(Galater 5, 1-6)


Freiheit – wir verehren sie als edles Menschenrecht und doch ist sie nicht jedermanns Sache. Sie kann beängstigend und unheimlich daherkommen. In Freiheit zu leben erfordert Kreativität, Kraft und Anstrengung. Freiheit bedarf der Gestaltung. Freiheit ist voller Mühen, sie braucht Geduld und einen langen Atem.

Knechtschaft, als ein Gegenpol zur Freiheit, kann dagegen geradezu etwas Beruhigendes ausstrahlen. Ein Leben in Knechtschaft verlangt allein Routine, Unterordnung und Gehorsam.

So haben es die Menschen erlebt, die Mose seinerzeit aus der ägyptischen Sklaverei geführt hat. Vielen wurde der Weg in die Freiheit zur Zumutung. Nach den ersten Strapazen wollten sie lieber geknechtet aus den Fleischtöpfen Ägyptens essen als die lange Reise in die Freiheit fortzusetzen.

Freiheit ist anstrengend, sie braucht Geduld, den langen Atem. Das ist die Erfahrung, die auch Martin Luther machte, der wortgewaltig für eine christliche Freiheit stritt, die sich allein aus der Autorität der Bibel ableiten lässt. Freiheit gewinnen hieß damals, die Knechtschaft einer übermächtig gewordenen Tradition auf die hinteren Plätze zu verweisen. Es galt, verschüttete Wahrheiten des christlichen Glaubens freizulegen und wieder in die Kirche zu holen – die frohe Kunde von der Rechtfertigung des Sünders allein aus Gnade und nicht aus guten Werken – so nötig diese auch sein mögen.

Wir als lutherische Gemeinde hier in Pretoria gedenken am heutigen Sonntag der Reformation. Damit gesellen wir uns denen zu, die sich stets aufs Neue auf den Weg in die Freiheit des Glaubens begeben haben. Freiheit – das ist eben nicht ein irgendwann abgeschlossener und glückseliger Zustand, sondern die Begegnung mit der Freiheit bleibt aufrüttelnd und fordernd. Sie bleibt eine spannende und lebenslange Reise.

Diese Erfahrung machte bereits der Apostel Paulus. Für ihn war es damals beängstigend, was er über die Christenmenschen in Galatien hörte. Er erfuhr, dass einige schwach geworden waren, dass sie mit der von ihm verkündeten Freiheit nicht umzugehen wussten, dass sie sich in die Knechtschaft der eingefahrenen religiösen Tradition fallen ließen. Und so klagt ein frustrierter Paulus in seinem Brief an die Galater: „Ich fürchte für euch, dass ich vielleicht vergeblich an euch gearbeitet habe…“ (Gal 4, 11).

Es ging um den Streit verschiedener Gruppierungen in den christlichen Gemeinden Galatiens: die einen, die aus dem Judentum kamen, standen in der Tradition des alten Bundes – die Männer unter ihnen waren zum Zeichen der Zugehörigkeit zum Volk Israel beschnitten. Doch die wachsende Zahl der anderen, die nicht in der Tradition der jüdischen Religion standen, waren unbeschnitten. Alle versammelten sich im Glauben an Christus in derselben Gemeinde. Streit konnte da gar nicht ausbleiben. Denn die einen sagten: „Ich kann allein durch die Taufe und meinen Glauben zu Christus gehören!“ Die anderen, zu Christus bekehrte Juden, hielten dagegen: „Zuerst einmal musst du dich beschneiden lassen!“ Der Weg über die jüdische Tradition war für sie die Voraussetzung für die Gemeinschaft mit Christus.

Paulus findet zu diesem Streit klare Worte. Wir hören dazu aus dem Galaterbrief, Kapitel 5, die Verse 1- 6:

Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen! Siehe, ich, Paulus, sage euch: Wenn ihr euch beschneiden lasst, so wird euch Christus nichts nützen. Ich bezeuge abermals einem jeden, der sich beschneiden lässt, dass er das ganze Gesetz zu tun schuldig ist. Ihr habt Christus verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, und seid aus der Gnade gefallen. Denn wir warten im Geist durch den Glauben auf die Gerechtigkeit, auf die man hoffen muss. Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.

Die Frage nach der rituellen Beschneidung für Christen stellt sich uns heute nicht mehr. Damit hat sich jedoch das Problem der christlichen Freiheit und die Frage nach unserem heutigen Zugang zu ihr noch längst nicht erübrigt.

Unsere Gemeinde besteht aus sehr vielfältigen Traditionslinien: es sind Leute unter uns, die bereits seit mehreren Generationen in Südafrika leben. Andere sind erst vor kurzer Zeit aus Deutschland ausgewandert. Wieder andere kommen in unsere Gemeinde, weil sie befristet in Pretoria arbeiten und sich in einer deutschsprachigen Gemeinde wohler fühlen als in einer der südafrikanischen Kirchen. Andere verbringen hier ihren Ruhestand. Wieder andere kommen, weil sie ihre deutschen Sprachkenntnisse oder die ihrer Kinder bewahren und verbessern wollen. Für all diese unterschiedlichen Interessen öffnet unsere Kirche ihre Pforten. Wir sind so frei, diese Vielfalt der Lebensgeschichten hier unter einem Dach zu vereinen.

Hinter aller offensichtlichen Verschiedenheit zwischen uns stehen aber wesentliche Gemeinsamkeiten, die uns verbinden und Gemeinde sein lassen: Es ist niemandem von uns gleichgültig, in welcher Tradition wir unsere Religiosität leben, in welcher Sprache wir beten und die biblischen Texte lesen. Es ist uns vielmehr wichtig, durch die deutsche Sprache – und damit über ein wesentliches Merkmal unserer kulturellen Identität – Gemeinschaft mit Gott und untereinander zu erleben. Vor diesem Hintergrund versammeln wir uns unter Gottes Wort und um seinen Tisch, und wir wollen, bei aller Verschiedenheit, auch füreinander einstehen. Dafür kommen wir von nah und fern, dafür nehmen wir auch lange Wege in Kauf.

Für uns gewinnt darum der letzte Satz des Predigttextes große Bedeutung, denn uns geht es nicht mehr um die Frage, auf welchem Wege wir zu Christen werden können. Für uns geht es um die Frage, wie wir in unserer bunten Verschiedenheit Gemeinde sein können. Paulus sagt: In Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.

Wir können das für uns ganz ähnlich sagen: In Christus Jesus gilt unsere Herkunft nichts. Es ist gleichgültig, ob ich nur vorübergehend in Pretoria lebe oder als Gründungsmitglied zu dieser Gemeinde gehöre. Ob ich ein Kind bin oder ein alter Mensch. Ob ich eine in der Gemeinde angesehene Persönlichkeit bin oder ein Gelegenheitskirchgänger. Ob ich Diakonin bin oder Pfarrerin. All das spielt keine Rolle. Vielmehr gilt unsere christliche Freiheit, in der wir diese Buntheit unter uns als eine große Bereicherung erleben. Es gilt unser Glaube, der durch die Liebe tätig ist. Nicht die Herkunft oder die Tradition sind entscheidend, sondern wie wir miteinander umgehen.

Die Freiheit, eine Gemeinde so zu betrachten, scheint für manch einen beängstigend und unheimlich zu sein. Wenn wir uns der Freiheit bewusst werden, Eingefahrenes anders zu sehen, als wir immer glaubten. Wenn wir uns die Freiheit nehmen, etwas, was wir schon immer so gemacht haben, einmal auf andere Weise auszuprobieren, neu zu versuchen.

Zu diesen christlichen Freiheiten gehört auch die reformatorische Erkenntnis, dass wir keine Leistungen für unseren Frieden mit Gott erbringen müssen, sondern dass Gott uns so nimmt, wie wir sind. Im Glauben an den Gekreuzigten und Auferstandenen wird uns dieser Seelenfriede geschenkt. Es mag uns unheimlich erscheinen, so etwas Wertvolles ganz ohne angemessene Gegenleitung zu erhalten. Aber genau dieses unheimlich Irrationale verbindet sich mit christlicher Freiheit, und verbindet sich auch mit dem Gedenken an die Reformation vor mehr als fünf Jahrhunderten: wir sollen frei sein von der Knechtschaft, uns einen gnädigen Gott erarbeiten zu müssen. Wir sollen frei sein von dieser demütigenden Last, für alles im Leben immer bezahlen zu müssen. Christliche Freiheit heißt lernen, Geschenke anzunehmen.

Wenn uns diese Vergeltungslast von unseren Schultern genommen ist, können wir aufrecht gehen, den Kopf heben und den Nächsten neben uns wahrnehmen. Die Liebe setzt dann den Glauben in die Tat.

Wenn wir als Kirche uns der Liebe Gottes verpflichtet wissen, wenn wir aus ihr leben und auf sie vertrauen, wenn wir mit Freude und Hingabe unseren Glauben leben und dadurch die Liebe zu denen bringen, die sie brauchen, dann wollen und werden wir uns auch von Gottes Liebe binden lassen.

Denn die Liebe, die Gott mir mit Jesus Christus geschenkt hat, die Liebe, aus der Martin Luther alle Kraft für die kirchlichen Umwälzungen in Deutschland sog, die Liebe, von der wir alle miteinander seit unserem ersten Atemzug leben - diese Liebe macht fest und hält fest und lässt uns sicher wohnen in der festen Burg unseres Gottes.

Amen.

Zum Schluss möchte ich euch noch einmal auf die beiden Christen zu sprechen kommen, die ich zu Beginn des Gottesdienstes erwähnt habe. Christ A hat in der Diskussion behauptet: Das Entscheidende am Christsein ist die Freiheit. Er hat Recht. Ein Christ ist in der Tat ein völlig freier Mensch und niemandem untertan. Darüber lässt der Apostel Paulus in seinem Brief an die Galater nicht den geringsten Zweifel.

Aber Christ B hat deswegen nicht Unrecht. Wir erinnern uns: Christ B hat der Liebe den entscheidenden Platz eingeräumt und daraus gefolgert, dass ein Christ grundsätzlich jedem Menschen untertan ist. Paulus machte das den Galatern und somit auch uns im letzten Vers unseres Predigttextes ganz nebenbei deutlich. Wo man an Christus glaubt, da herrscht auch Liebe, denn wer erfahren hat, was Christus für ihn getan hat, der weiß, wie wunderbar segensreich aufopfernde Liebe sein kann. Dann bekommt man Lust, seinerseits ebenfalls zu lieben.

Ich möchte euch abschließend verraten, dass die beiden Aussagen, die ich anfangs den Christen A und B in den Mund gelegt habe, in Wirklichkeit von ein und demselben Mann stammen. Er heißt – wie könnte es anders sein – Martin Luther. Im Jahre 1520, als die Reformation in vollem Gang war, verfasste er eine Schrift mit dem Titel „Von der Freiheit eines Christenmenschen“. Darin hat er diese beiden Sätze entfaltet: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan.“ Und: „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“

Amen.