(Predigttext: 1 Kor 15, 50-58)


50 Das sage ich aber, liebe Brüder, dass Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht ererben können; auch wird das Verwesliche nicht erben die Unverweslichkeit.

51 Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden;

52 und das plötzlich, in einem Augenblick, zur Zeit der letzten Posaune. Denn es wird die Posaune erschallen und die Toten werden auferstehen unverweslich, und wir werden verwandelt werden.

53 Denn dies Verwesliche muss anziehen die Unverweslichkeit, und dies Sterbliche muss anziehen die Unsterblichkeit.

54 Wenn aber dies Verwesliche anziehen wird die Unverweslichkeit und dies Sterbliche anziehen wird die Unsterblichkeit, dann wird erfüllt werden das Wort, das geschrieben steht (Jesaja 25,8; Hosea 13,14): »Der Tod ist verschlungen in den Sieg.

55 Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?«

56 Der Stachel des Todes aber ist die Sünde, die Kraft aber der Sünde ist das Gesetz. 57 Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unsern Herrn Jesus Christus!

58 Darum, meine lieben Brüder und Schwestern, seid fest und unerschütterlich und nehmt immer zu in dem Werk des Herrn, denn ihr wisst, dass eure Arbeit nicht vergeblich ist in dem Herrn.


Liebe Gemeinde,

 

„Papa, was ist ein Ohrwurm?“ Mit den Gedanken schon ganz wo anders, höre ich die Frage unseres jüngsten Sohnes am Frühstückstisch erst nur von ferne. Er versucht es noch einmal: „Papaaaa, was ist ein Ohrwurm?“ Ich beginne nachzudenken. Wie soll ich so einen bildlichen Ausdruck jetzt erklären. Ein Ohrwurm ist schließlich kein richtiger Wurm. Also versuche ich es so: „Ein Ohrwurm, das ist, wenn du ein Lied gehört hast, im Radio zum Beispiel.“ „Aber ich hör kein Radio“, antwortet er. „Na gut, also wenn du ein Lied im Kindergarten gelernt hast. Und das hat dir so gut gefallen, dass es dir immer wieder einfällt. Einfach so zwischendurch. Ohne dass du dran gedacht hast. Und dann singst Du es. Oder summst es. Weil`s dir gefällt, weil es dich fröhlich macht.“ „Na, so wie das Lied von Stups dem kleinen Osterhasen“, meint er und fängt an zu summen. „Das fällt mir immer ein, wenn ich fröhlich bin. Aber warum das ein Wurm sein soll?“

 

Ich gestehe, richtig antworten konnte ich darauf nicht mehr. Ist ja auch ein merkwürdiges Wort: „Ohrwurm“. Aber es gibt sie ja wirklich: Melodien, Texte, die ich irgendwo gehört habe und die mir dann immer wieder einfallen. Ich etwa summe öfters Kirchenlieder vor mich hin. So wie manche der Osterlieder, die wir heute singen. „Christ ist erstanden“ oder „Jesus lebt, mit ihm auch ich.“ Es sind nicht nur die Texte, es ist die Melodie, die mich beschwingt. Ich lasse den Ton in mir zu und merke, wie mich das verändert, in Bewegung setzt. Wer wünscht sich nicht, was diese Lieder uns Ostern vermitteln: Bei Gott bewahrt zu sein; das Leben in seiner Tiefe zu erfahren, unberührt von Tod und Endlichkeit. Gewissheit, dass Gott uns begleitet? Nicht nur zu besonderen Stunden und Zeiten, sondern an jeden Tag neu? So wie ein Ohrwurm - im guten Sinn. ...

 

Einen dieser Ohrwürmer haben wir eben gesungen: Wir wollen alle fröhlich sein in dieser österlichen Zeit. Ostern ist zu Recht ein Fest der Hoffnung, ein Sieg des Lebens über den Tod. Paulus, der Völkerapostel, ruft es in unserem Predigttext geradezu hinaus: Tod, wo ist dein Stachel, Tod wo ist dein Sieg?

 

Freilich, dass was Paulus hier hinausruft, ist dann doch zunächst nur schwer zu begreifen. Ostern bleibt, bei allem Reden davon, auch ein geheimnisvolles Geschehen, etwas, das man nicht fest definieren kann, sondern von dem sich immer neu und immer nur unvollkommen in Bilder, in Geschichten und im Versuch begrifflicher Beschreibungen reden lässt. Und alle diese Versuche werden nie das Ganze von Ostern fassen können. Das ist übrigen nicht nur durch den garstigen historischen Graben bedingt, der uns von den Geschehnissen trennt. Sondern es liegt in der Sache selbst begründet. Insofern haben wir es nicht schwerer oder leichter als die ersten Zeugen, den dieser Glaube an Ostern zunächst auch schwerfiel.

 

An Anfang von Ostern war nämlich eine Frage, ein Ringen, geboren aus der Verzweiflung, dem Scheitern und der Resignation. In der Lesung eben mit der Geschichte von den Emmausjüngern haben wir davon gehört. Wo war, wo ist Gott, in dieser Welt, so haben die Jünger gefragt, als Jesu gefoltert und schließlich am Kreuz getötet wurde? Alles schien aus zu sein.

 

So ging es auch den beiden Jüngern, die drei Tage nach Jesu Tod, am Ostertag, Jerusalem verließen, um zurück nach Emmaus zu gehen. Da waren nur Enttäuschung, Verzweiflung und Tod. Kein Osterlachen, keine freudige Ausgelassenheit. Es geht zurück nach Emmaus, ihren Heimatort. Dort hatten sie alles stehen und liegen gelassen und waren Jesus nachgefolgt. Doch nun kehren sie in die Heimat zurück, in den Alltag ihres Lebens. Ihre Hoffnungen sind an den Realitäten der Welt zerbrochen.

 

Unterwegs bleiben sie nicht allein. Ein Fremder gesellt sich zu ihnen. Es ist der auferstandene Jesus, aber sie erkennen ihn nicht. Zu sehr bestimmt sie ihre Trauer. Der Fremde spürt ihre Enttäuschung, fragt nach, hört zu. Noch einmal bricht es aus den Jüngern heraus. „Weißt du nicht, was in Jerusalem passiert ist? Hast du nichts gehört von Jesus, dem Propheten Gottes? Wir hatten gehofft, er brächte die Erlösung; aber nun ist er am Kreuz gestorben.“ So groß ist die Resignation der beiden, dass sie die Berichte der Frauen vom leeren Grab keinen Glauben schenken wollten. Ostern ist eben unendlich mehr als ein leeres Grab. Und vielleicht haben ja die Römer seinen Leichnam irgendwo anders verscharrt. So geht es eben zu in dieser Welt ...

 

Der Fremde versucht die beiden Jünger zu trösten. Er begleitet sie, legt ihnen Worte der Bibel aus. Schließlich wird es Abend, Emmaus, das Ziel der Reise ist erreicht. Die beiden Jünger laden den Fremden in ihr Haus ein, gemeinsam wollen sie essen. Am Tisch nimmt er das Brot, spricht das Dankgebet und teilt es aus. In diesem Moment erkennen die Jünger Jesus an der Art wie er redet und wie er das Mahl austeilt. So wie bei ihrem letzten Zusammensein vor seiner Gefangennahme. In diesem Moment verschwindet Jesus. Erst jetzt, im Rückblick, wird es zur Gewissheit, was sie auf dem Weg allenfalls geahnt hatten. Jesus selbst hat sie auf dem Weg begleitet. Und sie fragen sich: „Brannte nicht uns Herz in uns als er mit uns redete auf dem Wege?“ Wie damals, als sie Jesus das erste Mal begegneten, lassen sie alles stehen und liegen, verlassen Emmaus und kehren noch nachts zurück nach Jerusalem.

 

So erzählt Lukas in seinem Evangelium von Ostern. Er versucht sich nicht an einer abstrakten Beweisführung, sondern er erzählt eine Geschichte. Und eben in solchen konkreten Lebensgeschichten bewahrheitet sich, dass Gott ein Gott der Lebenden ist. Das gilt für alle Ostergeschichten der Bibel: sie erzählen wie die Verzweiflung und Enttäuschung der Jüngerinnen und Jünger in Freunde, ja in die Gewissheit verwandelt wird: der Gekreuzigte lebt, er ist nicht im Tod, in der Gott- und Menschenverlassenheit geblieben, sondern von Gott angenommen, bewahrt erhöht. Darin liegt Hoffnung auch für mein Leben. Das ist der Kern des Osterglaubens, unabhängig von allen Fragen danach, was sich da genau historisch und psychologisch ereignet hat. Entscheidend ist vielmehr: Die Geschichte Jesu mit den Menschen hört gerade nicht auf, sie fängt vielmehr mit Ostern erst richtig an. Auch da, wo Menschen an den Wendepunkten und Wegmarken ihres Lebens erkennen, dass in Jesus auch Gott uns begleitet: Anteil nehmend, zuhörend, tröstend – so wie damals in Emmaus.

 

Auch Paulus in unsrem Predigttext geht es um eben diese Erfahrung, auch wenn er sie anders, in Bildern der Verwandlung, zu beschreiben versucht. Es sind faszinierende Bilder und Gegensatzpaare, die Paulus hier gebraucht. Denn sie scheinen zum Wesen des Geheimnisses zu gehören, das Paulus hier offen mitteilt – aber eben auch nur seiner Gemeinde, denn noch ist das Geheimnis verbogen, nur in Bildern zu besprechen, noch vollzieht sich dieser Prozess der Verwandlung, der aber dereinst offenbar werden wird und von dem man in sehr persönlichen Geschichten erzählen kann, aber den auf den Begriff zu bringen so unendlich schwer ist. Was Augustin schreibt, als er das Wesen der Zeit erklären will, gilt auch hier: „Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es, will ich einem Fragenden es erklären, weiß ich es nicht.“ In den Texten zu Ostern spiegelt sich das wieder. Wo die Emmausgeschichte das Ostergeschehen anschaulich nachzuerzählen weiß, da ringt Paulus damit, es auf den Begriff zu bringen. Und doch gehört beides zusammen.

 

Das Geheimnisvolle, das Schillernde gehört zum Wesen von Ostern, zur Verwandlung, die sich da zunächst doch vor allem innerlich, im eigenen Selbst vollzieht, die aber ebenso dann ihren Weg nach außen sucht. Verweslich/unverweslich, Sterblichkeit/Unsterblichkeit, Tod/Sieg/Sünde/Gesetz – die Worte mögen tatsächlich allein durch das gottesdienstliche Hören kaum zu verstehen sein. Aber gehört zum Glauben nur die Verständlichkeit, damit er sich uns erschließt? Denn was meint Verständlichkeit? Steht am Anfang aller Religion, ja auch gerade am Anfang von Ostern nicht das Unverständliche, das Unglaubliche, die Angst und das Zittern, bevor das österliche Geschehen auch von den ersten Zeugen nicht wirklich begriffen – denn wie sollte man das begreifen? –, sondern vielmehr in den Tiefen des eigenen Selbst erfahren und so zu einer Gewissheit wird, die sich gerade nicht verständlich kommunizieren lässt?

 

Ostern bleibt so ein Geheimnis, dass es zu umkreisen gilt, dem ich mich immer wieder neu annähere, dass ich aber als Fremdes und Unbegreifliches nie ganz meinem Leben und meinem Verstehen einverleiben werden kann.

 

Paulus versucht sich in 1. Kor 15 diesem Geheimnis erzählend, argumentierend, aber ebenso in der Form des Liedes wie des Gebets anzunähern. Die verwandelnde Kraft des Glaubens hat viele Sprache und Formen. Dazu gehören die Gegensätze: „Es wird gesät ein natürlicher Leib und wird auferstehen ein geistlicher Leib“ (44a). Auch das ist ein Paradox, spannt aber zusammen, worum es Ostern, im Glauben an den Gekreuzigten und Auferstandenen geht. Der Leib, zufällig, individuell, sterblich und verweslich, mit allem, was uns unser Leben so schwer und so kostbar macht, unsere Individualität, die so zerbrechlich und gefährdet ist, durch uns selbst, durch die Mächte, die in dieser Welt entfesselt sind, durch den Tod: Dieser Leib wird zum Bild des Einzelwesens und seiner Individualität. Aber nicht mehr natürlich ist dieser Leib, sondern geistlich. Nicht mehr dem Tod unterworfen, sondern wunderbar gerettet und bewahrt und so „auf den zukünftigen Sommer gesät.“ Ostern wird diese Hoffnung wahr, sichtbar, erfahrbar, wenngleich noch immer nur für kurze Augenblicke. Ostern gibt dieser vergänglichen Individualität, dem Seufzen und Leiden dieser Welt unterworfen, einen Wert und einen Ewigkeitsgehalt, der in Jesu Kreuz und Auferstehung sich erschließt.

 

Glaube verwandelt mein Denken und Fühlen, weil Gott in mein Leben tritt. Das Evangelium mit der Geschichte von den Emmausjüngern setzt das in Szene, was Paulus in Begriffen und Gegensatzpaaren zu entfalten versucht. Der unerkannte Auferstandene geht den Weg der Trauernden und Leidenden, der Weg ihrer Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit mit. Er nimmt ihre Trauer ernst, öffnet sich ihren Worten. Und spricht selbst Worte des Trostes und der Zuversicht, die sich als echter Halt erweisen. Schließlich, am Ende des Weges, hält er mit ihnen das Mahl. Was die Jünger schon unterwegs innerlich gespürt haben, das wird ihnen jetzt klar und offenbar. Das Brechen des Brotes wird „plötzlich, in einem Augenblick“ wie das Signal der „letzten Posaune“. Es ruft sie ins Leben zurück, macht ihnen die Verwandlung klar, die unmerklich mit ihnen geschehen ist auf dem Weg nach Emmaus.

 

Die Jünger von Emmaus sind auf dem Weg zurück nach Jerusalem, zurück ins Leben, erfüllt von dieser Ostererfahrung. Sie werden immer wieder auch Schwierigkeiten haben, das österliche Geheimnis zu erzählen, zu formulieren. Denn: „Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es, will ich einem Fragenden es erklären, weiß ich es nicht.“

 

Aber vielleicht haben sie davon gesungen. Vielleicht haben sie das Lied vom Leben gespielt, so wie Paulus. Vom Sieg des Lebens über den Tod, von der Verwandlung, die wir erfahren. Denn mehr als die Worte verwandelt dieses Singen. Mal laut und kräftig, mal ganz leise. Aber der Klang, hat sie wohl nicht mehr verlassen. Ebenso wenig wie Paulus. In ihrer Seele ist er nicht verklungen. Er hat sie begleitet, wie ein Ohrwurm – im guten Sinn.


Amen.