(Apg 12,1-17)


Move 1 Freiheit – ein Gefühl und wahres Erleben – in der Bibel

Liebe Gemeinde,

 

die Konfis hatten diese Woche schon die Befürchtung, ich wolle sie mit dem Seil fesseln, was natürlich nicht der Fall war. Obwohl ich sie natürlich gedanklich schon fesseln möchte im Sinne von, ich möchte dabei bleiben, weil ich den christlichen Glauben spannend und bereichernd für mein Leben finde.

 

Wenn ich ein Seil sehe, das geht mir genauso, dann denke ich auch gleich an Fesseln, Gefangennehmen, jemandem die Freiheit nehmen.

 

Aber was ist eigentlich Freiheit?

 

Wann erleben wir einen Menschen als „frei“, wann als „unfrei“ oder „gefangen“? Welche Wege muss man gehen, um Befreiung zu erfahren und um sich frei zu fühlen? Und welche Rolle spielt Gott, wenn es um Freiheit geht?

 

Freiheit ist in der Bibel ein wichtiges Thema – von Anfang an. Das beginnt bei der Erschaffung des Menschen: wir erfahren, dass der Mensch, geschaffen nach Gottes Ebenbild, frei sein soll. Gott gibt ihm sogar so viel Freiheit, sich gegen ihn zu entscheiden. Er kann frei wählen zwischen Gut und Böse. Sogar entgegen dem, was Gott sich vorstellt. Denn Freiheit, auch „Willensfreiheit“, gehört nach biblischem Verständnis unbedingt zur Würde des Menschen dazu.

 

Darum steht ein großes Freiheitsepos im Zentrum der biblischen Tradition: Der Bericht vom Auszug des Volkes Israel aus der Gefangenschaft in Ägypten. Dieser „Exodus“ wird zu einer Art „Stunde Null“ des Glaubens: Israel begegnet Gott in der Befreiung. Er gibt sich „Ich bin da für euch“. Israel wird zu Gottes Volk.

 

Das Passa Fest, bei dem der Exodus gefeiert wird, spielt bis heute im Judentum eine entscheidende Rolle. Die „Zehn Regeln der Freiheit“, wie man gern auch die „10 Gebote“ nennen kann, gehen auf diese Erfahrung zurück. Wie soll man leben, damit die Freiheit aller Menschen erhalten bleiben kann, das ist die Frage.

 

Auch die Berichte von Jesu Tod und Auferstehung werden rund um das Passa Fest gewebt: diejenigen, die an ihn glauben – zunächst waren sie ja alle fromme Juden – erleben in ihm und mit ihm die Verstärkung und Erneuerung der Befreiung aus dem Exodus.


 Move 2 Die Christen hatten es schwer

An das alles sollten wir uns erinnern, wenn wir auf Erzählungen und Legenden hören, die von der Frühzeit der christlichen Gemeinden berichten. Einer Zeit, in der diese Gemeinden es schwer hatten.

 

Jesus, auf den sie sich beriefen, war als politischer Aufrührer ans Kreuz geschlagen worden. Also waren sie bei den Römern nicht beliebt. Noch dazu hatten die „Jesus Jünger“ sich von den jüdischen Geschwistern abgegrenzt und eine eigene Gruppe gebildet. Diese „jüdische Sekte“ konnten vor allem die streng- und rechtgläubigen Juden nicht leiden. Und bei den anderen Völkern blickten sicher viele mit Verwunderung und Skepsis auf die Wege und Handlungen der neuen religiösen Gruppe.

 

Ein Menschenleben – soweit es nicht das eines Königs oder wichtigen Vertreter der Herrschenden war – galt damals wenig. Und so wundert es einen kaum, dass man mit unbeliebten Zeitgenossen oft schnellen Prozess machte. Ihr erinnert euch, das hatte man schon mit Johannes dem Täufer gemacht und das geschah auch bald mit wichtigen Vertretern der ersten christlichen Gemeinden. Davon erzählt die Apostelgeschichte.

 

Aus ihr stammt unser heutiger Predigttext


1 Um diese Zeit legte der König Herodes Hand an einige von der Gemeinde, sie zu misshandeln.

2 Er tötete aber Jakobus, den Bruder des Johannes, mit dem Schwert.

3 Und als er sah, dass es den Juden gefiel, fuhr er fort und nahm auch Petrus gefangen. Es waren aber eben die Tage der Ungesäuerten Brote.

4 Als er ihn nun ergriffen hatte, warf er ihn ins Gefängnis und überantwortete ihn vier Abteilungen von je vier Soldaten, ihn zu bewachen. Denn er gedachte, ihn nach dem Passafest vor das Volk zu stellen.

5 So wurde nun Petrus im Gefängnis festgehalten; aber die Gemeinde betete ohne Aufhören für ihn zu Gott.

6 Und in jener Nacht, als ihn Herodes vorführen lassen wollte, schlief Petrus zwischen zwei Soldaten, mit zwei Ketten gefesselt, und die Wachen vor der Tür bewachten das Gefängnis.

7 Und siehe, der Engel des Herrn kam herein und Licht leuchtete auf in dem Raum; und er stieß Petrus in die Seite und weckte ihn und sprach: Steh schnell auf! Und die Ketten fielen ihm von seinen Händen.

8 Und der Engel sprach zu ihm: Gürte dich und zieh deine Schuhe an! Und er tat es. Und er sprach zu ihm: Wirf deinen Mantel um und folge mir!

9 Und er ging hinaus und folgte ihm und wusste nicht, dass das wahrhaftig geschehe durch den Engel, sondern meinte, eine Erscheinung zu sehen.

10 Sie gingen aber durch die erste und zweite Wache und kamen zu dem eisernen Tor, das zur Stadt führt; das tat sich ihnen von selber auf. Und sie traten hinaus und gingen eine Gasse weiter, und alsbald verließ ihn der Engel.

11 Und als Petrus zu sich gekommen war, sprach er: Nun weiß ich wahrhaftig, dass der Herr seinen Engel gesandt und mich aus der Hand des Herodes errettet hat und von allem, was das jüdische Volk erwartete.

12 Und als er sich besonnen hatte, ging er zum Haus Marias, der Mutter des Johannes mit dem Beinamen Markus, wo viele beieinander waren und beteten.

13 Als er aber an das äußere Tor klopfte, kam eine Magd mit Namen Rhode, um zu horchen.

14 Und als sie die Stimme des Petrus erkannte, tat sie vor Freude das Tor nicht auf, lief hinein und verkündete, Petrus stünde vor dem Tor.

15 Sie aber sprachen zu ihr: Du bist von Sinnen. Doch sie bestand darauf, es wäre so. Da sprachen sie: Es ist sein Engel.

16 Petrus aber klopfte weiter an. Als sie nun aufmachten, sahen sie ihn und entsetzten sich.


Liebe Gemeinde, was ist Freiheit? Wann ist ein Mensch frei, was hält ihn gefangen und wie führt der Weg in die Freiheit?


Move 3 Gott greift ein

Die Geschichte, wie Petrus aus dem Kerker des blutrünstigen Herodes befreit wird, zeigt eines: die damalige Gemeinde erlebte diese Rettung als Wunder.

 

Nur nebenbei bemerkt: Die da versammelt sind und beten ohne aufzuhören, können es am Ende gar nicht glauben, dass Petrus frei und fröhlich vor der Tür steht. Es klingt fast humoristisch-absurd, dass die eisernen Gefängnistüren wie von selbst aufgehen, er aber an der Gemeindetür erst penetrant klopfen muss und die Magd ihn vor Freude zunächst draußen stehen lässt.

 

Gott greift in die Geschichte der Gemeinde ein, er sorgt dafür, dass die Gemeinde erhalten bleibt und sich sogar ausbreiten kann. Dieser tiefe Glaube steckt in dieser Erzählung, die reich ausgemalt worden ist. Gott steht ihnen bei.

 

Zugleich gibt es in dem Text historische Fakten, die uns sogar eine zeitliche Einordnung ermöglichen. Nachdem zuvor die ersten Christen für ihren Glauben getötet wurden, muss es etwa um das Jahr 41/42 oder 43 zu dieser Befreiung gekommen sein. Erzählt wird sie von denen, die am eigenen Leib erfahren haben, was Bedrohung und Gefangennahmen bedeuten. Sie wissen, wovon sie reden. Sie wissen, was Freiheit und Befreiung bedeuten.


Move 4 Arten von Unfreiheit

Wann ist nun ein Mensch oder eine Menschengruppe „gefangen“? Gefangen sein ist so vielschichtig, ebenso wie Freiheit so vielschichtig sein kann.

 

Da gibt es zum einen Menschen, die ganz real Opfer werden, weil sie in einen Überfall geraten oder in einem Land leben, in der eine Herrschaftsform besteht, die unfrei macht. Natürlich fallen mir da in der Geschichte gleich Herrscher ein wie Mao, Stalin und Hitler, aber es gibt eben auch heute leider noch Beispiele dafür. Unter den TOP 5 noch lebenden Diktatoren findet man Umar al Bashir im Sudan, Mugabe bis 2017 in Simbabwe, Mswatti III in Swaziland, Kim Jong un in Nordkorea und Jiang Zemin bis 2002 in China. Orte, wo Machthaber willkürlich bestimmen, wie das Volk zu leben hat, was erlaubt ist und was nicht und wer ins Gefängnis muss und stirbt. Ich war nie gefangen und ich wurde auch nie wegen meines Glaubens verfolgt, höchstens belächelt.

 

Aber es gibt Länder, in denen Christen verfolgt werden. Es war höchst interessant, einen Vertreter der Organisation Opendoors im Rahmen eines Gottesdienstes kennen zu lernen, der davon berichtete, von Einzelschicksalen und auch, wie die Organisation versucht zu helfen. Opendoors spricht von 200 Mio. Menschen weltweit, die mehr oder weniger verfolgt und drangsaliert werden. Einige auch gefoltert und umgebracht. Diese Menschen sind gefangen und eingesperrt und unfrei, ihr Leben selbst zu bestimmen.

 

Es gibt aber auch noch ein anderes gefangen sein. Gefangen von der eigenen Traurigkeit, in einer Depression, in einem als unfair erlebten Schicksal oder einer wahnhaften Vorstellung. Wenn jemand glaubt, die ganze Welt wäre gegen einen und alle Dinge werden daraufhin ausgelegt.

 

Wenn ein geliebter Mensch stirbt, dann ist das ein großer Verlust, die Trauer greift um sich und es gibt kein Rezept dagegen und keiner weiß, wie lange die tiefe Trauer anhält und wann man bereit ist, sich dem Leben wieder zu öffnen. Man ist regelrecht gefangen in dunklen Gedanken und Gefühlen.

 

Noch eine Art fällt mir ein, unfrei zu sein, wenn ich Menschen vor mir sehe, die nur an sich denken, nur an ihren eigenen Vorteil und dafür die eigene Würde und vor allem die Würde von anderen bereit sind zu opfern. Wann und inwiefern gehören wir selbst zu solchen Menschen? Vielleicht sogar, ohne es bewusst zu wollen, nur indem wir „Begleitumstände“ unseres guten Lebens billigend in Kauf nehmen? Dass Menschen übers Meer nach Europa flüchten oder hierher nach Südafrika, liegt ganz sicher nicht daran, dass sie aus ihrem guten Leben in ein noch besseres Leben wollen, sondern es liegt doch nahe, dass sie in ihrer Heimat nicht mehr leben, überleben können. Sei es wegen Krieg oder Armut. Das macht für mich keinen Unterschied, muss ich sagen. Wer will es anderen Menschen verübeln, ein Leben zu suchen, in dem sie und ihre Familie überleben können? Der Wohlstand auf der einen Seite, bleibt nicht folgenlos. Da können die Mauern und Grenzzäune noch so hoch gezogen werden. Es geht doch einfach nicht gerecht zu in unserer Welt. Und ganz ehrlich: denken nicht viele so? Flüchtlinge können schon kommen, aber ich will von meinem Reichtum nichts abgeben. Alles soll so bleiben, wie es ist.


Move 5 Wege in die Freiheit

Liebe Gemeinde,

 

Der Predigttext erzählt uns, wie Wege in die Freiheit gefunden werden. Im Vertrauen auf Gott, durch Gebet und Fürbitte der Gemeinde.

 

Da werden Ketten gesprengt, die Tür zur Freiheit aufgestoßen. Das kann ganz konkret-körperlich mit jemandem geschehen, den man als „Engel“ oder „Boten Gottes“ erlebt. Z.B. Wenn einer den anderen aufrichtet, heraus aus seiner Traurigkeit, ihm auf die Sprünge hilft. Wie der Engel hier sagt: steh schnell auf. Dann kann man diesen als einen Engel erleben.

 

Wann der Engel Gottes kommt und jemanden in die Seite boxt, bis Ketten aufspringen, steht nicht in unserer Macht zu bestimmen. Eher schon könnte es eben gelegentlich auch unsere Aufgabe sein, jemanden an der Hand zu nehmen und zum Tor zu begleiten, das in die Freiheit führt.

 

Ganz sicher aber gibt es etwas, das in dieser Erzählung eine ganz entscheidende Rolle spielt: nämlich zu beten. Petrus ist in der Dunkelheit des Kerkers nicht allein. Es gibt andere, die um sein Schicksal wissen und für ihn Kräfte sammeln. Die in die Finsternis des Gefangenseins ein Loch für Herzenswärme reißen, durch das die Kraft Gottes eindringen kann. In jüdischer Tradition nennt man solch ein Handeln „Tikkun Olam“, etwa „die Welt wieder zurecht rücken. Man könnte es auch nennen „sich in das Heilungswissen Gottes für die Welt einfügen“. Etwas, das unsere Welt damals wie heute braucht wie das tägliche Brot.

 

Lasst uns als Gemeinde bereit sein, Fesseln zu lösen, wo es in unserer Macht steht und Gefangenen beizustehen und nicht aufzuhören, für ihre und unsere eigene Freiheit zu beten.


Amen