(Predigt Gal 5,25-26; 6,1-3.7-10)


 Move 1 Ist er da oder ist er nicht da? Gottes Geist

 

Man betritt eine Kirche, die man noch nicht kennt… das ist ein besonderer Moment. Viele von Euch empfinden das sicher ganz ähnlich. Man ist irgendwo unterwegs, und da sind auch eine Kirche oder ein Dom und dann geht man rein und lässt das alles erst einmal auf sich wirken. Geht umher, schaut sich um. Setzt sich vielleicht auch in eine Bankreihe und ist erst einmal einfach nur da. So habe ich das auch gemacht, als ich hier im Januar zum ersten Mal hereingekommen bin.

 

Ein guter Bekannter von mir meinte nach so einem gemeinsamen Besuch in einer uns bis dahin fremde Kirche zu mir:

  • „er ist da“
  • „er ist da? Was meinst du?“ habe ich ihn gefragt.
  • „Ja, Gott ist da. Ich hab ihn gerade gespürt.“

 

So treffend und auf den Punkt gebracht hatte ich es bis dahin für mich nicht definiert. Aber so geht es mir auch. Spüre ich in dem Raum etwas von Gottes Gegenwart? Stimmt die Atmosphäre, das Licht, führt mich der Raum mit hinein ins Heilige.

 

Das empfindet jede und jeder anders und das kann jeder nur für sich selbst beantworten. Ist Gottes Geist für mich spürbar?

 

So ist es auch, liebe Gemeinde, ein Stück weit, wenn Menschen sich begegnen.

 

Ist da Gottes Geist dabei? Gerade, wenn man irgendwo neu dazu kommt oder jemanden kennenlernt. Da spürt man sehr genau, welcher Geist herrscht. Fühle ich mich willkommen? Oder ist der Schein vielleicht wichtiger als das Sein? Kann ich mich so zeigen, wie ich bin? Herrscht ein Geist, bei dem auch Schwächen erlaubt sind oder muss ich mich hier in all meiner Stärke präsentieren?

 

Paulus schreibt in dem Predigttext, der für heute vorgesehen ist, sehr genau auf, welcher Geist unter Christen herrschen soll.

 

Hören wir hin, im Brief an die Galater im 5. und 6. Kapitel steht.


5:25 Wenn wir im Geist leben, so lasst uns auch im Geist wandeln.

26 Lasst uns nicht nach eitler Ehre trachten, einander nicht herausfordern und beneiden.

6:1 Brüder und Schwestern, wenn ein Mensch etwa von einer Verfehlung ereilt wird, so helft ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist, ihr, die ihr geistlich seid. Und sieh auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest.

2 Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.

3 Denn wenn jemand meint, er sei etwas, obwohl er doch nichts ist, der betrügt sich selbst.

7 Irret euch nicht! Gott lässt sich nicht spotten. Denn was der Mensch sät, das wird er ernten.

8 Wer auf sein Fleisch sät, der wird von dem Fleisch das Verderben ernten; wer aber auf den Geist sät, der wird von dem Geist das ewige Leben ernten.

9 Lasst uns aber Gutes tun und nicht müde werden; denn zu seiner Zeit werden wir auch ernten, wenn wir nicht nachlassen.

10 Darum, solange wir noch Zeit haben, lasst uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen.


Move 2 Es ist nicht egal, wie wir miteinander umgehen

 

Liebe Gemeinde, ich habe mich gefragt, warum Paulus solche – ja man kann sagen: Anweisungen aufschreibt, wie wir Christen miteinander umgehen sollen. Wenn wir uns die Gemeinde in Galatien anschauen, dann merken wir: es war nicht eitel Sonnenschein in der Gemeinde. Im Gegenteil: da geht es hoch her. Wenige Zeilen (Vers 15) vor dem soeben gehörten Abschnitt schreibt Paulus „Wenn ihr euch untereinander beißt und fresst, so seht zu, dass ihr nicht einer vom andern aufgefressen werdet.“ Ehrgeiz und Missgunst vergiften dort das soziale Klima. Die einen fühlen sich wichtiger als die anderen, versuchen sich auf Kosten der anderen ins rechte Licht zu rücken. Pochen auf besondere spirituelle Begabung. Offen… oder noch schlimmer …hinter dem Rücken wird übereinander hergezogen. Auch Paulus selbst bleibt ja von Intrigen nicht verschont. Einige behaupten, er sei kein richtiger Apostel, habe sich sein Amt selbst angeeignet. Er neige dazu, sich in den Gemeinden einzuschmeicheln und vertrete im Übrigen eine falsche Lehre.

 

Diese Zustände und natürlich auch die Angriffe auf seine eigene Person lassen den Apostel nicht ruhen.

 

Deshalb die Anweisungen des Paulus, wie wir Christen miteinander umgehen sollen.

 

Und mittendrin ein Satz, den man durchaus als Drohung verstehen kann. Paulus hat sich nie gescheut, anzuecken. Er, der wie kaum ein anderer Gottes reiche Gnade verkündete, hat zugleich ein klares christliches Profil und Verhalten eingefordert, innerhalb der Gemeinde und auch darüber hinaus.

 

Er schreibt „Irret euch nicht! Gott lässt sich nicht spotten. Denn was der Mensch sät, das wird er ernten.“ In den früheren Ausgaben der Lutherbibel war dieser Vers fett gedruckt; in der Jubiläumsausgabe von 2017 hat man dies unterlassen. Warum wohl? Vielleicht hängt es damit zusammen, dass wir heutzutage gerne darüber hinweglesen, wenn in der Bibel vom Gericht Gottes die Rede ist und davon, dass wir unser Leben und Tun einmal vor ihm werden verantworten müssen? Paulus jedoch schärft den Galatern nachdrücklich ein, dass Gott unser Leben einmal bewerten wird. „Irret euch nicht!“ Es ist nicht egal, wie wir leben und wie wir miteinander umgehen.

 

Was der Mensch sät, das wird er ernten.

 

Säen und ernten, auch heute geht es darum - eine Woche nach Erntedank. Wer Chilisamen sät, kann keine Tomaten ernten… wer Unfrieden sät, der kann keinen Frieden ernten. Wer unbarmherzig mit anderen umgeht, der kann nicht erwarten, dass man mit ihm selbst barmherzig umgeht. Wer sich für die Kinder und die Jugend nicht öffnet, der kann nicht erwarten, dass sie in die Kirche kommen. Was wir tun, liebe Brüder und Schwestern, hat Auswirkungen.

 

Wir sind alle daran beteiligt, welcher Geist herrscht. in unserem Zuhause, in der Schulklasse, im Freundeskreis, in unserem Arbeitsumfeld, und auch in der Kirche.

 

Kirche ist, was Du draus machst. So lautete das Motto bei der Visitation vor 5 Jahren in Maulburg, wo ich zuvor gewirkt habe, und davon bin ich auch heute noch überzeugt.

 

Kirche ist nicht nur das Gebäude „Kirche“, Kirche ist nicht nur die hierarchische Ordnung, die das Kirchenleben organisiert, Kirche ist die Gemeinschaft aller Christen, hier vor Ort und weltweit und jede und jeder ist daran beteiligt, sie mit zu gestalten. Das ist nicht einzig die Aufgabe von Pfarrerin und Kirchenvorstand, daran sollte jede und jeder mitwirken.


Move 3 Fehler machen ausdrücklich erlaubt

 

Das weiß Paulus. Und er geht noch weiter, indem er dafür wirbt, sich selbst, sein eigenes Leben nie aus den Augen zu verlieren, wenn man auf den anderen blickt.

 

In einer Gesellschaft, in der es modern ist, nur noch auf sich und seinen eigenen Vorteil zu sehen, da setzt das Christentum einen Gegenpol.

 

„Lasst uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen.“ Nachsicht angesichts der Fehler anderer, Hilfsbereitschaft und tätige Nächstenliebe – dies ist es, was Paulus von den Galatern verlangt. Sonst, so meint er, hätten sie kein Recht, sich Christen zu nennen. Denn wer im Geist Christi lebe, der müsse auch im Geist Christi wandeln und sich entsprechend verhalten.

 

Wenn jemand meint, er sei etwas, obwohl er doch nichts ist, der betrügt sich selbst.

 

Jede und jeder von uns hat dunkle Flecken im Leben. Jede und jeder hat Schwächen und ist anfällig für gewisse Dinge. Das ist menschlich. So ist das Leben. Das gehört dazu. Aber sich selbstkritisch hinterfragen, das ist es, was Paulus anmahnt. Andernfalls wird man ungnädig im Umgang mit anderen.

 

Mahatma Gandhi berichtet aus seinem Leben: „Ich war fünfzehn Jahre alt, als ich einen Diebstahl beging. Weil ich Schulden hatte, stahl ich meinem Vater ein goldenes Armband, um sie zu bezahlen. Aber ich konnte die Last meiner Schuld nicht ertragen. Als ich vor ihm stand, brachte ich vor Scham den Mund nicht auf. Ich schrieb also mein Geständnis nieder. Und ich zitterte am ganzen Körper, als ich ihm den Zettel übergab. Vater las meine Worte, schloss die Augen und dann - zerriss er dies Stück Papier. ,Es ist gut‘, sagte er noch. Dann nahm er mich in die Arme. Von da an hatte ich meinen Vater noch viel lieber.“


Move 4 Einer trage des anderen Last

 

Keiner macht gern einen Fehler. Keine Frage. Aber es passiert.

 

Im Schuldigsein entdeckt werden, das ist noch schlimmer, da braucht es viel Liebe. Einem, der einen Fehler tut, zu helfen, kann nur, wer selbst Fehler macht, also jemand, der weiß, dass er oder sie keine Heilige ist und selbst Fehler an anderer Stelle macht.

 

Einer trage des anderen Last. Heißt nicht: Einer löse die Probleme des anderen. Das funktioniert nicht. Die Verantwortung für meinen Lebensentwurf, meine Entscheidungen und meine Handlungen nimmt mir niemand ab. Mündig, im vollen Maße haftbar und zuständig für mein Tun und Lassen bleibe ich, so lange mir Gott Herzschlag und klaren Verstand gibt. Aber aus Gottes Geist leben und seine Vergebung annehmen, das heißt, sich demjenigen zuzuwenden, der gerade den Halt verloren hat und gestürzt ist. Heißt, ihm in die Augen schauen. Ihn auf die Beine bringen. Ihn annehmen und nicht verachten. Dazu braucht es ein weiches, warmes Herz und geöffnete, helfende Hände. Wer das Herz zur Faust ballt, wird lediglich den Zeigefinger ausstrecken können und mit diesem die Verfehlungen anzeigen. Ausgrenzung folgt. Der Überführte wird vorgeführt. Man kann ihn moralisch in der Luft zerreißen.

 

Wer möchte so leben, so beurteilt und behandelt werden?

 

Ich glaube – keiner von uns.


 Move 5 Gutes tun an jedermann

 

Ist er da oder ist er nicht da – Gottes Geist? Hier in der Kirche und unter uns? Habe ich zu Anfang gefragt.

 

Jede und jeder kann diese Frage nur für sich selbst beantworten.

 

Der Wochenspruch für die kommende Woche heißt:

„Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch.“

 

Wer solch ein Gottvertrauen hat, der empfängt innere Gelassenheit. Jede und jeden von uns ist von Ängsten und Sorgen belastet. Aber die müssen uns nicht niederdrücken. Gott ist uns treu und sorgt für uns. Wer solch eine Befreiung erfährt, kann offen sein für ein Leben, wie Gott es will. Anderen Menschen zu helfen, ihre Sorgen und Lasten zu tragen. Um gemeinsam in die Zukunft zu gehen.

 

Gottes Geist ist dann die Triebkraft unseres Lebens, um Gutes zu tun an jedermann und jeder Frau.


Amen