Moderationsgottesdienst


(Predigt zu Joh 3,14-21)


Mehr als wir suchen, Gott, willst du uns jetzt geben;

in deinen Worten liegen Schätze bereit.

Mehr als wir finden können in diesem Leben,

schenkst du uns in der Ewigkeit. Amen


Liebe Gemeinde,Nikodemus sucht. Es ist Nacht und wälzt sich schlaflos auf seiner Matte hin und her. Das kennt er so gar nicht von sich.

 

Er ist nämlich einer, der Bescheid, weiß. Er ist auf der Höhe der Zeit und meistens sogar noch höher. Ein Gelehrter, wie er im Buche steht. Ein Weiser, der aus dem Buch lebt. Der im Licht steht.

 

Nikodemus ist ein Spurenleser. Im Labyrinth der Schriften kennt er sich aus. Die Erinnerungen seines Volkes sind sein Zuhause. Hier hat er sich eingerichtet. So ist er geprägt worden vom ersten Atemzug an.

 

Und auf einmal steht alles steht in Frage, weil der andere Rabbi mit so einer Vollmacht von Gott redet und vom Anfang von allem. Er begegnet den Menschen auf Augenhöhe. Das ist neu. Dieser Rabbi sieht ihn auch an und er kann nicht mehr wegsehen. So ist das mit diesem Mann Gottes, wohl mit Gott selber: er hat ihn, Nikodemus, er hat die ganze Welt angesehen und kann nicht mehr wegsehen.

 

Nikodemus ist extrem verunsichert.

Mehr als wir suchen, Gott, willst du uns jetzt geben;

in deinen Worten liegen Schätze bereit.

Mehr als wir finden können in diesem Leben,

schenkst du uns in der Ewigkeit.

 

Tagsüber mag er seine Gedanken verdrängen, aber in der Nacht: liebe Gemeinde, das werdet ihr kennen, da kommt der Körper zur Ruhe, der Geist hingegen bewegt sich. Die Nacht, das ist die Zeit der Bilanz, in der das ganze Leben auf den einen Wahrheitspunkt eingeschmolzen wird. In der Nacht wird diskutiert, im Gespräch mit sich selbst oder mit anderen. Bis der Morgen anbricht. Bis das Licht seine eigene Wahrheit zur Welt bringt und oft die bösen Geister verbannt. Nikodemus kommt in der Nacht, weil er sich erinnert, an etwas, das verborgen ist. Vielleicht braucht er den Schutz der Nacht, weil er am helllichten Tag nicht zugeben mag, dass ihm etwas im Leben fehlt. Das, worauf er bisher gebaut hat, gerät ins Wanken. Und so kommt er mit seinen Fragen zu Jesus, denn er ahnt, hier bei Jesus gibt es Antworten darauf:

Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Wie kann man aus dem Geist neu geboren werden?

Fleisch und Geist, das kann er nicht so recht zusammenbringen in seinem Kopf. Oben – unten, rechts – links, richtig- falsch. Sichtbares – Unsichtbares. Die Gedanken drehen sich.

 

Und Jesus macht es ihm nicht leicht. Macht er nie. Jesu Antworten sind nie einfach. Man muss tiefer sehen, dahinter blicken. Jedenfalls: aus einer Antwort wird ein Monolog über irdische und himmlische Dinge und Jesus wundert sich darüber, dass Menschen es nicht verstehen können.

 

Hört selbst, was Jesus ihm noch sagt: Joh 3,14-21 lesen

 

Liebe Gemeinde, es ist ja eine gute Idee von Nikodemus. Nicht über Jesus zu reden, sondern mit ihm. Direkt miteinander reden hilft oft, einander besser zu verstehen. Aber in diesem Fall bleibt es doch schwierig. Denn was Jesus da in Worte fasst, ist für Nikodemus hart zu hören.

 

Er, der sich sein ganzes Leben bemüht hat, die religiösen Gesetze einzuhalten und ein Leben zu führen, das Gnade findet vor Gott, hört nun von Jesus, dass es einfach ist, zu Gott zu kommen.

 

Es geht nur um die Liebe zu Gottes Sohn und den Glauben daran, dass mit ihm alles gut wird. So einfach soll das sein? Einfach nur glauben und Jesus vertrauen? Was ist dann mit allen seinen Bemühungen in der Vergangenheit und mit dem, was er anderen gepredigt hat?

 

Schwarz – weiß, gut – böse, erlaubt – verboten, rein – unrein.

 

Jesus erklärt Nikodemus, dass er selbst in die Welt gekommen ist, um die Menschen zu retten, nicht um sie zu richten. Er bringt Nikodemus und uns allen eine andere Wirklichkeit nahe. Gottes Wirklichkeit. Er, der Gottessohn, setzt den Kritikern, die sagen: „So ist die harte Realität!“ eine andere Wahrheit entgegen.

 

Und das trotz der Kriege, der Gewalt auf den Straßen, in den Häusern, all den Ungerechtigkeiten und den Unglücksfällen, die Familien treffen. Und euch allen fällt noch mehr ein.

 

ABER: Gottes Wahrheit ist eine andere: Er liebt diese Welt. Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

 

Das übersteigt unser Vorstellungsvermögen. Gott schickt seinen Sohn zu uns, damit alle eine neue Chance bekommen auf ewiges Leben, das schon im Hier und Jetzt beginnt. Indem man Böses mit Gutem überwindet und die Wahrheit erkennt und danach lebt.

 

Gott, könnte man sagen, hat also aus der Vergangenheit gelernt. Er hat ja schon oft versucht, Menschen zur Vernunft zu bringen mit den unterschiedlichsten Mitteln. Als es ihm ganz zu Beginn zu viel wurde mit all der Boshaftigkeit, hat er sogar eine Flut kommen lassen und alle Menschen außer Noah und seine Familie ausgelöscht. Ein Neustart sollte die Wende bringen.

 

Dann hat Gott es über seine Propheten versucht - Jona, Jesaja, Jeremia – alle von Gott gesandte Boten, die Menschen daran zu erinnern, was Gott von ihnen will. Aber oft genug ist es Gottes Propheten schlecht ergangen, sie wurden im besten Fall ignoriert und im schlimmsten Fall verfolgt. Daraufhin hat Gott seine Menschen immer wieder in ihr Unglück rennen lassen. Sie mussten ins Exil, waren unter Fremdherrschaft, immer wieder ging etwas schief. Aber, so musste Gott feststellen: Die Menschen lernen offensichtlich nichts, wenn man sie bestraft. Die Erfahrung von Adam und Eva, aus dem Paradies vertrieben worden zu sein, bewahrt ihre Söhne nicht vor Streit und Mord.

 

Menschen lernen nur am positiven Beispiel. Ist ja eigentlich klar.

 

Das sieht man schon bei kleinen Kindern. Wenn man nur schimpft und meckert, stumpfen sie ab und verändern nichts. Wenn man ihnen alternative Verhaltensweisen zeigt und vorlebt, kann es durchaus passieren, dass sie sie von ganz alleine nachmachen. Deswegen kommt zu diesem Zeitpunkt der Geschichten Gottes mit den Menschen nun Jesus in die Welt, und keine Katastrophe. Jesus, der mit Worten und Wundern um uns kämpft und den Menschen mit Liebe begegnet, sie aber auch herausfordert.

 

Jesus, das Licht der Welt, so nennt er sich selbst. Leuchtet mit seinem Licht, um den Weg zu zeigen, um Hoffnung zu bringen, aber auch in die finstersten Ecken hineinzuleuchten.

 

Dort sieht man das Licht vielleicht besonders gut. Durch Jesus soll deutlich werden, was Licht ist und was Finsternis.

 

Das kann natürlich auch wehtun. Man muss zwar keinen Richter mehr fürchten, aber wenn durch das Licht Jesu auch eigene Schatten und finstere Täler sichtbar werden, ist das meist schwer auszuhalten. Gerade, wenn man von sich selbst denkt, auf der richtigen Seite zu stehen und dann merkt, was doch alles nicht stimmt.

 

Oder wenn man, wie so viele, immer versucht, möglichst perfekt zu sein in allem, im Beruf, im Haushalt, als Eltern und Kinder - und dann beginnt, Fehler zu machen. Dann ist das Licht, von dem Jesus da spricht, schon eher wie eine kalte Neonröhre, die die Sache nicht besser macht. Dann ist hoffentlich jemand da, der barmherzig ist, uns Fehler verzeiht und uns wieder ins rechte Licht rückt.

 

So jemand kann helfen, dass wir die Wahrheit über uns selbst erkennen und danach mit Gottes Hilfe neu starten – barmherzig geworden auch mit uns selbst.

 

Wie wird es Nikodemus ergehen in dieser Nacht? Kann er darauf vertrauen, was Jesus ihm erzählt hat? Haben die Worte, die er gehört hat, auch bei Tageslicht Bestand? Kann er dem trauen, was er da erfahren hat?

 

Immerhin war er Mitglied des Hohen Rates und hatte sein Leben lange anderes gelernt, als er es in dieser Nacht gehört hatte. Um die Angst zu überwinden, die uns so oft im Leben hindert, einen nächsten Schritt zu gehen, braucht es viel Vertrauen und Zuversicht.

 

Von Nikodemus hören wir im Johannesevangelium noch zweimal. In Johannes 7 begegnet er uns als vorsichtiger Fürsprecher für Jesus in einer schon aufgeheizten Situation, in der das Volk sich uneins ist, ob aus Galiläa überhaupt ein Prophet kommen kann. Und in Joh 19 taucht er plötzlich wieder bei der Grablegung Jesu auf und hat eine große Menge Spezereien zur Einbalsamierung des Leichnams Jesu dabei, im Wert von 100 Pfund.

 

Nikodemus ist offensichtlich ein Mensch, in dem die Gegensätzlichkeiten des Lebens miteinander streiten: Glaube und Unglaube an Jesus, Erkenntnis und Zweifel. Und Jesus weiß das. Und er weiß auch, dass es uns manchmal ganz ähnlich geht wie dem Nikodemus.

 

Reminiszere „Gedenke“, so heißt der Sonntag heute. Gedenke in allen Nächten und an allen Tagen, gedenke wenn dich Zweifel befallen, in aller Angst und in allem Mut daran:

Mehr als wir suchen, Gott, willst du uns jetzt geben;

in deinen Worten liegen Schätze bereit.

Mehr als wir finden können in diesem Leben,

schenkst du uns in der Ewigkeit.


Amen