(Predigt zu Matthäusevangelium 5,3-10)


Liebe Gemeinde,

 

Ich habe einen Text ausgesucht, der unser heutiges Thema „Frieden“ noch einmal von einer anderen Seite beleuchtet. Wir haben ihn gerade schon gehört. Die sogenannten Seligpreisungen. Ort des Geschehens: Ein Berg, auf den Jesus steigt, wie auch einst Mose auf einen Berg gegangen war. Er hatte damals die 10 Gebote empfangen, Weisungen, Richtlinien Gottes für sein Volk für ein gutes, friedliches Leben.

 

Jesus möchte auf dem Berg nun allen, die ihm nachfolgen, seine Botschaft verkündigen. Die sogenannte Bergpredigt. Und am Beginn dieser Bergpredigt stehen die Seligpreisungen. Sie sind sozusagen die neuen Gebote für das Reich Gottes, das Grundgesetz des Himmelreichs, das Jesus den Menschen verkündet und das mit ihm hier auf dieser Erde seinen Anfang genommen hat.

 

Doch ganz anders als die Zehn Gebote vom Sinai stellt Jesus nicht das „du sollst“ oder das „du sollst nicht“ in den Mittelpunkt seiner Botschaft. Jesus fängt seine Rede an mit einem Zuspruch, mit der nicht zu überbietenden Zusage: „Selig bist du!“ Selig – das heißt glücklich, über die Maßen erfüllt von Friede, Freude und Glück. Am Anfang von Jesu Botschaft steht als Programm das Wort „selig“.

 

Es ist eine frohe Botschaft, mehr Glück und Freude gibt es für den Menschen nicht, als das, was darin steckt.

 

Glücklich, ja selig sollen die Menschen sein. Diesem Wunsch werden wir leicht zustimmen. Wer wünscht es sich nicht, glücklich zu sein?

 

Aber, das wissen wir doch auch: Wunsch und Wirklichkeit – sie klaffen manchmal weit auseinander. Oft genug ist die Wirklichkeit trübe und finster. Der Himmel ist von der Erde weit entfernt und für manche Menschen gleicht die Erde mehr der Hölle als dem Himmel.

 

Aber Jesus bringt das nicht davon ab, die Seligkeit gerade jenen Menschen zu verkündigen, denen das glatte Gegenteil von Glück und Seligkeit widerfahren ist. Und zu allererst preist Jesus diejenigen selig, die geistlich arm sind, also mutlos und verzweifelt. Die eine Niederlage erlebt haben und nicht mehr weiterwissen.

 

Und damit nicht genug. Auch die Trauernden und Leidtragenden und jene, die wegen ihres Einsatzes für Gerechtigkeit verfolgt werden, preist Jesus selig und glücklich.

 

 

Verzweiflung und Glück,

Trauer und Glück,

Verfolgung und Glück.

 

Was für Gegensätze.

 

Die Seligpreisungen Jesu sind voll scharfer Kontraste – gerade das macht ihren Reiz, ihre Bedeutung aus. Die Seligpreisungen Jesu stellen unseren Erfahrungen und unserer oft genug trostlosen Sicht der Welt die Perspektive Gottes, die Perspektive des Himmels gegenüber.

 

Aus dem Blickwinkel Gottes und seiner Liebe tauchen die Erfahrungen der Verzweifelten, der Trauernden und der Verfolgten in ein neues Licht. Wer sich selbst als armselig und mutlos erlebt, wird zum Bürger von Gottes Reich erklärt. Den Trauernden wird der Trost Gottes und den Verfolgten die Zugehörigkeit zu Gottes neuer Welt zugesagt. Und auch die Sanftmütigen, die nach Gerechtigkeit Hungernden, die Barmherzigen, diejenigen, die reinen Herzens sind, und die Friedensstifter werden von Jesus ausgezeichnet und seliggepriesen. Sie sind wahrhaft Kinder Gottes, ihr Hunger soll gestillt werden, sie werden selbst Barmherzigkeit erlangen und Gottes Herrlichkeit schauen.

 

Die Seligpreisungen Jesu setzen eine andere Wirklichkeit in Kraft. Es ist die Wirklichkeit Gottes, die Wirklichkeit des Himmels, jener anderen Sphäre, aus der unser Leben kommt und die unser ganzes Leben mit seinen Höhen und Abgründen umfängt. Oft genug vergessen wir diese andere Sphäre. Wir lassen uns gefangen nehmen vom Alltag, von seinen Bildern und Geräuschen und von seiner hektischen Betriebsamkeit und von seiner scheinbar bezwingenden Logik: Der Ehrliche ist der Dumme. Der pure Schein zählt, nicht das, was eine wirklich kann. Wer selbstsicher auftritt und jeden Zweifel überspielen kann, steht am Ende als Sieger dar.

 

Die Seligpreisungen Jesu sind Worte gegen solch hoffnungslose Formeln, die unsere Welt und unser Erleben oft bestimmen. Mitten in das Rauschen und Dröhnen unserer Alltagslogik hinein ergeht in den Seligpreisungen Jesu ein anderes Signal, ein Signal des Himmels, der diese Erde neu macht und verwandelt. Die Seligpreisungen führen die Perspektive Gottes in diese Welt und ihre Wirklichkeit ein. Und aus der Perspektive Gottes stehen die Barmherzigen, die Friedensstifter und die Verfolgten auf der richtigen Seite, sie sind Bürger der neuen Welt Gottes und deshalb… selig zu preisen.

 

Das hört sich so gut an und wir brauchen solch einen Ausblick auf Gottes neue Welt. Worte voller Trost und Kraft, auch noch 2000 Jahre nachdem Jesus sie auf dem Berg seinen Anhängern verkündet hat. Der scharfe Kontrast zwischen den Seligpreisungen und der erlebten Wirklichkeit bestand ja schon damals, als sie zum ersten Mal zu hören waren. Jesus und seine Zuhörer haben in einer ähnlich grausamen Welt gelebt wie wir. Vermutlich war die tägliche Gewalt zu Jesu Zeit sogar noch weiterverbreitet als heute und sie wurde nicht über die Medien aus großer Distanz, sondern aus nächster Nähe erlebt. Die Kreuze der Opfer der römischen Besatzer konnte jeder am Straßenrand stehen sehen. Verkrüppelte und zerstörte Menschen lebten für alle sichtbar auf der Straße. Ohne Hoffnung.

 

Dass sie dennoch auf Jesus gehört haben und ihm nachfolgten, liegt daran, dass Jesus nicht nur über Gottes neue Welt und die Seligkeit des Himmels geredet hat. Jesus hat etwas getan für diese neue Welt Gottes. Die biblischen Erzählungen machen deutlich: Was Jesus in den Seligpreisungen verkündet hat, meint er ernst. Mit der Tat und am Ende sogar mit seinem Leben setzt sich Jesus dafür ein, dass Trauernde und Verzweifelte getröstet und aufgerichtet werden, dass Kranke geheilt und Ausgestoßene aufgenommen werden, dass Verfolgte Schutz finden und Barmherzigen Barmherzigkeit wiederfährt. Jesu steht mit der Tat und mit seinem Leben für die Wahrheit der Seligpreisungen ein. Er stellt sich damit gegen all unsere Erfahrungen von Trost- und Mutlosigkeit, gegen alle Verzweiflung und Enttäuschung.

 

Und das Faszinierende daran ist, dass Jesu Mut, sich dem Elend entgegenzustellen, ansteckend wirkt. Von Jesus geht eine Kraft aus, die Menschen in den Bann zieht und verwandelt, die sie erneuert und mit einer Energie ausstattet, von der sie selbst nichts geahnt haben. Um Jesus herum sammeln sich Jüngerinnen und Jünger, die ihm nachfolgen und in seinem Sinne weiterwirken Was wäre diese Welt ohne die Verheißung der Seligpreisungen Jesu? Was wäre das für eine Welt, in der die Trauer und das Leid, die Mutlosigkeit und die Verzweiflung unwidersprochen hingenommen würden?

 

Was wäre diese Welt ohne die Sphäre des Himmels mit seiner anderen Wirklichkeit und seiner anderen Perspektive? Wie elend wären wir dran, wenn nur das gälte, was auf der Hand liegt und wir nichts von der Sicht Gottes auf unser Leben wüssten, nichts davon, dass wir als Menschen noch eine andere Heimat haben, zu der wir gehören und die uns mit ihren guten Mächten auch dann umfängt, wenn wir allen Trost vermissen?

 

Was wäre schließlich diese Welt ohne all jene Menschen, die Jesus nachfolgen und die, fasziniert von seiner Botschaft, angesteckt von seinem Geist, das Gerechte tun, den Frieden fördern, Kranke heilen, Trauernde trösten, Verzweifelten weiterhelfen und Barmherzigkeit üben? Der Glaube im Sinne der Seligpreisungen Jesu wartet nicht einfach ab, dass sich irgendwas verändert. Der Glaube ist ein tätiger Glaube, der hilft, das wirklich werden zu lassen, was Jesus verkündet hat. Z.B. „suche den Frieden und jage ihm nach“ Trotz aller Rückschläge vielleicht, trotz mancher Zweifel und trotz der Haltung vieler, dass es ja doch nichts bringt, wenn man sich für große Ziele einsetzt. Wo wir mithelfen, dass es wirklich wird, bauen wir mit an Gottes neuer Welt, dass aus kleinen Dingen großes werden kann.

 

Die Kraft, die uns immer wieder antreibt, ist die Kraft von Ostern. Der Tod am Kreuz war nicht das Ende. Es schien so, als wäre Jesus mit seiner Botschaft, mit seiner Liebe gescheitert, aber weit gefehlt. Der geschlagene, unschuldig verurteilte und gekreuzigte Jesus blieb nicht im Tod, sondern er wurde von Gott auferweckt. Dem „Nein!“ des Karfreitags setzt Gott das „Ja!“ entgegen. Die Niederlage Jesu ist nicht endgültig. Der Triumph des Todes und der Hölle hat keinen Bestand.

 

Gottes gute Mächte sind stärker als der Tod, Gottes neue Welt kommt zu den Menschen trotz allem Elend, aller Not und Verzweiflung. Der Himmel, der sich am Karfreitag beim Tode Jesu verfinsterte, meldet sich an Ostern mit seinem Licht und mit neuer Klarheit zurück. Gott stellt sich auf die Seite Jesu und bestätigt, was Jesus auf dem Berg verkündigt hat:

 

 

Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.

Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.

Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.

Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen.

 

Amen.