(Jakobus 5,13–16)


Move 1 Klageweiber und andere Strategien

In Rheinfelden, wo ich mein Lehrvikariat vor nunmehr 10 Jahren gemacht habe, wohnten viele Russlanddeutsche, also deutsche Bewohner Russlands, die nach Deutschland übergesiedelt waren. Russlanddeutsche Beerdigungen waren in ihrer Art besonders. Es war mir bis dahin fremd, dass noch bevor die Trauerfeier begann, Frauen in einen Klagegesang einstimmten, der immer lauter wurde und erst dann endete, wenn die Pfarrerin anfing zu sprechen. So muss es auch bei orientalischen Trauerbräuchen gewesen sein, wenn die Klageweiber ihre rituelle Totenklage ausübten.

So anders verhielt es sich da bei einigen anderen Beerdigungen: da sagten Angehörige: bitte nicht singen, nichts vom Leben erzählen, bitte schnell, … ja, auch das kam vor. Tod und Leiden, Krankheit und Schmerzen sollten verdrängt werden. Sind mehr und mehr zu Tabuthemen geworden.

How are you?

„Es geht mir gut. Ich bin ok. Ich habe alles im Griff. Ich bin leistungsfähig und stark, belastbar und kerngesund.“ Nur wer so auftritt, hat im wilden Wettbewerb unserer Zeit eine Chance. Es würde mich nicht wundern, wenn auch hier immer mehr sich nicht trauen, sich krank zu melden, wenn sie krank sind, und zu Hause zu bleiben, wenn sie sich nicht wohlfühlen. Es gibt viele – nicht nur Menschen der älteren Generation –, die das alte Sprichwort beherzigen:

„Im Glück nicht jubeln, im Leid nicht klagen, das Unvermeidliche mit Würde tragen.“

Was für eine Art zu leben? Ein Leben im lauwarmen Bereich. Keine Hochs und Tiefs zulassen. Und oft kann man dann von ihnen folgende Worte hören, mit denen sie andere zu trösten versuchen: „Nimm’s nicht so schwer!“, heißt es dann, „Augen zu und durch!“, „Wird schon wieder“, „Stell dich nicht so an!“ – oder wie sie alle heißen, die klugen Sprüche, die uns aber in wirklicher Not alles andere als helfen.

„Nicht jubeln, nicht klagen, das Unvermeidliche mit Würde tragen.“ Ich stelle mir einen Menschen vor, der so versucht, zu leben: ein versteinertes Gesicht, zusammengebissene Zähne oder, was noch schlimmer ist, eine gutgelaunte Maske: „Bloß nichts anmerken lassen ..., nur ruhig ..., alles im grünen Bereich ...“, „Nur nicht weinen ..., keine Enttäuschung und keinen Schmerz zeigen, und schon gar nicht den Schmerz anderen mitteilen.“

Für Männer galten diese Regeln seit eh und je: Ein Junge weint nicht und Indianer kennen keinen Schmerz!

Ganz ehrlich: Nicht viele geben auf die Frage „Wie geht es dir?“ eine ehrliche Antwort und sagen: „Heute geht’s mir nicht so gut. Ich habe Kummer. Ich komme nicht zurecht – mit meinen Kindern, mit meinem Ehepartner, mit meinem Terminkalender, mit meinem Übergewicht.“ Meistens sagen wir: „Danke, es geht.“ – Dabei geht es oft nicht – so nicht!


Move 2 aus der Bibel lernen zu klagen, zu weinen, zu singen, zu fragen, zu hadern

Auch in der Kirche, auch im Gottesdienst ist das so manches Mal so. Wir sprechen vom lieben und vom guten Gott. Dass auch Elend und Leid in Gottes Schöpfung zu finden sind, dass sich Gott auch einmal verbergen kann, uns Angst macht durch unerklärliche Krankheiten oder durch schreckliche Naturkatastrophen, davon zu reden, damit tun wir uns schwer. Weil es uns fremd ist, das zuzugeben.

Dabei hätten wir lernen können: von der Bibel, von Hiob, oder von den Psalmen. Dort haben die Menschen den Mut, traurig zu sein. Zu weinen und zu klagen. Ihre Fragen und ihre Zweifel zu äußern. Ja, zu hadern und sogar Gott einmal anzuklagen.

Wir machen es uns viel schwerer, wenn wir uns die alte Volksweisheit zu Herzen nehmen: „... das Unvermeidliche mit Würde tragen!“ Ich glaube, es ist furchtbar, das Leid in sich zu vergraben und so zu tun, als wäre alles in Ordnung.


Move 3 im Gebet sein Leben vor Gott bringen

Unser Predigttext setzt ein Gegengewicht: In Jakobus 5,13-16 lesen wir:

13 Leidet jemand unter euch, der bete; ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen.

14 Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, dass sie über ihm beten und ihn salben mit Öl in dem Namen des Herrn.

15 Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er Sünden getan hat, wird ihm vergeben werden.

16 Bekennt also einander eure Sünden und betet füreinander, dass ihr gesund werdet. Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist.


„Leidet jemand unter euch, der bete; ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen“, so schreibt Jakobus vor langer Zeit. Wenn es dir schlecht geht, bete. Wenn du glücklich bist, sing Psalmen. Das ganze Leben, alles, was ist, die Sonne und den Regen mit Gott in Verbindung bringen, mit dem, der dich geschaffen hat. Das ganze Leben als Gebet, beim Duschen, nachts in den schweren Gedanken, egal, wo du bist, immer in Kontakt sein zu Gott. – In beidem ist Gott mein Gesprächspartner. Gott ist es, dem ich traue. Auf ihn verlasse ich mich, denn er lässt mich nicht im Stich! An ihm halte ich mich fest.

Denn Gott sind Leidenszeiten nicht fremd. Er wurde Mensch. Hat alles selbst durchlebt.


Move 4 Anteil aneinander geben und nehmen

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. Es IST einer der hört mein Gebet. Aber gibt es auch Menschen, die hören?

14 Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, dass sie über ihm beten und ihn salben mit Öl in dem Namen des Herrn.

Ganz ehrlich, in Deutschland wird eine Pfarrerin in der Regel nicht oft zu einem Kranken gerufen, geschweige denn, wenn jemand im Sterben liegt. Wer krank ist, kommt ins Krankenhaus – und das ist ja auch in den meisten Fällen sinnvoll. Aber so mancher liegt so manche Stunde allein im Bett. Auch wenn das Krankenhauspersonal bemüht ist, die Bedingungen im System machen es den Pflegern unmöglich, sich um jeden intensiv zu kümmern.

In den wenigen Wochen, in denen ich hier bin, habe ich erlebt, dass man füreinander betet und einander besucht. Die Pfarrerin wird benachrichtigt und um Besuch gebeten.

Und das ist, wovon Jakobus hier spricht:

Die Kranken in der Gemeinde sollen mit ihrem Leiden – und auch mit ihren Gebeten um Heilung! – nicht allein gelassen werden. Sie sollen die Ältesten der Gemeinde rufen, damit diese über ihnen beten. Viele Krankheitserfahrungen sind ja mit dem Gefühl verbunden, Objekt zu werden. Man wird ein Fall und bekommt eine Rolle als Patient. Aber wer hört meine Angst und Unsicherheit, wer nimmt meine Abhängigkeit und Ohnmacht auf?

Wenn Gefühle geäußert werden können, kommt der Kranke selbst in den Blick, dann ist er mehr als dieser „Fall“. Hier ist von Angehörigen und Freunden, von Besuchern und professionellen Helfern der Mut gefordert, sich diesen Gefühlen auszusetzen und sie mit zu tragen.

Die Kranken nicht allein lassen: Das kann auch körperlich spürbare Nähe sein. Das Salben mit Öl meint in unserem Text gerade nicht eine „letzte Ölung“. Die Salbung mit Öl ist kein Sterbesakrament, sondern Lebenszeichen. Gebet und intensive Formen des Kontaktes haben die Genesung zum Ziel. Heutzutage kommt deshalb in der Alten- und Krankenpflege die Behandlung mit speziellen Waschtechniken und das Einreiben und Massieren mit Ölen mehr und mehr ins Bewusstsein. Kranke Menschen brauchen spürbaren Trost, der erfahren werden kann – in einem Blick der Augen, im Handauflegen auf die Stirn, im Streicheln der Haare, im Halten der Hand.

„Du bist nicht allein! Wir sind da! Und auch Gott ist bei dir.“

Und weiter schreibt Jakobus:

15 Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er Sünden getan hat, wird ihm vergeben werden.

16 Bekennt also einander eure Sünden und betet füreinander, dass ihr gesund werdet.

Liebe Gemeinde, Wer ernstlich krank ist, der denkt mit hoher Wahrscheinlichkeit auch an das Sterben. Krankheiten erinnern einen an die eigene Endlichkeit, Verletzlichkeit, daran, dass der Herzschlag irgendwann aufhört. Und wer an den Tod denkt, denkt an Trennung, nämlich vom Leben und den Menschen, die wir lieben.

Im Kranksein liegt aber auch eine Chance. Ich kenne viele Menschen, die ihre Krankheit genutzt haben und als eine Chance verstanden haben, im eigenen Leben Inventur zu machen. Fragen tauchen auf: Was ist mir im Leben wichtig? Woran orientiere ich mich? Wohin soll es gehen? Wie gehe ich mit anderen Menschen um? Wem habe ich vor kurzem erst Böses zugefügt? Das sind Fragen, die einen umtreiben. Und mit Sicherheit tauchen Dinge auf, die einen belasten.

Die gute Nachricht: Man darf um Vergebung bitten. Die Erfahrung, die wir in der Krankheit und im Sündersein machen, ist gleich:

Wir sind und bleiben Bedürftige:

Als Menschen, die von überwältigenden Erlebnissen erfasst sind, als Leidende und Kranke, als vom Tod und von der Sünde gezeichnete Menschen: immer sind wir Bedürftige.

Wir bedürfen eines haltenden und tragenden Grundes in unserem Leben, wir bedürfen der helfenden Begleitung durch andere Menschen, wir bedürfen der Vergebung unserer Sünde. Dieses Bedürfen verweist uns darauf, dass wir das Entscheidende im Leben nicht aus uns selbst gewinnen, sondern als Geschenk von jemand Anderem bekommen.

Im Gebet leben wir unsere Beziehung zu Gott. Gott ist mehr als die Summe unserer Gefühle, Sehnsüchte und Wünsche. Er ist mein Gegenüber, der haltende Grund unseres Lebens.


Move 5 Bedürftig sein

So endet unser Text dann auch konsequent wieder beim Gebet: „Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist.“ Unser Text scheint ein Gebet zu meinen, bei dem Gott seine Macht in denen zeigt, die machtvoll beten können und entsprechende Wundertaten nach sich ziehen, die Staunen und Erschrecken erregen. So wird in den Versen, die unserem Abschnitt folgen, Elia als Beispiel eines Beters genannt, der durch sein Gebet bewirkt, dass es regnet oder auch nicht regnet, so wie er es will.

Liebe Gemeinde, Ich möchte das Gebet anders verstehen: Wer betet, versteht sich als ein Menschen, der vor Gott nicht ein Macher, sondern ein Empfangender ist. Im Gebet spüre ich, dass ich vor Gott mit leeren Händen dastehe und mich von ihm eigentlich nur beschenken lassen kann.

„Nicht mein, sondern dein Wille geschehe“ wie im Himmel so auf Erden. So beten wir im Vaterunser. Und wir vertrauen darauf, dass Gott unser Gebet hört. Ob es erhört wird, so wie wir es uns wünschen, das liegt in Gottes Hand.

Im Glück jubeln und im Leid klagen – das ist es, wozu unser Glaube uns helfen will. Und unsere Kirche, unsere Gemeinde ist genau der Ort, wo wir die Menschen finden können, die das zulassen. Die mit uns singen, wenn wir fröhlich sind, und für uns beten, wenn wir es nötig haben und wenn wir die Worte dafür selbst nicht mehr finden. Unsere Kirche ist der Ort, wo unsere Tränen genauso geborgen sind wie unser Jubel.

Gemeinsam stehen wir vor Gott mit leeren Händen und bitten ihn: beschenke uns.

Amen