(Predigt Johannes 18,28-19,5)


Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen

 

„Schaffe mir Recht, Gott!“ so fleht der Psalmbeter. So haben wir zu Beginn miteinander gebetet. „Schaffe mir Recht, Gott!“ Diese Worte geben dem heutigen Passionssonntag Judika seinen Namen.

 

Schaffe mir Recht, so rufen Menschen schon immer und überall auf der Welt, weil ihnen offensichtlich und schmerzhaft Unrecht geschieht. Ungerechte Machthaber und Verhältnisse treten das Recht mit Füßen.

 

Schaffe mir Recht, so rufen die zu Unrecht Verfolgten und die zu Unrecht Abgelehnten.

 

Schaffe mir Recht, so rufen Menschen, denen falsch verstandene Gesetzlichkeit das Leben schwermacht.

 

Schaffe mir Recht, Gott, so rufe auch ich, wenn ich meine, mir würde Unrecht geschehen. Ich rufe es und ich vertraue auf Gott, der das Recht liebt und Unrecht hasst.

 

Um Recht und Unrecht geht es auch in der Passionszeit und besonders heute bei unserem Predigttext, den wir im Laufe der Predigt hören werden.

 

Jesus wurde gefangen genommen und vor der religiösen Obrigkeit in Jerusalem, dem Hohen Rat verhört. Nun folgt sein Prozess am Tag vor dem Passahfest.

 

Man beachte: der Prozess wird einem Menschen gemacht, der die Liebe als das alles umfassende Gebot bezeichnet hat. Jesus kannte natürlich das Gesetz von Mose. Ja, er kannte es nicht nur, er lebte es auch. Seine Auslegung allerdings unterschied sich von der Interpretation der Theologen seiner Zeit. Für Jesus waren die Gebote Lebensworte, sie sollten Recht schaffen und Unrecht verhindern. Und Recht geschieht nach Jesus da, wo die Liebe das leitende Prinzip ist. Jesus versuchte, das Gesetz des Mose und das Doppelgebot der Liebe miteinander zu verbinden. Danach hat er gelebt, danach hat er gehandelt.

 

Drei Beispiele aus seinem Leben möchte ich nennen:

 

Als er durch das heidnische Samarien reiste und am Jakobsbrunnen eine Frau traf, redete er mit ihr. Damit verstieß er gegen das Gesetz des Mose, denn: Er sprach mit ihr, obwohl sie eine Frau war und einer anderen Religion angehörte. Und dazu wusste er, dass sie in einer nichtehelichen Partnerschaft lebte. Er hätte sich also nach mosaischem Recht von ihr abwenden müssen. Nach dem Recht der Liebe aber wandte er sich ihr zu, sprach mit ihr und verkündete Gottes Heil.

 

Nicht anders verhielt sich Jesus, als ihn ein römischer Beamte für seinen kranken Sohn um Hilfe bat. Jesus heilte das Kind ohne Ansehen der Person und führte den Vater ohne große Worte durch sein Liebeshandeln zum Glauben.

 

Zeichen seiner alle Grenzen überschreitenden Liebe war auch das Gespräch mit einer anderen Frau. Als Ehebrecherin wurde sie von der religiösen Obrigkeit zu ihm gebracht. Offensichtlich war sie ihrem Mann untreu geworden und hatte somit das mosaische Gesetz übertreten. Auf eine solche Tat stand Steinigung. Gespannt lauerten die Ankläger auf Jesu Worte. Was würde er mit dieser Frau machen? Würde er das Gesetz befolgen und sie steinigen lassen oder würde er sie freisprechen und damit das Gesetz brechen? Den Anklägern ging es dabei nicht um die Frau. Es ging ihnen um Jesus. Sie benutzten die Frau, um ihm eine Falle zu stellen. Jesus aber kümmerte sich nicht um die Hinterlistigkeit der Männer. Er sah die Frau und er sah: Sie und ihre Notlage wurden von Männern benutzt, deren Rechtsauffassung dem Gebot der Liebe entgegenstand. Die Ankläger forderten das buchstabengetreue Einhalten des Gesetzes. In ihrer Rechtschaffenheit übersahen sie, dass auch in ihnen die Sünde schlummerte.

 

Drei Geschichten, in denen Jesus scheinbar das Gesetz des Mose gebrochen hatte, weil er sich von der Liebe leiten ließ. Hatte er damit aber tatsächlich das Gesetz gebrochen oder hatte er das Gesetz mit seinem Handeln nicht gerade so ausgelegt, wie es von Gott gedacht war?

 

Was ist die Funktion des Gesetzes? Soll es zu einem tadellosen Leben führen oder soll es Menschen zum Nachdenken und zur Umkehr rufen?

 

Soll das Gesetz die Menschen daran erinnern, dass niemand von sich aus gerecht ist, Gott aber jedem und jeder Recht schafft? Mit dieser Frage stehen sich zwei unterschiedliche Auslegungen des mosaischen Gesetzes gegenüber. Das der religiösen Obrigkeit zur Zeit Jesu und das von Jesus. Buchstabengetreue Auslegung koste es, was es wolle oder liebevolle und lebensnahe Auslegung, in der man die Gnade Gottes spüren kann? Jesus geriet durch sein Verhalten immer öfter ins Visier der religiösen Obrigkeit. Gotteslästerung waren sie ihm vor und darauf stand die Todesstrafe.

 

Aber wie sollten sie das Todesurteil hieb- und stichfest begründen?

 

Und zwar so, dass es auch der römischen Besatzungsmacht plausibel erschien? Jüdische Richter durften nämlich im römisch besetzen Judäa kein Todesurteil mehr fällen. Ein solches stand allein dem römischen Statthalter zu. Somit konnte die Begründung für den Todesbeschluss Jesu kein rein religiöser sein, denn einem solchen musste der römische Statthalter nicht folgen. Sein Urteil musste politisch begründet sein.

 

Als Jesus zum Palast des römischen Statthalters Pilatus geführt wird, steht das religiöse Urteil bereits fest. Nun geht es nur noch darum, den Römer von dem Urteil so zu überzeugen, dass er das Todesurteil ausspricht. Hört selbst, was passiert:

Joh 18,28

Dass Pilatus kein Interesse hat, sich vor den Wagen eines religiösen Urteils spannen zu lassen, zeigt das nachfolgende Gespräch.

Joh 18,29-32

Pilatus kann und will sich das bereits aus religiösen Gründen gefällte Urteil nicht zu eigen machen. Da er sich aber als oberster Richter der Sache annehmen muss, hofft er, durch das Gespräch mit dem Angeklagten zu einer Lösung zu kommen.

Joh 18,33- 36

Als Vertreter des römischen Kaisers stellt Pilatus eine politisch motivierte Frage: „Bist du der Juden König?“ Würde Jesus diese Frage bejahen, könnte Pilatus ihn aus politischen Gründen verurteilen. Jesus macht es ihm nicht leicht. Statt zu antworten, stellt Jesus eine Gegenfrage. Das sich daraus entwickelnde Gespräch führt Jesus zu der Aussage: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt!“ Damit ist alles gesagt! Wäre Jesus ein irdischer Machthaber, würden seine Anhänger für ihn kämpfen. Jesus ist aber kein irdischer Machthaber. Sein Reich ist nicht von dieser Welt. Sein Auftrag besteht auch nicht in dem Aufrichten eines irdischen Reiches, sein Auftrag besteht allein im Aufrichten von Gottes Reich. Dazu gehört es, von der Wahrheit zu zeugen, die allein bei Gott ist.

 

Um die Wahrheit geht es im weiteren Verlauf des Gesprächs mit Pilatus.

Joh 18,37-38

„Was ist Wahrheit?“, das fragt nicht nur der römische Prokurator. „Was ist Wahrheit?“, das fragen Menschen zu allen Zeiten. Was ist wahr, wenn ich die Wahlsendungen im TV verfolge. Welche Partei spricht die Wahrheit?

 

Was ist Wahrheit? Im Gespräch mit Pilatus gibt Jesus darauf indirekt eine Antwort, indem er von sich sagt: „Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeuge.“ Was heißt das? So frage ich als Frau, die wie Pilatus nach der Wahrheit fragt.

 

Wahrheit und Lüge, das wie ein Geschwisterpärchen manchmal daherkommt, als würden sie zusammen gehören. Was ist Wahrheit? Diese Frage stellen wir uns ja auch in den Passionsandachten dieses Jahr… die Wahrheit suchen und dann auch erkennen, ehrlich zueinander sein, sich selbst nicht belügen, wahrhaftig leben, für die Wahrheit streiten, die Wahrheit erwarten…

 

Es gibt keine einfachen Antworten auf die Frage nach der Wahrheit.

 

Inmitten einer Fülle von Antworten leuchtet mir diese ein: Wahrheit bedeutet, immer wieder Gott nach seinem Willen befragen, Jesus Christus folgen, der sagt: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ und diesen Jesus Christus mit Liebe verkünden und danach handeln.

 

Sowohl als Pfarrerin, als Jugenddiakonin, als auch als Privatperson. Allein in der Beauftragung, die uns allen mit der Taufe gegeben ist. Es mag mir nicht immer gelingen, aber ich bleibe dran und versuche es immer und immer wieder. Gebe nicht auf.

 

Dass Jesus kein politischer Hetzer ist, scheint Pilatus mittlerweile begriffen zu haben. „Ich finde keine Schuld an ihm“, sagt er. Und er versucht eine Hintertür zu nutzen.

Joh 18.39 - 40

Wenn Pilatus gehofft hatte, die Ankläger würden ihn freisprechen, dann ging seine Rechnung nicht auf. Sie wollten Jesus leiden und hängen sehen. Spätestens jetzt wird Pilatus erkannt haben, dass es um etwas ganz anderes als eine politische Begründung. Er tut mir fast ein wenig leid. Was mag in Pilatus vorgegangen sein? So benutzt zu werden für eine Entscheidung, die schon fest stand ohne sein Urteil. Der Druck war groß. Sollte er nachgeben? Nur weil die Masse das wollte? Ob richtig oder falsch, ganz egal?

 

Noch einmal versucht er, Mitleid bei den Anklägern zu erwirken

Joh 19,1-5

Liebe Gemeinde, Jesus Lässt sich geißeln und verspotten. Geißeln, das hört sich so nichtssagend an. Er wurde gefoltert bis das Fleisch offen lag. Viele haben diese Tortur nicht überlebt. Er lässt sich verspotten, jegliche menschliche Würde wird ihm genommen. Jesus wehrt sich nicht, er lässt alles über sich ergehen und zeigt damit umso mehr, dass er unschuldig hingerichtet wird.

 

Es sind letztlich weder die religiöse Obrigkeit, noch der römische Statthalter, die für Jesu Kreuzigung verantwortlich sind, sondern es ist die gottlose Welt und es sind die Menschen, die sich von Gott getrennt haben.

 

Das Kreuz ist nicht Gottes Strafe, sondern Zeichen seiner grenzenlosen Liebe. Es ist sein Plan. Sein Weg. Den Jesus für ihn geht.

 

Bis zuletzt bleibt Jesus dabei, dass Gottes Gebote als Zeichen seiner Liebe gelten und nicht dafür da sind, den Menschen Angst zu machen oder sie zu züchtigen.

 

Äußerlich rechtlos und ohne menschlichen Beistand lässt Jesus sich kreuzigen. Dass Jesus keinesfalls rechtlos ist, erlebt er am Ostermorgen, an dem Gott den zu Unrecht Verurteilten als Sieger aus dem Grab ruft.

 

Gott schafft Recht! Er schafft es auf dem Weg der Liebe, auch wenn man meint, das Unrecht würde siegen.

 

Gott schafft Recht zu seiner Zeit!