(Predigttext: Jes. 50, 4-9)


Liebe Gemeinde!


Wie hatten sie ihn begrüßt. Unendliche Freude durchströmte die Stadt. Menschen eilten zu den Stadttoren Jerusalems, jeder will der erste sein, ganz in der vorderen Reihe sein. Heute zieht Jesus, der faszinierende Prophet aus der galiläischen Provinz in die Hauptstadt ein. Manche sagen, er wolle König werden. Gewiss jedenfalls ist er ein Mann Gottes. Und so wird er begrüßt. Die Menschen winken mit Palmenzeigen, manche legen ihm ihre Kleider zu Füßen. Auf einem Esel zieht er ein – so wie es die Heiligen Schriften verheißen. Die Menschen begrüßen ihn: Hosianna dem Sohne Davids! Tochter Zion, freue dich: Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn. Und uns Gottesdienstbesuchern klingen dabei weniger die traurigen Passionslieder in den Ohren, sondern die Lieder des 1. Advents: Macht hoch die Tür, de Tor macht weit, Tochter Zion usw. Denn auch am 1. Advent hören wir diese Geschichte.


Doch alles kommt anders, innerhalb weniger Tage kippt die Stimmung. Der, der das einzieht, erweist sich als sperrige, spröde, irgendwie auch merkwürdigen Gestalt. Rasch gibt es Streit, Radau sogar im Tempel, schließlich wenden sich nicht nur die religiösen Führer, sondern auch das Volk von ihm ab. Nur wenige Tage später ist er allein, selbst seine Anhänger sind zerstreut und geflohen. Von den Römern verhaftet, gefoltert, des Hochverrats verurteilt, von Gott und den Menschen verlassen: Kein Hosianna, nur noch ein kreuzige ihn! Wie schnell innerhalb von gerade einmal 100 Stunden die Stimmung kippen kann!


Und noch einmal, einen Tag später, ist alles vorbei. Gekreuzigt wird er, wie ein Verbrecher. Vor allem für die Jünger Jesus war das zutiefst verstörend, so verstörend, dass sie lange brauchten, um drei Tage später jene frohe Nachricht von dem, was wir heute Auferstehung, Ostern nennen, zu begreifen.


Erst im Rückblick, in der Deutung, beginnen sie zu verstehen, was da mit Jesus und mit ihnen geschehen ist. Was ist da in wenigen Tagen passiert? Was war das besondere an Jesus, so besonders, dass auch der Tod das nicht zerstören konnte? So besonders, dass er in der Auferstehung bei Gott geborgen und angenommen ist? So besonders, dass er uns auf unserer Lebensbahn vorangeht?


Wie überfahren waren sie von den Ereignissen. So wie das im Leben eben manchmal zugeht. Über Jahre der gleiche Trott, mach richtet sich ein, man lebt sein Leben mit all den Höhen und Tiefen. Und manchmal verändern wenige Tage alles, zum Guten wie zum Schlechten. Wie verändert wird unser Leben, wenn sich plötzlich neue Chancen, neue Perspektiven auftun? Weil ein Neuanfang möglich wird, wo man nicht mehr daran gedacht hat. Weil ein Mensch ins Leben tritt, der alles verändert. Weil ein Kind geboren wird. Aber auch in der anderen Richtung? Plötzlich, unerwartet ein Streit, der Verletzungen auslöst, die nicht schnell zu heilen sind. Der Verlust eines Menschen, mitten aus dem Leben heraus. Die Diagnose einer Krankheit, die alles verändert. Man steht wie neben sich, begreift nicht, was einem widerfährt.


„Ich möchte, dass einer mit mir geht, der´s Leben kennt und mich versteht, der mich zu allen Zeiten kann geleiten“ – so heißt es in einem neueren Lied aus dem Gesangbuch. So ähnlich hatten die Jünger Jesus erlebt: als einen der mitging, der sich, weil er aus Gott lebte, ganz den Menschen zuwenden konnte, der die Gabe des Zuhörens, des Mitleidens reichlich empfangen hatte. Und der wird grausam gemartert, stirbt einen sinnlosen Tod. Was soll das bedeuten? Den Jüngern Jesu ging es nicht anders. Sie fanden Trost, Erklärung, Hilfe in einem biblischen Text aus dem Buch des Propheten Jesaja. Er schlüsselte ihnen auf, was sie mit Jesus erlebt hatten:


4 Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören.

Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück.

6 Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.

7 Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde.

8 Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir!

9 Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie ein Kleid zerfallen, Motten werden sie fressen.


Ein Mensch, der mitgeht, mitleidet und darin von seinem Gott nicht lässt, nicht lassen kann. Diese Gabe hat der unbekannte Mann Gottes, der in unserem Predigttext zu Wort kommt. Er hat Schlimmes durchgemacht, und seine Leidenszeit ist noch lange nicht vorbei. Mit anderen Juden befindet er sich in der babylonischen Gefangenschaft. Eigentlich wird man für antike Verhältnisse gut behandelt. Deshalb haben sich einige mit der Verbannung arrangiert: Sie haben sich ein Häuschen mit einem Garten gebaut und gehen ihren Geschäften nach. Sie rechnen schon lange nicht mehr mit einer Rückkehr nach Jerusalem. Anderen geht es weniger gut. Sie können ihre Heimat nicht vergessen. Sie stehen in der Fremde vor maßlosen Schwierigkeiten. Es sind Menschen ohne Mut und ohne Hoffnung auf eine bessere Zukunft.


Unser Mann Gottes soll seinen Landsleuten Mut machen! Er sagt ihnen: „Vergesst euren Glauben nicht! Werft eure Hoffnung nicht weg! Gott wird uns wieder nach Jerusalem bringen!" „So ein Spinner!", denken diejenigen, die sich arrangiert haben. „So eine Unverschämtheit!", denken die anderen, die es so schwer haben. Aber unser Mann Gottes bleibt bei seinen Reden. Bald wird er von den einen ausgelacht. Von den anderen bezieht er nicht nur eine Tracht Prügel. Doch er bleibt dabei: Eher sanft und bescheiden versichert er immer wieder, dass Gott bald die Verbannung in Babylon beenden wird. Einige seiner Zuhörer werden allmählich unsicher. „Sollte der Mann vielleicht doch Recht haben?", dachten sie. Inzwischen ist aber auch die babylonische Staatssicherheit auf ihn aufmerksam geworden. Immer wieder wird er verhaftet und ins Gefängnis geworfen. Wiederholt wird er angespuckt und ausgepeitscht. Am Ende wird er sogar hingerichtet. Seinen Körper lässt man an der Hinrichtungsstätte von den Geiern fressen.


Und doch hat es unser Mann geschafft, den Bann der Hoffnungslosigkeit und Mutlosigkeit zu brechen. Nach seinem Tod stehen andere Männer auf: Propheten verkündigen die baldige Befreiung und Heimkehr; Priester schreiben die alten Texte der Bibel neu, damit Gottes Geschichte mit seiner Schöpfung und seinem Volk nicht in Vergessenheit gerät. Schriftkundige Männer schreiben die Geschichte der Richter und Könige Israels. Neue Psalmen werden gedichtet. Wichtige Teile des Alten Testaments sind damals im babylonischen Exil entstanden. Das alles war möglich, weil unser unbekannter Mann Gottes als Erster den Bann gebrochen hat.


Nun, das ist lange her! Es war einmal! Was geht's uns denn heute noch an? Im Oratorium „Der Messias" von Georg Friedrich Händel hören wir unseren Predigttext in einer Alt-Arie. Diese Musik ist auch heute noch sehr bewegend. Die Christenheit hat früher die vier Lieder vom unbekannten Gottesknecht in Babylon als eine Prophezeiung auf Jesus Christus hin verstanden. Die Parallelen zur Geschichte Jesu sind wirklich erstaunlich: sein Mutmachen in einer hoffnungslosen Zeit, sein eher sanftes, aber beharrliches Auftreten, sein grausames Schicksal der Hinrichtung. So fanden die Jünger Erklärungen für das, was sie erlebt hatten.


Wir haben vorhin das Lied gesungen: „Er weckt mich alle Morgen!" Es ist von Jochen Klepper, geschrieben in der Zeit des Dritten Reiches! Er war mit einer Jüdin verheiratet und etlichen Schikanen ausgesetzt. Die Gestapo wollte ihn zwingen, sich scheiden zu lassen, um dann umso leichter seine Frau ins KZ schicken zu können. In seinem Tagebuch schildert Klepper, wie die Gestapo ihn zappeln ließ in seinem vergeblichen Versuch, eine Ausreiseerlaubnis für seine Frau und sich nach Schweden zu bekommen. Er hoffte, so stark zu sein wie der uns unbekannte Gottesknecht in Babylon, der sein Gesicht hart wie einen Kieselstein gemacht hatte. Am Ende jedoch siegte beim Ehepaar Klepper die Verzweiflung: Beide Eheleute gingen gemeinsam in den Tod.


Die Geschichte vom unbekannten Gottesknecht mag schon lange her sein: Leiden für die Wahrheit, Leiden für die Gerechtigkeit, Leiden für die Liebe gibt es heute noch! Unser Mann Gottes weiß es ganz sicher, dass Gott ihm in seinem Leiden zur Seite steht. Man kann ihm wehtun, ihn verletzen, schmähen, aber man kann ihm nicht die Würde rauben. Heute feiern wir mit dem Palmsonntag den Einzug des Königs, den Einzug Jesu in Jerusalem. Wie dieser Mann Gottes aus dem Alten Testament hat Jesus die schwachen Stimmen der Notleidenden sehr gut gehört. Er hat ihnen immer wieder geholfen. Jesus ist für das Recht und die Wahrheit Gottes eingetreten bis hin zu seinem Kreuzestod. Man hat ihn geschlagen, angespuckt, gefoltert und verhöhnt. Man hat ihm aber nicht die Würde nehmen können. Gott hat aber seinem Recht und seiner Wahrheit Geltung verschafft. Er hat Jesus Christus von den Toten auferweckt. Er ist der Mann, der mit uns geht, der's Leben kennt und uns versteht. Was uns bewegt, er versteht uns! Er kennt unsere großen und kleinen Nöte. Sein Wort hilft uns und richtet die Erschöpften wieder auf.


In den Höhen wie den Tiefen unseres Lebens ist er uns nahe. So wie Klepper es gedichtet hat:


Er will mich früh umhüllen

mit seinem Wort und Licht,

verheißen und erfüllen,

damit mir nichts gebricht;

will vollen Lohn mir zahlen,

fragt nicht, ob ich versag.

Sein Wort will helle strahlen,

wie dunkel auch der Tag.


Amen.