Predigt am 17. September 2017 (14. Sonntag nach Trinitatis)

in der Dorfkirche Berlin-Rudow

Pfarrer Dr. Christian Nottmeier


(Predigttext: Mk 1, 40-45)


Liebe Gemeinde,


eigentlich bin ich ein Twitterskeptiker. Als Kurznachrichtendienst ist Twitter mit einer Begrenzung der Nachrichten auf 140 Zeichen bestimmt ziemlich praktisch. Manchmal liegt ja in der Kürze die Würze. Nur leider ist die Welt meist komplexer als 140 Zeichen, wie das Beispiel Donald Trumps zeigt. Deshalb meine Twitterskepsis.

Doch dann kam der 12. August 2017. Da gab es einen weltweit beachteten Twitterrekord, der mich nachdenklich gemacht hat. Aufgestellt hat ihn Barack Obama. Keine Nachricht ist von mehr Menschen geliket oder retweetet worden. Obama hatte dabei nur ein Zitat aus der Lebensgeschichte Nelson Mandelas geteilt. Doch es gewann seine Bedeutung im aktuellen Zusammenhang. Denn einen Tag zuvor war es zu neonazistischer Gewalt in Charlotteville in den USA gekommen, die der amtierende Präsident Trump nicht eindeutig verurteilen wollte. Obamas Mandelazitat sandte eine klare Botschaft: „Niemand wird geboren, um einen anderen Menschen wegen seiner Hautfarbe, seiner Lebensgeschichte oder seiner Religion zu hassen. Menschen müssen zu hassen lernen, und wenn sie zu hassen lernen können, dann kann ihnen auch gelehrt werden zu lieben, denn Liebe empfindet das menschliche Herz viel natürlicher als ihr Gegenteil.“ Liebe, nicht Hass, als das, was dem Menschen zugrunde liegt. Die Liebe als etwas Reines, der Hass als etwas Unreines, als eine Verdrehung des Menschen, der doch, davon war Mandela überzeugt, Ebenbild Gottes ist. Hass wird da gesät, wo Menschen andere Menschen festlegen wollen, auf ihre Herkunft, ihre Hautfarbe, ihre Sprache, ihre politischen Überzeugungen. Nicht dass unsere Prägungen keine Rolle spielen soll. Es ist die Vielfalt, die das Leben bunt und schön macht. Wir Menschen definieren uns durch Zugehörigkeiten. Aber wo solche unterschiedlichen Identitäten nur zur Abgrenzung gebraucht werden, da werden unsere Identitäten, unsere Prägungen zu kaum zu überwindenden Mauern, ja fast zu Gefängnissen aus Unsicherheit und Angst. Die Geschichte von der Heilung eines Aussätzigen ist eine Geschichte von den unüberwindlichen Grenzen, in denen Menschen aus Angst und Furcht gefangen sind. Und es ist eine Geschichte davon, wie Jesus diese Grenzen überwindet. Ich lese Mk 1, 40-45:


40 Und es kam zu ihm ein Aussätziger, der bat ihn, kniete nieder und sprach zu ihm: Willst du, so kannst du mich reinigen.

41 Und es jammerte ihn, und er streckte seine Hand aus, rührte ihn an und sprach zu ihm: Ich will's tun; sei rein!

42 Und alsbald wich der Aussatz von ihm, und er wurde rein.

43 Und Jesus bedrohte ihn und trieb ihn alsbald von sich

44 und sprach zu ihm: Sieh zu, dass du niemandem etwas sagst; sondern geh hin und zeige dich dem Priester und opfere für deine Reinigung, was Mose geboten hat, ihnen zum Zeugnis. 

45 Er aber ging fort und fing an, viel davon zu reden und die Geschichte bekannt zu machen, sodass Jesus hinfort nicht mehr öffentlich in eine Stadt gehen konnte; sondern er war draußen an einsamen Orten; und sie kamen zu ihm von allen Enden.


Ein namenloser Aussätziger hat von Jesus, dem Wundertäter, gehört. Jetzt ist Jesus da und der Aussätzige nimmt allen Mut zusammen und nutzt seine Chance. Denn Aussatz, unheilbar und ansteckend, bedeutete den Ausschluss aus der Familie, dem Freundeskreis und auch aus der Gemeinde der Glaubende. Eine Außenseiterexistenz. Ohne Hoffnung auf Rückkehr und Heilung. Der Ausschluss erfolgt dabei noch nicht einmal aus Hass oder Bosheit der Anderen. Es sind Angst und die berechtigte Sorge, dass weitere Menschen angesteckt werden könnten. Die Gesellschaft muss sich vor der Krankheit schützen, zumal sie so unheimlich, so gefährlich, ja fast dämonisch erscheint. Es ist der Priester, der über den Ausschluss, die Unreinheit, entscheiden musste. Nicht nur seine Lieben muss der Aussätzige verlassen, sondern auch vom Heil wird er ausgeschlossen, Jerusalem etwa, die Heilige Stadt, darf er nicht mehr betreten. Der, der eigentlich jetzt Trost braucht, den die Frage „Warum ich?“ umtreibt, muss ohne Trost, ohne Seelsorge, ohne den Halt der Rituale auskommen. Nicht einmal die Umarmung eines Freundes, kein Händedruck, kein aufmunternder Zuspruch. Er muss sogar vor sich selbst warnen. „Unrein", „unrein" muss er rufen, wenn sich von Ferne zufällig Menschen nähern. Und dann gibt es Menschen, die geben ihm noch die Schuld. Irgendwas muss er ja getan haben, warum sonst sollte Gott ihn mit einer solchen Krankheit strafen. Mehr kann ein Mensch kaum allein sein. Immer die Krankheit, die Einsamkeit, die Mauern und Grenzen um einen herum. Von Gott und den Menschen verlassen.


Irgendwie gelingt es dem Kranken, die Grenze der eigenen Scham, der eigenen Hoffnungslosigkeit zu überwinden. Hoffnung und Vertrauen geben ihm diese Kraft. Er kniet vor Jesus: „Willst du, so kannst du mich reinigen!“


Und Jesus, er will. Es ist ein intimer Moment. Nur Jesus und der Kranke. Jesus sieht den Kranken, er sieht seine Not und seine Verzweiflung, sein Hoffnung und sein Vertrauen. Der Kranke jammert ihn, er tut ihm leid. Zugleich, so lässt sich das griechische Wort hier auch verstehen, wird Jesus zornig. Nicht nur Jammer, sondern wohl auch Wut kommt in ihm hoch. Über die Krankheit, wohl auch über die Situation der Ausgrenzung, in der sich der Kranke befindet. Damit kann Jesus sich nicht abfinden, deshalb ein produktiver Zorn und Mitleid. Mit einem resignierten: „So sind die Dinge halt, damit muss man sich abfinden“ mag Jesus sein Gewissen nicht beruhigen.


Und dann wendet Jesus sich dem Kranken zu, ohne Angst vor Ansteckung; er überwindet alle Grenzen; es ist eine ganz unvorsichtige, fast sorglose Unmittelbarkeit, die alle Tabu- und Ausschließungsgrenzen, alle Ekelund Angstschranken hinter sich lässt, ohne Zögern und Skrupel. Dass er sich anstecken könnte, dass die Krankheit so verbreitet werden könnte, all diese berechtigten Sorgen spielen in diesem Moment keine Rolle. Die Liebe überwendet die Angst und Sorge, sie überspringt die Mauern der Furcht, sie kennt keine Grenzen, so wohl begründet sie auch sein mögen. Nur wenige Worte, und es geschieht: „Ich will´s, sei rein.“ Und die Liebe ist rein.

Seine Liebe, seine Vollmacht und sein Wort. Das reicht. Die verschaffen sich Geltung und blasen die dunklen Mächte und Gedanken davon, machen Menschen frei zu sich selbst und zu Gott. Jesus führt in die Freiheit. Die Angst vor dem Aussatz – sie nimmt gefangen, den Erkrankten, aber auch die Gesellschaft um sich herum. Die Angst, auf sich selbst gestellt und nicht bearbeitet, baut Mauern, bald unüberwindbar. Die Angst nimmt uns gefangen, vor Krankheit, vor Menschen, die uns fremd und anders erscheinen, vor Veränderung und Wandel. Wir kreisen um uns selbst, um unsere Angst, unseren Schmerz, unsere Unsicherheit. Es ist dieser Kreislauf von Angst und Ausgrenzung, den Jesus heilvoll durchbrechen will. Er will Menschen an Seele und Leib erneuern, will ihnen Wege zum Leben, Wege zu sich selbst und Wege zu Gott erschließen. Weil er daran glaubt, dass tief jedem Menschen Gnade und Großmut zu finden sind. Damals, in Kapernaum, und ebenso heute in Pretoria oder Berlin.


Jesu Handeln ist auch eine Frage an uns. Wo sind wir bereit, unsere Grenzen zu überschreiten? Auch, da wo uns Dinge wichtig und vertraut sind? Als Christinnen und Christen, als Gemeinden, leben wir davon, dass wir bereit sind, nicht bei uns selbst zu bleiben. Wir leben davon, uns nicht mit unseren Grenzen und unseren Schranken einfach zufrieden zu geben, auch wenn vielleicht gerade doch so schön und gemütlich ist. Wir haben sogar den Auftrag, diese Grenzen in Frage zu stellen. Das gilt mit Blick auf die öffentliche Verantwortung von Kirche und Gemeinde in Staat und Gesellschaft. Aber es gilt ebenso für das Bild, das wir von der Zukunft und Aufgabe von Kirche und Gemeinde haben.


In dem Land, in dem ich lebe, spielen Grenzen und Schranken eine große Rolle, in Staat, Gesellschaft und Kirchen. Auch, wo es nicht ausgesprochen wird, immer geht es auch um Herkunft, Wohlstand, politische Vernetzung und zunehmend auch wieder Sprache, Hautfarbe, Kultur. Wandel ist anstrengend. In einem Land wie Südafrika kann man das gleichsam im Zeitraffer beobachten. Und Wandel hat immer die Gefahr, dass Menschen sich als die Zukurzgekommenen, die Bedrängten empfinden. Ängste sind die legitimen Begleiterscheinungen von Wandel und Veränderung. Es nutzt nichts, sie zu verdrängen oder zu beschweigen. Sonst werden sie nur missbraucht von den Hasspredigern und denen, die gerne Menschen zum eigenen Nutzen gegeneinander aufwiegeln.


Als Christinnen und Christen ist es unsere Aufgabe, Wandel mitzugestalten. Das gilt auch für jede einzelne Kirche und Gemeinde. Als Pfarrer einer deutschsprachigen Gemeinde bin ich eigentlich immer mit einem Widerspruch konfrontiert – dem ich in anderen Mischungen auch in den Debatten um das Bild von Gemeinde und Kirche in Deutschland begegne. Menschen sehen die Gemeinde oft als Insel, als Heimat. Wo sie durchatmen können, wo es möglich ist aufzutanken. Wo sie eben auch deutsch sprechen können. Gemeinde als Insel und als Rückzugsort – das mag manchem zu wenig sein, aber es ist eine legitime Aufgabe von Gemeinde (deshalb kein Geschimpfe auf die Kerngemeinde!). Sie bietet Heimat, Rückzugsraum, aber auch einen sicheren Ort, wo ich mit meinen Ängsten umgehen kann. Wo ich keine Angst haben muss, mich zu öffnen. Wo ich zu meinen Verletzungen stehen kann. Insofern bleibt Gemeinde immer auch nach innen orientiert.


Aber sie bedarf ebenso des immer neuen Impulses, auch nach außen zu wirken. Das kann Bildungsarbeit sein, das kann diakonisches Wirken sein, das ist Offenheit für die Ökumene, das ist Stellungnahme zu drängenden Fragen der Zeit, das ist das Dasein als Raum für alle, die geistliche Impulse oder einfach einen Ort der Begegnung brauchen – einen Ort, wo man geschützt reden und sich begegnen kann, über die Grenzen von Sprache, Kultur und Hautfarbe hinweg. Manchmal gibt es da erst Ängste, es könnte etwas anderes wichtiges zu kurz kommen, man könnte etwas verlieren, wenn jetzt plötzlich die „Anderen“ kommen – die, die man nicht regelmäßig sieht, die, mit denen man nicht einfach so die Gemeinschaft suchen würde, die, dem eigenen Bild nicht entsprechen. Und doch liegt da ein Reichtum, liegt hier Zukunft. Denn Aufbrechen heißt hoffen. Nicht alle müssen alles machen, aber alle müssen einander in der Verschiedenheit der Aufgabe tragen. Kirche bleibt nur da lebendig, wo sie auch die eigenen Grenzen von Prägung und Sprache, von Kultur und Gewohnheit, von vertrautem Stil immer wieder zu überschreiten bereit ist. Identitäten, auch Grenzen, erweisen sich dann als heilvoll, wenn sie auch durchbrochen werden können. So haben wir in Pretoria vor einigen Wochen als sechs lutherische Kirchen gemeinsam Reformation gefeiert, in vielen Sprachen, vielen verschiedenen Kulturen, aber im Glauben an die Liebe Christi vereint. Es war kein leichter Weg dahin, aber es hat sich gelohnt 

„Meine engen Grenzen, meine enge Sicht – wandle sie in Weite, Herr erbarme dich.“ So haben wir es eben gesungen. In dieser Wunder- und Heilungsgeschichte kann ich das erkennen. Ich sehe einen Jesus, der ohne Vorbehalt, ohne Angst auf Menschen zugeht. Der aus den von Menschen gemachten Grenzen, aus den Schubladen, in die wir uns so gerne stecken, herausführt. Er schenkt neues Leben. Dem Aussätzigen ebenso wie denen, die aus zum Teil berechtigter Angst, aber vielleicht auch nur aus unhinterfragtem Vorurteil zu seiner Isolation beigetragen haben.


Dabei geht es Jesus nicht um sich selbst und nicht um große Revolutionen. Er schimpft auch nicht auf die Gemeinschaft oder den Priester. Er respektiert das, was ihnen wichtig ist. Er versteht ihren Wunsch nach Sicherheit. Er selbst als Jude hat Anteil an dieser Tradition, an dem, was die Identität seines Volkes und dieser Stadt Kapernaum ausmacht. So hat er auch Respekt vor dem, was aus religiöser Sicht nun zu tun ist. Eben deshalb soll der Aussätzige so wie das Gesetz es verlangt, sich dem Priester zeigen und ein Opfer bringen. Jesus lebt in dieser Tradition, er tut sie nicht einfach ab. Er braucht ihre Quellen ebenso wie das Gebet nachts in der Wüste, in dem er sich seines Gottes und seines Glaubens immer neu versichert. Eben deshalb kann er auch nach außen wirken. Er spielt nicht den Halt in der Gemeinschaft gegen den Impuls, weit über diese hinauswirken zu wollen, aus. Denn nur auf eins kommt es an: Dass Gottes gute Nachricht viele Menschen erreicht. Und sie so die herrliche Freiheit der Kinder Gottes erfahren. Die Reinheit seiner Liebe. Über alle Grenzen hinweg. Und meinetwegen auch mit Twitter.


Amen.