Move 1: alles jubelt, alles singt

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

 

Möchte ich fast an die Geschichte anfügen.

 

So enden Märchen. Ende gut - Alles gut.

 

Denn in eine ähnliche Stimmung komme ich heute an Palmsonntag. Happy End. Alles jubelt, alles singt. Die Menschen auf den Straßen singen: Hosianna in der Höhe, gelobt sei der da kommt im Namen des Herrn.

Move 2 die große Menge

Und viele sind da auf der Straße unterwegs, das haben wir gerade gesehen. Eine ganze Menschenmenge. Alle Welt. Die Akteure der Geschichte.

 

Die Menge hat es begriffen – so scheint es auf den ersten Blick. Sie hat kapiert, wer Jesus ist: der König, der Retter, der Heiland der Welt. Die Menge hat die Zeichen der Zeit erkannt. Sie hat gehört, wie Jesus einen Mann namens Lazarus auferweckte.

 

Denn genau das war vor kurzem erst passiert.

 

Lazarus, ein Freund von Jesus lag schon 4 Tage im Grab. Seine Schwestern Maria und Martha – schickten nach Jesus. Als er endlich kam, war es zu spät. Vier Tage zu spät. Doch dann passierte das Unglaubliche. Jesus ging in das Grab, und als dann der Tote kurz darauf auf eigenen Füßen sein Grab verließ, da glaubten viele an Jesus. Daran, dass er ein besonderer Mensch war. Von Gott gesandt.

 

So etwas sprach sich schnell herum. Die Welt ist ein Dorf. Neuigkeiten verbreiteten sich wie ein Lauffeuer, und Wunder allzumal.

 

So wundert es mich auch gar nicht, dass die große Menge Jesus einen großartigen Einzug bereitet. Ein Triumphzug, beinahe so, wie es später die Kriegsherren aller Welt zu tun pflegen: Großes Aufgebot, rote Teppiche – das ganze Programm.

 

Für die Menge damals in Jerusalem war – jedenfalls für diesen Tag – ganz klar: Dies ist er. Der neue König! Sie ist bereit; ihm die Krone aufzusetzen.

 

Der aber hat gar nichts Heldenhaftes an sich. „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“, wird er später vor Pilatus sagen. Und er stellt damit klar, dass es ihm nicht darum geht, in der Welt zu regieren.

Move 3 Jesus der Wunderheiler

Und da sind wir auch schon bei der wichtigsten Person der Geschichte: Jesus, der Wunderheiler, Jesus, der König, der Messias.

 

Allerdings: vielleicht ist es euch aufgefallen. Jesus redet sehr wenig: nur zu Beginn etwas zu seinen Jüngern: dass sie den Esel losbinden und zu ihm bringen sollen. Ansonsten sagt er nichts mehr. Dabei könnte er doch jetzt zu der Menschenmenge sprechen.

 

Nein, er reitet einfach nur auf dem Esel in die Stadt. Vorher war er auch schon manches Mal in Jerusalem, allerdings ist er da meistens zu Fuß in die Stadt gekommen.

 

Jetzt aber reitet er umjubelt in die Stadt ein. Palmen werden gewedelt, die Menschenmenge bejubelt ihn. Er kommt nicht auf einem Streitwagen, wie es sich wohl für einen König gehören würde. Nein, er reitet auf einem kleinen Esel. So einem, von dem die alten Verheißungen erzählen: Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm, und reitet auf einem Esel, auf dem Füllen einer Eselin.“

 

Ein König – doch so ganz anders. Der Herrscher der Welt ohne Herrscherallüren. Ein König ohne Armee, ohne Geld und Waffen. Ein König, der am Ende nur die Dornenkrone trägt. Ein König ohne sichtbaren Triumph. Aber der alte Prophet Sacharja meint ja auch gar nicht einen weltlichen König, sondern mehr als das: den Messias, den Retter der Welt. Der braucht keine Armee und kein Geld.

 

Und das ist das Besondere: Alles ist so anders als erwartet: Macht zeigt sich in der Ohnmacht. Der Sieg im Verlieren. Die Liebe im Hass. Das ist das Besondere und zugleich das Schwierige an dieser Geschichte und am christlichen Glauben:

Nämlich der Glaube nicht nur an die Liebe, das Gute, die Freiheit, die Vergebung, sondern der Glaube daran, dass das Böse, der Hass und die Unfreiheit für immer besiegt ist.

 

Es ist der Glaube an das Reich Gottes, nicht ein weit entfernter Traum, sondern schon ganz konkret hier auf dieser Welt und zu dieser Zeit beginnt.

 

Das ist schwer zu verstehen. Für uns heute wie auch für die Menschen damals zur Zeit Jesu.

 

„Das verstanden seine Jünger zuerst nicht“ , aber „als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, dass dies von ihm geschrieben stand“.

Move 4: die Jünger

Seine Jünger. Sie sind doch am nächsten an Jesus dran. Sie haben ihr altes Leben hinter sich gelassen und sind Jesus nachgefolgt und sie spüren, da ist etwas dran, an Jesus. Er ist mehr als ein gewöhnlicher Mensch.

 

Sie spüren: Er ist der König! – auch wenn sie erst später den dornigen Widerspruch dieses König-Seins verstehen.

 

Vielleicht fragen sie so ähnlich wie Regine Schindler, einer Verfasserin von religiösen Kinder- und Jugendbüchern und Expertin in Sachen Kinderbibel. Sie betet:

 

Sag mir, bist du wirklich König,

im alten Stall, des Hirten Gast?

Warum hast du denn so wenig?

Sag mir, wo steht dein Palast?

 

 

Sag mir doch, wer bist denn du?

Du heilst Lahme, machst sie froh.

Du hörst auch den Kindern zu.

König, du liegst nur auf Stroh.

 

Sag mir, hast du Schwert und Geld?

König, brauchst du keine Krone?

Du kommst arm in diese Welt.

Weißt du, König, wo ich wohne?

König, komm in unser Haus!

Komm, wir brauchen keine Pracht!

Du siehst wie ein Bettler aus.

Doch du hast uns reich gemacht.

 

„Du hast uns reich gemacht“ – das ist es wohl, was die Jünger ahnen, ohne es ausdrücken zu können. Jesus hat ihnen gezeigt, was wirklich wichtig ist. Es geht nicht um Geld und Macht. Es geht vielmehr um ein Leben in der Nachfolge. Ein Leben, in dem Werte wichtig sind wie Liebe, authentisch sein, sich um andere kümmern, sich selber nicht so wichtig nehmen …

Move 5 Das retardierende Moment – Happy End steht noch aus

Eine weitere Gruppe hat davon allerdings gar nichts verstanden: die Pharisäer. Dabei sind sie doch eigentlich besonders fromme Menschen. Aber für sie muss der Messias ganz anders aussehen. Jesus ist für sie ein Volksaufhetzer und ein Gotteslästerer, der sich mit Zöllnern und Sündern abgibt und mit ihnen an einem Tisch sitzt. Sowas macht man doch einfach nicht.

 

Fast könnte man sagen, sie spielen die Rolle der Bösen in der Geschichte. Die, die den Tod Jesu planen und letztlich auch dafür sorgen, dass Jesus am Kreuz stirbt. Doch sind sie wirklich „schuldig“ – oder sind sie nur Werkzeuge in einem größeren Plan? Wäre die Frohe Botschaft überhaupt in alle Welt gekommen, wenn die Pharisäer sich anders verhalten hätten? Wäre es wirklich zu dem Happy-End an Ostern gekommen, wenn es keinen Gründonnerstag und keinen Karfreitag gegeben hätte?

 

Beinah ist es wie im Film.

 

Da ist der Jubel über den König, fast ist das Happy-End zum Greifen nahe, die Palmen, Hosianna und die Kleider auf der Straße, damit der König nicht durch den Staub reiten muss. Doch da sieht man nur für eine Millisekunde, wie einer böse in die Kamera grinst: „Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach“, sagen die Pharisäer. Und man hört zwischen den Zeilen: „Wir müssen andere Geschütze auffahren, um ihn zu vernichten.“ Man hält die Luft an. Die Geschichte geht weiter. So heißt es noch nicht Happy-End, sondern: Fortsetzung folgt! Und die folgt in der kommenden Woche bis Ostern.

 

Oder eigentlich noch weiter. Denn das endgültige Happy-End, das Reich Gottes steht noch aus. Das Drehbuch ist schon geschrieben, aber wir sind gefragt, in unsere Rolle zu schlüpfen und diesem König zu folgen, ihm unsere Kleider auf den Weg zu legen. Hosianna.