(Predigt Jeremia 20. 7-11)


Liebe Gemeinde. 

 

Kennt ihr die Geschichte vom Huhn, das der Kuh den Vorschlag machte, sie sollten zusammen dem Bauern sein Frühstück zubereiten? Die Kuh war sofort einverstanden, worauf das Huhn sagte: „Ich stelle ein paar Eier zur Verfügung und du lieferst ihm die Wurst.“

 

Der Gesichtsausdruck der Kuh verfinsterte sich, als ihr diese Vorstellung bewusst wurde. Mit großer Traurigkeit stellte sie fest: „Dein Beitrag zum Frühstück ist eine Gefälligkeit, aber für mich bedeutet es die vollkommene Selbstaufgabe.“

 

Diese kurze Geschichte macht deutlich, dass in manchen Situationen im Leben vollkommene Selbstaufgabe nötig ist, sonst passiert nichts.  Sie dient als Einleitung für Thema dieses Sonntages: die Tragweite der Aufforderung Jesu Christi.  „Folgt mir nach!“.   Die Nachfolge! 

 

Unser gut bewährter Duden definiert das Wort Nachfolge wie folgt: “Übernahme eines Amtes, eines Ranges o. Ä. von einem Vorgänger”.  Im christlichen Sinne werden wir aufgefordert, Jesus nachzufolgen, Gottes Wort zu verkündigen und Gottes Reich den Menschen kundzutun.  Auch wenn Jesus  nicht mehr selbst als Mensch in dieser Welt wirkt, fordert er uns auf als  Menschen, die in seiner Nachfolge stehen, die gute Nachricht weitersagen, überzeugt und wortgetreu.  Laut dem Evangelisten Lukas kann jeder der sich dazu berufen fühlt, ein Nachfolger sein.  Man braucht weder  Bischof, Pfarrerin oder Laienprediger zu sein.  Jeder, der das Wort Gottes getreu verkündigen will, den Kollegen, den Kindern, dem Nachbarn, dem Bettler, kann Nachfolger Christi sein. 

 

Aber was sind die Bedingungen Nachfolger Christi zu sein?  Unser Wochenspruch aus dem 9. Kapitel des Lukas Evangeliums gibt uns starke Richtlinien dazu.  Auf die Zusage der Jünger, dass sie Jesu nachfolgen wollen, aber zuerst ihren Vater begraben, oder Abschied von der Familie nehmen wollten antwortet Jesus im Wochenspruch in Vers 62 „Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.”  Klare Aussage: Wer ihm nachfolgen will, der tue es mit Leib und Seele, hier und jetzt.  Der schaue nicht nach hinten, sondern setze alles was er hat daran, Gottes Wort zu verkündigen.  Ist das „Vollkommene Selbstaufgabe“, wie bei unserer Geschichte von dem Huhn und der Kuh?“

 

Unser Predigttext von heute führt uns zurück ins Alte Testament, wo Gott bereits lange vor Jesu Geburt Menschen wie den Propheten Jeremia zur Nachfolge aufforderte und ihnen verordnete seine Botschaft dem Volk ganz genau, Wort für Wort, zu überbringen.  Im ersten Augenblick hört sich das einfach an.  Aber wer hätte damals gerechnet mit dem störrischen Volk, dass nicht auf Jeremia hören wollte?  Wer hatte gerechnet mit der Reaktion der Menschen, die dem Propheten das Überbringen der Botschaft so schwierig machten, ihn verstießen und isolierten und ihn schließlich in einem dunklen Loch versinken ließen, der sogenannte burn-out der neuen Zeit?

 

Als Jeremia um 647 v.Chr, geboren wurde, regierte der gottlose König Manasse. Er brachte das Volk dazu, Götzen zu dienen und sein Nachfolger Amon tat es ihm gleich. Erst als dessen Sohn Josia Thronfolger wurde kehrten langsam bessere Umstände ein.  Josia versuchte das Land vom Götzendienst zu reinigen aber das Volk wehrte sich. 


In dieser Zeit wurde der etwa 20 jährige Jeremia von Gott zum Propheten berufen.  Jeremia hatte sich zwar gewehrt denn er fühlte sich nicht in der Lage, diese wichtige Rolle zu übernehmen.  Aber Gott beharrte darauf, und so wurde Jeremia von Gott überzeugt, Gottes Worte treu an die Menschen weiterzugeben. Jeremia wusste, dass von ihm erwartet wurde erstmal gründlich unter den Menschen aufzuräumen und das Volk immer wieder vor den Babyloniern zu warnen die das jüdische Reich zum Fall bringen sollten.  Aber  diese Botschaft wurde nicht gern gehört. Stattdessen waren die falschen „Schön-Wetter Propheten", viel beliebter. Aber Jeremia war treu, auch wenn ihm damals oft wenig oder gar kein Glaube geschenkt wurde. Viele ärgerten sich über seine Botschaft. So wurde er bekämpft und beschimpft, verlacht und verfolgt, geschlagen und eingekerkert. Und irgendwann kapitulierte dann auch Jeremia, und stellte seine persöhnliche Nachfolge Gottes in Frage.  Es war wie mit dem Huhn und der Kuh – Jeremia sollte nicht nur ein Ei legen, nein, seine ganze Existenz war auf dem Spiel.  Unter den schwierigsten Umständen, wurde Jeremias treuer Prophetendienst ein Dienst der sprichwörtlichen „vollkommenen Selbstaufgabe“.

 

Ich lese uns den Predigttext aus dem Buch des Propheten Jeremia Kapitel 20. 7-11 in dem Jeremia seine tiefsten Gefühle vor Gott bekennt:


– Die Last des Prophetenamptes

7 HERR, du hast mich überredet und ich habe mich überreden lassen. Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen; aber ich bin darüber zum Spott geworden täglich, und jedermann verlacht mich.

8 Denn sooft ich rede, muss ich schreien; »Frevel und Gewalt!« muss ich rufen. Denn des HERRN Wort ist mir zu Hohn und Spott geworden täglich.

9 Da dachte ich: Ich will seiner nicht mehr gedenken und nicht mehr in seinem Namen predigen. Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, verschlossen in meinen Gebeinen. Ich mühte mich, es zu ertragen, aber konnte es nicht.

10 Denn ich höre, wie viele heimlich reden: »Schrecken ist um und um!« »Verklagt ihn!« »Wir wollen ihn verklagen!« Alle meine Freunde und Gesellen lauern, ob ich nicht falle: »Vielleicht lässt er sich überlisten, dass wir ihm beikommen können und uns an ihm rächen.«

11 Aber der HERR ist bei mir wie ein starker Held, darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen.


 

Trotz des Ernstes dieser Lage in der sich Jeremia befindet, muss ich nochmal an die Erkenntnis der Kuh denken.  Sie hätte alles hergeben müssen dem Bauern das wohlverdiente Frühstück zu servieren.  Sie hätte ihr ganzes Leben geben müssen.  Vollkommene Selbstaufgabe.  Genauso tat es auch Jesus.  Er gab alles was er hatte, er gab sein Leben, für unsere Sünden.  Auch Jeremia gab sprichwörtlich alles was er hatte, um die Beziehung zwischen Gott und dem Volk Israel wieder herzustellen.  Auch wenn er oft am Ende war und an heftiger Depression litt, wollte er nicht aufgeben.  Er folgte Gott trotz allen unaushaltbaren Umständen, treu nach. Er brauchte zwar nicht sterben aber hatte sich immer wieder und oft genug den Tod gewünscht, weil das, was er ertragen musste, so unglaublich schwer war. 

 

Wenn wir das Leben Jeremias betrachten, sehen wir, dass er, wie auch wir in unserem Leben, immer wieder an seine Grenzen stieß.  Immerwieder reichte der gute Wille und die Treue nicht mehr aus.  Ihm, so wie auch uns heute, ging oft einfach der Mut, die Lust, die Hoffnung verloren, um das zu erreichen, was ihm aufgetragen worden war.  Im Buch des Jeremia, erreicht er diesen Punkt sehr oft.  Auch unser Text von heute ist ein Beispiel davon.  Da scheut er sich nicht, seinen Gefühlen so richtig Luft zu machen.  Er lässt einfach mal alles heraus.  Er ist fix und fertig.  Er kann und will nicht mehr.  Gefühle von Frustration und Ärger, Wiederwillen, Angst, Einsamkeit und Verzweiflung sprudeln so richtig heraus.  Und das alles in Etappen:  Zuerst klagt er Gott an.  Er schimpft auf ihn und sagt “HERR, du hast mich überredet und ich habe mich überreden lassen. Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen; aber ich bin darüber zum Spott geworden täglich, und jedermann verlacht mich.”  Für Jeremia ist seine Nachfolge “zu Hohn und Spott geworden” “täglich!”  Das stelle man sich mal vor.  Tägliches Mobbing, tägliche Beschimpfung, tägliche Ausgrenzung und Abgefertigung als denjenigen, den niemand leiden kann?  Kann irgendjemand dabei guten Mutes bleiben?  Ich glaube nicht. 

 

Jeremia wehrt sich gegen Gott und ruft “Ich will seiner (Gott) nicht mehr gedenken und nicht mehr in seinem Namen predigen.”  Der Schmerz, die Einsamkeit und Verzweiflung sitzen so tief, dass Jeremia trotz seiner Glaubensüberzeugung Gott als denjenigen erlebt, der ihn in das tiefe Loch hineingezogen hat, der ihn überredet hatte sich in seinen Dienst zu stellen, der die Ursache von seinem Unglück war.  Verzweifelt bekennt er vor Gott, dass ihn einfach alle Hoffnung und Überzeugung verlassen hat. 

 

Aber Gottes Treue wird auch in den schlimmsten Zeiten immer wieder klar.  Gottes Treue lässt Jeremia immer wieder erkennen, dass er trotzallem weitermachen möchte, dass er seiner Nachfolge standhaft sein will und immer wieder den sogenannten „Neuanfang mit Gott“ macht.  Auch wenn ihn die Wiederwilligkeit des Volkes zu hören und zu folgen, immer wieder umhaut und er immer wieder verzweifelt Gottes Gerechtigkeit befragt und ihn anklagt, bleibt er seiner Berufung,  Gottes Wort zu verkündigen, treu. 

 

Er erkennt:  “Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, verschlossen in meinen Gebeinen. Ich mühte mich, es zu ertragen, aber konnte es nicht.”  Jeremias Berufung liegt so tief in seinem Herzen, dass selbst die schlimmsten Umstände ihn nicht dazu bewegen können, Abstand von Gottes Berufung zu nehmen.   Der Versuch, zu schweigen, ist für ihn schlimmer als der Hohn und Spott des Volkes.  Es ist eher wie ein Verrat an der Sache, von der er zutiefst erfüllt ist.  Auch wenn er traurig wahrnimmt, dass sogar seine Freunde ihn verlassen haben und er ganz alleine dasteht, bekommt er die Einsicht, dass trotz allem Gott, von dem er glaubte, dass er ihn in diese Situation gebracht hatte, dass dieser Gott der einzigste ist, der wirklich standhaft in seinem Leben ist und wirkt.  Er spricht: “Aber der HERR ist bei mir wie ein starker Held, darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen.”  Wie unglaublich ist diese Treue Jeremias zu Gott.  Wie wahnsinnig tief ist Jeremias Berufung verwurzelt in seinem Herzen.  Beinahe übermenschlich.  

 

Wenn wir ehrlich sind, erkennen wir sehr schnell, dass Jeremias bitteren Lebenserfahrungen nicht nur eine Sache des Alten Testamentes sind.  Im Gegenteil, sie sind mitten unter uns.  Die Gottverlassenheit die Jeremia verspürt kennen wir.  Die Erfahrung des Leids, wo sich alles gegen uns stellt kennen wir auch.  Die Einsamkeit, die Jeremia verspürt hat, erleben wir auch heute noch in unserem Leben.  Und wenn in einem alles stirbt, dann ist die Frage nach Gottes Existenz auch nicht mehr fern.  Wenn wir an unserer Situation kapitulieren, dann ist die Frage nach dem Sinn des Lebens und die Frage nach Gott als nächstes auf unseren Lippen.  Dann stellen wir unseren Glauben und unsere Existenz in Frage.  Dann suchen wir die Antwort auf eine einzige Frage.  “Lohnt es sich denn überhaupt noch?”

 

Wie stark ist unsere Überzeugung, dass Gott auch in den schweren Stunden bei uns ist, wenn alles um uns herum zusammenstürzt?  Wie schnell kündigen Menschen ihre Arbeit, weil es zwischen ihnen und dem Arbeitsgeber nicht klappt?  Wie oft suchen Menschen sich eine neue Gemeinde weil sie glauben, in anderen Gemeinden wären sie besser aufgehoben, statt in der eigenen Gemeinde mitzuarbeiten und den Bedürfnissen der Gemeinde nachzugehen.  Wie übereilig verlassen Menschen unser schönes Land weil sie meinen dass das Gras an der anderen Seite des Ufers grüner wächst?  Wie leicht geben Ehepartner sich gegenseitig auf, Ehen scheitern und Familien brechen auseinander, weil gegenseitige Kommunikation und Respekt nicht mehr möglich zu sein scheint?  Ich glaube dass wir uns an Jeremia ein sehr starkes Beispiel nehmen können, wie wir mit unseren Aufgaben, mit anderen Menschen und vorallem mit der Nachfolge Christi umgehen sollten.  Sein Leben zeigt uns, dass wir trotz aller Schwierigkeiten treu in der Nachfolge Gottes leben können und sollten.  Es zeigt uns aber auch, dass er trotz seiner starken Glaubensüberzeugung, immer wieder ins Wanken, in die Verzweifelung gerät, und nach der Gerechtigkeit Gottes fragt.  Er war eben auch nur ein Mensch, wie du und ich. 

 

Wer Gott ernst nimmt, wer die Nachfolge Christi ernstnimmt, muss Entscheidungen treffen für ein Leben in Liebe und Hingabe.  Immer wieder der Wahrheit nachgehen, immer wieder Menschen zeigen, dass diese Nachfolge der Wahrheit der einzigste Weg zu Gott und zum ewigen Leben ist.  Immer wieder, das deutet den Gegensatz an:  dass wir durch schwere Zeiten wie auch gute Zeiten gehen.  Ein Aufruf, immer wieder aufzustehen, in den schweren Zeiten, und geradezugehen, in den guten Zeiten.  Beides ist erlaubt, Gott ist in beidem bei dir.  Gott lässt dich nicht los.

 

Noch einmal die Frage an dich persönlich:  Wie sieht es bei dir aus?  Wo stehst du im Vergleich zu Jeremia in deinem Alltag?  Machst du treu und mutig weiter, trotz der Stolpersteine die in deinen Weg gerollt werden?  Oder kapitulierst du?  Hast du die Tragweite der Nachfolge Jesu in deinem Leben schon genau definiert? Wo und wie setzt du dich ein, Gottes Wort in dieser Welt zu verkündigen?  Lässt du Steine unangerührt in deinem Weg liegen, aus Angst, dass man dich verachtet, oder du dich unbeliebt machst?  Oder gibst du dein Leben ganz mit vollkommener Selbstaufgabe?  Vollkommene Selbstaufgabe bedeutet Alles geben was du kannst.  Für die Kuh, ihr Leben, für Jeremia, seine Existenz.  Und für uns?  Lasst uns für die Nachfolge Christi alles geben was wir haben: jetzt und immer, in guten wie in schlechten Zeiten.  Durch das Leiden und Sterben Jesu Christi, dürfen wir alles zu Gott bringen, was uns auf dem Herzen liegt: die Freude die wir an der Nachfolge haben, aber auch das was uns schwer fällt.  Die Schöne was wir in unserem Alltag haben, aber auch das was zur Verzweiflung führt.  Er hört uns in unserer Freude und unserer Not.  Er ist treu und lässt uns nicht los.   Jeremia damals nicht, und uns auch heute nicht.


Amen.

Und der Friede Gottes, der alle Vernunft übersteigt, bewahre eure Herzen und Sinne, in Christus Jesus. Amen