(Predigttext: 1. Petr 1, 3. 13-21)


Liebe Gemeinde!

 

Der Begeisterung, dem Enthusiasmus folgte schnell die Ernüchterung. So ist es in Deutschland nach dem 9. November 1989 gewesen. Die Menschen lagen sich in den Armen, Begeisterung ohne Ende. Aber dann wurde schnell deutlich, dass der gemeinsame Wege nicht einfach werden würde. Rasch stellte sich Ernüchterung und Enttäuschung, bei manchem Frust und Ärger ein. Der mühsame Weg in den Alltag war nicht leicht, aber notwendig. Aber jetzt, für meine Generation jedenfalls, spielt es keine Rolle mehr, ob man in Düsseldorf oder Dresden, Bückeburg oder Bautzen zur Welt gekommen ist.

 

Der Begeisterung folgte die Ernüchterung. So ging es dem Volk Israel. Kaum der Sklaverei entkommen, beginnt das Volk zu Murren. Man sehnt sich nach den Fleischtöpfen der ägyptischen Sklaverei. Da war man unfrei, ständig bedroht. Aber man wusste wenigstens, woran man war. Die Freiheit, die Unsicherheit, aber auch der lange und mühsame Weg durch die Wüste forderten seinen Preis. Aber schließlich, nach viel auf und ab, hat man doch das Ziel erreicht.

 

Der Begeisterung folgte die Ernüchterung. So war das auch hier in Südafrika. Nach der Euphorie der Jahre unter Mandela schien der Regenbogen, der diese Nation doch kennzeichnen sollte, ausgeträumt, die Hoffnung verflogen, langsam, aber sicher unter Mbeki und sehr deutlich dann in den bleiernen Jahren unter Zuma. Skepsis ist angebracht, aber die Bilder, Nachrichten und Gespräche der letzten Wochen geben dann doch wieder Anlass zur Hoffnung. Der Weg ist noch weit, aber es gibt wieder Grund zur Hoffnung.

 

Dieser Wechsel von Begeisterung und Enttäuschung, von Hoffnung und Resignation, von schweren Wegen, die zu gehen sind und neuen Perspektiven, die sich auftun, handelt auch der Predigttext aus dem 1. Petrusbrief für diesen Sonntag Okuli, an dem es ja um eine Neuausrichtung unseren Augen, unseres Blicks auf unseren Herrn und Gott gehen soll, so dass wir sicher und getröstet unsere Wege gehen können.

 

Nun ist eben Paulus gewiss Petrus die große Gestalt in den ersten Jahren der jungen Kirche. Es ist uns einerseits weit entrückt. Denn der soll ja der Fels sein, auf dem die Kirchen sich gründet. Für unsere katholischen Mitchristen ist er deshalb der erste Papst, auch wenn sich das historisch nicht nachweisen lässt, ja ganz unwahrscheinlich ist, die die junge Kirche solche Ämter gar nicht kannte.

 

Und dennoch war er wie Paulus wohl die Gestalt, auf die die ersten Christen in besonderer Weise schauten, wenn es um die Frage ging, was es eigentlich heißt, als Christ in der eigenen Gegenwart zu leben und Ernst mit dem eigenen Christsein zu machen. Petrus war da von besonderem Interesse, denn er war gewiss ein Fels, dann allerdings ein höchst wankelmütiger Fels, ein Fels jedenfalls, der dadurch besondere Glaubwürdigkeit erhielt, weil sein Glaubensweg alles andere als geradlinig verlief, sondern Höhen wie Tiefen aufwies. Wie man Hoffnung gewinnen, wie man sie verlieren und dann wieder ganz neu finden kann, davon zeugt das Leben des Petrus. Davon zeugt auch der Brief, der uns unter seinem Namen überliefert ist, jedenfalls dann, wenn man in ihm nicht nur Lehre aus ferner Zeit, sondern die Spuren eine Lebens- wie Glaubensgeschichte zu erkennen versucht. Ich lese Verse aus dem ersten Kapitel dieses Briefes:


3 Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten

13 Darum umgürtet eure Lenden und stärkt euren Verstand, seid nüchtern und setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch dargeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi.

14 Als gehorsame Kinder gebt euch nicht den Begierden hin, in denen ihr früher in eurer Unwissenheit lebtet;

15 sondern wie der, der euch berufen hat, heilig ist, sollt auch ihr heilig sein in eurem ganzen Wandel.

16 Denn es steht geschrieben (3.Mose 19,2): »Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.«

17 Und da ihr den als Vater anruft, der ohne Ansehen der Person einen jeden richtet nach seinem Werk, so führt euer Leben in Gottesfurcht, solange ihr hier in der Fremde weilt;

18 denn ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem nichtigen Wandel nach der Väter Weise,

19 sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes.

20 Er ist zwar zuvor ausersehen, ehe der Welt Grund gelegt war, aber offenbart am Ende der Zeiten um euretwillen,

21 die ihr durch ihn glaubt an Gott, der ihn von den Toten auferweckt und ihm die Herrlichkeit gegeben hat, sodass ihr Glauben und Hoffnung zu Gott habt.


Begeisterung und Enttäuschung, Aufstieg und tiefer Fall, Hoffnung und Resignation – die Lebensgeschichte des Petrus ist davon geprägt. Sie ist ein Gang von Hoffnung zur Verzweiflung und von dort zu neuer Hoffnung und Zuversicht. Die Verzweiflung in diesem Leben liegt uns in der Passionszeit vor Augen, die neue Hoffnung beginnt dann Ostern für Petrus ganz unerwartet. Anders bei Paulus war Ostern für ihn nicht nur das Ersetzen eines falschen durch einen richtigen Glauben, sondern wirklich eine Art Neugeburt, ein Wiederaufstehen nach dem tiefsten Fall.

 

Von Jesus hatte Petrus die Aufrichtung des Gottesreiches erhofft. Das mag er zunächst sogar politisch verstanden haben als Sieg über die Römer. Er mit Leib und Seele bei der Sache Jesu dabei, hatte alles hinter sich gelassen. Er hatte Jesu Wunder gesehen, er hatte seine Worte gehört, hatte ihn wohl als ersten Christus genannt. Er war so etwas wie der Wortführer der Jünger geworden, immer zu stelle. Und vermutlich war auch ein wenig stolz, als Jesus ihn den Felsen der Gemeinde nannte.

 

Dass diese Gemeinde freilich erst durch das finstere Tal des Todes, durch die Nacht und das Grauen gehen musste, das wollte er nicht hören. Und so warnt er Jesus vor dem Todesweg, will, wenn es sein muss auch mit dem Leben für ihn im Kampf gegen die Gottlosen einstehen. Aber davon will Jesus nichts wissen.

 

Der Tod freilich kam doch – aber mit dem Mut wie dem Glauben Petri war es schnell zu Ende. Er verleugnete, er weinte, er verzweifelte. Sein Gott war gestorben, dunkel war es um ihn geworden. Im Johannesevangelium ist er wieder in seinem Beruf zu sehen – als Fischer am See Genezareth – ein Mann ohne Hoffnung, gebrochen und verzweifelt.

 

Doch diese Nacht, diese Dunkelheit wird durchbrochen. Es kam die Nachricht der Frauen vom Grabe: er lebt. Und dann schließlich sieht er ihn. Alle Scham, alle Schuld, die er spürt, nimmt Jesus von ihm. Vielleicht hat Petrus das auf tiefsten Herzen selbst gerufen, was wir unter seinem Namen heute lesen: „Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.“ Das war nicht nur eine Formel, ein Gedanke, sondern selbst empfundene, selbst erlebte Wahrheit. Das war die Lebenserneuerung, die Petrus erfahren hatte. Gelobt sei Gott dafür!

 

Petrus hat das neue Kraft, neue Hoffnung gegeben. Gnade war es für und deshalb will er seine ganze Hoffnung auf Gottes Gnade setzen, wie wir es eben gehört haben. Die Gnade, auf die hin wir unsere Kinder taufen, zur der wir uns bekennen in unserem Leben und mit deren Trost wir einst sterben wollen. Dafür ist Jesus gestorben, als Opfer, einer für alle. Darin liegt die christliche Freiheit, die Petrus neu glauben und neue hoffen lässt. Vermutlich glaubt er anders, tiefer, nachdenklicher, skeptischer auch gegen sich selbst und manch leere Versprechungen, denn er weiß, dass aus dem Tod Jesus neues Leben entstanden ist, nicht alles vorbei war.

 

Mit diesem Glauben wächst Petrus. Nicht, dass er nicht immer wieder in alte Muster gefallen ist. Er war wohl noch immer vorlaut, manchmal auch etwas feige (das wirft Paulus ihm vor), am Ende seines Lebens hätte er seine Gemeinde fasst im Stich gelassen. So erzählt es eine alte christliche Legende. Petrus, so erzählt die Legende, sei in Rom durch die Verfolgung des Nero mit dem Tode bedroht worden und entschließt sich nach langer Beratung mit der Gemeinde die Stadt zu verlassen. Auf der Via Appia, so heißt es, hat er eine Erscheinung. Christus selbst kommt ihm, ein Kreuz tagend, entgegen. Petrus fragt: „Herr, wohin gehst du?“ Und Jesus antwortet: „Nach Rom, um mich abermals kreuzigen zu lassen, da du ja diese Stadt verlässt.“ Petrus begreift die Botschaft sofort, kehrt um und geht nach Rom zurück, um in den Märtyrertod zu gehen. Derselbe Mensch, der im Hof des Hohenpriester sich vor einer Magd gefürchtet hatte, der geht nun in Rom tapfer in den Tod.

 

Immer neue musste Petrus auf die Gnade hoffen, immer neu hat er sich Jesu Tod und seine Auferstehung vergegenwärtig. Gerade dann, wenn ihm die Puste des Glaubens auszugehen drohte. Damit er, damit wir Glauben und Hoffnung haben. So konnte Petrus immer neu Mut fassen, neue seine Lende gürten, sich also auf den Weg machen, hoffend und wissend, dass Gottes Gnade ihm unterwegs begegnen würde. Es war die Gnade, die ihn frei, die ihn selbst bestimmt, die ihn hoffnungsvoll und hoffnungsfroh leben ließ. Kein Sklave war er mehr, sondern ein freier Christenmensch. Kein Sklave seiner Leidenschaften und Begierden, seines Eigensinns, kein Sklave seiner Prägung und Herkunft, kein Sklave des Konsums, der Mitleidlosigkeit, des Neides oder des Hasses. Und kein Sklave des Todes. Christi Opfer, ja Christi Blut flößte ihm neues Leben ein, ja wurde zum Lebenszeichen für ein Leben, das wir uns nicht selbst, sondern das uns nur Gottes Gnade geben kann. Darum die doppelte Mahnung in diesem Brief: Setzt euere Hoffnung auf die Gnade, auch dann, wenn die Wege schwer und unvorhersehbar werden. Und dann: Umgürtet eure Lenden. Macht euch auf den Weg in die Zukunft, die Gott euch bereitet. In eurem Leben, in euren Familien und in diesem gesegneten Land. Denn so loben wir Gott, den „Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.“


Amen.