(Predigt zur Apostelgeschichte 16,9-15)


Gnade sei mit euch und Friede von Gott und unserem Herrn und Bruder Jesus Christus. Amen

 

Im Dezember haben sich 72 Jugendliche auf die Reise begeben, um zu erfahren, ob es wirklich so ist, was das Motto der Freizeit war: „Greatness begins beyond your comfort zone!“ Beim Kailager fuhren Jugendliche zum wiederholten Male, aber auch einige zum ersten Mal mit. Sicherlich das für einige fremd, denn sie wussten nicht, was sie erwarten würde. Ich ja auch nicht. Umso schöner mit anzusehen: In den Tagen wurden Freundschaften geschlossen, es wurde herrlich gesungen, gelacht und Gott erlebt beim Gottesdienst feiern, beim Bibel lesen und Gespräch, beim Austausch miteinander und natürlich in dieser herrlichen Natur.

 

Manchmal muss man sich auf den Weg machen, seine Comfortzone verlassen, um Gott zu erleben und Gemeinschaft zu spüren. Ich überlege mir oft, wie mag es wohl vielen von Euren Vorfahren ergangen sein, Aufbruch aus der Heimat in ein fernes fremdes Land, ins Ungewisse mit Sack und Pack, die Bibel im Gepäck und offensichtlich guten Mut.

 

Es fällt schwer, mir das vorzustellen. Wäre ich auch so flexibel gewesen? Noch dazu in der damaligen Zeit ohne Smartphone und bequeme Campingausrüstung? Und dabei geht es ja nicht nur um körperliche Beweglichkeit, zu der man bereit sein muss, sondern auch um geistige. Mich einlassen auf neue Menschen mitsamt deren Hintergrund, auf fremde Sprachen und Einstellungen. Und bereit sein, von mir und meinem kleinen Universum wegzusehen, damit ich allem Neuen offen begegnen kann, um Grenzen zu überwinden.

 

Aber genau diese Dynamik finden wir im christlichen Glauben. Das Evangelium überschreitet selbst die Grenzen, die Menschen sich und anderen gesetzt haben. Und es bringt Menschen in Bewegung. Davon handelt auch der heutige Predigttext. Es ist ein Abschnitt aus der Apostelgeschichte. Paulus überschreitet Grenzen und gründet die erste Gemeinde in Europa.

 

Hört aus der Apostelgeschichte 16,9-15:


 

Der Ruf nach Makedonien

9 Und Paulus sah eine Erscheinung bei Nacht: Ein Mann aus Makedonien stand da und bat ihn: Komm herüber nach Makedonien und hilf uns!

10 Als er aber die Erscheinung gesehen hatte, da suchten wir sogleich nach Makedonien zu reisen, gewiss, dass uns Gott dahin berufen hatte, ihnen das Evangelium zu predigen. In Philippi

11 Da fuhren wir von Troas ab und kamen geradewegs nach Samothrake, am nächsten Tag nach Neapolis

12 und von da nach Philippi, das ist eine Stadt des ersten Bezirks von Makedonien, eine römische Kolonie. Wir blieben aber einige Tage in dieser Stadt.

13 Am Sabbattag gingen wir hinaus vor das Stadttor an den Fluss, wo wir dachten, dass man zu beten pflegte, und wir setzten uns und redeten mit den Frauen, die dort zusammenkamen.

Die Bekehrung der Lydia

14 Und eine Frau mit Namen Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, eine Gottesfürchtige, hörte zu; der tat der Herr das Herz auf, sodass sie darauf achthatte, was von Paulus geredet wurde.

15 Als sie aber mit ihrem Hause getauft war, bat sie uns und sprach: Wenn ihr anerkennt, dass ich an den Herrn glaube, so kommt in mein Haus und bleibt da. Und sie nötigte uns.


Liebe Schwestern und Brüder, so hatte Paulus sich das sicher nicht vorgestellt.

 

Er sah sich eigentlich damit beauftragt, das Evangelium in Kleinasien zu verbreiten. Doch im Gebiet der heutigen Türkei war er wenig erfolgreich. In der Sprache der Apostelgeschichte wird es so gesagt: Der Geist ließ es nicht zu.

 

Doch dann war da diese Erscheinung, ein Mann, die Stimme, die zu Paulus sagte: Komm herüber nach Makedonien und hilf uns. Ich kenne es aus Träumen, die mich verunsichern und ich beim Aufwachen nach dem Rechten sehen muss. Weil es einen nicht loslässt. So auch Paulus.

 

Er nimmt diese Erscheinung ernst und bricht auf… zu neuen Ufern. Er überschreitet die selbstgesetzte Grenze. Zusammen mit seinen Begleitern, denn es ist gut, wenn man auf so einer Reise nicht allein ist. So kommen sie nach Europa. Die erste Station: Philippi in Nordgriechenland. Und dort ereignet sich der Grenzüberschreitung zweiter Teil: Paulus hatte nämlich eine besondere Strategie bei seiner Mission: Er sprach immer die sogenannten Gottesfürchtigen an: Menschen, die sich zum jüdischen Glauben hingezogen fühlten, aber nicht zum Judentum übertraten.

 

Nun ist es so, dass sie in Philippi keinen Mann fanden, der zu der Gruppe Gottesfürchtiger gehörte. Und so wagte Paulus das, was in seiner Zeit sehr unüblich war: Er ging auf die Frauen zu, setzte sich zu ihnen an den Fluss und redete mit ihnen. Sehr modern, der Paulus.

 

Das Evangelium kommt nach Europa. Nein … Nicht durch eine Großveranstaltung. Nicht durch einen Kreuzzug. Nicht mit Gewalt. Nicht durch eine besonders eindrückliche Veranstaltung, über die die Medien am anderen Tag berichtet haben. Sondern einfach… durch einen unscheinbaren Gesprächskreis von Frauen vor den Toren von Philippi.

 

So wirkt Gott. So wirkt der Heilige Geist. Unscheinbar und doch so kräftig.

 

Und hier vor den Toren lernen Paulus und seine Begleiter die Purpurhändlerin Lydia kennen, eine erfolgreiche Unternehmerin für die kostbare Handelsware Purpur. Die Frau steht mit beiden Beinen im Leben, ist selbstbewusst und stellt Fragen. Von ihr heißt es, sie sei gottesfürchtig.

 

So ist es Gottes Wille, der erste Christenmensch in Europa ist – tatsächlich – eine Frau. Durch Paulus’ Worte spürt Lydia, dass etwas Wesentliches in ihrem Leben passiert, etwas Neues, das ihr Herz erreicht. Gott selbst wirkt in ihr: „Der Herr tat ihr Herz auf.“

 

Es sind diese besonderen Momente, die wir alle vielleicht schon einmal erlebt haben. Wir sehen Menschen, die freudig anderen Gutes tun. Wir hören Worte, gesungen, gesprochen. Wir lesen ein Gedicht, eine Stelle in einem Roman spricht uns an. Wir betrachten ein Bild oder eine Landschaft. Und auf einmal, ohne dass wir es erwartet haben, spüren wir diesen besonderen Glücksmoment. Da ist uns das Herz aufgegangen.

 

Wie ernst es Lydia mit dem ist, was sie über diesen Jesus Christus erfährt, wird deutlich an ihrer Bitte, mit der sie Paulus und seine Gefährten in ihr Haus lädt. Sie möchte noch viel mehr hören, und sie lässt nicht locker. Ihre Bitte entspricht deshalb auch eher einer Nötigung. Es muss um viel gehen, wenn sie sich und ihr ganzes Haus taufen lässt.

 

Und Paulus nimmt sich die Zeit, um sie und ihre Hausgemeinschaft kennen zu lernen. Eine Pause, die ihm sicherlich auch guttut.

 

Mit Menschen Glauben teilen im singen und beten und gemeinsamen Gottesdienst feiern, aber auch im Alltag, wenn man miteinander isst und trinkt, sich einander mitteilt, Zeit füreinander hat. Hier passiert Mission auf Augenhöhe. Hier geschieht Dialog und Voneinanderlernen.

 

Ich erinnere mich ungern an den Vorfall letzten Sonntag, aber ich glaube er zeigt eines ganz deutlich: dass wir darauf angewiesen sind, dass wir uns einander mitteilen mit der Bereitschaft voneinander zu lernen. Wo Kulturen und Geschichten und auch Generationen aufeinandertreffen, kann man nicht voraussetzen, dass der andere weiß, was ich in meiner Zeit, meiner Heimat erlebt habe. Es braucht gegenseitiges Verständnis.

 

Das haben Paulus und die Gemeinde in Philippi wohl beieinander gefunden. Sie bleiben einander verbunden.

 

Niemand von uns wäre heute hier im Gottesdienst, hätten sich nicht Menschen, angefacht durch die Kraft des Evangeliums, immer wieder in Bewegung gesetzt und Grenzen überwunden. Das Evangelium selbst drängt nach solcher Grenzüberschreitung, ja, das Überwinden von Grenzen ist ein Kennzeichen christlichen Lebens überhaupt.

 

Paulus hat in seiner Zeit gleich mehrere Grenzen überschritten: Die geographische Grenze zwischen Asien und Europa, die gesellschaftliche Grenze zwischen Männern und Frauen, die religiöse Grenze zwischen Juden und Heiden und die soziale Grenze zwischen Sklaven und Freien, zwischen Armen und Reichen.

 

Im Evangelium sind alle diese Grenzen zwischen Menschen überwunden, Paulus selbst sagt es im Galaterbrief (3,28) so: Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.

 

Christliche Gemeinden entstehen und damit wächst eine neue Gemeinschaft. Was Menschen sonst voneinander trennt, führt sie unter Gottes Wort zusammen zu einer Gemeinschaft der Verschiedenen. Die Chance, die sich dabei ergibt und die wir entdecken können, wenn wir wollen: Die Fremdheit des anderen gefährdet uns nicht, sondern lässt manchmal auch das Eigene klarer erkennen. Gerade in der Verschiedenheit können wir den Reichtum des Lebens und des Glaubens erfahren.

 

Darum wünsche ich mir, dass die grenzüberschreitende Kraft des Evangeliums in unserem Leben sichtbar wird, sonntags und im Alltag. Ich möchte Gottesdienste feiern, in denen Menschen mit unterschiedlichen Einstellungen und Erwartungen Raum finden, ohne dem anderen das Christsein abzusprechen. Ich wünsche mir Nachbarschaften, in denen trennende Mauern überwunden werden und in denen sich Menschen aus verschiedenen Kulturen offen begegnen. Ich wünsche mir, in einem Land zu leben, in dem niemand ausgegrenzt wird, und in dem Menschen unterschiedlicher Herkunft willkommen sind. Ich wünsche uns also einen Glauben, der Grenzen überwindet. Und wir wirklich spüren: greatness begins beyond my comfort zone.

 

Doch zugleich weiß ich: Das ist gar nicht leicht. Die Mauern brauche ich, um mich zu schützen. In meinen engen Grenzen fühle ich mich sicher und wohl. Woher soll ich die Kraft nehmen, auf die anderen, die Fremden zuzugehen und ihnen die Hand zu reichen?

 

Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen, heißt es in der Bibel, in Psalm 18,30. Grenzüberwindung geht wohl nur so: mit einer gehörigen Portion Gottvertrauen; indem ich auf Gottes Wort höre.

 

In der Apostelgeschichte wird es ja auch so erzählt: Es ist Gott, der die Mission des Paulus lenkt: Er lässt Paulus in der Nacht die Gestalt sehen, die sagt: Komm herüber, er ist es, der den Glauben von Lydia bewirkt. Das heißt dann auch für uns: Achtsam werden für Gottes Wort, auf ihn vertrauen und dann mutig die Grenzen durchbrechen. So werden wir spüren, wie Gottes Geist unter uns wirkt. Und wir werden erfahren: Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.

 

Amen.