Predigttext: Jesaja 5, 1-7 (Weinberglied)


Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, und die Liebe Gottes, und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen


Liebe Gemeinde,


Der Predigttext für den heutigen Sonntag Reminiszere steht im Buch des Propheten Jesaja im 5. Kapitel. Es ist das so genannte Weinberglied und ist ein Stück Weltliteratur. Jesaja singt von seinem Freund und dessen Weinberg.


Den damaligen Hörern waren diese beiden Stichworte gut vertraut. Freund und Weinberg waren eindeutige Hinweise auf ein Liebeslied, der Weinberg ein Bild für eine begehrenswerte Frau. Erfreut und gespannt lauschten die Hörer also dem Lied Jesajas. Schnell erkannten sie: Es ist ein trauriges Lied von einem Mann, dessen Geliebte seine Liebe verschmäht. Am Ende sind die Hörer wie vom Blitz getroffen, denn sie begreifen: Es geht um sie selbst und um ihr Verhältnis zu Gott. Ich lese aus Jesaja, Kapitel 5 die Verse 1-7:


Wohlan, ich will von meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte.


Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, dass ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte?


Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er kahlgefressen werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen.


Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.


Liebe Gemeinde,


das Bild, das Jesaja in seinem Weinberglied ausmalt, ist drastisch, schmerzhaft und klar. Da hat sich jemand so viel Mühe gegeben, um seinen Weinberg zu bestmöglichen Erträgen zu verhelfen, da hat er so viel Herzblut und Zeit und Liebe investiert – aber sein Weinberg trägt nur schlechte, saure Trauben. Vergebliche Liebes Mühe! Soweit das Bild, und es wird von Jesaja selbst übertragen auf Gott und Israel: Gott ist der Freund und Israel sein auserwähltes Volk, der Weinberg, auf den er so große Hoffnung setzte, und von dem er zutiefst enttäuscht wird.


Dieses Bild wird nun gehört von Menschen zu ganz unterschiedlichen Zeiten und in den verschiedensten Situationen:


Das Volk Israel hat es seinerzeit im 8.Jahrhundert vor Christus gehört als Ankündigungdes Gerichts Gottes, weil sie nicht ihm vertraut haben, sondern der Politik, weil sie nicht inGehorsam zu ihm rechtschaffen gelebt haben, sondern weil Rechtsbruch und Schlechtigkeitihr Tun bestimmte.

 

Mit seiner genialen Wendung in dem Weinberglied, mit seiner unerwarteten Aufforderung: „Nun richtet, ihr Bürger, zwischen mir und meinem Weinberg“, ließ der Prophet das Volk Israel selbst das Urteil sprechen über ihr eigenes Vergehen.


Geschichtlich betrachtet sieht es später so aus, als habe das vernichtende Urteil nicht zum Umdenken und nicht zur Besserung geführt. Man ging falsche politische Bündnisse ein, das Nordreich Israel zerfiel und selbst Jerusalem wurde von assyrischen Truppen belagert und entging nur knapp der Eroberung. Wüst und unbeschnitten liegt der Weinberg am Boden.


Dasselbe Weinberglied wird auch noch heute gehört von Christen in ganz unterschiedlichen Situationen. Am heutigen Sonntag ruft die Evangelische Kirche in Deutschland zur besonderen Fürbitte auf für bedrängte und verfolgte Christen weltweit. Abermillionen kämpfen gegen das Gefühl von Schutzlosigkeit und der Angst vor Willkür. Sie haben keine sichtbaren Mauern, die ihnen und ihren Familien Schutz gewähren. Sie erleben Gewalt und Tod und werden zur Aufgabe ihres Glaubens gedrängt. Ich kann mir denken, dass das Bild des existentiell bedrohten Weinbergs das Lebensgefühl der bedrängten und verfolgten Christen sehr trifft. Ihnen bleibt nichts anderes, als in ihrem Leid und gegen alles Leid auf Gott zu hoffen und auf sein rettendes Handeln in der Not.


Liebe Gemeinde, geographisch uns noch näher, nämlich in Kapstadt und rund um das Kap, werden Christen vermutlich hängen bleiben an dem Satz aus dem Weinberglied: „Ich will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen.“ Die drei Jahre der Dürre lösen, wie jede Zeit der inneren und äußeren Not, auch geistliche Fragen aus: Wo bist du, Gott? Warum lässt du das zu? Und wenn man dann das Weinberglied hört, kommen mitunter noch weitere Fragen, nämlich: Strafst du uns, Gott? Sind wir selbst schuld an der Not, die wir erleiden?


Zeiten der Dürre und der Not bleiben vermutlich keinem Menschen erspart. Solche Zeiten fordern auch geistlich heraus, doch es gibt kein Patentrezept und keine allgemein gültige Antwort für die Frage nach Ursache und Lösung und nach dem, was konkret zu tun sei.


Aus dem Weinberglied sollten wir keine voreiligen und verallgemeinernden Schlüsse ziehen, etwa den, dass es uns als Einzelne, als Gemeinde oder als Kirche dann gut gehen werde, wenn wir Gottes Wort hören und bewahren und Gerechtigkeit üben. Schon das Leiden Jesu und seine Aufforderung, dass auch wir unser Kreuz auf uns nehmen sollen, zeigen, dass dieser voreilige Schluss: „Gerecht leben heißt glücklich leben, Gott ungehorsam leben heißt unglücklich werden“ nicht stimmt, weder bei Jesus, noch zwingend für Israel und auch nicht für uns.


Das Weinberglied ist ein Lied des Leidens. Noch vor allem Leid des Volkes, das seine Not beklagt, leidet an allererster Stelle jedoch der Freund, weil sein geliebter Weinberg keine Frucht bringt. An allererster Stelle leidet Gott selbst über den Unglauben, die Ungerechtigkeit und den Ungehorsam seiner geliebten Menschen. Manchmal, nein ganz oft, braucht Gott einen ganz langen Atem mit uns. Es ist deshalb ein Zeichen seiner unermesslichen Geduld und Güte, dass sein Lied mit uns Menschen nicht verstummt. Auch im Neuen Testament hören wir wieder von einem Weinberg. Diesmal trägt er Frucht, doch diesmal wollen die Pächter dem Weinbergbesitzer nichts von ihrem Ertrag abgeben. Wieder ist es ein trauriges Lied, ein Lied, das von Schuld und Strafe handelt.


Aber es ist ein Lied, fast schon ein heiliges Lied, das jemand anstimmt, der aus reinster Liebe Verschmähung und Tod auf sich nimmt. Es ist ein wahrhaft heiliges Lied, das derjenige anstimmt, der uns voller Güte den Kelch reicht und der uns einlädt: „Nehmt und trinket alle daraus. Dieser Kelch ist das Neue Testament in meinem Blut, das für euch vergossen wird zur Vergebung der Sünden.“ Er ist es, der auch zu uns spricht: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt, und ich in ihm, der bringt viel Frucht.“ Er wirbt um uns, er hält uns, und wenn es sein muss, fängt er uns wieder auf, stellt uns auf die Füße und weist uns den Weg des Lebens: „Ich bin bei euch. Bleibt in mir, dann bringt ihr viel Frucht.“


Dies, liebe Gemeinde, ist Gnade im Angesicht der eigenen Bedürftigkeit und Schuld. Dies ist uns Zuspruch und Trost im Angesicht der eigenen Schwäche. So weist letztlich auch das Weinberglied über die Realität der menschlichen Schuld heilvoll voraus auf den einen, auf Jesus Christus. In seiner tiefsten Todesnot ist er nicht zerbrochen, sondern wusste sich gehalten von der Liebe Gottes. Durch sein Leiden und Sterben steht am Ende unseres Lebens nicht die Frage nach Schuld und Strafe. Auf sein Heil dürfen wir hoffen, und sein Heil darf schon jetzt unser Leben bestimmen und tragen. Gott sei Dank!


Amen