(Predigt Röm 12, 9-16 „Befreit und beschenkt“)


Liebe Gemeinde!

 

„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Und: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Mk 12, 30f). Das ist unser höchstes Gebot. Auf ihm basiert das Miteinander von uns Christen. Das ist der Soll-Zustand für unsere Kirche. Fast jeder kennt dieses Gebot und darum teilen auch viele Menschen die Erwartung, der Umgang innerhalb einer christlichen Gemeinde müsse irgendwie anders, ja liebevoller, sein.

 

Ich erinnere mich noch gut an den Pfarrer meiner Hochschulgemeinde, der in großer Runde erzählte, dass er früher schon einmal für die Kirche gearbeitet habe. Allerdings habe er damals nach wenigen Monaten gekündigt. Er erzählte uns, es sei schon viele Jahre her und er habe damals zu seiner Frau gesagt: „Ich kann nicht weiter für unsere Kirche arbeiten. Ich muss kündigen, sonst verliere ich meinen Glauben“.

 

Dieser Mann hat dort wohl erlebt, was auch wir immer wieder in unseren Gemeinden erleben: Oft streiten wir miteinander und schaffen den Schritt zur Versöhnung nicht, wir machen die Augen zu vor den Bedürfnissen, die nicht den unseren entsprechen, manchmal lästern wir über die, die nicht unsere Meinung vertreten, und stellen uns immer wieder über andere. Kurz, wir schaffen es oft nicht, nach unserem höchsten Gebot zu leben.

 

Ein solcher Widerspruch zwischen dem Soll- und Ist-Zustand in unserer Gemeinde ist kein Phänomen unserer Zeit. Schon der Apostel Paulus erlebte dies. Vielleicht hatte er das Gefühl, er könne etwas daran ändern, wenn er das größte Gebot, das wir haben, das Gebot der Liebe, konkretisieren würde. Vielleicht dachte er, es sei leichter, das Liebesgebot auf das tägliche Leben zu übertragen, wenn er auf den Alltag bezogene Regeln formuliert. An die Gemeinde in Rom schreibt er:

 

Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an. Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor. Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn. Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet. Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft. Segnet, die euch verfolgen; segnet, und verflucht sie nicht. Freut euch mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden. Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch zu den niedrigen. Haltet euch nicht selbst für klug. Römer 12, 9-16

 

Was für eine nicht enden wollende Aneinanderreihung von Anweisungen! Wüssten wir nicht, dass diese 21 Regeln im Grunde nur Konkretisierungen und Ausformulierungen des Liebesgebotes sind, erschienen sie uns doch recht zusammenhanglos. Vielleicht hat Paulus das auch gemerkt, denn er fasst später für alle noch einmal zusammen: „…wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt“ (Röm 13, 8b). Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich bei näherem Hinsehen keine der paulinischen Regeln gefunden habe, die irrelevant für uns heute wären. Das Liebesgebot ist zeitlos.

 

Es gibt unter den paulinischen Regeln Anleitungen zum Zusammenleben, die der damaligen historischen Situation geschuldet sind:

 

„Übt Gastfreundschaft“, schreibt Paulus z.B., weil damals viele Fremde zu der Gemeinde in Rom stießen, die in der Stadt Fuß fassen wollten und die bei ansässigen Christen in der Gemeinde erst einmal einen sicheren Platz finden sollten. „Sicher“, nicht nur, weil die damaligen Gasthäuser eine fragliche und gefährliche Adresse waren, sondern auch, weil Christen oft feindselig angegangen und mancherorts sogar regelrecht verfolgt wurden. Darum auch die Forderung: „Segnet, die euch verfolgen“.

 

Aber selbst diese beiden Forderungen, sind für uns heute, wenn auch in einem anderen Kontext, noch relevant. Auch wir müssen uns heute fragen, ob und wo wir als Kirchengemeinde gastfreundlich sind. Wie wir beispielsweise mit den vielen Zugezogenen aus Deutschland umgehen? Wir müssen uns fragen, wie wir reagieren, wenn jemand für seinen Glauben ausgelacht wird. Wenn sich beispielsweise Schulkameraden darüber lustig machen, weil ein Konfirmand sagt, es geht ihm nicht nur um die Geschenke, sondern darum Jesus zu finden. „Segnet und flucht nicht“, sagt Paulus da zu uns. Können wir das? Tun wir das? Wenn wir die übrigen Regeln des Paulus ein wenig mehr in unseren Sprachgebrauch übersetzen, merken wir, dass auch sie heute noch genauso aktuell sind. Die Anweisungen würden in etwa so klingen:

 

Miteinander umgehen, ohne falsch zu sein. Sich begegnen mit Offenheit und Achtung. Sich begeistert und nicht aus Pflichtgefühl für Gottes Anliegen einsetzen. Die Hoffnung auf eine heilere Welt auch in dunklen und traurigen Zeiten nicht aufzugeben. Sich den Nöten der Mitmenschen öffnen und darum auch nicht in der eigenen Stimmung versinken, sondern sich mitfreuen und mittrauern. Trotzdem gut zu denen zu sein, die gegen uns etwas haben. Und bei all dem nicht denken, wir hätten die Weisheit mit Löffeln gefressen.

 

Als Christen können wir dem eigentlich nichts entgegensetzen. Stattdessen könnten wir uns – angesichts der Tatsache, dass wir das Liebesgebot nicht immer einhalten – die Frage stellen, ob diese Regeln einfach nicht realistisch sind, ob sie falsche Erwartungen wecken, ob man sie vielleicht etwas relativieren müsste.

 

Wären wir hier nicht bei der Kirche, sondern den Regeln der freien Marktwirtschaft unterworfen, getreu dem Motto „gottlos glücklich“, dann wäre das wahrscheinlich sinnvoll. Denn keiner von uns kann aus eigener Kraft all diese Regeln des Paulus befolgen. Schon Paulus selbst war sich dessen bewusst. Ebenfalls im Römerbrief schreibt er: „Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht“ (Röm 7,18).

 

Aber wir sind bei der Kirche. Wir würden Paulus falsch verstehen, wenn es hier um einen Soll-Katalog geht, den wir aus eigener Kraft erfüllen müssten. Gerade das fordert Gott nicht von uns. Er hat mit seiner Liebe den Kreislauf von Reaktion und Gegenreaktion bereits zerbrochen. Gott selbst hat uns versprochen, zu uns zu stehen, ohne etwas zurückzufordern. Durch diese Vorgeschichte, der Vorgeschichte von Gottes bedingungsloser Liebe zu uns Menschen, erkennen wir, dass in all diesen Regeln bereits Gottes Begleitung und seine liebende Anteilnahme an unsrem möglichen Scheitern inbegriffen sind.

 

Wir sind bereits befreit von dem Druck, es alleine schaffen zu müssen. Wir sind bereits befreit von der Last der unerfüllbaren Erwartungen. Wir dürfen Kraft und Hoffnung haben, dem Soll-Zustand unserer Gemeinden näher zu kommen. So können wir all die Regeln des Paulus nicht nur stehen lassen, sondern wir können sie sogar dankbar als Lebenshilfen annehmen. Doch nicht nur das: Mit dem Glauben an Gottes Liebe brauchen wir nicht mehr nur an dem, was wir nicht leisten, hängen bleiben. Befreit von Druck und Last kann unser Blick wieder frei werden für das, was wir schon erreicht haben. Mit dem Glauben an Gottes Liebe erkennen wir, dass wir schon mitten dabei sind, sie zu leben:

 

  • Wenn ein Jugendlicher sich freiwillig dazu bereit erklärt, bei einer Gemeindeveranstaltung zu helfen - Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt.
  • Wenn am Weihnachtsgottesdienst die ganze Kirche vor Freude klatscht – Freut euch mit den Fröhlichen.
  • Wenn im Kirchenvorstand neue Ideen und Projekte entwickelt und diskutiert werden – Seid brennend im Geist.

 

Liebe Gemeinde, im Glauben an Gottes Liebe werden aus den scheinbar erdrückenden Forderungen unseres Predigttextes erfüllbare Lebenshilfen. Denn Gott stützt uns dabei, sie umzusetzen und sieht uns mit gnädigen Augen an, wenn wir daran scheitern. So können wir getrost im Glauben bestehen und wachsen.

 

Amen.