(Psalm 63,9 und Rilke Gedicht)


Liebe Gemeinde,

besonders liebe Jubelkonfirmandinnen und Jubelkonfirmanden.

Eure Konfirmation liegt nun mehrere Jahre zurück. An ganz unterschiedlichen Orten in der Welt habt ihr gefeiert. Einige von Euch in Deutschland in Hamburg und Neukirchen, andere in Südafrika, in Kroondal, in der St. Petersgemeinde, in Potchefstroom, Empangweni, Wuppertal und Hermannsburg.

40 Jahre und noch mehr ist es her, dass Ihr konfirmiert worden seid. Genau genommen haben wir heute 40, 50, 52, 60,61, 65 und 70 Jahr Jubilare unter uns.

Ich habe zur Feier des Tages ein Gedicht mitgebracht von Rainer Maria Rilke. Einige kennen es sicher.


 

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,

die sich über die Dinge ziehn.

Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,

- aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,

und ich kreise jahrtausendelang;

und ich weiß noch nicht:

bin ich ein Falke, ein Sturm

oder ein großer Gesang.


Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen. Wachsende Ringe. Da denke ich zuallererst an einen Baum. An so eine Baumscheibe z.B. An all die Ringe, die ein Baum im Laufe der Jahre entwickelt. Und die sich um ihn legen. Die Baumscheibe Eures Lebens wäre viel dicker. Dieser Baum zählt gerade einmal 8 Jahresringe.

In der Rückschau empfindet Ihr die Jahre vielleicht auch so: wie Lebensringe, die sich um Euch gelegt haben. Ringe, die Euch geprägt haben mit den Jahren. Helle Ringe, dunkle Ringe, glatte und raue, einiges ist vielleicht gebrochen und wieder verheilt, woanders bleibt ein Riss. Wie auch in dieser Baumscheibe.

Heute am Tag Eurer Jubelkonfirmation schaut Ihr zurück und man erinnert sich vielleicht auch: an die eigene Kindheit und Jugendzeit, an Menschen, die einem damals wichtig waren, und an Ereignisse, die das Leben geprägt haben.

Als wir uns am Dienstag getroffen haben, da gab es einiges zu erzählen von damals, von der Konfirmandenzeit, als man wirklich noch viel mehr auswendig lernen musste und es teilweise auch strenger zuging. Als man noch z.T. schriftliche und mündliche Prüfungen ablegen musste. All das hat euch die Sache mit der Kirche nicht verleidet. Ihr seid dabei geblieben und im Nachhinein, so habt ihr erzählt, wurden die einst auswendig gelernten Texte immer bedeutsamer im Leben. Manch einer hat die auswendig gelernten Lieder oder Bibelverse vielleicht schätzen gelernt, sie als Trost empfunden in Lebenssituationen, die damals noch gar nicht im Blick waren. Gerade in den brüchigen Zeiten des Lebens kommen sie meist in den Blick.

Die Konfirmation ist ein Einschnitt im Leben. Man ist kein Kind mehr, man trägt meist zum ersten Mal im Leben einen Anzug oder ein feines Kleid. Ein erstes Zeichen dafür, dass ein neuer Lebensabschnitt beginnt und andere folgen: der erste Schluck Wein, das erste Abendmahl. Bei vielen von euch war damals auch das Ende der Schulzeit in Sicht.

Wachsende Ringe, neue Erfahrungen und Begegnungen bahnten sich an.

Die Zukunft lag vor Euch. Ein weiter Raum, den man als Kind oder als Jugendlicher kaum ermessen kann. Die erste Lehrstelle kam in Sicht. Sicher blicktet ihr hoffnungsvoll in die Zukunft mit jugendlichem Selbstvertrauen und dem Schwung, die eigene Sache in die Hand zu nehmen.

Einige Lebensringe hatten sich damals schon um Euer Leben gelegt. Jeder brachte seine eigene Lebensgeschichte mit in den Konfirmandenunterricht. Und Träume und Hoffnungen für eine gute Zukunft hattet ihr. Und Gottes Segen für eine gute Zukunft wurde Euch an diesem Tag Ihrer Konfirmation auch zugesprochen.

Sicher erinnert ihr euch auch an den Konfirmationsgottesdienst, vielleicht werden heute noch Fotoalben heraus geholt, Erinnerungen an die Einsegnung werden wach, bei der jede und jeder einen eigenen Spruch bekam.

Ein eigener Lebensabschnitt war die Konfirmation damals, ein zusätzlicher Lebensring, der Euch in unterschiedlicher Weise geprägt hat und an den Ihr heute zurückdenkt.

Heute nun: Jubelkonfirmation. Jahre sind vergangen und man fragt sich: was, so lange ist es wirklich schon her? 40 Jahre und noch mehr - eine lange Zeit, ein gewaltiger Lebensabschnitt. Viele Jahresringe passen in diese Zeit.

Ein guter Tag, um auf sein Leben zurück zu blieben. Wer und Was hat mich in diesen Jahren geprägt, wie habe ich mich verändert? Bin ich noch die gleiche, der gleiche wie damals? Was ist geblieben, was hat sich verändert in all den Jahren?

Gleich ist in allen Veränderungen auf alle Fälle eines geblieben, liebe Jubelkonfirmandinnen. Gleich geblieben ist die Zusage Gottes für Euer Leben. Die Zusage Gottes, die Euch damals mit der Konfirmation gegeben wurde: ich bin bei dir, als deine Lebensmitte. In allem, was dich prägen wird in deinem Leben, bleibe ich da als Mitte, die dich stärkt und trägt und auf die du dich immer wieder beziehen kannst.

Gott als unsere Lebensmitte, darüber spricht auch das Psalmwort aus Psalm 63, das wir zu Beginn gebetet haben und das ichEuch heute auf Euren Weg zusprechen möchte.

"Meine Seele hängt an dir, Gott; deine rechte Hand hält mich." (Ps 63,9)

In diesem Psalm spricht ein Mensch aus, was er erlebt hat: ich bin mit Gott verbunden, in allen Veränderungen und auch Gefährdungen meines Lebens. Vielleicht empfindet Ihr das heute ähnlich: in der Rückschau. Viele Jahresringe haben sich um mein Leben gelegt, viele freudigen Ereignisse, viel Schweres, manches Leid und manche Enttäuschung auch haben mich geprägt. Eines ist gleich geblieben: Gott selbst, der mich und mein Leben, egal wie es verlaufen ist, in der Hand hält.

Rainer Maria Rilke drückt das so aus:

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,

und ich kreise jahrtausendelang; und ich weiß noch nicht:

bin ich ein Falke, ein Sturm oder ein großer Gesang.

Gott ist die Mitte, um die sich unser Leben legt, liebe Gemeinde.

Unveränderlich gilt diese Zusage für uns: "Meine rechte Hand hält dich!" Das hat Gott uns bei der Taufe zugesagt und das wurde in der Konfirmation bekräftigt.

Veränderlich ist jedoch, wie wir Menschen uns gegenüber Gott verhalten: sind wir wie ein Falke, der stolz und distanziert seine Runden dreht, konzentriert weniger auf den Turm, als vielmehr auf die Beute, auf das tägliche Überleben?

Auch solche Zeiten gibt es ja in unserem Leben, Zeiten, in denen uns unsere Arbeit und unser Tagwerk so in Anspruch nimmt, dass Gott vielleicht eher in den Hintergrund tritt.

Oder sind wir wie ein Sturm, der gegen den Turm anbraust, ihn aufgewühlt durch schlimme Lebensereignisse fast umstürzen will? Auch das kennt vielleicht mancher von uns, gerade, wenn schlimme Ereignisse uns getroffen haben.

Oder entspricht unsere Lebenshaltung und Gottesbeziehung eher einem großen Gesang, der mal laut, mal leise, den Turm harmonisch gelassen umschwebt. Vielleicht ist das eher die Gottesbeziehung des Alters: man hat vieles erlebt an Schönem und Schwerem und erkennt im Rückblick in allem Gottes gute, stützende Hand, die einen geführt hat.

Wie auch immer es bei uns aussieht: unsere Beziehung zu Gott verändert sich mit den Lebensjahren, ausgelöst durch Ereignisse, geprägt durch unterschiedliche Lebenserfahrungen. Und doch gilt in allem Gottes Zusage für uns: ich bleibe unveränderlich bei dir. Ich halte dir stand und begleite dich durch alle Veränderungen, durch alle Jahresringe hindurch.

Heute am Tag Jubelkonfirmation schaut Ihr nicht nur zurück, sondern auch nach vorne und manch einer fragt sich vielleicht: wie viele Lebensringe werde ich noch vollbringen? was kommt auf mich zu? wie wird mein Alter verlaufen? werde ich von Krankheit verschont bleiben? und wenn es mich trifft, wie werde ich damit umgehen?

Auch in diesen Fragen und bevorstehenden Veränderungen gilt Gottes Zusage: Ich bin bei dir, meine rechte Hand hält dich - in allem, was auf dich zukommt.

Das liebe Gemeinde hat die Person aus Psalm 63 erfahren, wenn sie sagt: Meine Seele hängt an dir, Gott; deine rechte Hand hält mich.

Sie hat erlebt, dass Gott, unsere Lebensmitte, uns hält und stärkt in allen Veränderungen unseres Lebens.

Diese Erfahrung wünsche ich Euch und uns allen:

Meine Seele hängt an dir, Gott und deine rechte Hand hält mich.

Dass auch wir das sagen und empfinden können.

Gott, unsere Lebensmitte bleibt bei uns und will uns stärken und stützen in allem, was auf uns zukommt. Darauf können wir uns verlassen.


Amen