Predigttext: 2 Kor 5,1-10 in Verbindung mit dem Lied „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ (EG 503)


1 Denn wir wissen: wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel.

2 Denn darum seufzen wir auch und sehnen uns danach, dass wir mit unserer Behausung, die vom Himmel ist, überkleidet werden,

3 weil wir dann bekleidet und nicht nackt befunden werden.

4 Denn solange wir in dieser Hütte sind, seufzen wir und sind beschwert, weil wir lieber nicht entkleidet, sondern überkleidet werden wollen, damit das Sterbliche verschlungen werde von dem Leben.

5 Der uns aber dazu bereitet hat, das ist Gott, der uns [a]als Unterpfand den Geist gegeben hat.

6 So sind wir denn allezeit getrost und wissen: solange wir im Leibe wohnen, [a]weilen wir fern von dem Herrn;

7 denn wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen.

8 Wir sind aber getrost und haben vielmehr Lust, den Leib zu verlassen und daheim zu sein bei dem Herrn.

9 Darum setzen wir auch unsre Ehre darein, ob wir daheim sind oder in der Fremde, dass wir ihm wohl gefallen.

10 Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit jeder seinen Lohn empfange für das, was er getan hat bei Lebzeiten, es sei gut oder böse.


Hinführung Liedmeditation (Christian)


Liebe Gemeinde!


Wie kann man eigentlich vom Ewigen reden? Vom Ende der Welt? Auch vom Ende des eigenen Lebens? Und auch davon, dass ich verantwortlich bin für mein Leben? Dass mein Verhalten Konsequenzen hat, für mich, wie für andere, und zwar so, dass ich nicht jede Folge meiner Handlungen wieder rückgängig machen kann. Es freilich schwer, von diesen Dingen zu sprechen. Denn wie passen in christlicher Perspektive die Gnade Gottes und der Gedanke des Gerichts, der Verantwortbarkeit, der ich mich stellen muss, zusammen?


Die Bibel wie die christliche Tradition versuchen das nicht in festen, abstrakten Begriffen auszudrücken, sondern in Bilder. Es ist die Eigenschaft von Bildern, dass sie unsere menschlichen Erfahrungen und Vorstellungen aufnehmen. Sie reden gleichsam mit menschlichen Vorstellungen vom Göttlichen. Anders ging es auch nicht. Aber die Bilder bleiben deshalb immer auch ein Stück unvollkommen. Sie weisen in ihrer Unterschiedlichkeit und manchmal auch ihrer Widersprüchlichkeit auf etwas Höheres, etwas, was über sie hinausgeht. Sie sollen auf Gott, auf die Hoffnung für unser Leben verweisen, Hinweisschildern gleich.


Auch Paulus kennt solcher Bilder. Er hat sich selbst als neu geschaffen durch seinen Glauben verstanden, so neu geschaffen, so geborgen, dass ihn der Tod nicht schrecken konnte. Ja, so schreibt er, er seufze, ja er sehn sich nach Erlösung, auch von diesem irdischen Leben. Auch das tut er mit Bildern, die helfen sollen sich vorzustellen, was das heißt: Erlösung für die Welt, Erlösung auch für mich:


Der Apostel Paulus spricht in – durchaus verschiedenen– Bildern von dem, worauf wir hoffen können – und das streng genommen nicht angesichts des Todes (denn der lässt uns nicht hoffen!), sondern angesichts Gottes! Wie anders als in Bildern sollten wir davon reden können? Das bedeutet allerdings: Die Bilder (etwa: „irdisches Haus“ – „Haus, von Gott erbaut“ / „überkleidet werden“ / „den Leib verlassen und daheim sein bei dem Herrn“ / „offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi“) dürfen nicht überstrapaziert oder gegeneinander ausgespielt oder gar mit der „Sache“ an sich identifiziert werden. Es sind Bilder die trösten, aber nicht vertrösten sollen. Gewiss, Paulus fühlt sich bewahrt in all den Umbrüchen und Schmerzen, all den Widersprüchlichkeiten seiner Zeit. Er zeigt ein Gottvertrauen, ein Gegründetsein seines Selbstbewusstseins in Gott, dem tatsächlich weder Mächte noch Gewalten, weder Hohes noch Tiefes etwas anhaben kann. Und doch bleibt die Erkenntnis, dass wir das, was unseren Wert bei Gott ausmacht, das, was uns unvergänglich macht, eben nur mit Bilder, mit Hoffnungen, mit Umschreibungen ausdrücken können. Sie können nur andeuten, dass wir uns ein Mehr unseres Lebens, eines Lebens, wo die Tränen in Freude verwandelt und der Schmerz, dieser Riss in unserem Sein, nicht mehr sein wird.


Es gut, dass es viele solcher Bilder gibt. Ein besonders schönes hat der Liederdichter Paul Gerhardt im 17. Jahrhundert entworfen. Es ist bekannt durch seine wunderbare, beschwingende Melodie, aber v.a. durch die Lebensfreude, die es ausstrahlt. „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ – dieses Sommerlied Paul Gerhardts ist freilich einer freudlosen, einer trostlosen Zeit, nämlich der des 30jährigen Krieges abgerungen. Es ist ein Lied des Lebens gegen den Tod, aber ebenso ein Lied über die Ewigkeit, die Erlösung, die sich bei Gott finden lässt. Das Lied führt uns von der Schönheit der sommerlichen Schöpfung in die Gärten der Ewigkeit Gottes und von dort wieder hinab in unsere Welt, in das Leben und die Verantwortung, die Gott uns geschenkt hat im Hier und im Jetzt. Wir singen die Verse 1-3.


Lied: EG 503, 1-3 Geh aus mein Herz


Liedmeditation I (Ute)


Unser Leben ist ein täglicher Kampf. Um’s Überleben. Und selbst wenn Essen, Trinken und Behausung größtenteils garantiert sind, selbst dann erscheint uns das Leben oft als täglicher Kampf. Es gibt so viele „Probleme“. Wir bewegen uns in unübersichtlichen Grauzonen. Und manchmal scheinen alle unsere Mühen überflüssig. Ist es denn überhaupt wichtig wie ich mein Lebe gestalte? Ob ich jemandem helfe? Zu Essen und Trinken gebe? Bekleide? Vielleicht bringe ich mich damit sogar in Gefahr. Und außerdem – ich habe dafür doch hart gearbeitet – der andere soll sich auch einfach mal ein bisschen anstrengen und nicht alles geschenkt haben wollen. Ist doch nicht mein Problem.

 

Oder vielleicht doch? Jesus gibt uns einen kleinen Einblick in das Weltgericht. Wir haben es in der Lesung gehört. Die Schafe werden von den Ziegen getrennt. Und wir werden zur Verantwortung über unser irdisches Leben gerufen. Dieses Leben voller Grau-Zonen endet also doch ich Schwarz-Weiß? Im Trennen von Schafen von Ziegen? Im Ja-Nein??


Wie sollen wir das alles verstehen? Vieles können wir nur erahnen. Wie ein Baby im Mutterleib nur erahnen kann wie die Welt „da draußen“ wohl aussieht. Aber nach der Geburt kennt es schon die Stimme der Mutter, und darf in dieser Geborgenheit die neue große Welt entdecken. Und diese Welt ist schön. Sie ist bunt. Sie ist wie ein Garten – das besingt unser Lied. Wenn Gott diese irdische Welt schon so schön geschaffen hat, warum sollte die kommende, für uns noch unsichtbare, Welt dann Schwarz-Weiß oder in Grau-Schattierungen sein? Ich freue mich auf Gottes Garten. Und wenn wir dann in Gottes neuer Welt angekommen sind – seine Stimme kennen wir ja schon!


Lied: EG 503, 8-10


Liedmeditation II (Friedeburg)


Welche Gedanken sind dir beim Singen dieser Liedstrophen gekommen? Heute ist der vorletzte Sonntag des Kirchenjahres. Ewigkeitsgedanken machen sich breit, besonders wenn wir im vergangenen Jahr einen lieben Menschen an die Ewigkeit abgegeben haben.


In den Versen, die wir eben gesungen haben, ändert Paul Gerhardt allmählich die Blickrichtung. In den Anfangsstrophen haben wir uns an Irdischem erfreut – Garten, Bäume, Vögel – alles was wir sinnlich erfassen können. Nun lenkt Gerhardt unsern Blick auf die Ewigkeit. Wie es in der Ewigkeit sein wird, können wir nur vermuten. Doch das Staunen über die Wunder in der Natur könnte uns sensibel machen für das, was noch kommt: Heißt es doch: “Des großen Gottes großes Tun, erweckt mir alle Sinnen”. Ich könnte mir vorstellen, dass wir dann, wenn die menschlichen Lebensmerkmale auf der Herzlungenmaschine langsam verstummen, vielleicht spüren können, wie das große Halleluja einsetzt.


Jesus ist Gottes Zuspruch auf ein ewiges Leben. Ebenso ist Er auch der Anspruch auf unsere Lebensweise – und dieses ist ein Leben gefüllt von Lob und Preis: gewissermaßen eine Vorbereitung für das Mitsingen in der Ewigkeit. Ja, man kann das für sich alleine und privat machen, aber ich glaube, dass wir hier beim Singen in Gemeinschaft einen viel stärkeren Vorgeschmack von dem Jubel in der zukünftigen Welt bekommen. Lasst uns deshalb nun gemeinsam die Verse 11 bis 13 singen.


Lied: EG 503, 11-13


Liedmeditation III (Christian)


Von der Erde zum Himmel und wieder zurück: so führt uns Gerhardt in seinem Lied. Die schöne Erde, die er in den ersten Strophen besingt, ist zugleich eine arme Erde, nicht nur mit Blick auf das Leid dieser Welt, sondern auch angesichts des reichen Himmels und den Gärten Christi, die er dort besingt: Bilder des Trostes und der Zuversicht. Darauf, dass dieses Leben und diese Welt im Himmel gleichsam vollendet und heil werden. Dieser Ausflug in die himmlischen Gärten endet in der 11. Strophe im Singen eines Lobliedes „mit tausend schönen Psalmen.“ So gestärkt geht es zurück auf die Erde: Doch gleichwohl will ich … Solange ich hier auf der Erde lebe will ich trotz aller mit dem irdischen Leben verbundenen Mühen in Gottes Lob einstimmen.


In den abschließenden drei Bittstrophen gelingt Paul Gerhardt eine eindrückliche Verbindung, ja Vermischung von Diesseits und Jenseits, und hier gewinnt das Motiv des Gartens noch eine weitere Dimension. Diese Verbindung und Vermischung der beiden Welten stellt Paul Gerhardt nicht nur über inhaltliche Aussagen, sondern auch über die Sprache her. Auffallend ist die gehäufte Verwendung der Garten- Worte in den letzten drei Strophen: Segen, der vom Himmel fleußt (Str. 13) – das erinnert an Regen, der ja wahrlich ein Segen ist. Das botanische Vokabular der ersten sieben Geh-aus-mein Herz-Strophen wird aber noch viel eindeutiger aufgegriffen: Vom Blühen ist die Rede – aber diesmal sind nicht die Narzissen und die Tulipan gemeint, sondern der sich für und vor Gott entfaltende Mensch. Und den Sommer deiner Gnad, der Glaubensfrüchte ziehen soll, verstehen wir jetzt auch im übertragenen Sinn: Die Erinnerung an Gottes Verheißung seiner niemals endenden, ewigen Zuwendung möge doch unseren Glauben wachsen lassen. Auch in den beiden anderen Bittstrophen kann Paul Gerhardt das in der ersten Hälfte von Geh aus, mein Herz verwendete Sprachmaterial aus der Botanik beibehalten und diesmal bittend auf den Menschen beziehen: dass ich dir ein guter Baum werden, dass ich Wurzel treiben und deines Gartens schöne Blum und Pflanze bleiben kann. Diese Strophe lässt vollends offen, in welchem Garten sich der Sänger befindet, ja, fast hat man den Eindruck, es gebe den Gegensatz zwischen Himmel und Erde nicht mehr. Ganz irdisch lässt sich diese vierzehnte Strophe verstehen, ganz irdisch muss sie sogar verstanden werden. Und doch ist „Mach in mir deinem Geiste Raum, / dass ich dir werd’ ein guter Baum, / und lass mich Wurzel treiben. / Verleihe, dass zu deinem Ruhm / ich deines Gartens schöne Blum / und Pflanze möge bleiben“ auch eine auf die Ewigkeit bezogene Bitte, sie wird explizit in der letzten Strophe ausgedrückt: Erwähle mich zum Paradeis – und Anklänge an den Garten bleiben uns im Ohr, wenn wir singen: und lass mich bis zur letzten Reis / an Leib und Seele grünen. In der Bitte der letzten Strophe um Aufnahme ins Paradies klingt zum vierten Mal das Motiv des Gartens an, und ein letztes Mal begegnen wir einem gärtnerischen Bild: an Leib und Seele grünen. Eine sehr hoffnungsvolle Vorstellung, wie ich finde. Bis zur letzten Reise, bis ins Alter soll Gott uns ermöglichen, an Leib und Seele zu grünen, das heißt doch: Wachsen, sich entwickeln, immer wieder neu anfangen können. Darin liegt denn auch unser Trost wie unser Auftrag: auch diese Welt und ihre Not nicht zu vergessen.


Lied: EG 503, 14-15