(Predigt Römer 13,1-7)


 Der Friede Gottes und die Gemeinschaft des Hl. Geistes sei mit Euch allen. Amen

Liebe Gemeinde,

10 Jahre ist es her…. Wisst ihr noch, was ihr heute vor zehn Jahren gemacht habt? Habt ihr in der Nacht auf den 5. November mitgefiebert?

Oder seid ihr schlafen gegangen, um euch dann nach dem Aufwachen überraschen zu lassen? Oder wisst ihr gerade vielleicht überhaupt nicht, wovon ich spreche? Heute vor zehn Jahren wurde in den Vereinigten Staaten Barack Obama zum 44. Präsidenten der USA gewählt. Ich habe vor dem Fernseher mitgefiebert, bin dann aber doch irgendwann ins Bett, und als ich von seinem Sieg hörte, habe ich mich gefreut. Mit ihm – obwohl ich ihn nicht kenne –, mit den Menschen in den Vereinigten Staaten und mit ganz vielen Menschen weltweit.

Sein Amtsantritt war – glaube ich – für viele Menschen ein Versprechen auf eine bessere Zukunft. Und wenn schon kein Versprechen, so doch eine gute Portion Hoffnung. Yes, we can. So lautete die Parole.

Und heute, gerade einmal zehn Jahre später? Am Dienstag sind wieder Wahlen in den Vereinigten Staaten, die sogenannten midterms, Wahlen im Kongress und im Senat zwischen den Präsidentschaftswahlen. Und dennoch auch ein Votum für oder gegen Präsident Trump.

Barack Obama und Donald Trump – unterschiedlicher können Präsidenten kaum sein. Doch nicht nur in den USA hat sich vieles verändert, sondern weltweit – leider selten zum Besseren: in Europa wächst der Nationalismus, der Brexit, der Krieg in Syrien und wenn ich einige meiner wenigen Kenntnisse oder Eindrücke von Südafrika beschreiben darf: ein wunderschönes Land mit sehr viel Potential, die Welt in einem Land, innerlich zerrissen, viele Menschen desillusioniert. Korruption ist ein großes Thema. Es gibt viel zu tun.

Warum erzähle ich euch das alles? Weil der Predigttext, den ihr gleich hört, in einer und für eine ganz andere Zeit geschrieben wurde. Doch hört zunächst, was der Apostel Paulus an die Gemeinde in Rom im 13. Kapitel, 1-7 schreibt:

Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, ist sie von Gott angeordnet. Darum: Wer sich der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt Gottes Anordnung; die ihr aber widerstreben, werden ihr Urteil empfangen. Denn die Gewalt haben, muss man nicht fürchten wegen guter, sondern wegen böser Werke. Willst du dich aber nicht fürchten vor der Obrigkeit, so tue Gutes, dann wirst du Lob von ihr erhalten. Denn sie ist Gottes Dienerin, dir zugut. Tust du aber Böses, so fürchte dich; denn sie trägt das Schwert nicht umsonst. Sie ist Gottes Dienerin und vollzieht die Strafe an dem, der Böses tut. Darum ist es notwendig, sich unterzuordnen, nicht allein um der Strafe, sondern auch um des Gewissens willen. Deshalb zahlt ihr ja auch Steuer; denn sie sind Gottes Diener, auf diesen Dienst beständig bedacht. So gebt nun jedem, was ihr schuldig seid: Steuer, dem die Steuer gebührt; Zoll, dem der Zoll gebührt; Furcht, dem die Furcht gebührt; Ehre, dem die Ehre gebührt.

Selten begegnen uns diese Verse als Predigttext. Manch einer denkt sicher: das ist auch gut so. Aber der Grund dafür ist nicht der, dass der Text so provozierend ist, sondern anderer Natur: den 23. Sonntag nach Trinitatis gibt es nur sehr selten. Es ist über 20 Jahre her, dass diese Verse zum letzten Mal Predigttext gewesen sind. Und da war ich gerade im 1. Semester.

Zurück zum Text. Ich glaube, dass ihn viele von euch kennen. Schon einmal gehört oder gelesen haben. Er ist in der Vergangenheit leider für eigene Machtinteressen unheilvoll missbraucht worden. Man kann zurecht kritisch nachfragen: Wie kann bitte jede Obrigkeit, jede Ordnungsmacht, jede staatliche Gewalt von Gott gewollt sein? Wie können wir jeder Art von Obrigkeit dienen wollen? Allein aus der südafrikanischen und natürlich auch aus der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts heraus müssen wir Paulus hier widersprechen.

Sollte es tatsächlich Gottes Wille sein, Menschen nach ihren Hautfarben, nach ihrer Religion, nach ihrer Gesinnung zu beurteilen?

Wie kommt der Apostel denn dazu, so etwas zu schreiben? Es ist nur verständlich aus der Zeit heraus, in der Paulus schreibt. Ich möchte mich auf drei Aspekte beschränken:

  1. Paulus kannte keine Demokratie im heutigen Sinn. Und die Ansätze griechischer und auch römischer Demokratie waren zu seiner Zeit längst Vergangenheit. Regierungswechsel durch Wahlen oder Rücktritte? Gab es nicht. Volksentscheide? Gab es nicht. Doch es gab etwas anderes: Stabilität – die ja nicht immer gut sein muss.
  2. Als Paulus diese Zeilen schreibt, ist die römische Herrschaft seit mindestens 250 Jahren fest. Eine unvorstellbare lange Zeit. Vor 250 Jahren – ab heute zurückgerechnet – also Mitte/Ende des 18. Jahrhunderts: Was ist da alles passiert? Die Vortrekker waren unterwegs ins Landesinnere. In der Kapprovinz gab es den Sklavenhandel, die Hermannsburger und Berliner Mission waren noch gar nicht gegründet. Es hatte noch keine Französische Revolution gegeben und das Heilige Römische Reich Deutscher Nation gab es noch. 250 Jahre – da ist es kein Wunder, dass Paulus das Römische Reich als von Gott gegeben ansah. Gesetzt für alle Zeiten – und es sollte ja noch einmal mindestens 300 Jahre dauern, bis das Reich unterging. Einer solchen Obrigkeit muss man sich einfach unterordnen. Und mit der Herrschaft von Kaiser Augustus um die Zeitenwende herum hatte die „Pax Romana“ begonnen, eine Zeit des Friedens – auch wenn wir heute unter Frieden und Gerechtigkeit etwas anderes verstehen
  3. Und drittens: Paulus hatte kein großes Interesse an gesellschaftlichen oder gar politischen Fragen. Er entwirft keine Staatslehre und kein politisches Programm. Ihm ging es vielmehr um die Fragen des Glaubens. Und er rechnete damit, dass Christus bald wiederkommen würde. Wozu sollte man sich noch gegen eine Obrigkeit auflehnen, die eh bald zu Ende ging?

All das muss man mit denken, wenn man Paulus Text hört. Extrem zeitbezogen. Gut - könnte man sagen und den Text zur Seite legen und nicht mehr beachten. Tun wir aber nicht. Ich glaube, wir müssen den Text anders lesen.

Der Wochenspruch aus dem 1. Timotheusbrief hilft uns dabei. Ich möchte ihn noch einmal wiederholen: „Dem König aller Könige und Herrn aller Herren, der allein Unsterblichkeit hat, dem sei Ehre und ewige Macht!“

Trotz aller Könige, Präsidenten und Regierungschefs gibt es einen König und Herr, der größer ist als sie alle. Und nicht nur größer, sondern einfach ganz anders. Unabhängig von der Zeit und von dem, was in der Welt passiert.

Was Paulus im 1. Timotheusbrief vor fast 2.000 Jahren geschrieben hat, das hat der Theologe Karl Barth vor fast 50 Jahren so gesagt – am Abend vor seinem Tod am 10. Dezember 1968:

„Ja, die Welt ist dunkel. .... Nur ja die Ohren nicht hängen lassen! Nie! Denn es wird regiert, nicht nur in Moskau oder in Washington oder in Peking, sondern es wird regiert, und zwar hier auf Erden, aber ganz von oben, vom Himmel her! … Gott sitzt im Regimente! Darum fürchte ich mich nicht. … Gott lässt uns nicht fallen, keinen Einzigen von uns ...! – Es wird regiert!“

Und das ist für mich, liebe Gemeinde, tröstlich und ermutigend. Wer auch immer in den USA, in Südafrika, in Deutschland am Hebel der Macht sitzt, es ist Gott, der regiert. Die Welt ist und bleibt Gottes Welt. Er wirkt in ihr. Auch wenn ich es oft nicht sehen kann. Gottes Regiment ist nicht weit weg von mir, sondern nah bei mir: Gott lässt mich nicht fallen. Das hat er mir in der Taufe versprochen.

Und sein Wort und sein Leben, Sterben und Auferstehen in Christus ist es, was mir Orientierung schenkt.

Darf ich der momentanen Obrigkeit gehorchen – oder darf ich es nicht?

Das Wort Gottes ist kein Parteiprogramm, aber sehr wohl parteiisch. Gott ergreift Partei für die Schwächsten in der Gesellschaft, für die am Rand Stehenden, für die Verfolgten, für die Hungernden und Armen, für die Kranken. Gott ist für den Frieden, die Gerechtigkeit, für die Schöpfung und immer und über allem anderen für die Liebe. Und deshalb ist Gottes Wort Richtschnur für politisches und gesellschaftliches Handeln.

Es will uns Mut machen, nicht alles hinzunehmen, was gegen Gottes Willen geschieht, sondern zu widersprechen, wo die Obrigkeit nicht Dienerin Gottes ist.

Gottes Wort will uns trösten, wenn wir Probleme bekommen, weil wir widersprechen.

Liebe Gemeinde,

es ist nicht egal, was wir tun und lassen in unserem Leben. Gott will, dass wir ihm dienen in dieser seiner Welt. Die er liebt und mit der er einen Plan hat. Niemals sollen wir aufgeben.

Und es ist tatsächlich so: Gott kann auch das Fehlsame und Verkehrte dazu benutzen, dass sich das Gute am Ende durchsetzt, wenngleich ihm Menschen dabei im Wege stehen.

„Nicht die Ohren hängen lassen“, hat Karl Barth gesagt, Gott lässt niemanden fallen.

Wir leben in einem demokratischen Rechtsstaat, dessen Regeln für alle gelten sollen. Gesetze sind gut und notwendig. Wir können dankbar dafür sein, dass es eine Ordnungsmacht gibt, die für Recht sorgt. Das war ja oft anders in der Geschichte. Das kann – Gott möge uns davor bewahren – auch wieder anders werden. Es gibt keine Garantie für Frieden und Freiheit. Wir haben nur eine Garantie: Dass Gott uns nicht fallen lassen wird. Auch wenn wir das nicht immer spüren. Ich möchte darauf vertrauen. Ich möchte Gott vertrauen. Und deshalb danach fragen, was er möchte– mag es den Mächtigen im Kleinen wie im Großen auch unbequem sein. „Dem König aller Könige und Herrn aller Herren, der allein Unsterblichkeit hat, dem sei Ehre und ewige Macht!“


Amen