(Predigttext: Mk 8, 31-37)


31 Und er fing an, sie zu lehren: Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen.

32 Und er redete das Wort frei und offen. Und Petrus nahm ihn beiseite und fing an, ihm zu wehren.

33 Er aber wandte sich um, sah seine Jünger an und bedrohte Petrus und sprach: Geh hinter mich, du Satan! Denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist

34 Und er rief zu sich das Volk samt seinen Jüngern und sprach zu ihnen: Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.

35 Denn wer sein Leben behalten will, der wird's verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird's behalten.

36 Denn was hilft es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen und Schaden zu nehmen an seiner Seele?

37 Denn was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse?


Lied: EG 384, 1-2 Lasset uns mit Jesus ziehen


Teil I (Hanko von Schlichting)

Was heißt es ein Nachfolger zu sein?


Auf der Schule hatte ich das Vorrecht jedes Jahr mit meinen Klassenkameraden wandern zu gehen. Manchmal waren es einfache Wanderschaften: zum Beispiel die 2 Kilometer zum Wasserfall in der Nähe der Schule, wo wir an einem Sonntagnachmittag faulenzen oder in das kühle Wasser springen durften. Manchmal war der Weg ein bisschen schwieriger zu finden: wenn wir in den dunklen Morgenstunden durch die Schule schlichen, und neue Wege entdeckten, damit die Nachtwächter uns nicht ertappten. Und manche Wanderungen waren so schwer, dass man sie alleine nie geschafft hätte. Wie zum Beispiel unsere große Wanderung in der 8. Klasse nach Inhlasane, ein Berg zu dem alle an einem Sonntag im Jahr wandern mussten. Hin und zurück waren es etwa 60km, und damit wir vor Sonnenuntergang zurück im Schülerheim waren, liefen wir immer um 1 Uhr morgens los. Mein erstes Mal war es stockdunkel. Es fing an zu regnen als wir losliefen, und die Abwesenheit von Sterne und Mond machte uns sehr missmutig. Die ersten Kilometer waren einfach...wir folgten unseren Matrikern und liefen einfach der Straße nach, und platschten mit jedem Schritt im Matsch näher ans Ziel. Doch einige Stunden später, als der Weg uns von der Straße abführte und wir blindlings durch Feld und Wälder liefen, fingen wir das Zittern an. Einige der älteren Jungs behaupteten, sie wüssten von einem besseren Weg: rechts am Berg vorbei, durch einen kleinen Wald, und dann seien sie nur wenige Kilometer vom Ziel. Doch unser Gruppenleiter behauptete fest, wir müssten den Berg weiter klettern und an der anderen Seite seien wir viel eher auf dem richtigen Pfad. Wir als kleine 8 Klässler hatten nicht die geringste Ahnung, und mussten plötzlich eine Entscheidung fassen. Würden wir der Mehrheit der älteren Jungs, oder unserem Prefekten folgen. Wir kannten den Weg vorwärts nicht. Wir waren blind. Aber weil wir vor ihm viel Respekt hatten und ihn vertrauten, folgten wir ihm allein. Im Dunkeln stolperten wir weiter, und schauten auf das einzige Licht ein paar Schritte vor uns, bis dass wir merkten, dass der Weg bergab ging, und gleichzeitig wir bisschen mehr der Landschaft sehen konnten. Es wurde Tag. Die Wolken waren noch da, doch wir konnten sehen. Und wahrhaftig, nicht weit vor uns sahen wir Inhlasane. Wir waren nur wenige Kilometer entfernt.


So ähnlich ist es ein Nachfolger Jesu Christi zu sein. Oft sind uns der Alltagsstress, die Sorgen, die Termine, zu viel. Wir schauen nicht mehr auf das Ziel...können es gar nicht sehen. Wir stolpern blind durch das Leben. Aber wenn wir unser Vertrauen auf Jesus setzen und ihm nachfolgen...wenn wir wissen, dass Er als Gruppenleiter den Weg zum Ziel kennt und uns nicht in der Dunkelheit alleine lassen wird, dann sind wir geschützt und geborgen. Wir müssen Ihm nur Vertrauen schenken, und Seinen Schritten folgen. Und die Gruppe die alleine in die Dunkelheit gelaufen ist ohne jemandem der ihnen den Weg zeigte: sie haben sich  verlaufen, und landeten fast 10km in die falsche Richtung. Doch nach einigen Stunden kamen auch sie am Berg an. Sie hatten von ihren Fehlern gelernt, liefen zurück, und folgten in den Fußspuren des Gruppenleiters. Und wie freuten wir uns, als wir alle wieder zusammen oben auf dem Berg waren, und im herrlichen Sonnenschein eine wunderschöne Aussicht erlebten.


Lied EG 384,3


Teil II (Lydia Lange, Walter Kirsten)


Lydia:


#YOLO. You only live once.

Ich will das Leben lieben, feien, spüren. Das Leben erfahren mit allen Sinnen. Den rausch um die Ohren, das Kribbeln im Bauch… und nach großer Aufregung einen tiefen Seufzer entlassen, und sagen: „Das war Lekker!“ Frei sein möchte ich. Grenzenlos leben und nicht gelebt werden. Ein Leben ohne Fesseln der Struktur und Tradition. Entschlüsse nehmen ohne „Was wäre“, oder „Pass aber auf“…

 

Mein Eigenwille ist stark: „Nur ein Leben, jetzt und hier. Und ich bin hier der Boss!“

 

Und trotzdem fühle ich mich irgendwie beengt. Denn letztendlich, muss ich ja die Verantwortung und Konsequenzen selber tragen.

 

Aber, das Leben, einfach so verlieren? Einfach so abgeben? Gar nicht mehr selbstbestimmen? Hmmm…


Walter:


Ich weiß ich muss ‚Ja‘ sagen, will aber nicht.

 

Jesus redet von seinem eigenen Kreuz und Sterben und stellt dabei den perfekten Standard. Dann tut er was er gesagt hat.

 

Und er erwartet es hier von mir. Somma hier und jetzt – und ich weiß, ich kann es nicht. Ich will nicht leiden. Ich bin nicht ein Gott, der das kann oder will. Ganz ehrlich: Ich weiß: Ich bin zu feige.

 

Ist Gott jetzt böse oder enttäuscht? Bekomme ich deswegen nicht ein gutes Leben?

 

Im Griechischen steht in dem Vers das Wort ‚Psyche‘. Das Wort meint die ganze Person und Persönlichkeit und auch das seelische Eigenleben (Im Griechischem unterscheidet das Wort nicht zwischen physischem Leib, Herz und Seele). CS Lewis beschreibt was Jesus sagt als folg:

 

“Wenn Gott davon redet, dass die Menschen ihr Leben verlieren sollen, meint ER nur dass sie das Schreien und Fordern ihrer Eigenwilligkeit liegen lassen sollen. Nachdem sie das getan haben gibt ER ihnen tatsächlich ihre volle Persönlichkeit wieder zurück. Und dann gibt ER auch noch damit an, dass wenn die Menschen ganz ihm gehören, sie mehr ‚sich selbst‘ sind als je zuvor.“

 

Das macht Sinn!

 

„Ich lebe und ihr sollt auch leben“, „Ich bin gekommen, dass sie das Leben haben, und zwar in Fülle“, usw., usw.; alle die Verse und der Predigttext passen plötzlich zusammen. Das Leben, das Wünschen, das Lydia eben beschrieben hat ist nicht damit hin. Kein fieser Test. Gott meint es wirklich gut. Da ist Leben das gelebt werden soll.

 

Und diese Perspektive gibt uns einen Anfangspunkt. Meine verdrehte Eigenwilligkeit abgeben ist etwas was ich mir praktisch vorstellen kann – das könnte jobben!


Lied EG 384,4


Teil III (Christian Nottmeier)


Ja, eben noch war alles eitel Sonnenschein: Wo Jesus hinkommt, strömen die Massen zusammen, um ihn zu sehen und zu hören. Wunder werden von ihm erzählt. Petrus sieht wohl in diesem Augenblick die Zukunft schon vor sich: Zusammen werden sie durch das Heilige Land ziehen und die Welt verändern. Die Menschen werden lernen, so zusammenzuleben, wie Gott es will: Sie werden einander mit Respekt begegnen, sie werden füreinander Verantwortung übernehmen, statt sich gegenseitig auszubeuten. Der Triumphzug des Guten hat begonnen.

 

Da ist es ausgerechnet Jesus, der Petrus schroff auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Er ist kein Träumer, sondern ausgesprochen realistisch mit Blick auf diese Welt. Er sagt: „Ich muss vieles erleiden." Er schätzt die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse richtig ein und ahnt, was geschehen wird: Er wird getötet werden. Die Geschichte hat ihm Recht gegeben. Und die Geschichte zeigt auch, dass das, was mit Jesus geschehen ist, bis heute unsere Wirklichkeit ist, dass die vermeintlichen Realitäten oft stärker sind, als unsere Träume und Wünsche und Hoffnungen, auch unser Traum nach Selbstbestimmung.

 

Petrus nimmt Jesus beiseite und versucht, ihn zum Schweigen zu bringen. Das gibt es, dass die Realität so schwer zu ertragen ist, dass wir uns lieber mit Fantasien durchschlagen oder aber einfach uns zurückziehen. Das ist ganz und gar menschlich. Und Jesus spürt, wie groß die Versuchung für seine Jünger ist, es genauso zu machen.

 

Und dann ruft Jesus das Volk zusammen und beginnt zu erklären, was es wirklich bedeutet, mit Gott auf dem Weg zu sein. Dass dieser Weg nicht einfach ein Triumphzug ist. „Wenn einer mir auf meinem Weg folgen will", sagt Jesus, „dann verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich." Wer Jesus nachfolgen will, der soll sich selbst nicht mehr kennen, nicht mehr seine eigene Person in den Mittelpunkt stellen. Auch Jesus kennt sich selbst nicht mehr, seit er mit Gott auf dem Weg ist. Eigentlich ist er ja nur ein Zimmermann, ein Mensch wie alle anderen, der sich so seine Gedanken macht. Der Sohn der Maria und eines gewissen Josef, ein guter, doch - wie manchem scheint - etwas altkluger junger Mann. Gott aber hat mehr in ihm gesehen, er hat ihn ausgewählt. Und Jesu Sicht auf sich selbst hat sich verändert, er hat sein Kreuz auf sich genommen, er weiß, dass der menschengemachte Tod am Kreuz zu seinem gottgewollten Leben gehört. Und als er sich jetzt an die Menschen wendet, ist er sich sicher: Auch all die anderen tragen das Kreuz. Gott sieht mehr und etwas anderes in ihnen als sie selbst. Er sagt: „Wenn einer mir nachfolgen will, nehme er sein Kreuz auf sich. So folge er mir."

 

Erstaunlicherweise sagt Jesus, wer ihm nachfolge, nehme sein Kreuz auf sich, nicht mein Kreuz, nicht Jesu Kreuz. Es geht also nicht darum, wie Jesus zu werden. Es geht darum zu fragen, wo eigentlich mein Kreuz ist, mein Weg, meine Bestimmung, auch meine Last. Es geht darum zu fragen: „Wer bin ich? Wohin läuft mein Leben? Wie kann ich mein Leben als Christ in dieser Zeit, in diesem Land leben? Wo bekomme ich die Kraft, die Hoffnung für mein Leben? Es heißt, mich nicht hinter meiner vermeintlichen Stärke zu verstecken, es heißt, nicht für alles eine Antwort zu haben, sondern zu hoffen, dass ich mein Kreuz tragen kann, weil Christus selbst mich trägt.

 

Jesus aber redet schon weiter, nicht nur zu Petrus, sondern zu uns: „Wer sein Leben retten will, wird es verlieren, wer aber sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, wird es retten." Klar, Petrus könnte jetzt umkehren, er könnte sich ganz auf sich konzentrieren. Er hätte nichts mehr auszustehen, bräuchte nicht mehr darüber nachzudenken, wer er eigentlich ist. Er kann sein Leben so weiterführen, wie es immer war und dann ist er wer: Petrus, der Sohn seiner Eltern, der Ehemann, Petrus, der Fischer und so weiter. Aber er merkt auch, wer sich einmal auf Christus eingelassen hat, der soll und darf nicht mehr nur er selbst sein. Wer einmal von der Hoffnung auf Gottes neue Welt angesteckt ist, der kommt nicht mehr davon los, auch wenn der Gegenwind und die Enttäuschungen noch so groß sind. Er war eben nicht mehr nur Simon, der Fischer, sondern Petrus, der Menschenfischer, ein Jünger Jesu, ein Gotteskind. Für Petrus stimmte, was Jesus sagt: „Wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird es retten."

 

Der Glaube ist also nichts für Realit.tsflüchtlinge, es geht nicht um unsere comfort zone. Wer am liebsten so tun will, als sei alles in Ordnung und die Welt nur schön, dem wird der Glaube die Augen öffnen; das kann sehr schmerzhaft sein, so schmerzhaft, dass zuerst gar keine Hoffnung bleibt. Im ersten Augenblick hat wohl auch Petrus überhört, was Jesus noch gesagt hat: „Ich werde nach drei Tagen auferstehen." Hörst du das Petrus, und hören wir das: Die Wirklichkeit der Kreuze behält nicht das letzte Wort. Also gilt: Der Glaube ist zwar nichts für Realit.tsflüchtlinge, er lässt uns das Schwere sehen und gibt uns doch die Hoffnung, dass unser Leben an Gottes Ewigkeit teil hat. Und dass wir davon etwas sehen und selbst bezeugen können, da, wo die Liebe siegt, und nicht der Hass das letzte Wort behält. Jesus ist dafür in den Tod gegangen und hat doch, da wo die Liebe zu sterben schien, am Kreuz, eben jene unvergängliche Liebe Gottes bezeugt. Glauben bedeutet, die Welt trotz allem mit den Augen der Liebe zu sehen; sie zwar so zu sehen, wie sie ist und dabei auch zu wissen, dass das Reich Gottes im Kommen ist. Glauben heißt auch, sich selbst so sehen, wie man ist - mit all den Schwächen, Fehlern und Ängsten. Und dabei darauf zu vertrauen, dass Gott auch uns ins wahre Leben führt.

 

Das kann uns Mut geben, unser Kreuz auf uns zu nehmen, in unserem Land, mit den Herausforderungen, die wir mit Jesus an der Seite, heute lösen müssen. So ruft er uns in seine Nachfolge.


Amen.


Lied EG 398: In dir ist Freude