(Predigttext: Jesaja 58,7-12)


7 Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!

8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen.

9 Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest,

10 sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.

11 Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.

12 Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: »Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne«.


Liebe Gemeinde,


heute feiern wir Erntedank. Kaum ein Fest im Kirchenjahr hat es so mit Sinn und Sinnlichkeit zu tun wie dieses. Heute gibt es nicht nur etwas zu sehen und zu hören, sondern auch zu riechen und – wenn die Gaben dann auch in den Häuern verteilt werden – zu schmecken. Schon diese sinnlichen Eindrücke machen Erntedank zu einem besonderen Fest.


Dabei ist Erntedank zugleich auch ein Fest des Wandels. In Deutschland wird es deshalb nicht im Hochsommer begangen, sondern immer an jenem ersten Sonntag nach Michaels, nach dem 29. September. Für die Menschen in früheren Zeit markierte diese Zeit noch mehr als für uns einen Übergang. Die Zeit der Ernte ist zu Ende, die Scheunen und Vorräte einigermaßen gefüllt, der Winter kann kommen. Das war früher eine viel existentiellere Frage als für uns Heutige, existentieller jedenfalls als die Frage, ob man die Heizung schon in der letzten September- oder der ersten Oktoberwoche anstellen soll. Hier in Südafrika ist das noch einmal anders. Aber jetzt, mitten in unsrem viel milderen Winter, wird die letzte Ernte eingeholt, bevor bald schon wieder – nach einem vielleicht zweiwöchigen Frühling – der Sommer beginnt. Der Sommer, der dann noch Monaten der Trockenheit auch endlich wieder den ersten Regen bringen wird. Aber auch wenn das Natürliche des Wandels der Jahreszeit uns nicht mehr ist ein Jahr des Sähens und Erntens im Rhythmus der Natur vergangen und wir spüren daran erneut, dass unser Leben dem Wandel unterworfen ist „als flögen die Jahre davon“. Manches ist köstlich gewesen, manches aber auch Mühe und Arbeit, und ob´s vergeblich war oder nicht, das wird sich manchmal erst später herausstellen. Und mit Blick auf die bald welkenden und fallenden Blätter kommt einem Rilke in den Sinn. Es ist ein deutsches Herbstgedicht, aber es ist, gerade in diesen Tagen, in denen die Jakarandabäume so herbstlich golden werden, um ihre Blätter zu verlieren, doch auch hier bei uns nachvollziehbar.


Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde
....
Wir alle fallen, diese Hand da fällt.
Und sieh dir andres an; es ist in allen.
Und doch ist einer, der dieses Fallen
Unendlich sanft in seinen Händen hält.


Und auch da, wo sich eine reiche Ernte, eine gute Ausbeute der Zeit, wichtige und bereichernde Erfahrungen vermerken lassen, auch da erinnert uns dieses Fest eben auch daran, dass das Leben im Wandel, im Übergang, im Verändern ist. Wir stellen, gerade wenn wir innehalten und uns ein Stück aus dem Alltag herausnehmen, den Wandel in unserem Leben fest. Manches bereitet uns Sorge, macht Angst, aber manche Bilanz kann auch gut ausfallen.

 

Erntedank heißt so auch immer Bilanzziehen: was bleibt von Saat und Ernte, von dem, was wir beginnen und dem, was wir zu Ende führen können? Ganz verschieden mag das sein. Die Kinder denken an das Erlebte, freuen sich am Elementaren; bei manchen unter uns wird bei vielem Frohen auch manch Betrübliches in solches Nachdenken mit einfließen; denn das wissen wir auch: nicht immer laufen die Dinge so, wie wir es uns wünschen, geht es anders, als wir es uns vorstellen, verstehen wir nicht die Wege, die mit uns gegangen werden.

 

Neben der Freude liegen eben auch die Sorgen, neben der Fülle das Wissen um den Mangel. Das gilt für das Leben des Einzelnen, das gilt aber auch für die Zustände in dieser Gesellschaft und auf unserer Welt. Man muss gar nicht mahnend an den Raubbau, den Menschen an Gottes Schöpfung betreiben oder den oft verschwenderischen Umgang mit Nahrung und natürlichen Ressourcen erinnern, denn wer ernsthaft auf sich selbst, sein eigenes Leben schaut, der weiß neben der Fülle auch um den Mangel, neben dem was gut und ganz und heil ist eben auch um das Gebrochensein unseres Daseins. Der fühlt auch den Schmerz und die Sehnsucht in sich.

 

Das gilt auch für den Predigttext am heutigen Sonntag, den Worten aus dem Jesajabuch, die zunächst so gar nicht in die festliche Stimmung hineinpassen wollen. Mahnend, fast ermahnend, kommen die Worte jenes Heilspropheten daher: Mit dem Hungrigen das Brot brechen, Elenden Obdach geben, Nackte mit Kleidung versorgen, das ruft Jesaja gleichsam seinen Hörern als Appell zu. Und verbindet das nicht mit Untergangsphantasien, mit Strafbildern, mit sozialpädagogischen Appellen, die nur auf das schlechte Gewissen des so Angesprochenen abzielen. Nein, bei Jesaja kommen Bilder des Heils ins Spiel, der Belebung, der Verheilung, der Verwandlung: Du wirst sein wie ein bewässerter Garten; Licht wird hervorbrechen wie die Morgenröte und deine Heilung wird schnell voranschreiten; Licht wird in der Finsternis aufgehen und das Dunkel wird sein wie der helle Tag.

 

Jesaja spricht dabei zu Menschen, den der Wandel, die Veränderung dieser Welt viel zu langsam vorkam. Aus dem Exil waren die Juden nach Israel zurückgekehrt. Aber nichts, was sie dort vorfanden, entsprach den Erwartungen. Keine Völkerwallfahrt nach Zion, kein prächtiger Tempel, kein neuer David, sondern eine allenfalls bescheidene, eine kümmerliche Existenz. Eine eher resignierte, ernüchterte Stimmung macht sich breit. Der Alltag frisst einen auf. Die Verhältnisse sind halt so. Man geht den Pflichten nach, den familiären, den beruflichen, auch den religiösen, aber irgendwie ist die Grundstimmung eher die, dass das alles eh nichts so richtig bringt. Der Alltag ist wie er ist, man kann eh nichts ändern und wenn dann jeder an sich denkt, ist ja auch an alle gedacht.


Man würde Jesaja missverstehen und man würde auch Erntedank missverstehen, wenn man meinte, hier ginge es zuerst um einen moralischen Appell zur Verhaltensänderung. Gewiss, Jesaja hat in seinen Aufrufen, dass Brot zu brechen, die Armen zu sättigen auch den Anderen im Blick, aber doch nur deshalb, weil er um die Grenzen unsers menschlichen Tuns weiß, wenn es nur auf sich selbst gestellt sind. Der Machermensch, der homo faber, gerät bei aller Mühe und allem Ernst immer wieder an seine Grenze, egal, ob man sie Schicksal, Gesundheit oder wie auch immer nennt. Für Jesaja ist die Quelle aller Veränderung zunächst Gott und seine Gegenwart selbst. Der Mensch kommt da zu sich selbst und so auch zu Gott, wo er erfährt, dass Gott für ihn oder sie da ist, da wo Gott spricht: „Hier bin ich“ (Vers 9).

Und das gilt besonders für die religiöse Grunderfahrung der Dankbarkeit, die sich hinter dem Erntedankfest verbirgt und in der die Erfahrung von Gottes „Hier bin ich“ für uns wirklich wird. Es geht nicht um Ermahnungen, nicht um Verpflichtungen, sondern um Dankbarkeit, um Staunen über die Fülle der Gaben, um das Innehalten angesichts des nur scheinbar Selbstverständlichen. Erntedank, das ist der Sonntag, an dem wir nicht unserer Erfolge, unsere Leistungen, unserer guten Taten, unsere hehre Moral feiern, sondern Gottes Segen. Denn nur, wenn ich weiß, wirklich weiß, was ich im Leben empfangen habe, dann kann ich auch geben, kann ich zu wirklicher Solidarität angestiftet werden. Aber all dem geht der Dank, geht die Erfahrung voraus, die sich bei Jesaja in den Gottesworten: „Siehe, hier bin ich“ verdichtet.


Es war dieser Erfahrung des Angenommenseins und des Lebensdanks, der wohl auch die Jüngerinnen undJünger Jesu auf dem Weg ihrer Nachfolge verbunden hat. Hier fanden sie Lebenssinn und Lebenstiefe. Es war dieses Gefühl, diese Erfahrung, dieser neue Umgang mit ihrem gebrochenen Dasein, der ihnen auch den Blick für das Leiden und die Bedürfnisse anderer eröffnet hat. Denn auch das hatten sie von ihrem Meister gelernt, dass die Liebe, die erlebte und ausstrahlte, nicht einfach so ins Lebensglück führt, sondern jedenfalls für ihn nicht nur das Teilen und Brechen des Brotes, sondern das Opfer des Lebens selbst bedeutete, wie er es ihnen angekündigt hatte mit einem Bild, das ganz zum Erntedank passt: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht.“ (Joh. 12,24) Auch davon, von dieser Frucht, leben wir heute.

 

Der Dank für das eigene Dasein in der Welt und ihr bewusst leben zu können und diese Welt und das eigene Leben in ihr als Gabe Gottes deuten zu können, das mag auch ein Sinn dieses Festes sein. Und das Vertrauen, dass Gott es gut mit uns meint, auch in allem Wandel und Vergehen, dem unser Leben unterworfen ist. Noch einmal Rilke:


Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde
....
Wir alle fallen, diese Hand da fällt.
Und sieh dir andres an; es ist in allen.
Und doch ist einer, der dieses Fallen
Unendlich sanft in seinen Händen hält.


Amen.