(Predigt zu Mk 4,35-41)


Move 1 Fester Halt durch das Wort der Bibel

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

 

Jörg Zink, Theologe, Pfarrer und Schriftsteller hat einmal folgendes über die Bibel gesagt: „Ich habe die Bibel nötig. Ich brauche sie, um zu verstehen, woher ich komme. Ich brauche sie, um in dieser Welt einen festen Boden unter den Füßen und einen Halt zu haben. … .“ (Jörg Zink: Beten im Alltag)

 

Ist es denkbar, dass man ohne festen Boden unter den Füßen und ohne einen Halt zu haben leben kann? Gibt es Menschen, die, wenn das Leben aus den Fugen gerät – und das passiert –, keinen Trost nötig haben? Ich kann mir das nicht vorstellen.

 

Ich kann mich schwer selbst trösten. Manchmal mag das funktionieren. Meistens muss der Trost muss von außen kommen, damit er etwas bewirkt.

Move 2 Alltägliches wird zu Angst – der Mut geht verloren – in der Geschichte

Von außen kommt heute eine Geschichte aus dem Markusevangelium. Wir haben sie gerade in der Lesung gehört und schon viele Male. In keiner Kinderbibel fehlt die Geschichte der Sturmstillung und Kinder lieben sie, weil sie so gewaltig ist. Und manchmal, so ist es mit Trost übrigens auch, muss man sie noch mal hören. Deshalb lasst euch mit in die Geschichte hineinnehmen.

 

Ein guter Tag geht langsam zu Ende. Jesus und seine Jünger haben viel erlebt und erreicht. Jesus hat zu den Menschen gesprochen in Gleichnissen, hat dafür Bilder benutzt, um zu sagen:

Der Glaube braucht einen guten Boden in euch, damit er Wurzeln schlagen kann. Hört das Wort und nehmt es an, dann bringt es Frucht. Stellt euer Licht in dieser Welt nicht immer unter den Scheffel. Die Saat, die ihr sät, wird aufgehen, auch wenn ihr noch nicht wisst, wie. Und wie aus einem kleinen Senfkorn große Zweige treiben können, das wisst ihr doch auch…

 

Langsam geht nun die Sonne unter am See Genezareth. Es sieht eigentlich alles aus wie immer. Die Stimmung ist friedlich, die Wolken ziehen dahin und am Ufer liegt das Boot.

 

„Lasst uns aufbrechen und ans andere Ufer fahren“, sagt Jesus zu seinen Jüngern. Sie steigen ein zu ihm und nehmen ihn mit, wie er im Boot war und sie ließen das Volk gehen.

 

Auf zur anderen Seite, zu neuen Aufgaben, so wie sie es eigentlich die ganze Zeit schon machen. Das Boot gleitet auf den See hinaus und sie steuern es wie immer, erfahrene Profis, viele von ihnen sind Fischer. Die Aufgaben sind verteilt, sie sind ein eingespieltes Team, sie respektieren sich gegenseitig. Sie kennen den See wie ihre Westentasche, schon lange fahren sie hier hinaus und hinüber, sie wissen genau, was zu tun ist.

 

Und es erhob sich ein großer Windwirbel und die Wellen schlugen ins Boot, sodass das Boot schon voll wurde.

 

Stürme sind nicht selten, hier auf dem See. Normalerweise wissen die Fischer genau, wie man damit umgeht. Vernünftig handeln. Die losen Teile sichern. Segel einholen. Versuchen, den Kurs zu halten. Nur keine Panik.

 

Das Ziel nicht aus den Augen verlieren. Die Verzögerung in Kauf nehmen. Notfalls ein anders Ufer ansteuern und warten, bis sich die Wogen geglättet haben. Nicht überstürzt handeln. Alle Optionen prüfen und dann durch. In der Ruhe liegt die Kraft.

 

Aber diesmal ist es anders. Die Angst packt sie. Auf einmal erscheinen die Wellen, die sie sonst umschiffen, wie eine einzige schwarze Wand. Das Boot lässt sich kaum noch halten und steuert auf das Dunkel zu. Die Routine greift nicht mehr. Alles, was sie bisher ganz selbstverständlich fanden und wo sie sich selbst immer gut zurecht gefunden haben, scheint plötzlich wie weggeblasen. Ein ganz normaler Sturm wird zu einem Orkan und sie, sie sind auf einmal keine erfahrenen Profis, sondern ängstlich und unsicher, alles ist vergessen, was sie sonst ganz locker gemeistert haben. Sie trauen sich nichts mehr zu und wollen um Hilfe schreien.

 

Und Jesus… war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen. Liebe Gemeinde, Seelenruhig liegt er da. Als ob er überhaupt nichts davon mitkriegt, was hier los ist. Dass alles außer Rand und Band ist, die Welt durcheinandergewirbelt wird. Er liegt einfach da, schläft und ist körperlich anwesend und doch nicht verfügbar. Das, worauf sie trauen ist zwar da und zu sehen, aber nicht mehr zu erreichen, seine Nähe ist für sie nicht spürbar.

 

Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, willst Du, dass wir umkommen?

 

In ihrer Angst rütteln sie ihn an den Schultern. Rufen verzweifelt und mit Sicherheit auch zornig. Wie kannst Du hier so seelenruhig liegen? Wieso lässt Du uns im Stich? Worauf sollen wir uns denn verlassen können?

 

Und er stand auf...

 

Es scheint… in aller Seelenruhe. Er schaut seine Jünger verwundert an. Reibt sich die Augen. Noch nicht ganz da, so, wie es einem eben gerade zumute ist, wenn man unsanft aus dem Schlaf gerissen wurde. Was haben die bloß? Er weiß ja, was sie eigentlich können und wie stark sie sind. Sonst würde er ja nicht in aller Ruhe unter ihnen schlafen. Er verlässt sich auf sie.

 

Aber er sieht auch, dass sie das selbst gerade gar nicht merken. Dass ihnen das sonst ganz Alltägliche Angst macht. Sie keinen Mut mehr haben und vor Angst wie gelähmt sind. Handlungsunfähig.

 

Und da nennt er die Dinge beim Namen, klipp und klar, eindeutig stellt er sich den Mächten entgegen

 

... und sprach zu dem Meer: Schweig, Verstumme! Und der Wind legte sich und es ward eine große Stille.

 

Es wird ruhig auf dem Wasser. Die Jünger sehen sich um. Das Boot, das ihnen eben noch beinahe zerstört vorkam, treibt friedlich voran.

 

Und da sprach Jesus zu ihnen: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?

 

Und da schauen die Jünger sich an und sie wundern sich und sie sind verwirrt, dass Jesus das einfach so anspricht, diesen Sturm und diese Wellen, die ihnen solche Angst gemacht haben und dann liegt alles wieder klar vor ihnen.

 

Und sie können weiterfahren, eigentlich wie immer, aber doch ein bisschen anders, weil sie das, was ihnen solchen Schrecken bereitet hat, und sie fast hat vergessen lassen, was sie können und wer sie sind, plötzlich ganz anders sehen, übersichtlich, beruhigt und ansprechbar...

Move 3 Alltägliches wird zu Angst – der Mut geht verloren – heute

Und ich schau mich selbst an und denke – und das wird euch sicher ganz ähnlich gehen.

 

Manchmal bin ich doch selber so ein Jünger, selber so eine Jüngerin.

Einer, der eigentlich ganz gut weiß, was er kann und was weniger.

Eine, die sieht, wo sie anpacken muss, wenn`s drauf ankommt.

Einer, der Menschen um sich hat, mit denen man das Leben meistern kann.

Eine, die neue Aufgaben mutig angeht.

Einer, der Routine hat, auch eine schwierige Zeit durchzustehen und sich auf sich und andere verlassen kann.

Eine, die das Leben liebt und auf viel Schönes zurückblickt und Gutes vor sich sieht.

 

Und dann gibts trotzdem auch solche Momente:

Da wächst es mir einfach über den Kopf.

  • Weil der Alltag so anstrengend ist
  • Weil ich Gewohntes hinter mir lassen muss und in einem Boot sitze, in dem ich gar nicht sein wollte.
  • Weil ich nicht weiß, wo es mit mir hingehen soll
  • Weil ich spüre, wie meine Kräfte nachlassen
  • Weil ich eine schlimme Mitteilung bekomme
  • Weil die Kinder groß und ausgezogen sind, das große Haus leer und um mich herum Stille und Einsamkeit
  • Weil ich an die Stürme in der Welt denke: die Kriege, die Naturkatastrophen, die menschengemachte Umweltzerstörung

 

Da bin ich dann plötzlich traurig oder gar verzweifelt.

 

Ich fühl mich allein, womöglich unverstanden von Gott und der Welt. Ich bin misstrauisch und ängstlich und würde am liebsten alles hinschmeißen.

 

Oder laut schreien.

 

Oder abhauen.

 

Einfach über Bord springen, weil das Schiff, das ich steuere, sowieso schon sein Ziel verloren hat und das, was es trägt. Und die anderen, na die werden schon ohne mich klarkommen.

Move 4 Von dem, der da schläft

Aber halt: wenn ich ganz tief in mich reinschaue in solchen Momenten, dann seh ich da einen, der schläft. Seelenruhig auf seinem Kissen. Und der sich nicht beirren lässt, von dem, was mich durcheinanderbringt. Auch, wenn mir alles schwankend und stürmisch vorkommt, bleibt er liegen. Manchmal schläft er so tief, dass ich ihn gar nicht mehr bemerke. Manchmal muss ich ihn auch aufwecken und rütteln, wenn alles ganz dunkel und bedrohlich scheint. Und …er wacht auf und fragt mich: warum fürchtest du dich? Hast du noch keinen Glauben?

 

Manchmal seh ich das vielleicht nicht gleich von selbst, dass er schon da ist und wach ist und alles klar da liegt.

 

Aber dann spür ich ihn doch. Manchmal nicht immer allein. Dann brauche ich jemanden, der mich von außen tröstet, mir Mut zuspricht und mir sagt, dass ich mich verirrt habe, der mich auf einen neuen Kurs bringen kann.

 

Der mir die Hand auf die Schulter legt… und mich so sieht, wie ich eigentlich sein will… und sein kann… und angeschaut bin… mit einem liebevollen barmherzigen Blick. Und anspricht, was mir Angst macht und mich ernst nimmt in meiner Angst, auch wenn er sie vielleicht nicht gleich versteht. Die Dinge beim Namen nennt und langsam ordnet.

 

Dann spür ich und sehe ich, dass der, der da in mir drin auf seinem Kissen schläft, aufgewacht ist. Und dass er dableibt, auch wenn er manchmal tief zu schlafen scheint. Aber ich ihn aufwecken kann. Und ich höre seine Stimme, die fragt: Was bist du so furchtsam?

 

Ja, warum eigentlich? Es gibt ja gar keinen Grund dazu. Es gibt einen, an den ich mich halten kann. Mitten in den Wellen der Welt gibt es das: Den Glauben an Jesus Christus, Beschützer, mit dem ich gehen, Kraft, auf die ich mich stützen, Liebe, der ich mich anvertrauen kann.


Amen.