(Predigttext: Röm 15, 5-13)


5 Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, dass ihr einträchtig gesinnt seid untereinander, wie es Christus Jesus entspricht,

6 damit ihr einmütig mit einem Munde Gott lobt, den Vater unseres Herrn Jesus Christus.

7 Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Ehre.

8 Denn ich sage: Christus ist ein Diener der Beschneidung geworden um der Wahrhaftigkeit Gottes willen, um die Verheißungen zu bestätigen, die den Vätern gegeben sind;

9 die Heiden aber sollen Gott die Ehre geben um der Barmherzigkeit willen, wie geschrieben steht (Psalm 18,50): »Darum will ich dich loben unter den Heiden und deinem Namen singen.«

10 Und wiederum heißt es (5.Mose 32,43): »Freut euch, ihr Heiden, mit seinem Volk!«

11 Und wiederum (Psalm 117,1): »Lobet den Herrn, alle Heiden, und preisen sollen ihn alle Völker!«

12 Und wiederum spricht Jesaja (Jesaja 11,10): »Es wird kommen der Spross aus der Wurzel Isais, und der wird aufstehen, zu herrschen über die Völker; auf den werden die Völker hoffen.«

13 Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes.


Liebe Gemeinde,


die Advents- und Weihnachtszeit hat nicht nur einen besonderen Klang, einen besonderen Sound unterschiedliche Lieder und Musikstile. Sie hat ebenso einen besonderen Geruch. Und damit meine ich nicht nur der Duft des Tannengrüns der Adventskränze, den wir hier ja leider nicht genießen können. Sondern ich meine die gleichsam kulinarischen Gerüche, die uns v.a. aus der Küche entgegenkommen. Viele von euch werden schon Kekse gebacken haben. Ich liebe es, wenn der Duft aus dem Ofen das ganze Haus erfüllt. Die Adventszeit hat einen ganz besonderen Duft und einen ganz eigenen Geschmack: nach Orangen und Zimt, nach heißem Kakao und frischen Plätzchen, nach Lebkuchen und Klößen mit Rotkohl. Deshalb geht man im Januar auch besser nicht auf die Waage.


Früher war der Advent dagegen eine Fastenzeit. Wir kennen das heute aus der Passionszeit: In den Wochen vor Ostern verzichten viele Christen auf Fleisch oder Süßigkeiten. Die Zeit, in der wir daran denken, wie schwer es der Sohn Gottes in der Welt hatte, schmeckt nicht süß. Es ist eine Zeit der Bitterkeit und des Verzichts. Um wie viel köstlicher schmeckt dann das Festmahl an Ostern. Nach himmlischem Reichtum, nach prallem Leben, nach Auferstehung eben.


So haben die verschiedenen Jahreszeiten ihre eigenen Geschmäcker und auch die Religionen unterscheiden sich in Fragen des Geschmacks. Muslime trinken zum Beispiel keinen Alkohol, während die Bierbrautradition in christlichen Klöstern überliefert wurde. „Sag mir, was du isst; ich sag dir, wer du bist.“


Auch am Anfang des Christentums spielten Fragen der Ernährung und der Lebensführung eine wichtige Rolle. Das ist der Hintergrund unseres Predigttextes. Jesus war Jude, der in Israel aufwuchs. Dementsprechend war er ganz selbstverständlich beschnitten und hielt sich an die jüdischen Speisevorschriften. Was er sagte, war geprägt von der Thora. Als sich in der Folgezeit seine Lehren immer mehr verbreiteten, kamen aber auch Menschen zum Glauben, die einen anderen kulturellen und religiösen Hintergrund hatten.


Nun entbrannte ein Streit: Müssen sich alle Anhänger der Jesuslehren beschneiden lassen und sich nach den jüdischen Regeln richten?


Paulus, der den Brief an die Gemeinde von Rom geschrieben hat, aus dem der Predigttext stammt, war der Meinung, darauf komme es nicht an. Jesus sei für beide Gruppen gekommen: die Juden und die anderen. Er schreibt: „Denn ich sage: Christus ist ein Diener der Beschneidung geworden um der Wahrhaftigkeit Gottes willen, um die Verheißungen zu bestätigen, die den Vätern gegeben sind; die Heiden aber sollen Gott die Ehre geben um der Barmherzigkeit willen.“ (V. 8-9a).

 

Wir wissen, wie der Streit ausgegangen ist, sonst wären unsere Männer heute alle beschnitten und wir würden unser Essen koscher zubereiten. Heute lachen wir vielleicht darüber, dass sich an solchen Äußerlichkeiten ein großer Streit entzünden konnte, aber ich möchte daran erinnere nur daran, dass wir uns als lutherische Christen immer hier schmerzhaft getrennt wissen durch mir nicht nachvollziehbare Unterschiede in der Abendmahlslehre von der Freikirche und dass neuerdings der Umstand, dass unsere Kirche Frauen ordiniert und auch in Vorstandsämtern zulässt, plötzlich ein Hinderungsgrund für ökumenische Gottesdienste an neutralem Ort sein soll. Es geht bei solchen Auseinandersetzungen nie nur um Bräuche und Traditionen, sondern es geht um die Existenz. Wer sind wir? Wer hat mehr Recht, hier zu sein? Wer darf bestimmen? In fünfzig Jahren werden vielleicht Gegensätze überwunden sein, die uns heute noch absolut trennend erscheinen. Hoffentlich jedenfalls. Früher mussten ja manche von euch auch nach Kroondal fahren, um eine richtiges lutherisches und Hermannsburgisches Abendmahl zu bekommen. Pretoria war halt Berliner Mission und damit zu uniert…


Paulus jedenfalls war der Meinung, es sei egal, ob man nun beschnitten sei oder nicht, ob man nun koscher esse oder nicht. Hauptsache, man tue, was man tue, zur Ehre Gottes. (Röm 14,6)


Er malt mit Hilfe von Zitaten aus der Thora ein Hoffnungsbild von der Zukunft: eine Zeit, in der alle Völker voll Freude, Dankbarkeit und Glück Gott lobsingen. Davon sind wir weit entfernt. Auch und gerade in unserem Land. Auch wenn es bei uns nicht ums Essen geht, bleibt Paulus Mahnung zum Umgang mit Unterschieden mit Differenzen wichtig.


Ich möchte mit der Ebene von Kirchen und Gemeinde beginnen. Dabei will ich gar nicht auf andere zeigen, über Schwierigkeiten in der Ökumene reden oder dgl. Nein, ich will bei uns anfangen, hier in der Johannesgemeinde. Wir sind eine große Gemeinde, vielfältig in den Prägungen, der Herkunft und auch der Frömmigkeit. Man mag sich darüber beklagen, was alles vielleicht nicht gut läuft. Aber man darf auch über das Reden, was läuft. Eine leichte Zunahme der Mitglieder – nicht selbstverständlich in unserer Kirche. Gute Kontakte zu Schule und Botschaft, erfolgreiche Veranstaltungen, die viele Menschen anziehen wie den Christkindlmarkt, aber auch die Konzerte und Gottesdienste. Wir tun das nicht um unser selbst willen, sondern Gott zu Ehre. Und es gelingt uns deshalb, weil wir mit unseren Unterschieden umgehen können – auch und gerade in unseren geistlichen Erwartungen, die eben unterschiedlich sind. Man muss theologisch nicht mit allen zustimmen, was der Pastor, die Jugenddiakonen oder dieser oder jener Hauskreisleiter sagt. Man darf, ja soll, auch in geistlichen Dingen verschiedenen Meinungen haben. Man muss aber dem anderen immer dabei, auch wenn man es anders sieht, das Beste unterstellen. Das Gift der geistlichen Einheit, Paulus macht das deutlich, ist geistlicher Hochmut, ist die Meinung, man selber sei stark, besonders fromm, besonders richtig in dem was man denkt.


Dann ist das die Situation in unserem Land. Das brennt uns gerade jetzt, in diesen entscheidenden Tagen, vielleicht besonders auf den Nägeln. Denn das Hoffnungsbild des Paulus, es soll doch nicht nur für eine Gemeinde, es soll doch auch für alle Christen, ja alle Menschen hier in diesem Land wahr werden. Auch da hilft lamentieren wohl nur wenig. Aber es hilft vielleicht die Bereitschaft, von den eigenen Beschwernissen und Sorgen einmal aufzublicken und zu hören, zu verstehen, wie es anderen geht. Das ist nicht ein Fragen von Schwarz oder Weiß, sondern eine des Respekt, des Zuhörens, des einander Ernstnehmens mit den je unterschiedlichen Lebenserfahrungen. Für mich selber verbindet sich dieses Bild mit einer Predigt, die Desmond Tutu 2004 bei der Trauerfeier für Beyers Naudé gehalten hat. Vielleicht ist es gut, trotz aller Ernüchterung und Unsicherheit heute daran zu erinneren. Tutu endet seine Predigt mit folgenden Worten:

„Richtig und Falsch zählen durchaus: Ungerechtigkeit kann niemals das letzte Wort haben. Die, die an der Macht sind und die Macht rücksichtslos gebrauchen, werden ins Gras beißen, immer und überall. Macht ist zum Dienen da. Macht ist nicht zur Selbstverherrlichung da. Macht bedeutet nicht, sich an einer Orgie der Selbstbereicherung und der Korruption zu beteiligen. Ein Führer lebt für die Geführten ist existiert, um ihr Leben zu verbessern, um Armut auszurotten, um Ignoranz und Entbehrungen auszulöschen, um Kriminalität und Korruption Einhalt zu gebieten.


Gott hat, wieder mit seinem unglaublichen Sinn für Humor, Südafrika ausgewählt, ein Leuchtfeuer der Hoffnung für den Rest der Welt zu sein. Gott sagt: „Hey, ihr Südafrikaner wartet wohl auf glänzenden Erfolg.“ Gott sagt, dass wir ein Vorzeigeland werden, ein Land des Mitgefühls, der gegenseitigen Fürsorge und der Freundlichkeit, ein Land des Lachens, des Friedens und des Wohlergehens, ein Land, wo jeder, wirklich jeder zählt, weil jeder Gott in sich trägt, weil jeder ein Zufluchtsort des Heiligen Geistes ist, weil jeder von unendlichem Wert ist ...!“


Was meint Paulus anderes, wenn er schreibt: „Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Ehre.“ Ja, wir brauchen dieser Erinnerungen, diese Bilder, gerade dann, wenn die Hoffnung zu verblassen droht. Nur auf uns gestellt, sind wir nichts. Der Rückzug nur ins Private, nur in die je eigene Frömmigkeitsnische ist wohl keine Lösung.


Weihnachten und Advent – sie leben natürlich auch von den Gerüchen und dem Geschmack. Gerne auch von Keksen und Lebkuchen. Aber wie wäre es, wenn, verbunden mit den biblischen Verheißungen und dem kritischen, aber doch positiven Blick auf die Gegenwart, der Lebkuchen nach Zukunft schmecken würde, nach Gottvertrauen, nach Hoffnung eben. Dann könnten wir ihn genießen und uns davon stärken lassen für den Weg, der noch zwischen uns liegt, und dem Ziel.
Amen.


„Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes.“ (V. 13)