(Predigttext: 2. Mose 13, 20-22)


20 So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste.

21 Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten.

22 Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.


Liebe Gemeinde,


Zukunft setzt Vergangenheit voraus. Neues entsteht nicht einfach so, sondern es hat Voraussetzungen in dem, was ihm vorangegangen ist. Manchmal geschieht das prozesshaft, in langen Entwicklungen. Manchmal entsteht neues zügig, revolutionär fast. Aber wie immer es geschieht, jede Zukunft hat eine Vergangenheit, ohne die sie sich nicht verstehen lässt. Es ist wichtig, diese Vergangenheit zu kennen, ihre Prägungen, ihre Verletzungen, ihre eigene Geschichte. Hinterher sind wir immer klüger. Aber wer Vergangenheit beurteilen will, der muss auch sich hineinversetzen in die Menschen, die damals lebten, in ihre Motive, Sichtweisen und Handlungsmöglichkeiten.


Das gilt für geschichtliche Prozesse wie Gesellschaften. Es ist leicht, heute aus dem Rückblick etwa die zu kritisieren, die unter schwierigen Verhältnissen zwischen 1990 und 1994 die Grundlagen des neuen Südafrika geschaffen wollten. Von rechts wie links werden sie ja heute gerne kritisiert, sei es als „volksverraaiers“ auf der – so wird de Klerk noch heute von manchen Afrikaanern betitelt – oder als „sellouts“ auf der anderen, die schlicht „to soft on Whites“ gewesen seien, wie Robert Mugabe und seine südafrikanischen Anhänger es Mandela vorwerfen. Aber es ist leicht, im Rückblick zu urteilen. Es könnte ja sein, dass die Zukunft, die sie sich erhofft haben, trotz aller Schwierigkeiten immer noch erreichbar ist. Aber es ist natürlich immer leichter, sich beim mühsamen Auszug aus Ägypten dann, wenn´s schwierig wird, sich nach den vermeintlich sicher ägyptischen Fleischtöpfen der Unfreiheit zu sehnen – dem Volk Israel, von dem in unserem Predigttext die Rede ist, ist es bei seinem Auszug aus Ägypten ja auch so ergangen – und sie waren sogar 40 Jahre unterwegs.


Dass Zukunft Vergangenheit voraussetzt, gilt aber ebenso für unser eigenes Leben. Auch wir entwickeln und verändern uns. Vieles davon geschieht allmählich, ohne Blick auf die Uhr. Manchmal blickt man verwundert zurück, wenn man beim Aufräumen alte Bilder oder Aufzeichnungen findet. Wie habe ich mich, wie haben die Kinder sich verändert, denkt man dann. Oder wundert sich über das, was man da vor Jahrzehnten aufgeschrieben und aufbewahrt hat.


Es ist gut, dass uns der Jahreslauf wie das Kirchenjahr auf unserem Lebensweg da Moment es Auf- und Durchatmens schenken. Der letzte Tag des Jahres ist gewiss so ein Einschnitt. Ja, unterwegs sind wir von einem Jahr ins anderes – und halten dabei inne, schauen auf Vergangenheit wie Zukunft und bitten für beide um Gottes Segen und Begleitung. Wir schauen zurück, ziehen Bilanz. Wieder ist ein Jahr vergangen, und wo ist nur die Zeit geblieben? Was hat das Jahr gebracht, was waren Höhe- und auch Tiefpunkte? Und was wird das neue Jahr bringen? 2018? Welche Aufgaben und Anforderungen wird es für uns bringen?


Der Jahreswechsel ist eine Schwelle ins unserem Leben. Und Schwellen fordern zum Sortieren, zum Ordnen der Gedanken und des Lebens hinaus.


Aus diesen Fragen führt uns unser Predigttext in eine ganz andere Welt. Er führt uns dreitausend Jahre zurück, in die Zeit des Auszugs der Israeliten aus Ägypten. Unterwegs war das Volk Israel. Mit Kind und Kegel hatten sie sich aufgemacht, eigentlich ins Ungewisse, denn keiner kannte ja mehr dieses Land, aus dem die Väter einst nach Ägypten gekommen war. Und die Gefahren waren groß. Vielleicht würden ja die Ägypter noch einmal versuchen, das Volk zu fangen? Hörte man nicht schon in der ferne ihre Streitwagen? War der Staub am Horizont vielleicht gar kein Sandsturm, sondern die heranrückende ägyptische Armee? Und wer war schon vor den Gefahren der Wüste sicher? Bisher hatte man in den fruchtbaren Nilebenen gelebt? Jetzt war das alles aufgegeben. Sogar die Gebeine der Vorväter hatte man mit auf den Weg genommen. Manche Stimmen kamen auf, zweifelten, ob das, was Mose da tat richtig war. Gewiss, es war keine gute Zeit in Ägypten. Aber es konnte ja auch schlechter kommen, jetzt, wo es in die Wüste ging. Und so begann doch auch, Ernüchterung, ja Zweifel sich breit zu machen. Und dann sendet Gott ein Zeichen.


„Die Israeliten zogen aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste.


Und der Herr zog vor ihnen her, am Tag in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen leuchten zu können, damit sie Tag und Nacht wandern konnten.


Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.“


Unterwegs war also das Volk Israel. Und es war gut, dass es jemanden an der Seite hatte. Einen Gott, der sie aus Ägypten geführt hatte. Der ihnen ein neues Land, eine neue Heimat versprochen hatte. Einen Gott der sie nicht vor allem bewahrte. Denn nicht alles ging gut auf dieser Reise. Vor allem von sich selbst drohten dem Volk Gefahren (das „Murren“, das goldene Kalb). Und doch war da dieses eine sichtbare Zeichen der Treue Gottes.


„Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.“


Israels Exodus, er führt aus der Gefangenschaft in die Freiheit, er führt aber auch in Ungewissheiten hinein. Nicht alles wird gleich gut. Aber die eine Verheißung ist da: da gibt es einen Gott, der dir Kraft gibt, dein Leben zu bewältigen. Der in Zeiten der Ruhe ebenso bei dir ist wie in den bewegten Zeiten. Der mit dir gehen will, auch ins Ungewisse hinein. Der seine Zukunft mir dir gestalten will.


Das neue Jahr beginnt morgen. Auch wir schauen zurück. Und wir wissen nicht, was kommen wird. Wir lassen los, um neu aufzubrechen. Wir bedenken, was wir hergeben mussten im alten Jahr: körperliche Kräfte, eine stabile Gesundheit vielleicht, die Hoffnung auf Frieden vielleicht auch. An die vertanen Chancen, die Augenblicke hochfahren Zorns und tiefer Enttäuschung. Aber auch an das denken wir: an ein Wiedersehen nach langer Trennung, an neues, aufblühendes Leben; an das, was uns gelungen ist, das, was uns geschenkt wurde.


Mit all dem lassen wir los und brechen auf, geben ab, was schmerzte und blicken nach vorn:


„Und der Herr zog vor ihnen her, am Tag in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen leuchten zu können, damit sie Tag und Nacht wandern konnten.


Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.“


Nicht, dass das Vergangene nicht zählt. Der Schmerz und die Freude auch dieses Jahres gehören zu uns. So ging das auch dem Volk Israel. Alles, was sie auf ihrem Zug erlebt hatten mit Gott, darauf beriefen sie sich immer wieder, das gab ihnen neue Kraft (Bekenntnisse). „Man muss das Leben rückwärts verstehen, aber man muss er vorwärts leben“, so hat es Kierkegaard einmal gesagt. Zu beidem gibt uns Gott die Kraft.


Jochen Klepper, dessen tragischer Freitod mit seiner jüdischen Familie sich in diesem Dezember zum 75. Mal gejährt hat, konnte diese Zuversicht, dass Gott uns trägt, in einem Silvesterlied ausdrücken, das er in schwerer Zeit geschrieben hat und das wir nachher beim Abendmahl singen werden. Darin heißt es: "Ja, ich will euch tragen, bis zum Alter hin. Und ihr sollt einst sagen, dass ich gnädig bin.“


In einer der folgenden Strophen nimmt er dann auch auf die Auszugsgeschichten Bezug: „Denkt der Vorigen Zeiten, wie, der Väter Schar voller Huld zu leiten, ich am Werke war.“


Für mich sind das Mut machende Verse. Denn die Zukunft liegt dann nicht nur vor uns, sondern im besten Sinne auch hinter uns. Denn war immer das neue Jahre bringen wird. Wir sind gemeinsam auf dem Weg. Gemeinsam, um eine gute Zukunft zu bauen. Gut ist sie, weil sie in Gottes Hand liegt. Gut ist sie, weil Gottes Verheißungen uns dabei begleiten. Und diese Verheißungen verbinden Vergangenheit und Zukunft. Denn in diesen Verheißungen sind wir Erlöste, Befreite, Bewahrte, auch wenn uns vieles dunkel und rätselhaft erscheinen mag. Denn Gott geht mit, vor uns, neben uns und hinter uns. Nicht immer vielleicht in einer sichtbaren Wolken- oder Feuersäule. Aber er geht mit in Jesus Christus, dessen Menschenwerdung wir gefeiert haben, dessen Passionswege wir betrachten werden und an dessen Auferstehung wir Trost und Hoffnung schöpfen. Er geht voran, auch auf unserer Lebensbahn. Auch im neuen Jahr. Damit wir, wie es in der Jahreslosung für 2018 heißt, von der lebendigen Quelle seines Wassers schöpfen können.


Amen!