(2 Kor 12,1-9)

Thema: Wer bin ich? Stark und schwach. Gott ist auf der Seite der Schwachen. Er gibt Kraft, um das Leben zu meistern!


Move 1 Wer bin ich? Schaff ich`s oder schaff ich`s nicht? 


Es ist der 4. Februar 1906. Dietrich Bonhoeffer wurde in Breslau geboren - Heute vor 112 Jahren. Er wurde Pfarrer und Widerstandskämpfer in Deutschland zur Zeit des Nationalsozialismus. 

 

Für viele ist er zu einem Vorbild geworden, kein Religionsunterricht in Deutschland, wo sein Glaube, sein Leben und Wirken nicht einmal Thema ist. Wohl auch, weil seine Lebensgeschichte und Theologie eng miteinander verbunden sind. Er tut, was getan werden muss und übernimmt dafür die Konsequenzen. Im April 1945 wird er im KZ Flossenbürg hingerichtet. 

 

In seinen Briefen aus dem KZ kann man lesen, was ihn im Innersten bewegt. In einem Gedicht fragt er: Wer bin ich? Und das ist nicht nur eine Frage, die ihn damals beschäftigt hat. 

 

"Wer bin ich?" Ich behaupte einmal: jede und jeder von uns fragt sich das mehrmals im Leben. "Wer bin ich und wenn ja wie viele" ist ein Buchtitel von Richard David Precht, der den Nagel auf den Kopf trifft. Bin ich so, wie andere mich sehen oder bin ich so, wie mich mein Partner/meine Partnerin mich sieht oder so, wie ich mich selber sehe? Und das kann heute anders sein als in 3 Jahren. 

 

Ja, so bin ich. In der Gesamtheit gesehen. Viele Puzzlestückchen erst ergeben ein Ganzes. Und das ist manchmal schwer auszuhalten. Denn ob mir das dann auch noch gefällt, ist wieder eine andere Frage. 

 

Und so viele Seiten kommen in mir zum Vorschein. 

 

Heute geht es lediglich um 2, nämlich um die starke und die schwache Seite in uns. 

 

Schaff ich`s oder schaff ich`s nicht? 

 

Manchmal bin ich zuversichtlich und stark: klar schaff ich das: dieser Aufgabenkatalog, der mir für diese Vorstellungswoche gegeben wurde, ihn vorzubereiten. Oder schaff ich`s doch nicht? 100% Pfarramt in Maulburg mit allem, was dazu gehört, Familie und 9 Veranstaltungen gut vorbereiten für Pretoria? 


Move 2 Ich schaffe es nicht. Gott lässt es nicht gelten


Wie viele Menschen mögen das schon gedacht haben: das schaffe ich nicht. Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Die vielen Klassenarbeiten und die Abschluss-Prüfungen, den Führerschein, die viele Arbeit, Beruf und Familie unter einen Hut bringen, ohne einen geliebten Menschen weiterleben... Beispiele gibt es da mehr als genug. Ich schaffe es nicht. Ich schmeiße alles hin, ich breche ab, ich mach nicht mehr weiter, ich geh einen anderen Weg. 

 

Das ist nicht neu. In der Bibel finden wir manch einen, der so dachte: Mose z.B. hat sich sehr dagegen gesträubt, dass Gott gerade ihn ausgesucht hatte, um das Volk Israel aus der Knechtschaft in Ägypten zu befreien. Ihn, der einen Aufseher erschlagen hatte, dem es noch dazu schwer fiel, vor anderen zu sprechen. Das schaff ich nicht. 

 

Jeremia fühlte sich zu jung, um als Prophet in schwerer Zeit Gottes Wort zu verkünden. Das schaff ich nicht. 

 

Und Paulus... nicht nur, dass er früher Christen verfolgt hatte. Man vermutet, er hatte einen Sprachfehler - und das als Prediger. 

 

Ich schaffe es nicht. Aber Gott? Er hat andere Pläne mit den dreien. 


Move 3 Paulus erlebt Anfechtungen von außen - und reagiert


Bei Paulus wissen wir: Gott hat ihn sich ausgesucht, das Evangelium in die Welt zu bringen, Gemeinden zu gründen und ihnen zur Seite zu stehen in den Fragen des Glaubens. So kommt er um 50 n.Chr. zum ersten Mal nach Korinth und lernt dort das Ehepaar Priska und Aquila kennen. Da sie wie Paulus selbst Zeltmacher sind, freunden sie sich schnell an. Paulus arbeitet mit und sorgt so für seinen Lebensunterhalt. Er predigt und tauft viele Menschen. Es entsteht dort eine Gemeinde. 

 

Nach  etwa 18 Monaten verlässt er Korinth und macht sich mit dem Schiff auf in Richtung Ephesus aber bleibt mit den Menschen dort in Briefkontakt. 

 

Bald nach seiner Abreise von dort müssen Wanderprediger aufgetaucht sein. Sie prahlen mit ihren Entrückungen und Visionen, halten charismatische Reden und stellen die Autorität des Paulus in Frage. Das reicht von harmloser Kritik bis hin zu schwerer Beleidigung. Außerdem stellen sie Jesu Passion in den Hintergrund, predigen die große Freiheit, ein Leben ohne Schwäche, Leiden und Einschränkungen. Dieser christlichen Narrenfreiheit setzte Paulus seine Narrenrede entgegen. 

 

Eigentlich möchte er sich nicht selbst loben, aber er fühlt sich dazu gezwungen, von den Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn zu erzählen. 

 

Ich lese aus dem 2. Korintherbrief, im 12. Kapitel, 1-9 


Gerühmt muss werden; wenn es auch nichts nützt, so will ich doch kommen auf die Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn.

2 Ich kenne einen Menschen in Christus; vor vierzehn Jahren – ist er im Leib gewesen? Ich weiß es nicht; oder ist er außer dem Leib gewesen? Ich weiß es nicht; Gott weiß es –, da wurde derselbe entrückt bis in den dritten Himmel.

3 Und ich kenne denselben Menschen – ob er im Leib oder außer dem Leib gewesen ist, weiß ich nicht; Gott weiß es –,

4 der wurde entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann.

5 Für denselben will ich mich rühmen; für mich selbst aber will ich mich nicht rühmen, außer meiner Schwachheit.

6 Denn wenn ich mich rühmen wollte, wäre ich kein Narr; denn ich würde die Wahrheit sagen. Ich enthalte mich aber dessen, damit nicht jemand mich höher achte, als er an mir sieht oder von mir hört.

7 Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe.

8 Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, dass er von mir weiche.

9 Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, auf dass die Kraft Christi bei mir wohne.

10 Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.


Liebe Gemeinde, 


Kennen Sie das vielleicht auch, dass man sich dafür rechtfertigen muss, wie christlich man ist? Wo ist dir der Heilige Geist begegnet? fragte mich vor 20 Jahren ein Mann aus einer Pfingstgemeinde in Schweden und seine Haltung signalisierte mir: wenn nicht, dann bist Du eine schlechte Christin. Dann können wir das Gespräch hier über die Bibel gleich beenden. Als Christ, und als Pfarrerin erst recht, muss man so und so sein. Menschen haben da so ihre ganz eigenen Vorstellungen. 

 

Paulus reagiert auf die Vorwürfe gegen ihn. Er kann auch von Offenbarungserlebnissen berichten, wenn es ihnen darauf ankommt. Er spricht aber von sich in der 3. Person, so, als wolle er davon Abstand nehmen. Er erzählt von seiner Entrückung in den 3. Himmel. 3. Himmel - nun.... 

 

Zu Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Das ist der Himmel, den wir sehen. Der zweite Himmel umfasst den Kosmos., den Weltraum mit Sternen, Galaxien und Planeten. Der dritte Himmel ist der Ort, wo Gott ist. Hierhin wurde Paulus entrückt und er hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann. Die ihn aber veranlasst haben, die Botschaft Jesu in die Welt zu bringen. Dafür hat er vieles auf sich genommen und manches erlitten. Er ist an seine Grenzen gekommen und zu dem Schluss:   


3 Allein die Gnade genügt - Allein Christus genügt.


Immer wenn ich schwach bin, ist es Gottes Kraft, die in mir wirkt. Stark und mächtig. Alles, wofür ich mich selbst rühme und lobe, ist am Ende nichts wert. Allein Gottes Gnade genügt. 

 

Das ist herrlich. Ich kann es gar nicht anders sagen. Das bedeutet doch: ich muss Gott nicht vorgaukeln, alles im Griff zu haben und die Stärkste und Tollste und Beste zu sein. Das wird mir leider oft von außen suggeriert. Ich kann meine Hände falten und Gott sagen, was mir schwer ist und wo ich Angst habe zu versagen. Ich muss mich nicht in eine andere Welt flüchten. Ich kann loslassen, was mich belastet und doch die bleiben, die ich bin. In all meinen Rollen und Widersprüchlichkeiten, die ich an mir selbst feststelle. Ich darf Worte lesen und hören, die mich aufrichten und mich annehmen... so wie ich bin. 

 

Paulus schreibt davon, er habe 3mal zum Herrn gefleht. Er leidet nämlich an einem Gebrechen und bittet im Gebet, davon befreit zu werden. Und Gott antwortet ihm: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit. Heißt soviel wie: Nein, lieber Paulus, Du musst damit zurecht kommen. Ich mache dich nicht gesund, aber du wirst es merken: meine Kraft wirkt gerade in denen, die meinen, sie seien schwach. Vertrau mir. 

 

Paulus sei kein guter Apostel, dazu sei er zu schwächlich? Hat nicht Jesus in seinem Leiden die Liebe Gottes zu den Menschen erwiesen? Ist nicht Jesus gerade zu den Schwachen gesandt? Paulus spürt: Gerade weil er selbst Schwäche kennt, ist er Apostel – denn so kann die Kraft Christi in ihm wirken. Obwohl er nicht so stark ist, ist er der große Missionar, der das Evangelium in die Welt trägt. Obwohl er nicht derjenige ist, der äußerlich die Blicke auf sich zieht, findet er Aufmerksamkeit, indem er Gottes Wort verkündigt. 


Move 5 Ich schaffe es - und andere auch


Wer nicht perfekt ist, wer das Gefühl hat: ich schaffe es nicht, es wächst mir alles über den Kopf, wer mit seinen Schwächen konfrontiert ist, lernt zu schätzen, wenn andere gnädig mit einem umgehen. Wer erfährt, was trotz der eigenen Schwäche in ihm oder ihr steckt, kann anderen Mut machen, auf Gottes Kraft zu vertrauen und nicht die Angst zu versagen siegen zu lassen. 

 

Zeichen sehen, Hinweise erspüren – wichtig ist das Beispiel, das Paulus hier gibt, das Vertrauen, die eigene Schwäche in Christus getragen zu wissen. "Meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit." Oder wie Dietrich Bonhoeffer es ausgedrückt hat: "Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandkraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. (…) Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Schicksal ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet."

 

Ich vertraue: ich schaffe es -Stück für Stück - mit Gottes Hilfe. Und meinen Kindern sage ich es weiter: Du schaffst es - mit Gottes Hilfe. 


Amen