2. Buch Mose 3,1-10 (Lesung des Textes unter 1. und 4.) Thema der Predigt: „Vater Morgana“. Ermutigung zum Aufbruch


1

Erlebe einzigartige Wüstenreisen mit Abenteuer-Garantie.

 

So oder so ähnlich wird dafür geworben, seinen Urlaub in der Wüste zu verbringen. Meditationsreisen in die Wüste Sinai: In die Stille gehen, Frieden finden. Dabei gibt es verschiedene Möglichkeiten bei Reiseanbietern: Entweder man bleibt an einem festen Standort im Inneren der Wüste mit viel Zeit für Ruhe und Meditation oder man wählt eine Kameltour mit abwechslungsreichen Wanderungen durch die felsige Landschaft. In einer kleinen oder größeren Gruppe.

So eine Reise steht irgendwann auch einmal auf meiner To-do -Liste, aber ich möchte heute eigentlich keine Werbung dafür machen.

 

Aber die Wüste ist ein Ort, an den uns der Predigttext heute führt. Er steht im 2. Buch Mose, Kapitel 3. Ihr erinnert euch vielleicht, wovon in den ersten beiden Kapiteln erzählt worden ist.

 

Israel lebt in Ägypten, unterdrückt und unfrei.

 

Um ihren Sohn zu retten, legt die Mutter den kleinen Mose in ein Binsenkörbchen, wo ihn die Tochter des Pharao findet und ihn zu sich an den Hof nimmt. Dort wächst er als Prinz auf, sieht aber die Unterdrückung des Volkes Israel und erschlägt einen Aufseher.

 

Mose flieht nach Midian und dort lernt er Zippora kennen, die beiden heiraten und bekommen Sohn Gerschom.

 

Viele Jahre vergehen und der König von Ägypten stirbt. Die Isrealiten schreien und zu Gott um Hilfe in ihrer Not.

 

Hier setzt unsere Geschichte ein.


Mose aber hütete die Schafe Jitros, seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian, und trieb die Schafe über die Wüste hinaus und kam an den Berg Gottes, den Horeb. Und der Engel des HERRN erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und Mose sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde. Da sprach er: Ich will hingehen und die wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt. Als aber der HERR sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich. Gott sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land!


Liebe Gemeinde, ich glaube, die Wüste kann ein grausamer Ort sein.

 

Nicht wenn man sie aus der Ferne betrachtet, von zu Hause aus, vom Sofa, in einem edlen Fotobildband bestaunt. Auch nicht, wenn man dort mit einer geführten Gruppe 2 Wochen Urlaub macht. Aber dann, wenn man tagtäglich dort ist und es keinen anderen Weg gibt als eben den durch die Wüste.

 

Am Tag sticht die Hitze unbarmherzig. Nachts ist die Kälte gnadenlos. Und das Licht ist so grell! Ein helles Licht, das kein Mensch mit offenen Augen lange ertragen kann. Da muss man blinzeln, die Lider zukneifen, die Tränen wegwischen. So verschwimmen die Bilder, verlaufen die Konturen, täuschen dich Trugbilder.

 

Physikalisch kann man sie erklären, die berühmte Fata Morgana. Wenn es bei Windstille eine Grenze zwischen kalter und warmer Luft gibt, entstehen flimmernde Spiegelbilder. Etwas, das weit weg ist, leuchtet und flackert ganz nah. Wenn deine Sinne ohnehin schon verwirrt und durcheinander sind von Hitze, Durst und Augenreiben, hast du den perfekten Spuk vor dir.

 

Nichts ist wirklich – und wirklich ist da nichts. Nur ein Bild …

2

Auch war und ist die Wüste der Ort der Krise.

 

Wer da nicht mit einem Geländewagen durchbrettert, wer da nur zu Fuß unterwegs ist, der kann sich verirren, hat sich vielleicht mit seinem Wasservorrat verschätzt, dem gaukelt eine Fata Morgana rettende Oasen vor – und dann stellt sich die Frage: Kommst du da wieder raus? Oder wirst du verenden und in null Komma nichts zu einer verdorrten Hülle verwandelt wie die der Kamele, die man dort hin und wieder halb vom Sand bedeckt an den Dünen liegen sieht.

 

In so einer Wüste kann es sein, dass der Wahnsinn einen ergreift, dass man verrückt wird, wenn es nicht mehr weitergeht. Da lassen sich Menschen dann zu Boden sinken, breiten die Arme aus, zeichnen einen Engel in den Sand und sind bereit zu sterben. „Ich kann nicht mehr, es ist aus, ich schaffe es nicht.“ So ähnlich seufzt einmal der Prophet Elia (1. Buch der Könige 19). Und dann saugt dich die Wüste auf, verwandelt dich zu ihresgleichen. Dein letzter Gedanke lautet vielleicht: „Wie schön es hier ist!“

3

Mose hat die wüstenartige Steppe durchquert.

 

Viele Gedanken bekommen da auf einmal Raum, wenn man so allein ist und kein Ende in Sicht ist. Vielleicht hat er da an sein eigenes Ende gedacht. Immerhin: er hat einen Menschen tot geschlagen. In seiner planlosen Flucht spricht er von sich als einem Fremden im fremden Land.

 

Das kennt man vielleicht - dieses Gefühl? Dass das eigene Leben zur Fremde geworden ist? Weil es bei der Arbeit nicht mehr stimmt, weil es mit den Kindern oder mit den Eltern oder zwischen den Eltern nur noch Streit gibt? Weil ein Mensch einen verlassen hat – für immer oder in ein anderes Leben hinaus? Weil man denkt: Was hat das alles, was ich tue, überhaupt mit mir zu tun? Wer bin ich eigentlich und was soll das Ganze überhaupt!?

 

Mose hat das dürre, trockene Land durchquert, aber lange nicht hinter sich. Er ist am Berg angekommen. Am Berg mit dem besonderen Namen „Berg Gottes“. Und da passiert etwas mit ihm. Ob wir begreifen, nachvollziehen, verstehen können, was das ist? Wir sollten es bezweifeln.

 

Und doch: Vielleicht verstehen wir es im Kern ja nur zu gut?

4

Begegnungen mit Gott finden selten auf einem Kindergeburtstag statt. Oder am gedeckten Buffet. Nicht, dass dies ausgeschlossen wäre.

 

Es kommt aber nicht von ungefähr, dass Menschen in die Wüste reisen, um zur Ruhe zu kommen. Und das oft auch nicht ohne Grund. Wenn wir mal darüber nachdenken: meistens ist es doch die Krise, wo Gott uns begegnet. Wo es uns sprichwörtlich die Schuhe auszieht.

 

Es geschieht im Schmerz, in der Trauer, in der Ratlosigkeit, im Irre-Sein, im Nicht-mehr-Weiterwissen. In einer Wüste eben, einer Verwüstung des Alltags. Da bricht etwas – ER? – in unsere dumpfe, ausweglose Wirklichkeit ein und ändert womöglich alles.

 

Ich möchte mich nicht bei der Frage des brennenden Dornbuschs aufhalten. Wie denn so etwas sein kann. Wie es sozusagen „geht“. Brennen, aber nicht verbrennen? Der brennende Dornbusch ist ein Bild, eine Vision von der Heiligkeit, der Außerordentlichkeit, vom ganz Anderen, was Mose hier plötzlich begegnet. Vielleicht so viel: Brennen und nicht vergehen – das sagt etwas über Gott aus. Etwas Entscheidendes.

 

Ungleich wichtiger ist, was Mose Gott sagen hört.

 

Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedränger habe ich gehört; ich habe ihre Leiden erkannt. Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie aus diesem Lande hinaufführe in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließt … So geh nun hin, ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst.

 

Mose sprach zu Gott: Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe und führe die Israeliten aus Ägypten? …

 

Siehe, wenn ich zu den Israeliten komme und spreche zu ihnen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt!, und sie mir sagen werden: Wie ist sein Name?, was soll ich ihnen sagen? Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde. Und sprach: so sollst du zu den Israeliten sagen: Ich werde sein, der hat mich zu euch gesandt.

 

Mose hört also: Ich, Gott, habe euer Elend gesehen. Euren Sklavendienst. Euer Ausgenutzt- und Getriebenwerden. Und das ist ein Zustand, den ich beenden will!

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Da ist also Gottes Wille, der sich in dieser irren Situation offenbart. Gott will, dass sich etwas ändert. Etwas Grundlegendes ändert. Auf einem Weg, der kein leichter sein wird. Raus aus diesem Elend. In die Freiheit. Das ist es, was Gott will – und er verspricht, auf dem Weg dabei zu sein.

 

Können wir das auch auf uns übertragen?

 

Wir sollten es, unbedingt. Wenn Gott vor vielen Tausend Jahren gesagt hat, was er will, so gilt das natürlich auch heute und in Zukunft. Das folgende kann nur jeder für sich persönlich beantworten:

 

Wo bin ich Sklave oder Sklavin von etwas? Wo werde ich benutzt? Wer zieht mich über den Tisch? Wer verweigert mir das Recht, ein freier Mensch zu sein? Was bindet, knebelt, fesselt mich in meinem Leben? Gibt es da was? Und wie sehr belastet es mich? So sehr, dass ich aufbrechen muss, wenn mir mein Leben lieb ist?

 

Ich glaube, solche Fragen können einem auch Angst machen. Unzufriedenheit ihren Raum geben, bedeutet ja fast, etwas ändern zu müssen. Und dann fragen man sich: Was soll sich jetzt noch groß ändern? Ist nicht alles festgefahren? Bricht nicht alles zusammen, wenn ich mich aus meinen schädlichen Bindungen löse? Ist nicht ein schlechtes, aber mir wohlbekanntes Leben besser als ein neues, vielleicht lohnendes, aber eben unbekanntes?

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Diese Fragen sind nicht leicht. Soll ich die Schule wechseln, weil ich unglücklich bin mit der jetzigen? Soll ich mir neue Freunde suchen, weil mir einige anderen nicht gut tun? Soll ich den Beruf wechseln, weil mir der bisherige keine Freude macht? Soll ich mich von jemandem trennen, weil wir uns nicht mehr gut tun? Soll ich wegziehen und alles hinter mir lassen nur wegen einer neuen Liebe, wegen eines Jobangebots? Soll ich den Schritt auf jemanden zu wagen, obwohl wir schon lange keinen Kontakt mehr hatten? Soll ich mein Leben noch einmal neu stricken, obwohl ich jemanden verloren habe?

 

Ja, warum nicht? Aus dem Dornbusch kommt doch eine klare Aussage. Verbunden auch mit der Zusage: „Ich werde da sein."

 

Wie ist Gott wohl da, in solch einem Fall der Entscheidung, die man treffen muss? Vermutlich doch als Mut. Als innere Kraft, einen Entschluss zu fassen und durchzuhalten. Die Israeliten in der Wüste, sie bekamen Wachteln und Manna, als sie nah dran waren, aufzugeben. Bei Euch und mir wird es schon etwas anderes sein, das uns hilft, durchzuhalten. Bei unserer Wahrheit zu bleiben, auf dem anstrengenden, vielleicht entbehrungsreichen Weg ins Gelobte Land.

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Aufbrechen. Vor Augen das Gelobte Land! Das soll es für jede und jeden von uns geben. Das steht für uns bereit. Das wartet doch. Wie schade wäre es, wenn wir nicht wenigstens ein Zipfelchen davon zu fassen kriegten. Mose hat es dann nur gesehen, das Gelobte Land. Betreten hat er es nicht. Aber immerhin: Er hat es gesehen! Es gibt es! Er konnte in Frieden sterben. Weil er dahin unterwegs war, mit seinen Leuten. Unterwegs, nicht kleben geblieben.

 

Mit der Erscheinung am Berg hatte alles angefangen. Die Fata Morgana, nein: „Vater Morgana“ des so unendlich weit entfernt scheinenden Gottes, der plötzlich ganz nahe rückte. Und sagte: Ich werde da sein – für dich!

 

Amen