(Predigttext: Kol 2, 6-15)


6 Wie ihr nun angenommen habt den Herrn Christus Jesus, so lebt auch in ihm,

7 verwurzelt und gegründet in ihm und fest im Glauben, wie ihr gelehrt worden seid, und voller Dankbarkeit.

8 Seht zu, dass euch niemand einfange durch die Philosophie und leeren Trug, die der Überlieferung der Menschen und den Elementen der Welt folgen und nicht Christus.

9 Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig,

10 und ihr seid erfüllt durch ihn, der das Haupt aller Mächte und Gewalten ist.

11 In ihm seid ihr auch beschnitten worden mit einer Beschneidung, die nicht mit Händen geschieht, durch Ablegen des sterblichen Leibes, in der Beschneidung durch Christus.

12 Mit ihm seid ihr begraben worden in der Taufe; mit ihm seid ihr auch auferweckt durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten.

13 Und Gott hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches, und hat uns vergeben alle Sünden.

14 Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn aufgehoben und an das Kreuz geheftet.

15 Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und über sie triumphiert in Christus.


Liebe Gemeinde,

 

heute geht es um das, wovon wir leben können, was uns Halt und Kraft gibt im Leben und im Glauben. Und ebenso steht heute dann doch die Veränderung im Raum, die mit diesem Verabschiedungsgottesdienst für mich, meine Familie und natürlich auch und v.a. die Johannesgemeinde heute sichtbar wird. Wovon leben wir in diesem Abschied und Neuaufbruch, was trägt und hält uns darin, auch wenn wir jetzt sehr verschiedenen Wege gehen werden?

 

Der Predigttext dieses Sonntags nimmt uns da alle zunächst einmal seelsorgerlich an die Hand, tröstend wie ermahnend. Ermahnend und tröstend deshalb, weil wir in diesem Text an den Übergängen unseres Lebens – und heute geht es für Gemeinde wie Pastor um einen Übergang – an die Grundlagen unseres Glaubens erinnert werden. Mahnend ist dieser Text deshalb, weil uns das Gegründetsein unseres Lebens in Christus in Erinnerung gerufen wird. Ostern haben wir das gefeiert. Nicht wir Menschen, auch nicht unsere Philosophien, Lebensentwürfe oder Gesellschaftsordnungen haben unser Heil letztgültig in der Hand. Sondern als Christen glauben und vertrauen wir darauf, dass unser Leben in Gott, in seinen Zusagen gegründet ist. Neben dieser Ermahnung steht aber auch ein Trost. Er besteht eben in dem, was auch Inhalt der Ermahnung war. Nicht auf uns selbst, auf unsere Erfolge und Misserfolgen als Mitarbeitende in einer Gemeinde oder als Gemeinde insgesamt sollen wir uns verlassen, sondern auf Gott allein. Das heißt, dass wir das Gelingen nicht allein in der Hand haben, dass es nicht an uns alleine hängt. Für eine Gemeinde kann das heißen: die Pastoren, die Hirten, kommen und gehen, aber der eine Hirte bleibt. Und für den Pastor kann das auch heißen: Lass dich voll Freude auf die neue Aufgabe ein, nimm getrost Abschied. Vertraue darauf, dass er Dir auch hier Erfahrungen geschenkt hat, die dich weitertragen werden. Das Stichwort im Text dazu lautet Dankbarkeit.

 

Vielleicht ist es deshalb gut, unter diesem Stichwort „Dankbarkeit“ etwas zu sagen zu dem, was mir wichtig war in dieser Zeit, was mich aber auch für mein Leben und für meinen weiteren Dienst in der Kirche prägen wird. Zukunft braucht ja Herkunft, lebt von dem Bewusstsein, was war, um das Gute, das Fruchtbare für die Gestaltung dessen, was kommt, auch richtig gebrauchen zu können. Das ist für Gesellschaften – gerade im Übergang – wichtig, das gilt aber auch für Institutionen wie Schule, Kirche und Gemeinde. Aber es gilt ebenso natürlich auf für die eigene Biographie. Folgendes ist mir deshalb hier in Südafrika und in unserer Gemeinde wichtig geworden.

 

Im Vergleich zu Deutschland sind mir folgende Erfahrungen, auch für mein Verständnis von Kirche und Pfarrdienst wichtig geworden:

 

Dass erstens die meisten von euch deutschsprachige Südafrikaner sind, bedeutet auch, dass die Prägungen und Erfahrungshintergründe oft ganz andere sind, als wir es aus Deutschland gewohnt sind oder erwarten.

 

Man hat die gleiche Sprache, aber doch oft auch sehr unterschiedliche Erfahrungen und eine andere Geschichte. Hier liegt meines Erachtens eine große und zuweilen auch schwierige Herausforderung, gerade in der Arbeit mit Deutschsprachigen, die nur zeitweise im Land sind. Ich erlebe das besonders an der Schule. Es fehlt oft ein gewisses erstes Verständnis für die Menschen, die schon lange hier im Land leben. Man ist schnell mit Urteilen bei der Hand. Und die Südafrikaner, mit dieser Erfahrung immer wieder konfrontiert, winken vielleicht dann manchmal zu schnell ab. Pastor zu sein heißt dann immer auch zu übersetzen. Das gilt auch für das Gesamte der Gemeinde, die eben vielfältiger ist als ich es aus deutschen Kontexten gewohnt bin, auch mit Blick auf die Frömmigkeitsstile, die von charismatisch-evangelikalen Strömungen bis hin zu religiösen Skeptikern reicht. Es ist eine Herausforderung, diese verschiedenen Erwartungen und Milieus zusammen zu halten. Kirche wird so zum Begegnungsort ganz unterschiedlicher Prägungen und Stile.

 

Die Aktivität, aber auch das geistliche Interesse, erscheint mir deutlich reger als ich das aus Deutschland kenne. Ich merke das am regen Leben der Hauskreise, aber besonders an den Gottesdiensten, die wir feiern und die wirklich Mitte der Gemeinde sind. Das hängt zum Teil an einem aus der Missionsgeschichte tradierten milden Hermannsburger Pietismus. Hinzu kommt sicher auch die deutsche Sprache, die in einem mehrsprachgien Umfeld ein Identitätsmerkmal darstellt. Ich finde deshalb das manchmal beliebte gegeneinander ausspielen von Glaube und Kultur wenig hilfreich, wie ich es kürzlich im Zusammenhang mit dem EKD-Besuch aus der Kapkirche gehört habe. Man sei kein Kulturklub, sondern ein Gottesklub hieß es da. Da ist ja sicher nicht ganz falsch, aber Glaube und Religion sind natürlich immer durch Kultur vermittelt, insofern darf man das nicht gegeneinander, sondern muss es vielmehr immer auch miteinander denken. Als Lutheraner ist man in einem weithin christlich geprägten Land Teil einer kleinen Minderheit und steht durch den Erfolg charismatisch-fundamentalistischer Kirchen in den letzten 15 Jahren unter erheblichem Druck – eine Erfahrung, die allerdings alle traditionellen Kirchen machen müssen. Umso wichtiger ist mir in Seelsorge, Unterricht und Predigt die lutherische Botschaft von der Rechtfertigung geworden, die den Glauben gerade nicht zum einem religiösen Gehorsams- oder Leistungsakt erklärt, sondern sehr präzise die Doppelstruktur unserer menschlichen Existenz als simul iustus et peccator beschreibt. Wir sind eben Gerechtfertigte und Sünder zugleich. Dazu gehört auch: In Südafrika macht man viel schneller die Erfahrung, wie brüchig und bedroht unser Leben oft ist. Gemeinde hat hier eine viel existentiellere Bedeutung. Kirche ist so ein wichtiger Ort geistlich-spiritueller Beheimatung.

 

Auch das Thema Kriminalität ist zu nennen. Viele von euch haben bereits selbst bewaffnete Überfälle erlebt, auch mit verschiedenen Mordfällen hatte ich schon zu tun. Es ist eine Herausforderung, diese Situationen seelsorgerlich zu begleiten, den Schmerz zuzulassen und zugleich darauf hinzuwirken, dass die Frage nach dem Warum nicht in kollektive Schuldzuweisungen abgleitet. Gerade in diesem Bereich habe ich erfahren, dass, wenn man den Schmerz und die Angst ernst nimmt, auch so etwas wie „Versöhnung“ und „Vergebung“ sich einstellen kann. Das gilt übrigens auch für die anderen Gewalterfahrungen, die die südafrikanische Geschichte wie Gegenwart bereithält. Kirche bewährt sich – ganz im Sinne der Emmausgeschichte – in begleitender Seelsorge, die Schmerz und Verletzungen benennt und zulässt und so zur Heilung – privat aber auch gesellschaftlich – beitragen kann.

 

Schließlich ist das Thema Vergangenheit und der Umgang mit den gesellschaftlichen Herausforderungen der Gegenwart zu nennen, aber auch die kulturelle Verantwortung von Kirche. Natürlich spielt der Umgang mit der Apartheid in vielen Gesprächen eine wichtige Rolle. Hier ist gerade die Seelsorge wieder von besonderer Bedeutung. Man kann das – bei allen Unterschieden – gewiss mit der Situation nach der Wiedervereinigung in Ostdeutschland – vergleichen. Ich erlebe viel Bereitschaft und Willen, im neuen Südafrika mitzuarbeiten, zugleich aber auch tiefe Enttäuschung und Resignation über die gegenwärtige politische wie wirtschaftliche Situation. Kirche ist der Ort, an dem diese Spannungen, die auch die Lebensgeschichten durchziehen, benannt und ausgehalten werden können. Hier kommt dann besonders die ökumenische Dimension ins Spiels, etwa durch die Mitwirkung am Einsatz des Südafrikanischen Kirchenrats (SAAC) für Versöhnung, Gerechtigkeit und „healing of memories.“ Auch das Reformationsjubiläum und die Zusammenarbeit mit Schule und Botschaft gehören, nicht nur, aber auch in diesen Zusammenhang. Die Reformation war eine religiöse Bewegung, aber sie war auch eine Bildungs- und Kulturbewegung. Es ging um religiöse Selbstverantwortung, um empowerment, auch in Bildungsfragen, nicht im Bevormundung und einfache Antworten. Hier liegt vielleicht gerade für Südafrika die große, noch nicht gelöste und wirklich angegangene Frage für die Zukunft. Kirche bewährt sich auch im aktiven zivilgesellschaftlichen Engagement an den jeweiligen Zeit- und Bildungsfragen.

 

In meiner Wahrnehmung haben wir an den hier genannten Punkten manches gemeinsam erleben und auch erreichen können. Viel Gutes war dabei und auch manches, was schwer war. Vielleicht ist es nicht die Fülle, von der der Kolosserbrief schreibt. Aber einen Abglanz dieser Fülle möchte ich darin doch schon erkennen.

 

Ich wünsche mir, dass wir als Christinnen und Christen in den Aufgaben, die wir in unserer Zeit und an den Orten, an die Gott uns stellt, zu lösen haben, immer neu solche Spuren der Fülle Gottes erkennen, Spuren, die unser Leben verändern und die uns prägen, Mut und Kraft zur Zukunft geben. Ich habe viele solcher Spuren in meiner Zeit hier feststellen und zum Teil ihnen auch folgen können. Gott sei Dank nicht allein, sondern gemeinsam mit euch allen hier in der Gemeinde.

 

Der kurze Abschnitt aus dem Kolosserbrief versucht, solche sichtbarem Spuren zu beschreiben. Er fragt, worauf gründe ich meine Leben, was macht meinen Wert aus. Als Christen sind wir nicht den Mächten und Zeitläuften dieser Welt allein ausgesetzt, sondern wir können im Vertrauen auf Christus einen Unterschied auch in diesem Land machen. Wieviel haben gerade die Kirchen und christliche Hoffnungsbilder hier in Südafrika versucht, das zu beschreiben und zu gestalten! Christinnen und Christen können das, weil sie eben nicht nur in dieser Welt verwurzelt sind, sondern Gott uns Menschen einen unvergänglichen Wert zuspricht, der über all unsere menschlichen Zuschreibungen hinausgeht. Das Bild von der Gotteskindschaft versucht das auszudrücken, indem es mir und uns zusagt, dass unser Leben nicht den Mächten von Gewalt und Tod und Hass ausgeliefert ist, sondern in Christus geborgen ist.

 

Ostern haben wir das gefeiert, allen Fragen und Zweifel, die zum Glauben gehören zum Trotz. Aber diese Zweifel und Fragen muss man ernst nehmen, sie können nicht weggewischt werden, sondern gehören zum Glauben dazu. So wie uns diese Anfechtungen und Fragen auch in den Passionsgeschichten immer wieder begegnen. Glaube will nicht widervernünftig sein, aber er will deutlich machen, dass in meinem Leben noch mehr und andere Kräfte wirksam sind als meine eigenen oder die der Welt. In Christus gegründet zu sein, daran erinnert uns dieser Brief, heißt mit ihm mit gestorben und mitbegraben zu sein, aber eben auch mit ihm auferstanden zu sein. Es ist die Taufe, die das ausdrückt, und aus der wir jeden Tag neu leben können. Aber die Spannung zwischen Tod und Leben, Kreuz und Auferstehung, sie gehört zu unserem Glauben dazu. Wir können sie jeden Tag erleben, im eigenen Leben, aber ebenso in dem, was in unserem Land passiert.

 

Und dann das letzte: Leben, das ich in Christus gründet, eröffnet und führt in die Freiheit. Die Rede von der Vergebung der Schuld, vom Schuldzettel, der ans Kreuz geheftet ist, drückt das aus. Die Last von Schmerz, von Versäumnissen, auch von Schuld, sollen nicht mehr das letzte Wort haben. Sie sind nicht ausgewischt. Wenn es keine Zukunft ohne Herkunft gibt, dann gibt es auch keine Freiheit ohne das Wissen, um das, was diese Freiheit gekostet hat. Aber die Schuld und die Vergangenheit soll uns nicht gefangen halten. Im Licht der der Botschaft von Kreuz und Auferstehung sind das allenfalls noch vorletzte Ordnungen der Welt. Denn im Kreuz und im Auferstehen ist die Botschaft von der unbedingten Liebe des göttlichen Vaters, vom unendlichen und nicht zerstörbaren Wert der Menschenseele und der Nächstenliebe ins Licht getreten – als Geheimnis und Hoffnung für diese Welt und unser Leben. Als Gabe der Freiheit, aber ebenso als Aufgabe der Verantwortung, nämlich diese Botschaft zu teilen und mit ihr Ernst zu machen, indem ich jedes Leben als Gabe Gottes erkennen und anerkenne.

 

Diesen Weg sind wir zusammengegangen in den vergangenen Jahren. Es war mir Freude und Ehre zugleich. Was bleibt zu sagen? Vielleicht vor allem dies: „Wie ihr nun angenommen habt den Herrn Christus Jesus, so lebt auch in ihm, verwurzelt und gegründet in ihm und fest im Glauben, wie ihr gelehrt worden seid, und voller Dankbarkeit.“


Amen.