(Predigttext: 1 Kor 10, 16-17)


 

16 Der Kelch des Segens, den wir segnen, ist der nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi?

17 Denn ein Brot ist's. So sind wir, die vielen, ein Leib, weil wir alle an einem Brot teilhaben.


Liebe Gemeinde!

 

Was hält eine Gemeinschaft, was hält eine Gemeinde zusammen? Das scheint zunächst eine einfache Frage zu sein. Und auch die Antwort mag leicht erscheinen: ein gemeinsames Ziel, ein gemeinsames Interesse, eine gemeinsame Orientierung. Für eine christliche Gemeinde dürfte das die Orientierung an Jesus Christus sein, die Gemeinschaft mit ihm und die so gestiftete Gemeinschaft untereinander. Heute, am Gründonnerstag, geht es dann gleichsam um einen der Gründungsakte dieser Gemeinschaft. Denn das stellt das Abendmahl zweifellos dar. Es ist so etwas wie der Kern und die Urzelle christlicher Gemeinschaft.

 

Der kurze, prägnante Predigttext drückte genau das aus. Nicht mehr als 44 Wörter, und im Mittelpunkte Worte wie „Gemeinschaft“, „eins“ und „Leib Christi.“ Man spürt diesem Text ab, wie sehr Paulus seine Gemeinde, seine Gemeinschaft zur Einheit drängst, auch und gerade am Tisch des Herrn.

 

Nun wissen wir, dass gerade diese Gemeinschaft am Tisch des Herrn in Geschichte wie Gegenwart selbst zwischen Kirchen, die – wie hier in Südafrika – sich lutherisch nennen, alles andere als selbstverständlich ist. Ich will darüber jetzt nicht weiter lamentieren, ich will auch nicht theologische Gründe dafür suchen. Die das rechtfertigen – mir fallen ehrlich gesagt auch keine stichhaltigen ein -, aber ich will zugleich doch erwähnen, welchen Schmerz, welche Verwerfungen und welche seelsorgerlich eigentlich nicht vertretbaren Konflikte das mit sich bringt. Es ist da nur ein schwacher Trost, dass Paulus mit seinem Drängen um Einheit schon selber mit dem Problem ringen musste.

 

Aber vielleicht ist es gut, ohne konfessionelle Polemik, aber in theologisch durchdachter wie seelsorgerlich einfühlsamer Weise sich einige Züge deutlich zu machen, was eigentlich Gemeinschaft am Tisch des Herrn meint und welche Folgen daraus zu ziehen wären. Dabei will ich nicht auf andere schauen oder zeigen, sondern v.a. auf uns selbst, unsere eigene Gemeinde in ihrer Verschiedenheit, die ja ein Reichtum ist. Denn auch wir sind höchst unterschiedlich geprägt, sind ganz verschieden religiös veranlagt und habe gewiss auch sehr unterschiedliche Verständnisse davon, was Abendmahl für uns persönlich bedeutet.

 

Ein erster Gedanke. Wer von Gemeinschaft spricht, meint die Verbundenheit von Menschen. Die Gründe dieser Verbundenheit können sehr verschieden sein: Verwandtschaft, Sympathie, gemeinsame Interessen, gemeinsame kulturelle und sprachliche Wurzeln oder eine Aufgabe, die man auf Dauer oder auf Zeit miteinander angehen will. All das spielt sicherlich auch bei der Gemeinschaft einer Gemeinde und ihrer Gemeinschaft im Abendmahl eine Rolle. Aber es kommt ein tiefer liegendes, gemeinsames Fundament hinzu. Paulus behauptet, – wenn man die Form der Frage in eine Aussage verwandelt – der gesegnete Kelch und das Brot, also die Abendmahlselemente Brot und Wein, „sind“ die Gemeinschaft. Wie können Brot und Wein Gemeinschaft sein? Brot und Wein repräsentieren die Person Jesu Christi, sind er selbst. Die Gemeinschaft besteht darin, dass er sich selbst uns gibt, dass wir Anteil an ihm selbst empfangen. Im Abendmahl erinnern wir uns nicht nur an ein Geschehen, das einmal war. Indem wir uns erinnern lassen, geschieht etwas mit uns hier und heute: Wir werden Teil seiner selbst, wir bilden gewissermaßen einen Leib, einen gegenwärtigen Lebenszusammenhang. Christen verstehen sich als zu einem großen Lebenszusammenhang gehörig, dessen Haupt Jesus Christus selbst ist.

 

Martin Luther hat das in einem kleinen Büchlein über das Abendmahl aus dem Jahr 1519 mit Bildern beschrieben. Wie eine Vielzahl von Getreidekörnern einen Laib Brot bilden, so wird aus der Gemeinschaft der Christen in Christus „ein Kuchen“. Noch ein weiteres Bild benutzt Luther: Das Sakrament sei wie „eine Furt, eine Brücke, eine Tür, ein Schiff und eine Tragbahre, in der und durch die wir von dieser Welt fahren ins ewige Leben“. Dabei hänge die „Tragfähigkeit“ dieser Brücke, dieses Schiffes „ganz am Glauben“, an einem Glauben, der über ein „Vertrauen auf das Sichtbare“ hinausgehe.

 

Daraus ergibt sich ein zweiter Gedanken. Wenn wir im Abendmahl durch Christus zusammenkommen und wenn wir so in eine Gemeinschaft gestellt sind, die über diese Wirklichkeit, ja auch über unsere eigene Endlichkeit hinausgeht, die uns also Teil an Gottes Ewigkeit gibt, dann hat das auch auswirken darauf, wie wir unser Leben, unsere Wirklichkeit und auch unsere Gemeinschaft gestalten. Denn wenn der Mann oder die Frau, die beim Abendmahl neben mir stehen, Anteil an Christus haben genau wie ich, dann sind wir auch untereinander zu einer Gemeinschaft verbunden. Das ist dann leicht, wenn diese Person mir sowieso sympathisch ist. Aber es gilt auch dann, wenn ich meinen Nebenmann oder meine Nebenfrau gar nicht mag und es sich leider nicht vermeiden ließ, dass ich jetzt beim Abendmahl neben ihr oder ihm stehen muss. Auch dann sind wir Teil des einen Christus. Deshalb sollten dann die trennenden Aspekte jedenfalls in dieser Gemeinschaft ihre Bedeutung verlieren. Ich muss die Person nicht mögen, aber ich muss anerkennen, dass sie genau wie ich Anteil an Christus hat. Es gehört zum Wesen einer echten Gemeinschaft, dass ihre Glieder füreinander einstehen, auch und gerade im Gebet. Christus tritt für uns Menschen ein, wir bekennen uns zu ihm. Wir treten für unseren Mitmenschen ein, wenn er geschunden, beleidigt, benachteiligt wird. Es geht hier um eine Verbundenheit, deren innere Kraft in der Liebe besteht, einer Liebe, die auch zur Selbsthingabe, zum Opfer bereit ist, auch wenn ich dann meine eigenen Vorurteile und Ekelgrenzen überwinden muss. Karfreitag führt uns das vor Augen. Wenn wir gemeinsam Abendmahl feiern, dann wird etwas von dieser Verbundenheit, die auch Selbsthingabe und Opfer einschließt, leibhaft erlebbar und spürbar: „Schmeckt und seht wie freundlich der Herr ist.“

 

Dazu kommt ein Drittes. Christus stiftet diese Gemeinschaft, nicht wir selbst. Diese Gemeinschaft in ein Geschenk. Freilich ist meine Beteiligung nicht gleichgültig. Es ist nämlich die Frage, ob ich bereit bin, dieses Geschenk auch zu empfangen und auszupacken. Oder ob ich es gleichgültig in den Abstellschank werfe, wo es dann bis zum nächsten Umzug vor sich hingammelt. Wirkliche, dankbar empfangene Gemeinschaft verlangt unsere Aufmerksamkeit, unsere Konzentration, unsere Offenheit, unsere Ernsthaftigkeit und vor allem unser Vertrauen. Dann können wir Christus als gegenwärtig wahrnehmen und erfahren. Aber wenn wir all dies der Abendmahlsgemeinschaft entgegenbringen, werden wir dessen inne, dass wir diese Gemeinschaft nicht machen und herstellen können. Sie beruht darauf, dass der Herr selbst uns an sich Anteil gibt, uns teilhaben lässt. Er ist der Einladende: „Kommt, denn es ist alles bereit, schmecket und sehet, wie freundlich ich bin.“ Und die Austeilenden sprechen es jedem zu: „Christi Leib, Christi Blut, für dich gegeben“, Christus selbst gibt sich mir. Diesen Weg von den äußeren Zeichen zur inneren Gewissheit gehen wir jedes Mal neu.

 

Schließlich ein vierter und letzter Gedanke. Diesen einen Leib, von dem Paulus spricht, kann man nicht messen und zählen. Wir können – Gott sei Dank – auch nicht sicher sagen, wer dazu gehört und wer nicht. Deshalb bin ich froh, dass unsere Kirche alle Getauften zum Mahl einlädt. Das Wort zulassen, will ich gar nicht gebrauchen und auch, die Kirche lädt ein, ist vielleicht falsch gesagt. Denn eigentlich ist doch Christus der Einladende. Für Paulus ist aber deutlich, dass diese Gemeinschaft durchaus Auswirkungen im Alltag hat und unsere Leben bestimmen soll. Man kann sich das am Gedanken des Brotbrechens klar machen. Das Bort zu brechen heißt: Ich esse das Brot nicht allein. Sondern ich gebe ab nach links und nach rechts, bis jeder davon hat. Meine gefüllte Hand schenkt weiter.

 

Kein noch so tüchtiger Christenmensch kann Liebe geben und geben und geben, ohne nicht auch selbst zu nehmen. Nur wer aus der großen Fülle der Liebe und Barmherzigkeit Gottes sich satt trinkt, die uns in Jesus begegnet ist, der hat Kraft genug, diese Liebe auch tatkräftig weiterzugeben. Und sie nicht nur unter uns, den Menschen mit denen wir, ob wir sie nun alle mögen oder nicht, in dieser Gemeinde verbunden sind. Nein, auch darüber hinaus. Wer von dieser Liebe ergriffen wurde, der wird alle Menschen, auch die, die nicht der eigenen Gemeinde, der eigenen Religion, der eigenen Kultur entstammen, im Lebenszusammenhang der Kinder Gottes ansehen. Dann verbieten sich manche Umgangsweisen von selbst. Missachtung von andern Menschen oder latente oder gar offene rassistische Auffassungen vertragen sich damit nicht. Die biblische Tradition schätzt die Gastfreundschaft hoch. Sie gilt nicht nur Freunden, sondern auch Fremden.

 

Und dann: Man mag Verhaltensweisen auf dem Feld der Beziehungen der Geschlechter zueinander ethisch unterschiedlich bewerten. Die Achtung anderer Menschen als Kinder Gottes oder als Glieder unserer Kirche darf durch unterschiedliche ethische Bewertungen nicht eingeschränkt werden. Differenzen in der Sexualmoral dürfen nicht dazu führen, dass Christen sich gegenseitig das Christsein bestreiten. Man kann, man darf, ja manchmal soll man auch, gut und heftig streiten. Aber immer um der Sache willen. Man kann und soll das auch tun im Disput über den Weg einer Gemeinde. Aber bitte immer so, dass niemand auf seine Herkunft, sein Geschlecht oder seine Prägung festgelegt und in Schubladen einsortiert wird. Und immer so, dass die Gemeinschaft am Tisch des Herrn nicht in Frage gestellt wird.

 

Luther war übrigens mit guten Gründen der Ansicht, dass die Gemeinschaft des Abendmahles uns verwandelt. Die eigennützige Liebe nehme ab und die gemeinnützige, die hingabebereite Liebe nehme zu. Bei ehrlichem Nachdenken stimmen wir dem zu, dass es so sein soll, und müssen zugleich einräumen, dass wir dahinter zurückbleiben. Das wird wohl immer so sein. Umso mehr brauchen wir die Erinnerung und die Ermutigung. Wohl deshalb sagt Jesus uns, dieses Mahl zu wiederholen, es immer neu zu feiern: „Solches tut zu meinem Gedächtnis!“ Damit wir in seiner Gemeinschaft und seinem Leben bleiben und er in uns.


Amen.