(Predigttext: Mk 1, 32-39)


32 Am Abend aber, da die Sonne untergegangen war, brachten sie zu ihm alle Kranken und Besessenen.

33 Und die ganze Stadt war versammelt vor der Tür.

34 Und er heilte viele, die an mancherlei Krankheiten litten, und trieb viele Dämonen aus und ließ die Dämonen nicht reden; denn sie kannten ihn.

35 Und am Morgen, noch vor Tage, stand er auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort.

36 Und Simon und die bei ihm waren, eilten ihm nach.

37 Und da sie ihn fanden, sprachen sie zu ihm: Jedermann sucht dich.

38 Und er sprach zu ihnen: Lasst uns anderswohin gehen, in die nächsten Orte, dass ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen.

39 Und er kam und predigte in ihren Synagogen in ganz Galiläa und trieb die Dämonen aus.


Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Gemeinde,


heute feiern wir Konfirmation. Wir feiern, dass unsere Konfirmanden heute ja zu einem selbstverantworteten Glauben sagen. Damit bekennen sie zugleich, dass der Glaube etwas mit ihrem Leben zu tun haben soll. Mit ihrem Fragen, Hoffen, Zweifel, Glauben. Ihrer Freude und ihrer Angst. Der Glaube, das Vertrauen auf Gott, soll etwas mit ihrem, mit unserem Leben zu tun haben. Denn darum geht es in den Geschichten der Bibel. Nicht um ferne Vergangenheit, sondern darum, wie Gott uns begleitet und begegnet. Glaube und Alltag – das ist zugleich mein Wunsch für unsere Konfirmanden – gehören zusammen. Und davon möchte ich erzählen am Beispiel des Predigttextes, den wir eben schon als Lesung gehört haben.


Linda, unsere Haushaltshilfe, hustet. Anfangs denke ich, sie ist krank. Aber sie ist es nicht. Alles ist o.k. Deshalb spreche ich sie an. „Was ist los mit dir? Du bist doch ganz gesund.“ Dann zögert sie und sagt: „Das verstehst du nicht.“ Nun bin ich überrascht: „Warum nicht?“ Wieder zögert sie, um dann zu antworten: „Weil du weiß bist.“ Ich gestehe, ich war erst etwas vor den Kopf gestoßen, denn ich weigere mich zu glauben, dass die Hautfarbe uns so fundamental unterscheiden soll. „Wie kommst du darauf?“, entgegne ich. Dann erzählt sie von einem Angestellten unseres Nachbarn. Mit dem habe sie einen schlimmen Streit gehabt, er habe sie beschimpft, weil sie als Frau keinen Mann und keine Kinder habe. So sei sie zu nichts nütze. Außerdem vergifte sie sein Essen. Ich weiß, dass Linda ziemlich durchsetzungsfähig ist und kann mir gut vorstellen, wie er ihr gegenüber verbal den Kürzeren gezogen hat. Dann flüstert sie: „Er ist zur Sangoma gegangen und hat mich verhext. Dann kommt ein Dämon, ein böser Geist, gerade wenn ich bei euch bin. Der lässt mich husten.“ Jetzt beginne ich, mein westliches Verständnis von Rationalität abzuspulen und erkläre ihr, dass es sowas wie Dämonen nicht gibt. Linda lässt meinen Vortrag über sich ergehen. Dann sagt sie trocken: „Für euch vielleicht nicht, für uns schon.“ Ich merke: Es war ein großer Vertrauensbeweis, dass sie mir die Geschichte überhaupt erzählt hat. Es mag mir passen oder nicht, für sie ist dieser Fluch und der böse Geist eine echte Realität, die ich nicht wegrationalisieren kann. Helfen kann ich ihr nur, wenn ich ihre Geschichte ernst nehme, so schwierig das für mich ist.


Ich muss aber doch erst einmal ziemlich tief durchatmen und schweigen. Als sie merkt, dass ich wohl verstanden habe, erklärt sie mir, dass ihr christlicher Glaube es ihr verbiete, Gegenzauber zu gebrauchen. Manchmal würde sie es gerne tun. Aber es sei gut, dass es verboten sei. Das gäbe diesen Geistern nur zu viel Macht. Außerdem sei Jesus viel stärker, man müsse halt vertrauen und beten. Das helfe nicht immer, werde die Sache aber erträglicher machen.


Das mit den Dämonen ist für mich eigentlich eine klare Sache gewesen. Ich habe es da immer mit Rudolf Bultmann gehalten: „Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben“, so hat er 1941 geschrieben. Offensichtlich aber geht es doch. Denn Gespräche wie das mit Linda führe ich öfters, etwa im englischsprachigen Religionsunterricht an der Schule, an der ich in der Oberstufe unterrichte, Kinder aus Mittelschichtfamilien und aus den Townships. Wenn es auf das Thema kommt, sind alle ziemlich ernst. Und auch wenn einer es als Aberglauben bezeichnet, tut er es vorsichtig. Man weiß ja nie.


Mich macht das nachdenklich, auch mit Blick auf mich selbst. Wie so manches hat Südafrika meinen Blick auf liebgewonnene Überzeugungen und theologische Sicherheiten verändert. Da ist es gut, noch einmal neu auf diese Geschichte zu schauen und sie anders zu entdecken.


Es war ein langer Tag. Begonnen hatte es alles damit, dass dieser unbekannte Wanderprediger am frühen Morgen nach Kapernaum gekommen war. Ein paar Männer, Fischer vor allem vom nahen See, hatten ihn begleitet, darunter Simon und Andreas, die schon lange hier wohnten. Er hatte in der Synagoge gepredigt, die Botschaft der Schriften ganz neu interpretiert. Das hatte alle beeindruckt. Autorität, ja Vollmacht konnte man ihm nicht absprechen. Dann hatte es den ersten Vorfall gegeben. Ein Geist, ein Dämon, hatte ihn als „Heiligen Gottes“ bezeichnet und war dann – voller Furcht – aus einem Kranken entwichen. Das hatte wieder alle erstaunt. Das gleiche galt für die Geschichte mit Simons Schwiegermutter, die schon länger an schwerem Fieber litt. In deren Haus war Jesus gegangen. Eine Berührung, eine Zuwendung von ihm hatte genügt und sie war wieder gesund. Das hatte sich wie Lauffeuer in dem kleinen Ort verbreitet. Am Abend, als es dunkel wird und der Sabbat zu Ende ist, sind alle auf den Beinen und wollen mehr. Nicht nur mehr Worte, sondern v.a. mehr Wunder. Alle Kranken hat man angeschleppt. Jesus heilt im Dauereinsatz. Und wieder treibt er auch Geister aus. Diese merkwürdigen dunklen Mächte wissen irgendwie, mit wem sie es zu tun haben. Ja, sie kommen noch nicht einmal zu Wort, sie verlieren ihre Macht, ein Wörtlein kann sie fällen. Es braucht keinen Gegenzauber, um sie zu entmachten. Es reicht seine Vollmacht und sein Wort. Die verschaffen sich Geltung und blasen die dunklen Mächte und Gedanken davon, machen Menschen frei zu sich selbst und zu Gott. So ist es mit dem Fieber bei Simons Schwiegermutter, so ist es bei den Geistern, die er austreibt. Jesus bestreitet nicht das Leid der Kranken, den Schmerz der von Geistern und Dämonen Versklavten – wie immer uns wir diese Geister auch vorstellen mögen. Ihm geht es nicht um die Krankheit und nicht um die Geister, ihm geht es um die Freiheit der Menschen. Um ihren Wert jenseits allen Schmerzes, jenseits allen menschlichen Kreisens um sich selbst. Ihm geht es um die Freiheit, die sich in Gott gründet. Das ist seine Mission.

 

Krankheit kann gefangen nehmen, böse Geister oder Gedanken können uns betören. Wir kreisen um uns selbst, um unsere Angst, unseren Schmerz und manchmal auch unseren Wahn, der uns nach immer mehr streben lässt. Mehr Anerkennung, mehr Wohlstand, mehr Sicherheit. Oft sind es nur Kehrseiten unserer Ängste und Sehnsüchte, unserer Zweifel und Unsicherheiten. An diesem Abend in Kapernaum ist es nicht anders.


Vielleicht auch deshalb entzieht sich Jesus plötzlich dem Geschehen. Er heilt Kranke, er vertreibt Geister und Dämonen, er tut es bei vielen, aber nicht bei allen, die zu ihm gebracht werden. Aber plötzlich ist Jesus verschwunden. Simon muss ihn suchen. Er findet ihn, in der Einsamkeit, betend, als einen, der sich auf die Quellen seiner Kraft, den Grund seines Wortes, das Vertrauen auf seinen Gott besinnt. Jesus braucht diese Momente der Stille, des Auftankens, des Offenseins für Gottes Wort. Nur weil er empfängt, kann er geben. Nur so kann er sich Menschen an Leib und Seele zuwenden, ihnen Wege zur Heilung und so zu sich selbstund zu Gott erschließen. Das ist seine Mission, nicht nur damals in Kapernaum. Er will Menschen sammeln und ermutigen zu einem Leben aus Gott. Er sieht ihre Not an Seele und Leib. Er sieht ihr Verlangen nach Heilung, spürt den Funken des Glaubens, der sich auch da verbirgt, wo wir vielleicht nur Aberglauben zu sehen meinen. Seine Kraft aber bezieht er aus jenen Stunden der Einsamkeit nachts oder am frühen Morgen, aus seiner Zwiesprache mit Gott in Andacht und Gebet. Darin liegt seine Freiheit. Es ist diese Freiheit, die ihn auch weiterziehen lässt. Dem Mehr an Heilung, dem Mehr auch an einem sensationellen Auftreten als Wundertäter entzieht er sich. Als Simon ihn findet, kehrt er nicht nach Kapernaum zurück. Auch an anderen Orten will er predigen, will er das Wort der Liebe und der Gotteskindschaft bezeugen. Sein Wort gilt nichtder Krankheit und nicht den Geistern. Sein Wort gilt den Menschen, die er ins Leben und in die Freiheit führt. So wie unsere Konfirmanden heute.


Die Geister und Dämonen, die für die Menschen damals in Kapernaum und noch heute für viele Menschen in Südafrika eine solche Macht und Bedeutung haben, mögen für uns nicht mehr wichtig sein. Es geht auch nicht darum, sie neu zu beschwören. Aber so sehr wir sie gebannt haben mögen, so sehr haben wir sie durch anderes ersetzt, was uns gefangen nimmt, was von uns Besitz ergreift und über das uns das Leben und die Freiheit aus dem Blick geraten. Wir bleiben verführbar, im Kleinen wie im Großen.


Bultmann, der über Linda vermutlich aufgeklärt freundlich gelächelt hätte, musste sich in finsteren Zeiten dann doch mit dämonischen Mächten auseinandersetzen. Es gab sie, aber anders als er dachte. Inzwischen lese ich gerne seine Predigten aus dieser Zeit. Bultmann war kein Widerstandskämpfer, aber in seinen Predigten aus der Zeit nach 1933 findet sich manches mutige Wort, dass den bösen Geistern dieser Zeit entgegentrat.


Linda übrigens geht es jetzt besser. Manchmal muss sie wieder husten. Sie glaubt noch immer, dass das Husten von den Geistern kommt. Ich werde es ihr nicht ausreden. Aber sie weiß, dass sie sich davon nicht gefangen nehmen lassen muss. Das nimmt ihr nicht immer die Angst, aber es gibt ihr Freiheit. So durchbricht sie den Kreis der dunklen Gedanken. Manchmal fragt sie. „Kannst du mich segnen?“ Die Geister mögen für sie eine Macht sein. Aber für sie gilt mit Blick auf die Geister und dunklen Gedanken: „Ein Wörtlein kann sie fällen.“ Die Strophe von Luther gibt es übrigens auch in Lindas Sprache. Es hat ihr gefallen, als ich es ihr gezeigt habe. Wieder etwas, das uns verbindet. Und nicht nur dies. Denn in Andacht und Gebet, in der Konzentration auf den Gott, mit dem Jesus in jener Nacht in Kapernaum Zwiesprache hält, können wir beide uns gemeinsam einfinden. So wie es im Wochenspruch heißt: „Heile du mich Herr, so werde ich heil; hilf du mir, so wird mir geholfen.“ Diese Erfahrung, dass der Glaube euch Trost und Halt, Zuflucht und nicht zuletzt Kraft für euren Alltag gibt, das wünsche ich uns und v.a. unseren Konfirmanden.


Amen.