(Predigttext: Jesaja 29, 17-24)


17 Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden.

18 Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen;

19 und die Elenden werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels.

20 Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten,

21 welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach, der sie zurechtweist im Tor, und beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen. 

22 Darum spricht der HERR, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob: Jakob soll nicht mehr beschämt dastehen, und sein Antlitz soll nicht mehr erblassen.

23 Denn wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände – ihre Kinder – in ihrer Mitte, werden sie meinen Namen heiligen; sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten.

24 Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen.


Liebe Gemeinde,


„Was wird aus uns? Wie soll unsere Zukunft aussehen?“ Gerade führe ich sie so oft, diese Gespräche. Das ist einerseits normal. Denn als Menschen sind wir auf Zukunft und damit eigentlich auch auf Hoffnung ausgerichtet. Wir planen, wir sorgen, wir machen uns Gedanken. In der Regel versuchen wir positiv an die Dinge zu gehen. Zukunft soll für uns machbar und planbar sein.


„Was wird aus mir, wie sieht meine Zukunft aus?“ Gerade erlebe ich diese Frage andererseits wieder als besonders drängend. Ich rede dabei nicht nur von den Situationen, in denen diese Frage sich gleichsam von selbst stellt. Wenn also jemand gestorben ist, der für mein Leben wichtig war. Wenn eine Beziehung, der mir so viel gegeben hat, zerbrochen ist. Oder wenn eine Bewerbung zum wiederholten Mal gescheitert ist und Menschen sich um ihre berufliche Zukunft sorgen.


Nein, gerade erlebe ich diese Fragen wieder vielfach von Menschen, die mitten im Leben stehen, deren Familien es gut geht, die beruflich erfolgreich scheinen. Wahrscheinlich ist es eine sehr südafrikanische Frage, die viel über die Zustände unseres Landes und unserer Gesellschaft sagt. Ich diskutiere sie auch mit Menschen, die fest an eine Zukunft in diesem Land glauben, aber deren Zuversicht durch einen aktuellen Vorfall erschüttert ist. Wer will ich schon damit abfinden, dass man ganz unerwartet auf dem Heimweg von einem Tag in Pilanesberg in einem Stau mit Steinen beworfen wird? Und man von Glück sagen kann, dass das Auto zwar, aber die Kopfverletzung des Gastes aus Deutschland nicht ganz so ernst ist, wie es zunächst aussah.


Natürlich, es können nicht alle gehen. Und dennoch: was wird aus uns? Was wird die Zukunft bringen? Liegt nicht zumindest die Zukunft meiner Kinder nicht hier, sondern eben irgendwie anders in dieser Welt? Diesen Satz höre ich besonders oft.


Jeder von euch kennt diese Gespräche. Jeder von euch kennt diese Zerrissenheit zwischen Hoffnung und Ernüchterung, Bleiben oder Gehen. Ich sehe, wie Menschen gehen, die ich für so richtige Südafrikaner halte, von denen ich mir nicht einfach vorstellen kann, dass sie woanders Wurzeln schlagen. Aber ich verstehe ihre Motive. Es mag ein Erlebnis, einer der schlimmen Gewalterfahrungen sein, die man hier macht, das den Ausschlag gibt. Es mag die unsichere berufliche und politische Zukunft sein. Aber es ruft diesen Zweifel, dieser Zerrissenheit, diese Unsicherheit hervor, die vielen von uns zu schaffen macht. Es ist die – oft nur allzu berechtigte Sorge –, die dann auch unser Selbstbild, unsere Wahrnehmung prägt. Und vieles, was wir erleben oder was wir an schlimmen Nachrichten im Radio hören oder in der Zeitung lesen, passt in dieses Bild


Natürlich gibt es auch andere Erlebnisse. Da merkt eine Frau, deren Kräfte schwinden, dass sie dennoch gebraucht wird. Da gibt es die Erfahrungen von Dankbarkeit, von Gebetserhörungen, auch von Hilfe, wo man es nicht erwartet hat. Da tut sich plötzlich ein Fenster der Hoffnung auf. So stellt sich Dankbarkeit ein, für Bewahrung etwa, dafür, dass ich Hilfe erfahre, wo ich mich selbst als ohnmächtig empfinden. In der Schwäche erfahre ich eine Kraft, die ich nicht erwartet hätte. Und ich danke Gott dafür. Auch diese Dankbarkeit kann unser Selbstbild prägen. Vielleicht auch mit Blick auf unser Land. Denn es hätte doch alles noch schlimmer, noch gewalttätiger werden können. Bei allen Mängeln und Enttäuschungen, die politische Wende nach 1990 bleibt doch auch ein Wunder. Auch in dieser Dankbarkeit lässt sich wohl Trost und Zuflucht finden.


Tiefe Sorge, aber ebenso Dankbarkeit, beides kann die Sichtweise auf unser Leben und unserer Situation bestimmen. Manchmal nehmen uns die Sorgen dabei die letzte Kraft und den letzten Mut, manchmal dagegen kann uns die Dankbarkeit zu neuer Hoffnung beflügeln, auch wenn wir gerade noch dachten, es geht nicht mehr weiter.


Das galt zu allen Zeiten: Ich denke an die schweren Anfänge der Missionare in diesem Land. Sorge und Dankbarkeit, das spürt man in ihren Tagebüchern und Missionsberichten. Ich denke an die vielen Menschen, die die Grauen des 2. Weltkrieges, Flucht und Vertreibung nur überstehen konnten, weil sie trotz alle Dunkels eine Vorstellung davon hatten, wie die Welt nach Gottes Willen sein soll. Und sie haben daran – gegen den Augenschein – festgehalten. Das gab ihnen Kraft. Ich denke an die Menschen, die auch in den dunklen Jahren die Hoffnung auf Versöhnung auch in diesem Land nicht aufgegeben haben. Immer wieder fragen wir Menschen uns: Worauf läuft es hinaus? Wie wird es enden? Was hat Gott mit uns vor? Und wer nicht in Resignation oder Zynismus oder Gleichgültigkeit verfallen will, der braucht ein tragfähiges Hoffnungsbild. Denn „Gott will, dass allen Menschen geholfen werde“ (2. Tim. 2,4).


Sorge und Dankbarkeit, Angst und Hoffnung, sie stehen oft nahe beieinander. Wir brauchen, egal welchen Weg wir gehen, Hoffnungsbilder. Aber wir fragen zugleich, ob sie denn auch begründet und berechtigt sind und nicht einfach eine Illusion.


Der heutige Predigttext aus dem Buch des Propheten Jesaja zeichnet ein solches Bild der Hoffnung. Eigentlich war Jesaja ein Mann der Kritik, der Zurechtweisung. Das Volk Israel war von ausländischer Besetzung bedroht, suchte sein Heil in scheinbar kluger Bündnispolitik und scheiterte immer wieder damit. Das Volk drohte den Mut sinken zu lassen nach dem Motto „es hat ja doch alles keinen Zweck“. In dieser Situation hält der Prophet ihnen ein Hoffnungsbild vor Augen. Er hatte das Volk früher scharf kritisiert. Aber nun will er Hoffnung und Kraft geben. Er ist ein Mann Gottes, er vertritt nicht wie die Politiker bloße Durchhalteparolen, die auf menschliche Klugheit bauen. Er hatte keine verdeckte Agenda von state capture und Selbstbereicherung. Er lenkt ihre Aufmerksamkeit auf Gottes Handeln. Es ist bemerkenswert, mit welchen „Pinselstrichen“ Jesaja sein Hoffnungsbild zeichnet. Hoffnung resultiert nicht aus dem Vertrauen auf dieses oder jenes taktisch gut eingefädelte Bündnis. Er ruft nicht zum Vertrauen in militärische Macht auf. Hoffnung beruht zunächst auf der Selbstbesinnung, in die dann Gott hineinspricht. Denn, so sagt er es den Seinen, „durch Stillesein und Hoffen würdet ihre stark sein“ (Jes. 30, 15).


Gegen die Wirklichkeit, wie sie seinen Zuhörern unmittelbar vor Augen steht, zeichnet er eine Vision:


Die felsigen Gebirgskuppen des Libanongebirges sollen fruchtbar werden. Dieses Hoffnungsbild ruft uns ins Gedächtnis, welch überwältigende natürliche Lebenskraft der Schöpfer unserer Erde eingestiftet hat. Uns gilt die Zusage, dass trotz aller Zerstörung und Belastung, trotz aller Grenzen der Endlichkeit und Vergänglichkeit „Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter“ nicht aufhören werden (1. Mose 8, 22). Das Bewahrungshandeln Gottes wird sich gegenüber dem Zerstörungshandeln der Menschen als überlegen erweisen. Diese Hoffnung wird nicht – wie manche befürchten – dazu führen, dass wir die Hände in den Schoß legen, sondern umgekehrt, dass uns neuer Mut zufließt, unser Handeln am Willen Gottes auszurichten.


Das Leben der Menschen wird von schmerzhaften Einschränkungen eingeengt. Es gibt körperliche Einschränkungen wie Blindheit und Taubheit. Es gibt auch Einschränkungen im sozialen Umfeld: ungerechte Lebensverhältnisse mit tyrannischer Unterdrückung oder Rechtsverdrehung und Lüge. Verführerisch einfache und doch so falsche Zuordnungen nach Rasse, Hautfarbe oder Sprache. Menschen werden so beschämt, sie erhalten nicht das Maß an Anerkennung und Zuneigung, das sie brauchen. Jesaja hält seinen Zuhörern ein Gegenbild vor: Diese Einschränkungen dürfen und werden nicht endgültig sein. Dabei setzt er nicht auf menschliche Klugheit, sondern auf das weltverwandelnde Handeln Gottes.


„Denn sie werden sehen die Werke meiner Hände“, spricht der Herr. Wer sich auf die Verheißungen einlässt, für den geraten die Lebensverhältnisse in ein besonderes Licht, sie werden als Werk der göttlichen Hände durchsichtig. Es entsteht ein Vertrauen nicht nur auf diese oder jene förderliche Lebensbedingung, sondern auf Gott selbst, den Ursprung allen Lebens.


Ist solche Hoffnung berechtigt, hat sie Anhalt an der Wirklichkeit oder handelt es sich um eine schöne Illusion? Machen wir mit unseren Hoffnungsbildern nicht doch den Versuch, uns selbst aus dem Sumpf zu ziehen?


Ein solches Hoffnungsbild kann eine Illusion sein, es gibt keinen objektiven Beweis für die Stichhaltigkeit. Aber es gibt ermutigende Glaubenserfahrungen mit solchen Hoffnungsbildern und ihrer aufrichtenden Kraft. Ein Beispiel will ich nennen: In den Herzen, in den Gewissen der Geschwister Scholl, die friedlich, nur mit der Macht des Wortes den Nationalsozialisten zu widerstehen versuchten und dafür mit Leben zahlten, und ihrer Freunde war ein Bild des christlichen Glaubens lebendig, wie die Welt nach Gottes Willen aussehen soll. Die Wirklichkeit entsprach dem nicht, ja sie befand sich in schreiendem Gegensatz dazu. Der Kreis um die Geschwister Scholl hat dieses Bild festgehalten und es unerschrocken und mutig ausgesprochen, demonstrativ darauf hingewiesen, sich auch durch Drohungen nicht abschrecken lassen. Die Wahrheit diese Hoffnungsbildes war ihnen wichtiger als ihr Leben. Sie haben an dem Bild festgehalten bis in den Tod. Sie waren davon überzeugt: In diesem Bild ist mehr Wahrheit als in der zu ihrer Zeit übermächtigen Gewalt einer Herrschaft, die sich tausendjährig nannte. In Wirklichkeit dauerte sie zwölf Jahre, und statt ein Reich aufzurichten, legte sie die halbe Welt in Schutt und Asche.


Es gibt Bilder der Hoffnung, Bilder, wie das Leben der Menschen nach Gottes Willen sein soll, und diese Bilder haben eine realitätsverändernde Kraft, wenn wir sie in unser Herz und Gewissen einlassen. Diese Bilder geben keine Antwort darauf, ob es richtig ist zu gehen oder zu bleiben. Das müssen wir selbst entscheiden. Aber was immer wir tun, wie immer wir unser Leben führen, solche Bilder der Hoffnung mögen uns begleiten. Damit unser Leben gelingt. Damit wir nicht in der Resignation versinken. Aber auch, damit wir uns nicht trügerischen Illusionen hingeben. Der Glaube, das Vertrauen auf Gott, bleibt oft Wagnis. Es kann wohl nicht anders sein. Aber auch da, wo unser Weg dunkel und ungewiss vor uns liegt, soll Gottes Hoffnung uns begleiten. Denn dann kann es geschehen, dass ein geknicktes Rohr doch nicht völlig zerbricht, und ein Docht, der nur noch ein wenig glimmt, nicht völlig erlischt (Jes. 42,3), sondern das Dunkel mit seiner schwachen Kraft weiter erhellt. Und vielleicht wird es dann wahr: „Wir werden sein wie die Träumenden, erlöst aus unseren Gefangenschaften, und unsere Zunge wird voll Rühmens sein.“


Amen.