur als kleine Notizen in den Zeitungen landen. Da sind die Gespräche und der Austausch über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg, den ich an der Schule erlebe, das sind die Bilder vom 7er Rugby-Turnier, wo alle Gruppen vertreten sind und gemeinsam die ganze Hymne singen. Das sind die Bilder vom 9. November, als nach dem großen Regen schwarz-weiße Menschenketten die Leute aus den zum Teil festgefahrenen und überfluteten Autos retteten. Oder die Nachricht, als mehrere Minitaxis auf einer Hauptverkehrsstraße eine Art Lager um einen schwer verletzten weißen Studenten bilden und erste Hilfe leisten, bis die Ambulanz da ist. Es gibt auch diese Geschichten – auch ein Stück Frieden und Versöhnung, trotz aller Rückschläge und allen Aufgeregtheiten.


Wie heißt es doch bei Micha?


Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Tausenden in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist. 2 Indes lässt er sie plagen bis auf die Zeit, dass die, welche gebären soll, geboren hat. Da wird dann der Rest seiner Brüder wiederkommen zu den Israeliten. 3 Er aber wird auftreten und sie weiden in der Kraft des HERRN und in der Hoheit des Namens des HERRN, seines Gottes. Und sie werden sicher wohnen; denn er wird zur selben Zeit herrlich werden bis an die Enden der Erde. 4 Und er wird der Friede sein.


Gott also im Unscheinbaren, im Kleinen, mitten in der Provinz. Nicht in den großen Nachrichten und den Schlagzeilen. So sieht Michas Reiseplan aus. Und ganz in der Mitte das Kind in der Krippe. In dem mir deutlich wird, dass Gott uns nicht allein lässt, sondern einen Platz auf unserer Lebenskarte und unserem Reiseplan hat. Manchmal gerade da, wo wir ihn nicht erwarten.


Amen.


 * Einige der Beispiele finden sich bei: André Le Roux: Verrykende interaksie, in: Beeld, 15. Desember 2016, 21.


Einige der Beispiele finden sich bei: André Le Roux: Verrykende interaksie, in: Beeld, 15. Desember 2016, 21.