(Predigttext: Phil 1, 15-21)


15 Einige zwar predigen Christus aus Neid und Streitsucht, einige aber auch in guter Absicht:

16 diese aus Liebe, denn sie wissen, dass ich zur Verteidigung des Evangeliums hier liege;

17 jene aber verkündigen Christus aus Eigennutz und nicht lauter, denn sie möchten mir Trübsal bereiten in meiner Gefangenschaft.

18 Was tut's aber? Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise, es geschehe zum Vorwand oder in Wahrheit, so freue ich mich darüber. Aber ich werde mich auch weiterhin freuen;

19 denn ich weiß, dass mir dies zum Heil ausgehen wird durch euer Gebet und durch den Beistand des Geistes Jesu Christi,

20 wie ich sehnlich erwarte und hoffe, dass ich in keinem Stück zuschanden werde, sondern dass frei und offen, wie allezeit so auch jetzt, Christus verherrlicht werde an meinem Leibe, es sei durch Leben oder durch Tod.

21 Denn Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.


Liebe Gemeinde!

 

„In dir ist Freude in allem Leide, o du süßer Jesu Christ!“ So haben wir es eben beschwingt gesungen zu Beginn dieses Gottesdienstes. In dir ist Freude, das passt zu diesem Passionssonntag, der doch zur Freude aufrufen will, auch und gerade in der Betrachtung des Leidens. Lätare: Freue dich, Jerusalem

 

Ein wohlbekannter Choral mit einem fröhlichen Text und einer beschwingten Melodie. Diese führt uns nach Italien ins 16. Jahrhundert. In einen abgelegenen Ort, irgendwo zwischen Mailand und Venedig. „In der ist Freude“ – das war zunächst ein echter italienischer Schlager, zu dem man tanzen konnte und sollte. Es ist eine lauschige Nacht, und die verführt die Pärchen zum Träumen. Frühling liegt in der Luft. Am Himmel die Sterne, sie funkeln wie Augen von Verliebten. Zärtlich legt er seine Hände um ihre Hüften. In der Ferne erklingt eine vertraute Weise „A lieta vita” – „Zum fröhlichen Leben”. Ein Liebeslied auf Amor, den Gott der Liebe und des sich Verliebens.

 

Eine Musik. Und zwei Texte - wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Ein geistlicher und ein weltlicher Text. Einer in deutscher, einer in italienischer Sprache. Ein Lied über Amor, den Gott der Liebe, der wahllos seine Pfeile des Verliebtseins abschießt.

 

Im Jahre 1598 wird das italienische Tanzlied Gastoldis mit einem geistlichen deutschen Text unterlegt. Es entsteht der Choral In dir ist Freude mit einem ganz und gar anderen Sinn. Aus dem heidnischen Gott der Liebe wird der liebende Gott der Christen, der süße Jesus Christ.

 

Aus dem Herzensbrecher, der mit der Liebe und seinen Opfern Scherz treibt, wird der Tröster, der gebrochene Herzen heilt. Der uns kein fröhliches Leben ohne Leid verspricht. Aber der uns selbst im Tod voller Güte die Treue hält. Aus der sinnlichen Freude des Augenblicks, die sich nur Verliebte schenken können, wird eine geistliche Freude, die aus dem Glauben an den wahren Heiland erwächst.

 

In dir ist Freude in allem Leide. Eine Freude, die nicht nur die fröhlichen Stunden zählt, sondern auch die voller Leid und Kummer im Blick behält. Die Freude, die Christus verheißt, flieht nicht, sobald aus Spaß Ernst wird. Sobald dunkle Wolken die Sonne verdecken. Im Gegenteil. Sie ist dauerhaft und lässt sich durch nichts die Stimmung verderben.

 

Und Not gibt es in Deutschland im 16. Jahrhundert mehr als genug: Religiöse und politische Kämpfe, Hungersnöte und Pestepidemien fordern Tote in Stadt und Land. Die Zukunft verheißt alles andere als ein fröhliches Leben. Not lehrt bekanntlich beten - aber auch singen. Wen wundert’s also, dass die Kirche Trostlieder anstimmt voller Hoffnung und Freude - mitten im täglichen Leid.

 

In dir ist Freude, in allem Leide: auch Paulus stimmt im Brief an die Philipper eigentlich dieses Lied an, auch wenn er unseren Choral natürlich nicht kannte. Paulus ist in lebensbedrohlicher Situation, er schreibt aus dem Gefängnis, den Tod immer vor Augen. Und er fragt nach einem Sinn seines Leidens und seiner Haft: Ich verteidige das Evangelium. Ich verkündige Christus. Und wie kann man den leidenden und sterbenden Gottessohn besser verkündigen, als indem man selber leidet und den drohenden Tod vor Augen hat.

 

Es klingt paradox, aber: Paulus mutiert hinter seinen Gefängnismauern vom gestrengen Völkerapostel zum gelassenen, entspannten Christenmenschen: Was tut`s aber? Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise, es geschehe zum Vorwand oder in Wahrheit, so freue ich mich darüber.

 

Was in draußen umtrieb: der Kampf gegen die Irrlehren in den noch jungen und verführbaren Gemeinden und sein unermüdlicher Einsatz für die Predigt vom Gekreuzigten, verliert im Kerker offensichtlich an Bedeutung: Wo der Körper gefangen ist, da wird - so scheint es - die Seele freier. Wo andere einem Fesseln auferlegen, streift der Geist die Fesseln ab.

 

Es sind starke Worte, die Paulus seiner Gemeinde schreibt. Stark sind sie, weil sie aus dem Munde dessen kommen, der selber leidet und nicht auf der Sonnenseite des Lebens steht. Es sind Worte der Zumutung, wenn sie über andere gesprochen werden von einem, dem es selber gut geht. Sie bleiben einem im Halse stecken angesichts des Leidens anderer. Da verstumme ich, wenn ich eben nicht weiß, dass das Leiden eines anderen Menschen zum Heil ausgeht, wenn ich vielmehr ahne, dass es zu Ende geht mit diesem Menschen.

 

„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ So deutet Jesu die Situation, in der er sich befinden wird, bald schon. „In dir ist Freude, in allem Leide“, „Christus ist mein Leben und Sterben ein Gewinn.“

 

So sehr ich das faszinierend finde, so schwer fällt es, das mitzusprechen, jedenfalls dann, wenn man Menschen in ähnlichen Situationen vor Augen. Ich erinnere mich an eine Mutter einer jungen Tochter, die ich über Wochen in ihrer Krebskrankheit und schließlich auch in ihren letzten Stunden begleiten durfte. Aus einer lebenslustigen, klugen Frau wurde ein geschundener Körper, der immer weniger wurde mit jeder Chemotherapie. Schließlich hat sie die Behandlung aufgegeben, als keine Hoffnung mehr war. Mit Hilfe von schmerzlindernder Medizin hat sie die letzten Tage zu Hause verbracht. Feiern wollte sie noch einmal. Für einige Tage wurde das Krankenlager zu einem Ort, an dem sich Freunde und Familie trafen. Es wurde aufgetischt und gefeiert. Ja, da war Freude in diesem Leide. Aber die letzten Tage und Stunden waren dennoch schwer, waren eigentlich dann kaum zu ertragen. Immerhin, wenn ich heute die Familie treffen, den Mann und die damals noch kleine Tochter, dann reden sie bei aller Trauer von diesen letzten Tagen des Zusammenseins. Sie reden vom Leid, aber doch und v.a. den guten Begegnungen, den heiteren Stunde, die sie vor dem Sterben und den Tod noch einmal mit der Frau, der Mutter erleben konnten.

 

„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ So deutet Jesu die Situation, in der er sich befinden wird, bald schon. „In dir ist Freude, in allem Leide“, „Christus ist mein Leben und Sterben ein Gewinn.“

 

Es ist Leidenszeit, Passionszeit. Keiner von uns kann vorher wissen, wie es sich anfühlen wird, wenn wir selber das Korn sind, das zur Erde fällt. Ich wage die großen Worte des Paulus nicht selber in den Mund zu nehmen. Ich höre sie als Zeugnis eines leidenden Menschen, der sich in Not und Todesangst nicht abgetrennt von Gott erlebt. Ich vernehme daraus die Botschaft, dass nicht nur schöne, gesunde Leiber Gott preisen, sondern jeder menschliche Körper, der von Krankheit gezeichnet ist und mit jedem Tage weniger wird. Ich spüre die tiefe Verbindung durch das Gebet - auch da, wo Menschen äußerlich getrennt sind: der eine in Leid und Todesangst, der andere mitten im Leben. Ich hoffe auf Gottes Hilfe und Beistand, wo kein Mensch helfen kann. Und vielleicht kann ich dann singen: „In dir ist Freude, in allem Leide.“

 

In dir ist Freude: das ist zunächst eines von vielen „Kreuz- und Trostliedern“ seiner Zeit. Ein geistlicher Text wie viele andere auch. Eigentlich nichts Besonderes. Wäre da nicht, ja wäre da nicht: die Musik. Sie ist es, die dem Text Flügel verleiht und die Freude spüren lässt, die die Strophen verkünden.

 

Nur wenige Choräle sind so beschwingt und voller Leichtigkeit. Kaum einer lädt so zum Tanzen ein und sprüht vor Lebensfreude. Während der Verstand noch das eigene Elend beklagt, schwingt sich das Herz schon auf und reißt die Seele mit. Die Musik hat getroffen. Was dem Wort schwer fällt, ist ein Leichtes für die Musik. Ihre Leichtigkeit nimmt dem Leid jede Schwermut.

 

Ein geistlicher Text zu einer weltlichen Musik. Für heutige Zeiten ein ungleiches Paar. Doch ein ideales: Die Worte für den Verstand, die Musik fürs Herz. Und Freude für die Seele. Die Freude, die uns Christus schenken will, ist keine Freude, die weit über den Wolken schwebt und uns erst im Jenseits erfreut. Es ist eine Freude mitten in der Welt. Sie will nicht allein den Verstand, sondern unser Herz berühren. Damit wir es singen, in den guten und in den schweren Tagen: In dir ist Freude. Warum? Weil das Korn, das in der stirbt, Frucht bringt, vielfach und uns zugute.


Amen.