Die Wahrheit erkennen


Zu Genesis 3,1-7


Ich habe gehört, Ihr kümmert Euch um Vernachlässigte. Von Anfang an, seit Beginn der Menschheitsgeschichte, gehöre ich zu den diskriminierten Wesen auf Erden. Gestattet, dass ich mich vorstelle. Ich bin die Schlange aus dem Paradies. Persönlich sind wir uns noch nicht begegnet. Denn ständig schleiche ich mich davon. Das Aufeinandertreffen mit Menschen hat mich oft genug manche Haut gekostet.

 

Ihr mögt mich nicht. Einige haben sogar Angst vor mir. Nötig wäre das nicht, denn ich bin ein genügsames Wesen. Mit einer gefressenen Maus kann ich drei Tage glücklich sein.

 

Die Wurzel allen Übels liegt in einer Begegnung.

 

Es war ein Tag wie jeder andere; paradiesisch ereignislos. Ich räkelte mich in der Sonne, sortierte meine Gedanken, lag unterm schönsten Baum des Gartens.

 

Da kamen diese Zweibeiner daher, dieser Erdklumpen Adam mit seiner Klumpanin Eva.

 

Hätte es damals schon eine Bildungsstudie gegeben, die beiden wären auf dem letzten Platz gelandet. Der reinste Bildungsnotstand herrschte bei ihnen. Die hatten keine Ahnung, was die wesentlichen Fragen des Lebens anging. Wer bin ich? Wohin will ich? Gibt es mehr als diesen Garten?

 

Und die sollten die Krone der Schöpfung sein? Über allen Tieren herrschen? Immerhin wurden wir Schlangen weit vor diesen Menschen erschaffen.

 

Irgendwie muss der Schöpfer Langeweile gehabt haben, als er mit Matsch herumspielte und das Töpfern entdeckte. Und das Ergebnis waren Adam und seine wohlgeformtere Klumpanin. Beide sollten Unikate sein. Doch leider gingen sie später in Serie. Die Frau besaß wohl etwas mehr Hirn.

 

An jenem Tag standen sie vor dem Baum, unter dem ich lag. Sie bewunderten seine Früchte. „Ach, wie schön. Sieh, mal, wie saftig der glänzt“, schwärmte Eva.

 

„Nun labert nicht lange herum. Pflückt euch diese Vitaminbombe und setzt euch zu mir ins schattige Gras“, empfahl ich.

 

„Das dürfen wir nicht“, erwiderte Eva.

 

Ein Verbot? Augenblicklich war ich hellwach. „Warum dürft ihr das nicht? Die Äpfel sind doch reif und lecker,“ fragte ich nach, weil ich alles ganz genau wissen wollte.

 

Und plötzlich tischte sie mir eine seltsame Geschichte auf. Der Schöpfer habe gesagt, sie müssten sterben, sollten sie von diesem Baum essen. Was für ein Blödsinn! Wenn etwas gut war in diesem langweiligen Paradies, dann dieses biodynamische Futter. Alles gedieh hier ohne Pestizide und Dioxine. Und sterben? Das kannten wir nicht. Da musste Eva den Tonkünstler missverstanden haben. „Eva, du wirst doch nicht gleich sterben von so einem bisschen Obst,“ lag mir auf meiner gespaltenen Zunge. Doch ich stutzte. Wenn der Schöpfer das gesagt haben sollte, musste ein tieferer Sinn darin liegen. Ich grübelte nach. Sollte es eine Prüfung sein? Gab es in Eden auch Grenzen für das nackige, freie Leben der Menschen? Wir lebten in einem Stadium selbstvergessener Kindheit. Keiner musste irgendeine Verantwortung tragen. Für alle war gesorgt. Wir kannten keine Entbehrungen, keine grauen Haare, keine Schulden auf dem Konto – einfach paradiesisch. Und vor allem: wir kannten keinen Tod.

 

Vielleicht gab es irgendwo Grenzen? Eden konnte nicht unendlich sein. Nur bisher hatten wir nie darüber nachgedacht. Gab es ein Jenseits von Eden? Warum war nicht alles erlaubt? Ich musste es herausfinden. Am späten Nachmittag wagte ich ein Experiment. Meine Versuchsobjekte waren Adam und seine Klumpanin. Ich wollte testen, was passiert, wenn sie den Apfel essen. One apple a day keeps all sickness away, oder? Ein bisschen Obst kann doch nicht schaden?

 

Wenn diese Früchte nur wachsen, damit sie der Schöpfer essen darf, warum dürfen sie als Gottes Ebenbilder nicht auch davon essen? Dann wären sie echte Ebenbilder, ganz auf Augenhöhe mit Gott.

 

Das überzeugte Eva. Sie aßen beide davon. Was haben die zugebissen!

 

Doch danach war nichts mehr wie zuvor. Für alle war es ein Schock. Diese bedauerlichen Kreaturen landeten auf dem Boden splitternackter Tatschen. Sie wollten wie Gott sein und standen als erbärmliche Nackedeis in Eden herum. Das war kein schöner Anblick. Bei Adam noch weniger als bei Eva.

 

Plötzlich erkannten sie einander. Sie verspürten Scham voreinander und vor Gott. Die Sorge machte die Runde, sie könnten sich mit dem Tod infiziert haben. Ich hatte mich gründlich geirrt. Mit meiner blöden Fragerei hatte ich diesen Mist nun ins Paradies geholt. Und es kam, wie es kommen musste. Eine Frage stand im Raum, größer als ein afrikanischer Elefant: Wo bist du Adam?

 

Beide fingen an, sich vor ihrem Töpfer zu verstecken wie Mäuse vor dem Bussard. Sie schlugen sich in die Büsche und bedeckten ihre Körper mit Blättern.

 

Wo bist du Adam? Eine Antwort blieb aus. Eisiges Schweigen herrschte zwischen Bild und Ebenbildern. So standen sie da: nackt, elend, bloß und über ihre Tat erschrocken, wie Heimatvertriebene, die sich nach nichts mehr sehnten als nach Heimkehr ins Land der Unschuld. Das war nun nicht mehr Edens Krönung. Das kräftige Zubeißen war ihnen vergangen. Entfremdet von der Leichtigkeit ihres einstigen Seins, schmeckte ihnen das Leben nicht mehr. Für sie galt nun: Früher war alles besser. Und ich soll an allem schuld gewesen sein.

 

Liebe Gemeinde, die Wahrheit erkennen und sie ertragen und aussprechen….

 

Zu seinen Fehlern stehen…. Um Verzeihung bitten… die Hand reichen… einen neuen Anfang wagen… Eine lebenslange Aufgabe… Wie wäre es, wir beginnen heute damit?