(Predigt Jes 65,17-19 (20-22)23-25)


Move 1 Von Lücken und Leere

Liebe Gemeinde,

 

Wenn ein geliebter Mensch stirbt, dann, so erzählen viele, fühlt es sich so an, als sterbe irgendwie auch ein Teil von einem selbst.

 

Die Welt, die man sich zusammen aufgebaut hat, wird so nicht mehr sein. Hoffnungen, die man vielleicht bis zuletzt am Sterbebett hatte – einfach weg. Von einem Moment auf den anderen ist alles anders. Und auch wenn man damit gerechnet hat - Die Zeit scheint still zu stehen, wenn die Todesnachricht eintrifft. Alles andere verliert an Wichtigkeit, tritt in den Hintergrund.

 

Erst einmal ist viel zu erledigen und zu organisieren. Man funktioniert irgendwie. Bis die Seele Zeit bekommt, sich mit dem Verlust auseinanderzusetzen, dauert es Tage und Wochen.

 

Viele von uns haben in den zurückliegenden Wochen und Monaten diese Erfahrung gemacht.

 

Da ist eine Lücke entstanden und eine Leere, die am heutigen Ewigkeitssonntag noch einmal besonders deutlich zu spüren ist. Da sind schmerzhafte Erinnerungen. Da sind Wunden, die nur langsam heilen. Da ist möglicherweise auch die Einsicht, dass manches nicht mehr gutzumachen ist, was versäumt wurde. Der Ewigkeitssonntag hat immer mit Wehmut und Schmerz zu tun. Jeder und jede von uns hat da seine ganz eigene, persönliche Geschichte.

 

Move 2 Vertröstungen

Trauer um einen Menschen braucht Zeit und darf Zeit brauchen. Und keiner kann einem sagen, wie lange es dauert. Es gibt kein Rezept dafür. Und dabei spielen ganz unterschiedliche Faktoren mit eine Rolle.

 

Und wenn man trauernden Menschen begegnet, ist man selbst oft hilflos. Was sage ich nur? Und dann sagt man vielleicht so Sätze wie:

„Das wird schon wieder“, „Zeit heilt alle Wunden“, „Du musst kämpfen“. Leider sind das meist keine hoffnungsbringenden Trostworte. Sie schaden vielleicht eher, weil sie Unmögliches von dem, der trauert, verlangen und die Möglichkeit nehmen, im eigenen Tempo Abschied zu nehmen und auf Gottes Kraft zu hoffen.

 

Ja, wir sterben irgendwann alle einmal, wir können manche Krankheiten nicht besiegen und Unfälle brechen herein in unser Leben und stellen es auf den Kopf. Wir stehen oft hilflos davor.

 

Move 3 tragfähige Hoffnungsbilder bei Jesaja und in uns

Die Bibel will uns daran erinnern, dass der Horizont Gottes weiter ist als der unsere.

 

Gut 2500 Jahre ist es her. Das Volk Israel befindet sich – wie so oft in seiner Geschichte – wieder einmal in einer tiefen Existenzkrise. Zwar ist dem jüdischen Volk vom persischen König Kyros die Rückkehr aus dem Babylonischen Exil in die Heimat erlaubt worden. Aber das Leben zu Hause gestaltet sich bei Weitem nicht so unbeschwert, wie von den Juden erhofft. Sie finden ihr Land weitgehend zerstört vor. Die Häuser sind verfallen oder es leben Fremde darin. Die Felder und Gärten liegen verödet und brach da. Wirtschaftliche und soziale Not bedrängt die Menschen. Die Kindersterblichkeit ist hoch. Niedergeschlagenheit macht sich breit. Aber da tritt ein Prophet als Stimme Gottes auf und hilft dem verarmten und trauernden Volk mit einem wunderbaren Traum aus seinem Trübsinn heraus.


17 Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.

18 Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe. Denn siehe, ich erschaffe Jerusalem zur Wonne und sein Volk zur Freude,

19 und ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens.

20 Es sollen keine Kinder mehr da sein, die nur einige Tage leben, oder Alte, die ihre Jahre nicht erfüllen, sondern als Knabe gilt, wer hundert Jahre alt stirbt, und wer die hundert Jahre nicht erreicht, gilt als verflucht.

21 Sie werden Häuser bauen und bewohnen, sie werden Weinberge pflanzen und ihre Früchte essen.

22 Sie sollen nicht bauen, was ein anderer bewohne, und nicht pflanzen, was ein anderer esse. Denn die Tage meines Volks werden sein wie die Tage eines Baumes, und ihrer Hände Werk werden meine Auserwählten genießen.

23 Sie sollen nicht umsonst arbeiten und keine Kinder für einen frühen Tod zeugen; denn sie sind das Geschlecht der Gesegneten des HERRN, und ihre Nachkommen sind bei ihnen.

24 Und es soll geschehen: Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören.

25 Wolf und Lamm sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind, aber die Schlange muss Erde fressen. Man wird weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der HERR.


Ich war diese Woche in einem Hauskreis eingeladen. In der Phantasie reisten wir an einen Ort, wo man durch ein Schlüsselloch sehen konnte, was nach dem Tod kommt. Ist es da bunt oder alles in schwarzweiß? Kann man nur Umrisse erkennen oder alles bis in kleinste Detail? Gibt es da Blumen, Tiere, Menschen? Und gibt es da Häuser?

 

Anschließend wurden Bilder zu dem Gesehenen gemalt. Ganz persönlich. Doch allen gemeinsam: eine Spiegelung von Friede, Glanz und viel Licht. Bei einigen auch Tiere und Menschen und viel Liebe.

 

Move 4 Paradies

Die Bilder haben mich an den paradiesischen Urzustand erinnert, wie er uns am Anfang der Bibel im Buch Genesis erzählt wird. Und auch hier bei Jesaja finden wir Anklänge:

Himmel und Erde von Gott erschaffen zur Wonne und Freude.

Menschen und Gott in direktem Kontakt zueinander.

Wahrhaft Paradies.

 

Adam und Eva und die Schlange haben die Vertreibung aus dem Paradies herausgefordert. Und wir spüren es tagtäglich, dass wir nicht in einer heilen Welt leben: mit Ellbogen wird sich der Platz in der Arbeitswelt, in der Gesellschaft erstritten, im Unfrieden ist man mit sich selbst und mit denen, die einem am nächsten stehen. Viele Kriege werden geführt, Kinder verhungern, Flüchtlinge ertrinken. Menschen sterben viel zu früh, wir steuern auf eine Klimakatastrophe zu, verheerende Waldbrände in Californien, die Häuser zerstören und Menschenleben fordern, und und und.

 

Wie heilsam klingt mir die Zukunfts-Vision des Propheten Jesaja:

Gott will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen.

 

Ein Ort, an dem niemand umsonst arbeiten muss, jeder erntet, was er mit seinen Händen erarbeitet hat, kein Kind mehr sterben muss, keine Bosheit, kein Weinen und Klagen anzutreffen sind. Wo Wolf und Lamm friedlich nebeneinander liegen.

 

Ja, liebe Gemeinde, dort möchte ich sein mit meinen Verstorbenen. Dort möchte ich sie wiedersehen, an so einem Ort.

 

Es ist der Ort der Ewigkeit, manche – auch in diesem Jahr – sind uns vorausgegangen, dorthin, wo Gott mitten unter uns wohnt, die Hütte Gottes bei den Menschen, dorthin, wo Heimat ist und kein Tod und auch kein Leid und kein Geschrei, kein Schmerz.

 

Move 5 Wir sind hier

Aber: noch sind wir hier in Pretoria.

 

Wir gehen nach dem Gottesdienst zu unseren Gräbern, wir denken an die, von denen wir Abschied genommen haben, und bei den Gräbern können wir uns freuen, unter all den Tränen, den geweinten und denen, die noch nicht geweint sind, wir können uns freuen, dass sie dort sind, wo wir sie dereinst wiedersehen.

 

Vielleicht denken einige von Euch, es sei zu optimistisch, wenn die Bibel von einem neuen Himmel und einer neuen Erde spricht. Die Kritik am christlichen Glauben ist nie ganz verstummt. Man wirft ihm vor, er verspreche einen Himmel, der sei aber weit weg und er vertröste auf ein Jenseits, das niemand je gesehen habe. Pure Utopie?

 

Nicht für uns Christen. Christlicher Glaube ist im Heute zu Hause und schenkt jetzt neues Leben, das nicht erst einst, sondern schon in unserer Zeit beginnt.

 

Denn: Mit unserer Taufe sind wir mit hinein genommen in die neue Welt, wie Gott sie uns verspricht. Als Kind Gottes habe ich heute schon Teil an Gottes Herrlichkeit. In Jesus hat für uns diese Zukunft schon begonnen. Er hat Hungernde gespeist, Tränen getrocknet, Verzweifelte getröstet, Kranke geheilt. Er hat Gottes Liebe zu den Menschen gebracht. Und wo immer heutzutage in seinem Namen Ähnliches geschieht, da wird Gottes Reich unter uns schon Wirklichkeit. Da wird der Traum, den der Prophet beschworen hat, Realität.

 

Wir kennen weder Tag noch Stunde – bis wir dort sind, wo wir den neuen Himmel, die neue Erde, wo wir Gott von Angesicht zu Angesicht begegnen werden. Bis dahin ist es an uns, wir haben die Verantwortung, ein Stück vom Himmel auf die Erde zu bringen, Mauern einzureißen, die wir selbst gebaut haben, Schweigen zu brechen, das wir nicht mehr hören können, zu umarmen, wer uns fremd geworden ist, Worte zu sprechen zu allen, für die wir keine Worte mehr haben. Einander zu trösten, füreinander da zu sein.

 

So wie Gott für uns da ist, hier und heute, mitten unter uns. Er ist nahe und spricht:

In das Dunkel deiner Vergangenheit und in das Ungewisse deiner Zukunft, in den Segen deines Helfens und in das Elend deiner Ohnmacht lege ich meine Zusage: ICH BIN DA.

 

In die Enge deines Alltags und in die Weite deiner Träume, in die Schwäche deines Verstandes und in die Kräfte deines Herzens lege ich meine Zusage: ICH BIN DA.

 

In die Fülle deiner Aufgaben und die Leere deiner Geschäftigkeit, in die Vielzahl deiner Fähigkeiten und in die Grenzen deiner Begabung lege ich meine Zusage: ICH BIN DA.

 

In das Spiel deiner Gefühle und in den Ernst deiner Gedanken, in den Reichtum deines Schweigens und in die Armut deiner Sprache lege ich meine Zusage: ICH BIN DA.

 

In deine Trauer um einen geliebten Menschen und in die Lücke mit seinem Tod, in die Bilder deiner Erinnerung und die ungelebten Momente lege ich meine Zusage: ICH BIN DA.