(Jesaja 49,1-6)


Move 1 Berufen sein

Ist das für dich ein Beruf, Pfarrerin zu sein?

 

Wurde ich vergangene Woche gefragt. Nein, eine Berufung, war meine Antwort. Womit der Gesprächspartner zufrieden schien. Beruf contra Berufung? Was ist eigentlich der Unterschied? Ist es wirklich so, dass Beruf meint, einfach nur seine Pflicht zu tun gegen Bezahlung, wohingegen in der Bedeutung, berufen zu sein, eine göttliche Vorsehung mitschwingt?

 

Im Mittelalter war die Berufung den Mönchen vorbehalten. „Berufung“ war der Ruf Gottes, der den Menschen aus dieser Welt in das außerordentliche und abgeschiedene Leben, ins Kloster ruft.

 

Genau diese Berufung hat Martin Luther aber umgedeutet und erweitert auf alle Menschen. Er hatte ja gerade bestritten, dass die Mönche ein besonderes Berufungsprivileg besitzen: also nicht nur den Ordensleuten gilt die Berufung und auch nicht nur den Pfarrerinnen.

 

Jeder Mensch kann sich von Gott berufen wissen. Wo man sich aufhält und tätig ist: in der Familie, dem Verein oder der Arbeitswelt. Die Stelle, an die Gott uns geschickt hat, sollen wir ausfüllen und erfüllen, der Handwerker ebenso wie die Krankenschwester, der Ingenieur ebenso wie die Sekretärin. Das ist unser Beruf: in unserem Leben und in unserer Welt die Rolle spielen, die Gott uns zugedacht hat.

 

In der Tat, den Ruf Gottes hören, wissen, wo Gott mich haben möchte, das ist nicht so leicht. Da muss man gut zuhören. Und manchmal bin ich vielleicht auch nicht damit einverstanden.

 

Der Predigttext nimmt uns mit hinein in die Gedankenwelt von jemandem, der von Gott berufen ist. Beim Propheten Jesaja im 49. Kapitel hören wir folgende Verse zu Beginn aus dem Munde des Gottesknechts.


1 Hört mir zu, ihr Inseln, und ihr Völker in der Ferne, merkt auf! Der HERR hat mich berufen von Mutterleibe an; er hat meines Namens gedacht, als ich noch im Schoß der Mutter war.

2 Er hat meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht, mit dem Schatten seiner Hand hat er mich bedeckt. Er hat mich zum spitzen Pfeil gemacht und mich in seinem Köcher verwahrt.

3 Und er sprach zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, durch den ich mich verherrlichen will.

4 Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz. Doch mein Recht ist bei dem HERRN und mein Lohn bei meinem Gott.

5 Und nun spricht der HERR, der mich von Mutterleib an zu seinem Knecht bereitet hat, dass ich Jakob zu ihm zurückbringen soll und Israel zu ihm gesammelt werde – und ich bin vor dem HERRN wert geachtet und mein Gott ist meine Stärke –,

6 er spricht: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Israels wiederzubringen, sondern ich habe dich auch zum Licht der Völker gemacht, dass mein Heil reiche bis an die Enden der Erde.


Move 2 Berufung Gottes Knecht – warum?

Hier fallen starke Worte. Und das hat seinen Grund. Der Prophet Jesaja spricht zu allen Menschen, selbst zu den Inseln und den fernen Landen, also wirklich bis in den letzten Winkel der Welt hinein. Das haben Propheten vor ihm auch schon getan.

 

Aber der Unterschied ist: sie haben den Völkern Untergang, Vernichtung und Unheil durch den Gott Israels angekündigt. Hier aber wird den Völkern Heil zugesprochen.

 

Der Knecht Gottes wird zum Sprachrohr Gottes für alle Menschen. Die Waffen des Todes werden Waffen des Lebens. Die scharfen Waffen des Propheten sind nicht aus Stahl und Holz, wie es Schwert und Pfeil nun einmal sind, sondern das Wort ist die Waffe. Die Bilder des Krieges werden umgedeutet in Bilder des Friedens: Schwerter zu Pflugscharen. Mit ihm will Gott die Welt verändern, zu ihrem Besten. Dafür schlägt der Prophet diesen hohen Ton an, feierlich, pompös und ein wenig poetisch.

 

Der Gottesknecht könnte glücklich sein. So wirkt es aber nicht. Denn wir finden auch solch einen Ton in der Rede:

4 Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz.

 

Woher kommt diese Verzweiflung?

 

Lasst uns in die Geschichte Israels hineinschauen.

 

Fangen wir vorne an: Bei König David.

 

Aus Israel war, um das Jahr 1000 vor Christus herum, ein Volk geworden mit einem starken Staat, so, wie es Gott den Vorvätern Abraham, Isaak und Jakob und beim Auszug aus Ägypten versprochen hat. Selbstbewusst war das Volk, fühlte sich bedeutend und war sich seines Gottes sicher.

 

Auf König David lag ein besonderer Segen: Sein Thron, so lautet die Verheißung, soll für alle Zeiten besetzt sein mit einem seiner Nachkommen. Stolz war man, glücklich, zufrieden. Doch Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall: Schon eine Generation nach David, unter seinem Sohn Salomon, brach ein Bürgerkrieg aus, dessen Folge eine Spaltung des Landes war: Fortan gab es den Staat Israel-Juda im Süden mit der Hauptstadt Jerusalem und den Staat Israel-Ephraim in Norden mit der Hauptstadt Samaria. Man betrachtete sich als Feinde.

 

Auf König David lag ein besonderer Segen: Sein Thron, so lautet die Verheißung, soll für alle Zeiten besetzt sein mit einem seiner Nachkommen. Stolz war man, glücklich, zufrieden. Doch Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall: Schon eine Generation nach David, unter seinem Sohn Salomon, brach ein Bürgerkrieg aus, dessen Folge eine Spaltung des Landes war: Fortan gab es den Staat Israel-Juda im Süden mit der Hauptstadt Jerusalem und den Staat Israel-Ephraim in Norden mit der Hauptstadt Samaria. Man betrachtete sich als Feinde.

 

Im Jahr 722 wurde das Nordreich Israel-Ephraim von den Assyrern dem Erdboden gleichgemacht und verschwand aus der Geschichte. Der Süden nun dachte, er wäre allein das auserwählte Volk und ihm könne nichts geschehen. Doch weit gefehlt. Im Jahre 586 eroberten die Babylonier unter König Nebukadnezar das Land und die Stadt Jerusalem. Der Tempel, der ganz Stolz Israels, wurde zerstört und geplündert und große Teile der Einwohnerschaft nach Babylon verschleppt, der Rest verstreut. Israel war am Ende, gedemütigt, erniedrigt. War es auch von Gott verlassen?

 

„Nein!“, sagten die Propheten, aber 70 Jahre musste das Volk Israel in Babylon leben: eineinhalb Generationen.

 

In dieser Zeit lernten sie sich und Gott ganz neu kennen. Das Exil war Strafe, aber es war auch ein Ort der Klärung. Am Ende verstand Israel, was mit seiner Erwählung gemeint war. Es sollte nicht über die anderen Völker herrschen, es sollte für die anderen Völker Licht sein, indem es Gottes Gebot und Gesetz in die Welt bringt und von seiner Schöpfer- und Erlösermacht spricht.

 

Erwählung meint nicht Herrschaft, sondern Dienst und Aufgabe. Erst als das Volk soweit war, durfte es, so erzählt es die Bibel, zurückkehren. Der Perserkönig Kyros besiegte im Jahre 539 Babylon und schickte die Israeliten, die wollten, nach Hause. Sie nannten sich jetzt nicht mehr Israeliten, sondern Juden. Sie wollten neu beginnen.

 

Doch es gab viele Enttäuschungen. Die meisten Juden wollten gar nicht zurück. Sie waren erfolgreich integriert in Babylon; zu Hause warteten nur Trümmer.

 

Daher, liebe Gemeinde, kommt die Enttäuschung des Gottesknechts. „Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz.“


Move 3 Dignität des Scheiterns

„Für nichts und wieder nichts.“ War sein Engagement. So hatte es eine Zeit lang ausgesehen. Er ist erschöpft, ausgebrannt. Die Aufgabe scheint zu groß für ihn zu sein.

 

Er ist wahrlich nicht der Erste. Biblische Hoffnungsgestalten fallen mir ein, die keine durchgehenden Erfolgsgeschichten geschrieben haben. Die immer wieder erschöpft waren, weil die Aufgabe zu groß schien. Mose fällt mir ein, Jeremia fällt mir ein, Jona auch. Sie wollten ihre Berufung nicht annehmen.

 

Ja, es kommt vor, dass ich Gottes Ruf nicht hören mag. Erst einmal schaue, ob es nicht eine andere Lösung gibt. Weil es unbequem wäre, weil ich mich einsetzen müsste, weil der Weg ungewiss ist und ich Gegenwind bekommen könnte. Vielleicht wäre ich auch nicht mehr allseits beliebt? Für Gott Sprachrohr sein, ist zuweilen unbequem, weil es nicht jeder hören mag.

 

Der Gottesknecht jedenfalls ist erschöpft.

 

Aber am Tiefpunkt des Lebens, in einer Krise, in Leid, und auch im Tod ist Gott gegenwärtig.


Move 4 Gottes Plan geht noch weiter

Anders, als man es erwarten würde:

„Es ist zu wenig“, spricht Gott, ich habe dich auch zum Licht der Völker gemacht.

 

Als ob es noch nicht gereicht hätte, möchte man antworten. Doch gerade hier kommen wir dieser geheimnisvollen Logik Gottes auf die Spur. Wo alles diesen Menschen zweifeln lässt, an sich selbst und an Gott; wo alles nicht gut genug zu sein scheint – macht Gott sich mehr aus ihm.

 

Und Gott will auch mehr. Gott gibt sich nicht mit einer Nation zufrieden. Seine Hoffnungsbotschaft soll alle Völker erreichen. Nicht mit Waffengewalt. So Gottes Plan. Eine Globalisierungsbewegung über alle Landesgrenzen hinweg.

 

Die Welt soll hell werden.


Move 4 Licht der Welt sein

Ich bin mir sicher, jedem von uns fallen Beispiele ein, wo Licht hineinströmen sollte. Beispiele aus der Politik und der Wirtschaft, im Umgang mit der Natur und Tierwelt. Auch in vielen Familien sieht es dunkel aus. Zwischen Ehepartnern.

 

Vielleicht nagt zu oft das Gefühl in uns, doch nichts ausrichten zu können, dass die eigene kleine Kraft nicht ausreicht, um Großes zu bewirken. Dass wir uns umsonst mühen.

 

Junge Leute werden müde und matt, Jugendliche straucheln. Aber die auf Gott hoffen, gewinnen neue Kraft, verkündet der Prophet Jesaja.

 

Grund zur Hoffnung gab es des Öfteren nicht.

Doch wir haben nicht das letzte Wort.

Gott sei Dank.

Gott ist ein Meister der Neuanfänge. Dem zerstreuten Volk wird ein neuer Auszug verheißen.

Die Welt soll hell werden.

Was kann ich dafür tun?

Wo lasse ich mich von Gott berufen?