(Predigt für die 3. Passionsandacht zu Mk 14)


Die Geschichte handelt von einer wundervollen, sehr intimen Begegnung. Einer zärtlichen Begegnung zwischen Jesus und einer Frau, inmitten der gewalttätigen Ereignisse seiner Leidensgeschichte. Ein kleiner Lichtblick und Raum zum Atmen. Wir erfahren nicht viel über sie, über ihr Verhältnis und auch nicht, was sie zu dieser Tat bewegt hat. Es wirkt allerdings so, als wäre sie sich ihrer Handlung und ihrer Entscheidung sehr bewusst gewesen. Zielbestimmt geht sie auf ihn zu, platzt in Simons Haus in dem sich anscheinend viele Menschen, vermutlich Männer, um Jesus herum versammelt haben.

 

Schnell zerbricht sie den Krug und lässt das ganze Öl, was normalerweise ganz vorsichtig mit wenigen Tropfen verwendet wird, über ihn laufen, ein so wundervolles Zeichen, welches ihre Zuneigung zum Ausdruck bringt. Sie ist völlig bei ihm, kümmert sich nicht um den Preis des Öls und auch nicht, ob andere sie gleich dafür verurteilen werden.

 

Aber das Zeichen des Krug Brechens löst scharfe Kritik aus:

 

Die Menge spricht von Vergeudung, sie fragen sich vermutlich „Wozu diese Verschwendung?“.

 

Auch wenn Jesus, der Mensch, dem sie so treu folgen, derjenige ist, der das Öl abbekommen hat, so können sie ihre Tat doch nicht verstehen. In ihrem Kopf machen sich Gedanken breit, wie vielen Armen wohl damit hätte geholfen werden können. Und sie glauben, Jesus Meinung zu kennen. Seinen bedingungslosen Einsatz für die Benachteiligten, die er immer über sich selbst stellt.

 

Doch in dieser Szene überrascht er seine Jünger und vermutlich auch viele von uns:

 

Den Armen zu Helfen bleibt sein großes Anliegen, aber in diesem Moment überwiegt sein Bedürfnis nach Zuneigung, vermutlich, weil ihm seine eigene Endlichkeit so nahe und bewusst ist.

 

Er verteidigt sie, sieht in dem Akt seine erste Salbung und eine bedeutende letzte Zuneigung. Für ihn ist nicht der Preis des Öls von Bedeutung, sondern, dass ihn jemand in seinen Zweifeln abholt und versteht. Dieser Akt wird für ihn kostbar und die Ruhe, die sie ihm schenkt, unbezahlbar.

 

Er erkennt ihre Liebe und Zuneigung an. Er schätzt, dass in dieser schwierigen Zeit sich jemand ihm annimmt und voller Verständnis gegenübertritt. Die Frau scheint seine Bedürfnisse in dieser hoffnungslosen Zeit zu verstehen und spürt, wie er sich nach dieser intimen Geste sehnt.

 

Die Frau scheut sich nicht, ihre Liebe und Zuneigung ihm gegenüber offen zu zeigen. Sie macht sich in dem Moment über den materiellen Wert keine Gedanken, sondern kann voll bei und mit ihm sein. Dadurch schafft sie es, ihm ihre innerste Liebe zu offenbaren und handelt aus tiefstem Herzen. Sie lässt sich auf seine Sorgen und Nöte ein, sie nimmt sich Zeit und spürt, was er braucht. Durch die Berührungen spendet sie Trost und nimmt ihm Angst. Der Duft des Öls schafft Vertrauen und ihre zärtlichen Gesten sind wie Balsam für seine Seele.

 

Liebe Gemeinde, Wann haben Sie sich das letzte Mal nach einer so innigen Zuneigung gesehnt? Wann haben Sie Liebe und Verständnis geschenkt bekommen und waren Sie für andere in schwierigen Situationen da?

 

Oft sind wir im Alltag so beschäftigt, dass wir es nicht schaffen, unser Umfeld genau wahr zu nehmen und diese Bedürfnisse bei unserem Gegenüber zu erkennen. Jeder sehnt sich nach Liebe, aber gerade in einer schwierigen Zeit, in der es keinen Lichtblick gibt, brauchen wir diese Zuneigung noch viel mehr. Wir selbst kümmern uns dann nicht mehr um das Materielle, sondern dürsten nach Unterstützung.

 

Aber oft verspüren wir eine Scheu, Menschen nach dieser Zuneigung zu fragen. Gerade deshalb ist es so wichtig, selbst voran zu gehen, seine Liebe zu zeigen und zu teilen. In solchen Situationen sollte Geld und Materielles wertlos sein, wie die Frau das Öl vergeudet, so sind wir dann oft auch bereit für Verschwendung. Kostbar werden die Momente und die geschenkte Zeit. Lasst uns mit dem Geben der Liebe nicht kleinlich umgehen, sondern uns immer wieder untereinander diese Nächstenliebe schenken.

 

So wie Jesus diese Zuneigung gebraucht hat, brauchen auch wir jemanden, der uns in Not auffängt. Lasst uns zwischen Menschen Brücken bauen und ihnen mit Liebe entgegentreten.


Amen.