(Predigttext: Jes 63, 15-16.19b; 64, 1-3)


Liebe Gemeinde,


Advent und Weihnachten haben viel mit Erinnerungen zu tun, Kindheitserinnerungen vielleicht besonders. Dazu gehören natürlich auch Lieder, die einem in den Sinn kommen. Es gibt so etwas wie einen Sound von Advent und Weihnachten, der musikalisch ziemlich breit gefächert ist. Die Spannbreite geht vielleicht von „I am dreaming of a white Christmas“ – das ich vor einigen Tagen mir einer gewissen Verwunderung hier im Radio hörte – über das für Eltern wahrscheinlich unvermeidliche „In der Weihnachtsbäckerei“ hin zu den klassischen Advents- und Weihnachtsliedern, die in keinem Gottesdienst fehlen dürfen. So darf etwa „Stille Nacht“ in keinem Gottesdienst am Heiligen Abend fehlen.


Zu diesem Sound von Weihnachten gehört für mich auch ein Lied, das wir früher im Kinderchor in meiner Heimatgemeinde immer gesungen haben. Es war in seiner Melancholie ein Hit, wurde aber nie im Gottesdienst gesungen. Begründung: es ging um Maria und war deshalb zu katholisch. Aber im Altersheim, da konnte wir es singen.


Es geht auf eine alte Marienlegende zurück und hat einen tiefsinnigen Text:


„Maria durch ein Dornwald ging. Kyrieeleison. Maria durch ein Dornwald ging, der hat in sieben Jahr kein Laub getragen. Jesus und Maria."


„Da haben die Dornen Rosen getragen, Kyrieeleison. Als das Kindlein durch den Wald getragen, da haben die Dornen Rosen getragen. Jesus und Maria.“


Hinter diesem Lied verbirgt sich in den Bildern von Jesus und Maria ein alter, aber ums so wichtigerer, ja ein lebenswichtiger Traum, der eigentlich alle Menschen verbinden müsste. Dass nämlich Härte der Liebe weicht, dass aus Verdorrtem und Lebensfeindlichem neues Leben entsteht, dass aus Schmerz Freunde, aus Weinen Lachen wird, dass der Tod dem Leben weicht.


Oft erleben wir freilich das Gegenteil. Natürlich, wir sind manchmal auch Weltmeister im Klagen und Lamentieren. In Südafrika, wo es machen Grund dafür geben kann und in Deutschland, wo mir die Gründe nicht immer mehr einleuchtend erscheinen. Ich erlebe viel von diesem Klagen in diesen Tagen, nicht nur am Feuer um das braaivleis herum, wo das Klagen und Jammern manchmal ja auch zum guten Ton gehört. Ich höre das Klagen der älter werdenden Eltern, deren letztes Kind jetzt auch das Land verlässt. Ich höre das Klagen der Menschen – manchmal laut, oft aber stumm und lautlos – die die Bilder eines gewaltsamen Todes in ihrer Umgebung, ihrer Familie nicht vergessen und hinter sich lassen können. Ich höre die Klage und Sorge über die Zukunft, die dieses Land vor sich hat – auch da wird sich vermutlich in den kommenden Tagen wohl so oder so wichtiges entscheiden. Ich höre die Klage über den unklaren Platz, den man in diesem Land noch hat, obwohl die Familie doch seit 150 Jahren hier ist. Und ich höre andere Klagen, nicht nur aus unserer Gemeinde, sondern von Südafrikanern unterschiedlicher Herkunft und Prägung, alle in tiefer Sorge um die Zukunft, alle voll Angst und deshalb – auch wir sind davon ja nicht frei – missbraucht zu werden für politische Zwecke und Programm, die nur noch das eigene, aber nicht mehr das Gemeinsame in diesem Land sehen wollen. Dabei wäre es so wichtig, eine gemeinsame Stimme zu finden, sich die unterschiedlichen Geschichten zu erzählen, sie zu teilen. Und dann eine gemeinsame Stimme und vielleicht auch eine gemeinsame Klage zu finden. Respekt wäre ein Ergebnis solchen Teilens. Und die Erkenntnis, dass es keine Lösung ist, auf die jeweils noch Ärmeren zu deuten und zu sagen: Schau sie an, denen geht es noch schlechter. Warum bist du so unglücklich. Jeder Mensch erlebt sein Unglück und jede Zeit erlebt ihr Unglück tief, unverwechselbar.Wo das gesehen, wo das erkannt wird, dann kann auch das aus dem schweren, aus dem scheinbar aussichtlosen, neue Hoffnung und neues Leben wachsen. Da können vielleicht sogar aus Dornen Rosen werden, wie in dem Lied von Jesus und Maria


Ein solche Klage, die aber die Hoffnung nicht aufgibt, finden wir im Predigttext für den 2. Advent, einem Klagepsalm aus dem Buch Jesaja.


15 So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich.

16 Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, HERR, bist unser Vater; »Unser Erlöser«, das ist von alters her dein Name.

19b Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen,


64: 1 wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kundwürde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten,

2 wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten, und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen!

3 Auch hat man es von alters her nicht vernommen. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren.


Jeder Mensch, jede Zeit hat auf seine und ihre Weise das je eigene Elend. Deshalb ist nicht sehr wichtig, wann die Worte geschrieben sind, die heute am zweiten Advent den Hörenden zu sagen sind. Es sind schlimme, schwere, Klageworte.


Sie könnten aus dem 10. Jahrtausend vor Christus stammen und vom Elend des Hungers, der Wehrlosigkeit gegen Kälte und feindliche Tierwelt reden. Und wären Worte von heute.


Sie könnten aus dem 6. Jahrhundert vor Christus stammen, aus der Zeit, in der das junge Israel daliegt wie ein vor Monaten gepflanztes junges Bäumchen, einfach herausgerissen mitten in der Hitze des Augusts. Weggetragen, totgetreten, weggeworfen.


Sie könnten aus dem 17. Jahrhundert stammen, aus Speyer oder Worms, aus Straßburg oder Köln. Täglich karrt man zu Hunderten auf die Straße geworfene Pesttote weg. Das Glöckchen, das die Totentransporte meldet, ist so präsent wie der Glockenschlag der Kirchturmuhren. Friedrich Spee, von dem wir eben das Lied „O Heiland, reiß die Himmel auf“ gesungen haben, lebt in dieser Zeit. Ist bestellt zum Beichtvater von Frauen, die als Hexen verbrannt werden. Infiziert sich bei der Seelsorge an Pestkranken und stirbt jung an der Seuche. Wer will da nicht klagen: O Heiland, reiß die Himmel auf? Und dennoch hoffen, auf den Trost der kommt, auf den Stern, der in der Finsternis scheint.


Sie könnten aus der Vorhölle stammen, aus den Lagern von Buchenwald, Auschwitz, Theresienstadt oder Bergen-Belsen. Könnten die letzten Worte sein, Gott ins Gewissen geschrien, den Völkern geklagt vor dem Gang in den Tod.


Sie könnten stammen aus syrischen oder von Taifunen heimgesuchten Dörfern. Könnten stammen aus Flüchtlingslagern überall in der Welt. Könnten stammen von Verbrechen in den Townships oder von den Opfern eines der Morde auf unseren Farmen.


Nicht nur damals, sondern heute sind sie geklagt, geweint und geschrien. Heute. Hier. Mitten unter uns.


Müssen wir uns das anhören? Ja, das müssen wir uns anhören. Gibt es nichts dagegen zu sagen? Nein, da gibt es nichts dagegen zu sagen. Jede Erklärung oder Schuldzuweisung wäre zynisch. Das ist die so leicht vertane, so leicht überzuckerte, die eben von uns Christen nicht ausgehaltene Zumutung, dass Gott schweigt und uns warten lässt. Wir keine Antworten, keine Erklärungen haben.


Wir feiern den zweiten Advent. Erst den zweiten. Wir feiern den zweiten Advent, als brenne schon die vierte Kerze, als leuchteten die Lichter des Weihnachtsbaums längst. Wir sind aufs Warten gewiesen. Und auf Bilder der Hoffnung. Bilder, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Bilder, die Licht auch in die Tiefe des Dunkels scheinen lassen. Von der Nacht, die schon vorgerückt und dem Tag, der nahe herbeigekommen ist. Von den Dornen, die plötzlich Rosen tragen. Von dem Kind, das geboren wird. Vom Stern, ja vom Morgenstern, der aufgehen wird.


Advent ist Wartezeit. Ja, das Licht kommt, alle Jahre wieder, immer neu. Man könnte sagen, wir kennen das Ende. Gott reißt die Himmel auf, wird Menschen in seinem Sohn Gott stirbt sich an seiner Vaterliebe zu Tode. Gott endet unmenschlich. Nicht mit Macht und Gewalt kommt er auf diese Welt. Sondern als Flüchtling unterwegs im als Notunterkunft genutzten Stall von Bethlehem. Er stellt sich an die Seite der Klagenden, der Weinenden, so wie er selbst mit einer Klage auf den Lippen am Kreuz enden wird.


Advent ist Wartenszeit. Einübung in Horchen, in Geduld. Es ist noch ein weiter Weg bis Ostern. Noch ist es ein gutes Stück Weg bis Ostern. Wir warten ja nicht auf Weihnachten im Advent. Vielleicht haben Sie das bislang falsch verstanden. Wir warten auf Ostern. Darauf, dass auch aus den Dornen Rosen werden.
Dabei begleiten uns Bilder. Das Licht und der Stern sind so ein Bild

 

Mitgehen im Warten…


Ein paar Sätze zum Herrnhuter Stern, der weltweit leuchtet…


Amen!